Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, Gerstenberg 2024, 208 S., € 16,- , ab 9
Eine wirkliche Entdeckung nicht nur dieses Frühjahrs oder dieses Leipziger Buchmessen Gastlandauftritts ist dieser Familien-Roman. Ich nenne ihn so, weil ich ihn für eine perfekte Familienlektüre halte, der am besten alle gemeinsam lauschen. Vielleicht auch, weil es den einen oder anderen Moment gibt, für den ich manchen Kindern Begleitung wünsche, um die Geschehnisse einzuordnen. Aber von vorn, denn alles beginnt mit einem wortwörtlich großen Knall: Ein Laster rast in ein kleines Haus, genau in das Schlafzimmer von Juss. Der Junge wird schwer verletzt geborgen und hier beginnt in Rückblenden die Erzählung eines Sommers, gleichzeitig die Geschichte einer Großfamilie, die in ihrem Zusammenhalt beglückt. Fünf kleine Häuser stehen da am Fluss, in denen mehrere Familien, Onkel, Tanten und Großeltern leben. Da wird füreinander gesorgt und eingestanden, gestritten und sich vertragen, sich vertraut und verziehen. Zwischen Juss und seine Cousine Amber passt kein Blatt Papier, so unzertrennlich verbringen sie die Tage – bis eben besagter Unfall passiert … Das Happy-End sei hier vorweggenommen! (Jana Kühn) Leseprobe

Es ist der 15. März 2011. In Syrien bricht der Arabische Frühling aus, in Deutschland beginnt Aras sein Jurastudium, 12 Jahre nachdem er mit Schwester und Mutter Aleppo verließ. Der Jahrestag der Syrischen Revolution wird zum roten Faden, entlang dessen Luna Ali uns durch das Leben ihres Protagonisten führt. Hörsäle, Alltag zwischen Beziehung, Familienleben und Ausländerbehörde. Ein Interview zur Lage in Syrien. Die inhaltlichen Sprünge zwischen den Kapiteln werden gewagter, die sich zuspitzende Gewalt in Syrien wirkt sich auf Aras Leben in Deutschland aus, so wie andere Geschichten nach vorne dringen. Die sind schön erzählt, verstörend, nicht immer leicht zu lesen.
James, der vor einem Verkauf durch seinen Sklavenhalter flieht, und der Junge Huck, der aus demselben Hause weggelaufen ist, treffen einander unerwartet auf einer kleinen Insel im Missippi, den sie bald darauf zusammen auf einem wackeligen Floß befahren. Wem diese Geschichte bekannt vorkommt, täuscht sich nicht, denn Percival Everett hat mit James eines der Schlüsselwerke der US-amerikanischen Literatur und Mark Twains bekanntesten Roman Die Abenteuer des Huckleberry Finn adaptiert. Allerdings stellt er schon titelgebend James bzw. Jim, wie er verkürzt von vor allem Weißen genannt wird, in den Mittelpunkt des Erzählens und stattet seinen Protagonisten mit Bildung und Würde aus. Durch diese genial erdachte Verschiebung führt der Autor die von Sklaverei und Rassismus brutal verderbte Gesellschaft vor. Dass bei aller Dramatik der Geschehnisse immer wieder Momente großer Komik und atemloser Spannung entstehen, zeichnet Everettts Meisterschaft im Schreiben aus. Schon zu Jahresbeginn eines der besten Bücher in 2024! (Jana Kühn)
Gärten sind seit jeher Orte des Innehaltens und der Regeneration. Opulente Bücher über berühmte repräsentative Gartenanlagen versuchen, die Sehnsucht nach der Schönheit geordneter Natur zu stillen. Ganz zart kommt dagegen ein kleines Buch daher, das zudem das alles andere als beschauliche Wort „Kriege“ im Titel führt, aber eindrücklich Gärten vorstellt, die eher nicht zum Kanon gehören und im Verborgenen liegen. Beschrieben werden sie von einem Erzähler, einem aus Sarajewo geflüchteten Literaturstudenten, dem sie bei seinem Umherirren durch Europa Halt und manchmal Arbeit geben. Und der sich inspirieren lässt von ihren Besonderheiten und ergründet, wie aus Träumen, mögen sie noch so übertrieben sein, Gärten entstehen. So sucht er den Garten Derek Jarmans direkt neben einem Atomkraftwerk auf oder Samuel Becketts hinter einer mit Scherben bestückten Mauer biologische Gartenwüste oder erforscht die Geschichte eines sogenannten Schmuckeremiten in einem englischen Landschaftspark. In Graz, in einem hinter Mauern versteckten Hof voller Farne, endet seine Odyssee. Er kehrt zurück, um einen eigenen Garten anzulegen, hat dabei aber schon seinen Leserinnen und Lesern ein literarisches Kleinod hinterlassen, das zur gedanklichen Kontemplation einlädt – und zu Überlegungen zur Mitwirkung des Herausgebers Marco Martella. (Stefanie Hetze)
Zeit – hinter den nur vier Buchstaben verbirgt sich ein riesiges Abstraktum, das sich Kindern nur langsam erschließt. Leuchtende Farbstiftzeichnungen erzählen ihnen in diesem rundum wunderschönen Bilderbuch einen Tag aus dem Leben einer quirligen Familie. Der Trubel am Morgen, die Radfahrt am Nachmittag, das Gartenfest bei Oma. Den Bildern beigestellt sind Fragen, die verschiedene Facetten von Zeit beleuchten. Hat man Zeit? Oder wie nimmt man sie sich? Wann ist gleich? Wann sofort? Was sind Pünktlichkeit, Ewigkeit, Lebenszeit? Diese großen und kleinen Fragen werden mit weiteren, liebevoll detailreichen Vignetten alltagsnaher Szenen bebildert. Nicht weniger als Philosophie für Kinder verheißt dies viel gemeinsame Bilderbuchzeit auf der Suche nach Antworten! (Jana Kühn)
Faina ist neu in der Schule – das jüdisch-ukrainische Kind ohne deutsche Sprachkenntnisse, mit leuchtend roten Haaren und seltsamen Pausenbroten hat keinen leichten Start. Philipp sieht in Faina, was er sehen will. Für ihn ist sie wie er: bedürftig, allein und er will ihr bester Freund sein. Obwohl beide kaum unterschiedlicher sein könnten, schweißt sie ihrer beider Außenseiterposition tatsächlich zusammen – doch von Anbeginn in einer Schieflage. Aus Philipps kindlicher Sehnsucht nach Unbedingtheit entwickeln sich über die Jahre krankhafte Besessenheit und ein männlicher Besitzanspruch. Coming-of-Age, migrantische Familienbiografie, Alkoholsucht und Missbrauch – Lana Lux schüttelt ihre Leser*innen heftig durch, um von der zutiefst toxischen Beziehung wechselseitig aus Fainas und Philipps Perspektiven zu erzählen. Sehr gut beobachtet, pointiert und temporeich entwickelt sie einen schier unerträglichen Lesesog, der ebenso entsetzt zum Lachen bringt wie tieftraurig die Luft anhalten lässt. (Jana Kühn)
Issa ist verwirrt: Sie ist schwanger, hin- und hergerissen zwischen Kindsvater („sofort heiraten“), ihrer Mutter („abtreiben“) und eigenen Gefühlen und Plänen. Mehr oder weniger freiwillig lässt sie sich darauf ein, aus der deutschen Großstadt zu ihrer Großmutter und Urgroßmutter nach Kamerun zu fliegen, um dort an traditionellen Ritualen teilzunehmen. Das Haus der Omas, ihre Strenge und Rätselhaftigkeit, ihre Liebe und Klugheit sind ihr aus der Kindheit eng vertraut. Sie kann anfangen zu entspannen, ist sie nicht nur dem Zerren ihrer Engsten entronnen, sondern auch dem deutschen Rassismus. Gleichzeitig eckt sie in der unüberschaubar weit verzweigten afrikanischen Großfamilie mit ihrem „Deutschsein“ an und lässt die Rituale wie etwas Äußerliches über sich ergehen.
Ein beeindruckendes Buch des Abschieds. Das persönliche Schicksal der sardisch-römischen Schriftstellerin ist untrennbar damit verbunden. Michela Murgia schrieb es im klaren Bewusstsein ihrer Krebsdiagnose mit tödlichem Ausgang. Statt verständlicher Larmoyanz entwickelte sie in dieser extremen Situation einen ganz eigenen Stil, von Menschen in heftigen Krisen zu erzählen, in denen immer ein Abgrund lauert, aber auch Anzeichen von Auswegen oder Umbewertungen auftauchen. Das ist hart, in manchen Erzählungen grotesk und sperrig, aber auch befreiend, wie erfinderisch die Figuren mit ihrer Verzweiflung, Wut und Trauer umgehen. Trotz aller Nöte handeln sie tatkräftig wie die Frau, die sich angesichts des drohenden Auszugs ihres Sohnes die Pappfigurversion eines umschwärmten Boygroup-Sängers besorgt, um mit ihm alles zu „besprechen“. Oder in der titelgebenden Erzählung, in der die Protagonistin sich nach viel familiärem Porzellanzerschlagens und schlimmen Essstörungen mithilfe dreier japanischer Keramikschalen in einen machbaren Alltag rettet. Raffiniert verzahnt die Autorin dabei die Verbindungen zwischen ihren Charakteren und schafft so Raum, die Dinge auch einmal aus einer völlig anderen Perspektive wahrzunehmen. Das so entstehende Beziehungsgeflecht hat etwas Unausweichliches, aber gleichzeitig auch Tröstliches. (Stefanie Hetze)
Hunter White, der Protagonist der flämischen Autorin Gaea Schoeters, bereist als Trophäenjäger den afrikanischen Kontinent. Er will ein Nashorn erlegen, doch kommt ihm eine Gruppe Wilderer zuvor. Um sein gekränktes Jägerego zu beruhigen, erhält er das unfassbare Angebot, auf Menschenjagd zu gehen. Der mit einem steilen Spannungsbogen verfasste, streitbare Roman, vielmehr eine Parabel, hat mich beschäftigt wie schon lange kein anderes Buch. Stilistisch adaptiert Schoeters ein Genre, das als colonial hunting literature in die Literaturgeschichte einging und vergegenwärtigt dieser Art umso drängender post-koloniale Schieflagen. Schoeters recherchierte und schrieb, wie sie sagt, in großem Bewusstsein ihrer weißen Identität. Sie haderte dabei immer wieder mit moralischen Vorstellungen und ethischen Regeln – und ebenso erging es mir beim Lesen. Die schockierende Drastik der Geschehnisse war für sie schließlich notwendig, um mit den Mitteln der Literatur aufzurütteln. Denn Rassismus tötet in unser aller Wissen jeden Tag, und die nur langsam stattfindende Aufarbeitung von Kolonialgeschichte ändert bis heute nichts an globalen Machtgefällen. (Jana Kühn)
Dieses Buch ist eine Wucht: 14 Erzählungen einer ganz jungen us-amerikanischen Autorin, die 60 Jahre nach ihrem Entstehen erstmals in ganzer Fülle erscheinen. Erzählungen einer schwarzen Autorin, die den in intimste Bereiche eindringenden allumfassenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren tiefenscharf offenlegt. Die Gefühle, die Schikanen, die Zerrissenheit, ob sich wehren und sich und damit auch seine Kinder in Gefahr zu bringen oder sich mit den desaströsen Verhältnissen abzufinden, stehen im Zentrum der eindrücklichen Erzählungen. Die Bürgerrechtsbewegung ist erst in den Anfängen, was bedeutet es für die Menschen, mühsamst erkämpfte Rechte einzulösen? In wenigen Worten geht die Autorin aufs Ganze. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Familie, deren Kind am nächsten Morgen unter Polizeischutz in eine weiße Schule gehen könnte und massiv bedroht wird? Wie eine Schwarze Collegestudentin, deren Eltern sie unbedingt in einem weißen College unterbringen wollten? Das geht wirklich unter die Haut, rüttelt auf und lässt viele Vergleiche zu heutigen Formen des Rassismus aufkommen. Leider ist Diane Jones schon mit 22 Jahren tödlich verunglückt. Ihre Erzählungen sind ein Glück für die literarische Welt. (Stefanie Hetze)