S.Fischer 2024, 448 S., € 25,-
Nadine Olonetzky ist fünfzehn Jahre alt, als ihr Vater den Zeitpunkt für gekommen hält, ihr von der Shoa zu erzählen, seiner Shoa: Auf einer Parkbank im Botanischen Garten in Zürich bricht er für einen Moment sein lebenslanges Schweigen und berichtet von der Verfolgung und Ermordung ihres Großvaters, ihrer Tante, seiner Internierung, seiner Flucht.
Für die Dauer eines Gartenjahres, das diese Geschichte rhythmisiert und im Wortsinne erdet, begleiten wir die Autorin auf ihrer Spurensuche durch die zahllosen Fotoalben und Tagebücher, die der Vater im Kampf gegen die eigene Geschichtslosigkeit manisch füllt, durch Akten aus Archiven in aller Welt. Erzählerisch und fast poetisch spürt Olonetzky einer Sprache nach, die ausbleibt, weil sie angesichts des Nicht-Sagbaren versagt, aber auch jener Sprache, die sich erneut schuldig macht, indem sie das Verbrechen im Nachhinein verwaltet. Jahrzehnte kämpfte der Vater im Geheimen um Wiedergutmachung. Die Ehe der Eltern überstand das nicht. Nadine Olonetzky braucht viele Jahre und 448 Seiten bis sie das lebenslange Schweigen des Vaters mit den Sätzen im Botanischen Garten in Einklang bringen kann.
Ein wichtiges, bestürzendes, trauriges aber helles und grundschönes Buch über die dunkle Zeit der Shoa, die mit dem Ende des Krieges noch lange nicht zu Ende war. (Kerstin Follenius) Leseprobe

Die feministische Autorin und Intellektuelle bell hooks steht für außergewöhnliche Sachbücher, in denen sie sich richtungsweisend mit Geschlecht, Liebe, Klasse und Race auseinandersetzt. Endlich erscheint in deutscher Übersetzung ihr Memoir über ihre Kindheit, das im Original bereits 1996 erschien und in dem sie ihre großen Themen literarisch verdichtet. In kurzen Kapiteln erzählt sie vom Aufwachsen in einer armen Schwarzen Familie, in der viel Gewalt herrscht, in der die Mutter aber dennoch versucht, ihren Kindern mehr als Nahrung und Kleidung zu bieten. Nur bei dieser Tochter, die so sehr ihren eigenen Kopf hat, scheitert sie und sondert sie regelrecht aus. Als Kind schon Außenseiterin in der eigenen Familie retten sie die Bücher und die Erzählungen ihrer Vorfahren. Notgedrungen beginnt sie früh aus ihrer isolierten Position heraus, für sich nachzudenken und eigene Sichtweisen zu entwickeln. In ihren Erinnerungen wechselt sie dabei zwischen der Innenperspektive und einem Blick von Außen, erzählt so ganz persönlich von sich und objektivierend von vielen US-amerikanischen Schwarzen Mädchen ihrer Zeit. Das ist anregend, klug, großartig. (Stefanie Hetze)
Ein privates liberales College in einer amerikanischen Kleinstadt in the Middle of Nowhere hat die Autorin erstaunlicherweise eingeladen, die privilegierten Studierenden dort in Creative Writing zu unterrichten. Zur Verstärkung nimmt sie ihre Tourfreundin, die 30 Jahre ältere Künstlerin Christiane Rösinger mit, die auf dem Campus auch ein Konzert geben soll. Sie kommen in einem großen Haus der Uni mit nur einem Sofa und einem Fernsehsessel (die Coverabbildung!) unter, müssen sich miteinander sortieren und gleichzeitig dieses seltsame Amerika des Mittleren Westens erkunden. Teilweise zu Fuß, ein Unding, ziehen sie los, wenn sie sich denn endlich aus ihrer Bequemlichkeit und ihrer Künstlerinnen-WG aufgerafft haben. Lakonisch vergleicht Sargnagel ihre Beobachtungen und Erlebnisse vom bizarren Amerika mit ihren Bildern und Erwartungen im Kopf, die Rösinger immer wieder knochentrocken und lebenserfahren kommentiert. Dieser ständige Dialog der zwei Künstlerinnen, die an ganz unterschiedlichen Punkten im Leben stehen, macht den besonderen Reiz dieser Reiseerzählung aus, das gegenseitige Reden, Necken und Kritisieren von spöttisch bis liebevoll. (Stefanie Hetze)
„Es sei sehr einfach in graziöser Weise mit dem Strom zu schwimmen, aber einer Gegenströmung zu trotzen erfordere etwas ganz anderes.“
Nach dem Tod der Mutter kreisen die Gedanken des Schriftsteller-Sohnes um ihre Familiengeschichte und ihr zurückgelassenes Leben in Odessa. Die Familie Grinbaum sah sich zur Emigration gezwungen, nachdem die politischen Aktivitäten des Vaters lebensbedrohlich wurden. Der Vater träumt von einer Zukunft in Israel, wo sie aber nie ankommen. Auch in ihrem neuen Wohnort im Hamburger Grindelviertel kommen sie – jeder auf seine Weise – nie wirklich an. Für die Mutter, die für längere Zeit vortäuscht, nur rudimentär deutsch zu sprechen, und die sich in den russischen Klassikern zu Hause fühlt, wird das Schreiben entlang der Familiengeschichte zum Zufluchtsort.
Auf einer gemeinsamen Autofahrt, bei der Niklaas Maak chauffierte und Leanne Shapton aquarellierte, entstand die Idee, es berühmten Filmpaaren nachzutun und ihren legendären Routen fahrend, malend, sprechend im realen Heute und Jetzt zu folgen. Bei ihren Fahrten in den USA, Kanada, Frankreich und Italien dienen die Filmsettings und -szenen als Inspiration für überaus anregende kluge Gespräche über Frauen, Männer, Liebe und Alltag, Landschaften, das Reisen, Geld, Macht, Nostalgie, Digitalisierung, Klima . . . Leanne Shapton verwandelt dabei das vom Auto aus Gesehene in abstrakte zerlaufende Aquarelle und bezieht holprige Straßen bewusst mit ein, während Niklaas Maak unnachahmlich die heutigen Eindrücke mit Geschichten und Fakten verknüpft. Kleine Fotos gibt es obendrein. Ein großes Lese- und Anschauvergnügen. (Stefanie Hetze)
Dieses vielfach ausgezeichnete Buch ist längst kein Geheimtipp mehr, immer schnell vergriffen, ist jetzt aber nach dem Tod seiner Autorin in einer sympathischen Auflage neu herausgegeben worden und immer noch eine Wucht. Ganz nah dran erzählt Scherer in ihrer hinreißenden Reportage die mühevolle Geschichte des arbeitslosen Akkordeonspielers
Der englische Kunstkritiker, Kurator und Maler Roger Fry ist hierzulande nahezu unbekannt, was erklären mag, dass dem AvivA Verlag eine kleine feine Sensation gelungen ist: die deutsche Erstveröffentlichung eines Werks von Virginia Woolf! 1940 in England als ihr letztes Buch erschienen, liest sich das Porträt ihres guten Freundes aus dem legendären Bloomsbury Kreis frisch und lebendig wie ein Buch von heute. Formal eher unspektakulär, so schildert Woolf Frys Leben und Werdegang chronologisch, fächert sie die Facetten dieses leidenschaftlichen Kämpfers und Visionärs für die Moderne weit auf. Mit Respekt, intimster Kenntnis und Humor porträtiert sie den Freund, verwebt auf geniale Weise seine eigenen Briefe und Schriften mit ihren literarischen Schilderungen. Gleichzeitig überschreitet sie den engen Rahmen einer Biografie und konzentriert sich auf die gewaltigen kulturellen Umbrüche, die er mit zwei Ausstellungen auslöste, und die sich nachhaltig auf die Künste in England auswirkten, nicht zuletzt auf Virginia Woolfs eigenes Schreiben. Aber lesen Sie selbst. (Stefanie Hetze)
In ihrem neuen Buch schreibt Barbara Honigmann über Literatur, das Leben und jüdische Identität.
Ihr Lebensweg führte sie aus der DDR in den Westen, von Deutschland nach Frankreich, aus der Assimilation in das Tora-Judentum.
Maruša Krese war Lyrikerin, Autorin von Kurzgeschichten und Radiofeuilletons, alleinerziehende Mutter, Über-Lebenskünstlerin, weltoffene Kosmopolitin und Tochter hochdekorierter slowenischer Partisanen. In ihrem ersten Roman, den sie kurz vor ihrem Tod mit 62 Jahren veröffentlichte, verarbeitet sie, wie so oft in Debüts, ihre eigene Familiengeschichte. Dabei wählt sie jedoch einen Kunstgriff, der den Roman zu einem literarischen Juwel macht. Für ihre drei Hauptpersonen Mutter, Vater und sich selbst wählt sie drei Stimmen. Sie, Er, Ich. Mitten im extrem harten Partisanenkrieg erzählen abwechselnd Sie und Er ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Nach dem Krieg im kommunistischen Jugoslawien, in dem Sie und Er erst einmal Karriere machen und hohe Preise dafür zahlen, kommt Ich mit der Wahrnehmung einer anderen freiheitsliebenden Generation hinzu, wechseln die drei Innenperspektiven auf die massiven politischen Umwälzungen einander ab. Das ist Geschichte von innen erzählt. Beeindruckend. (Stefanie Hetze)