Aus dem Italienischen von Esther Hansen, Wagenbach 2024, 160 S., € 20,-
Ein beeindruckendes Buch des Abschieds. Das persönliche Schicksal der sardisch-römischen Schriftstellerin ist untrennbar damit verbunden. Michela Murgia schrieb es im klaren Bewusstsein ihrer Krebsdiagnose mit tödlichem Ausgang. Statt verständlicher Larmoyanz entwickelte sie in dieser extremen Situation einen ganz eigenen Stil, von Menschen in heftigen Krisen zu erzählen, in denen immer ein Abgrund lauert, aber auch Anzeichen von Auswegen oder Umbewertungen auftauchen. Das ist hart, in manchen Erzählungen grotesk und sperrig, aber auch befreiend, wie erfinderisch die Figuren mit ihrer Verzweiflung, Wut und Trauer umgehen. Trotz aller Nöte handeln sie tatkräftig wie die Frau, die sich angesichts des drohenden Auszugs ihres Sohnes die Pappfigurversion eines umschwärmten Boygroup-Sängers besorgt, um mit ihm alles zu „besprechen“. Oder in der titelgebenden Erzählung, in der die Protagonistin sich nach viel familiärem Porzellanzerschlagens und schlimmen Essstörungen mithilfe dreier japanischer Keramikschalen in einen machbaren Alltag rettet. Raffiniert verzahnt die Autorin dabei die Verbindungen zwischen ihren Charakteren und schafft so Raum, die Dinge auch einmal aus einer völlig anderen Perspektive wahrzunehmen. Das so entstehende Beziehungsgeflecht hat etwas Unausweichliches, aber gleichzeitig auch Tröstliches. (Stefanie Hetze)

Die siebziger Jahre waren in Italien geprägt von der Aktivität der Roten Brigaden einerseits und den Anschlägen neofaschistischer Gruppierungen andererseits (welche noch 1980 in Bologna 85 Menschen das Leben kosteten). Es war das Jahrzehnt, in dem das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durchgesetzt wurde und die Zahl der Heroinabhängigen rasant zunahm. Im Jahr 1978 wurde Aldo Moro, Politiker der Christdemokraten, von den Roten Brigaden entführt und ermordet. Gleichzeitig war es das Jahr mit den meisten UFO-Sichtungen – über 2000 wurden gemeldet.
Dieses Buch ist eine Wucht: 14 Erzählungen einer ganz jungen us-amerikanischen Autorin, die 60 Jahre nach ihrem Entstehen erstmals in ganzer Fülle erscheinen. Erzählungen einer schwarzen Autorin, die den in intimste Bereiche eindringenden allumfassenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren tiefenscharf offenlegt. Die Gefühle, die Schikanen, die Zerrissenheit, ob sich wehren und sich und damit auch seine Kinder in Gefahr zu bringen oder sich mit den desaströsen Verhältnissen abzufinden, stehen im Zentrum der eindrücklichen Erzählungen. Die Bürgerrechtsbewegung ist erst in den Anfängen, was bedeutet es für die Menschen, mühsamst erkämpfte Rechte einzulösen? In wenigen Worten geht die Autorin aufs Ganze. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Familie, deren Kind am nächsten Morgen unter Polizeischutz in eine weiße Schule gehen könnte und massiv bedroht wird? Wie eine Schwarze Collegestudentin, deren Eltern sie unbedingt in einem weißen College unterbringen wollten? Das geht wirklich unter die Haut, rüttelt auf und lässt viele Vergleiche zu heutigen Formen des Rassismus aufkommen. Leider ist Diane Jones schon mit 22 Jahren tödlich verunglückt. Ihre Erzählungen sind ein Glück für die literarische Welt. (Stefanie Hetze)
Es sind die ganz frühen, eiskalten Morgenstunden, als sich das Mädchen Lamentatio aus einem Fort englischer Siedler in Nordamerika davonschleicht. Vor ihr liegt nicht weniger als Die weite Wildnis mit all ihren Gefahren. Doch mehr noch als Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit fürchtet das Mädchen die Menschen, vor denen sie flieht bzw. ihren oder gar ihre mit Sicherheit beauftragten Verfolger. Schlimmes muss ihr widerfahren sein, man ahnt es lange nur. Von nun an wechseln sich Mut und Entdeckerfreude ab mit Verzweiflung und Schmerz. Für Lamentatios Kampf ums Überleben findet Lauren Groff einen überaus packenden Erzählton, der ihre existenziellen Erfahrungen fast physisch erlebbar macht – selten habe ich so mit einer Protagonistin mitgefiebert. Lamentatios in Rückblenden erzählte Erinnerungen sowie ihre im wandernden Selbstgespräch immer kritischer gestellten Fragen an Gott und die Welt gehen jedoch weit über das Genre des Abenteuerromans hinaus. Lauren Groff schlägt meisterhaft einen Bogen zu gesellschaftlichen Themen und Debatten, die heute von größter Aktualität sind. Sie verknüpft Elemente des Nature Writing, des historischen, des feministischen, des politischen Schreibens zu einem schlicht umwerfenden Roman. (Jana Kühn)
Was ist das? Ein weißer Umschlag mit einer rein schwarzen typographischen Gestaltung, die die Sprengkraft dahinter nur in dem übergroßen Zeichen für „Und“ andeutet. Dass in Putins Russland ein einziges Icon Menschen ins Gefängnis bringen kann, davon erzählen diese Geschichten der jungen Autorin, Feministin und Antikriegs-Aktivistin Darja Serenko. Im ersten Teil des Bands erzählt sie in poetisch verdichteten Texten von Frauen, die in den patriarchal-autoritären Kulturinstitutionen Russlands herabgewürdigt als „Mädchen“ drangsaliert werden. Die Autorin, die „Hunderte“ von ihnen in Bibliotheken, Universitäten usw. befragt hat, erzählt ganz aus dem Inneren des totalitären Alltags, der von geradezu absurder repressiver Willkür geprägt ist. Wie sich dieses Leben zwischen Mitmachen und Entziehen für Frauen anfühlt, vermittelt sie bravourös. Die prägnanten Illustrationen intensivieren dieses Dilemma zusätzlich. Was die Konsequenz eines kleinen Aufbegehrens dagegen ist, wird im zweiten Teil des in Russland nicht veröffentlichten Gefängnistagebuchs deutlich spürbar. Serenko verschränkt hier dokumentarisches Schreiben, essayistische Reflexionen und träumerische Poesie und bewegt sich so eindrücklich zwischen Verzweiflung, Kampf und Hoffnung hin und her. Die Anmerkungen Christiane Körners erhellen viele uns hierzulande unverständlichen Anspielungen. Mittlerweile lebt die Autorin im Exil. (Stefanie Hetze)
Ein privates liberales College in einer amerikanischen Kleinstadt in the Middle of Nowhere hat die Autorin erstaunlicherweise eingeladen, die privilegierten Studierenden dort in Creative Writing zu unterrichten. Zur Verstärkung nimmt sie ihre Tourfreundin, die 30 Jahre ältere Künstlerin Christiane Rösinger mit, die auf dem Campus auch ein Konzert geben soll. Sie kommen in einem großen Haus der Uni mit nur einem Sofa und einem Fernsehsessel (die Coverabbildung!) unter, müssen sich miteinander sortieren und gleichzeitig dieses seltsame Amerika des Mittleren Westens erkunden. Teilweise zu Fuß, ein Unding, ziehen sie los, wenn sie sich denn endlich aus ihrer Bequemlichkeit und ihrer Künstlerinnen-WG aufgerafft haben. Lakonisch vergleicht Sargnagel ihre Beobachtungen und Erlebnisse vom bizarren Amerika mit ihren Bildern und Erwartungen im Kopf, die Rösinger immer wieder knochentrocken und lebenserfahren kommentiert. Dieser ständige Dialog der zwei Künstlerinnen, die an ganz unterschiedlichen Punkten im Leben stehen, macht den besonderen Reiz dieser Reiseerzählung aus, das gegenseitige Reden, Necken und Kritisieren von spöttisch bis liebevoll. (Stefanie Hetze)
Englische Autorinnen der 1930er Jahre erleben gerade ein spektakuläres Comeback. Neben Wiederauflagen von Klassikerinnen wie Josephine Tey und Margaret Kennedy gibt es auch eine deutsche Erstveröffentlichung zu vermelden und dringend zu empfehlen. Rachel Fergusons „Die Brontës gingen zu Woolworths“ is very british indeed: skurril, unterhaltsam, tiefgründig und schwer aus der Hand zu legen.
G.W. Pabst, neben Lang, Murnau und Lubitsch einer der ganz großen Regisseure der Weimarer Republik, Entdecker von Greta Garbo, ging nach der Machtergreifung der Nazis in die USA, es gelang ihm aber nicht, in Hollywood Fuß zu fassen. Hier setzt Kehlmann ein, der das Leben Pabsts von diesem Moment an bis 1945 in einen packenden Roman verwandelt hat.
„Es sei sehr einfach in graziöser Weise mit dem Strom zu schwimmen, aber einer Gegenströmung zu trotzen erfordere etwas ganz anderes.“
Nach dem Tod der Mutter kreisen die Gedanken des Schriftsteller-Sohnes um ihre Familiengeschichte und ihr zurückgelassenes Leben in Odessa. Die Familie Grinbaum sah sich zur Emigration gezwungen, nachdem die politischen Aktivitäten des Vaters lebensbedrohlich wurden. Der Vater träumt von einer Zukunft in Israel, wo sie aber nie ankommen. Auch in ihrem neuen Wohnort im Hamburger Grindelviertel kommen sie – jeder auf seine Weise – nie wirklich an. Für die Mutter, die für längere Zeit vortäuscht, nur rudimentär deutsch zu sprechen, und die sich in den russischen Klassikern zu Hause fühlt, wird das Schreiben entlang der Familiengeschichte zum Zufluchtsort.