Antje Bones, Nele Palmtag (Illustr.): Hast du Zeit?

Hanser 2024, 24 S., € 16,-, ab 5

Zeit – hinter den nur vier Buchstaben verbirgt sich ein riesiges Abstraktum, das sich Kindern nur langsam erschließt. Leuchtende Farbstiftzeichnungen erzählen ihnen in diesem rundum wunderschönen Bilderbuch einen Tag aus dem Leben einer quirligen Familie. Der Trubel am Morgen, die Radfahrt am Nachmittag, das Gartenfest bei Oma. Den Bildern beigestellt sind Fragen, die verschiedene Facetten von Zeit beleuchten. Hat man Zeit? Oder wie nimmt man sie sich? Wann ist gleich? Wann sofort? Was sind Pünktlichkeit, Ewigkeit, Lebenszeit? Diese großen und kleinen Fragen werden mit weiteren, liebevoll detailreichen Vignetten alltagsnaher Szenen bebildert. Nicht weniger als Philosophie für Kinder verheißt dies viel gemeinsame Bilderbuchzeit auf der Suche nach Antworten! (Jana Kühn) Blick ins Buch

Das bestelle ich!

 

 

Lana Lux: Geordnete Verhältnisse

Hanser 2024, 288 S., € 23,-

Faina ist neu in der Schule – das jüdisch-ukrainische Kind ohne deutsche Sprachkenntnisse, mit leuchtend roten Haaren und seltsamen Pausenbroten hat keinen leichten Start. Philipp sieht in Faina, was er sehen will. Für ihn ist sie wie er: bedürftig, allein und er will ihr bester Freund sein. Obwohl beide kaum unterschiedlicher sein könnten, schweißt sie ihrer beider Außenseiterposition tatsächlich zusammen – doch von Anbeginn in einer Schieflage. Aus Philipps kindlicher Sehnsucht nach Unbedingtheit entwickeln sich über die Jahre krankhafte Besessenheit und ein männlicher Besitzanspruch. Coming-of-Age, migrantische Familienbiografie, Alkoholsucht und Missbrauch – Lana Lux schüttelt ihre Leser*innen heftig durch, um von der zutiefst toxischen Beziehung wechselseitig aus Fainas und Philipps Perspektiven zu erzählen. Sehr gut beobachtet, pointiert und temporeich entwickelt sie einen schier unerträglichen Lesesog, der ebenso entsetzt zum Lachen bringt wie tieftraurig die Luft anhalten lässt. (Jana Kühn) Leseprobe

Das bestelle ich!

 

Mirrianne Mahn: Issa

Rowohlt 2024, 304 S., € 24,-

Issa ist verwirrt:  Sie ist schwanger, hin- und hergerissen zwischen Kindsvater („sofort heiraten“), ihrer Mutter („abtreiben“) und eigenen Gefühlen und Plänen. Mehr oder weniger freiwillig lässt sie sich darauf ein, aus der deutschen Großstadt zu ihrer Großmutter und Urgroßmutter nach Kamerun zu fliegen, um dort an traditionellen Ritualen teilzunehmen. Das Haus der Omas, ihre Strenge und Rätselhaftigkeit, ihre Liebe und Klugheit sind ihr aus der Kindheit eng vertraut. Sie kann anfangen zu entspannen, ist sie nicht nur dem Zerren ihrer Engsten entronnen, sondern auch dem deutschen Rassismus. Gleichzeitig eckt sie in der unüberschaubar weit verzweigten afrikanischen Großfamilie mit ihrem „Deutschsein“ an und lässt die Rituale wie etwas Äußerliches über sich ergehen.
Raffiniert erweitert die Autorin den Radius von einer persönlichen Erzählung zu einer Jahrhundertgeschichte von Ausbeutung, Kolonialismus und Sexismus, indem sie parallel die Traumata und Selbstbehauptungskämpfe von Issas Vorfahrinnen in pointierten historischen Kapiteln bis in die Gegenwart nachzeichnet und damit ihren Zwiespalt vom Leben im Dazwischen in einen breiten Kontext stellt. Das passiert alles ganz beiläufig. Eine unbedingte Empfehlung. (Stefanie Hetze)

 

Leseprobe

Das bestelle ich!

 

Michela Murgia: Drei Schalen

Aus dem Italienischen von Esther Hansen, Wagenbach 2024, 160 S., € 20,-

Ein beeindruckendes Buch des Abschieds. Das persönliche Schicksal der sardisch-römischen Schriftstellerin ist untrennbar damit verbunden. Michela Murgia schrieb es im klaren Bewusstsein ihrer Krebsdiagnose mit tödlichem Ausgang. Statt verständlicher Larmoyanz entwickelte sie in dieser extremen Situation einen ganz eigenen Stil, von Menschen in heftigen Krisen zu erzählen, in denen immer ein Abgrund lauert, aber auch Anzeichen von Auswegen oder Umbewertungen auftauchen. Das ist hart, in manchen Erzählungen grotesk und sperrig, aber auch befreiend, wie erfinderisch die Figuren mit ihrer Verzweiflung, Wut und Trauer umgehen. Trotz aller Nöte handeln sie tatkräftig wie die Frau, die sich angesichts des drohenden Auszugs ihres Sohnes die Pappfigurversion eines umschwärmten Boygroup-Sängers besorgt, um mit ihm alles zu „besprechen“. Oder in der titelgebenden Erzählung, in der die Protagonistin sich nach viel familiärem Porzellanzerschlagens und schlimmen Essstörungen mithilfe dreier japanischer Keramikschalen in einen machbaren Alltag rettet. Raffiniert verzahnt die Autorin dabei die Verbindungen zwischen ihren Charakteren und schafft so Raum, die Dinge auch einmal aus einer völlig anderen Perspektive wahrzunehmen. Das so entstehende Beziehungsgeflecht hat etwas Unausweichliches, aber gleichzeitig auch Tröstliches. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!

Gaea Schoeters: Trophäe

Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing, Zsolnay 2024, 256 S., € 24,-

Hunter White, der Protagonist der flämischen Autorin Gaea Schoeters, bereist als Trophäenjäger den afrikanischen Kontinent. Er will ein Nashorn erlegen, doch kommt ihm eine Gruppe Wilderer zuvor. Um sein gekränktes Jägerego zu beruhigen, erhält er das unfassbare Angebot, auf Menschenjagd zu gehen. Der mit einem steilen Spannungsbogen verfasste, streitbare Roman, vielmehr eine Parabel, hat mich beschäftigt wie schon lange kein anderes Buch. Stilistisch adaptiert Schoeters ein Genre, das als colonial hunting literature in die Literaturgeschichte einging und vergegenwärtigt dieser Art umso drängender post-koloniale Schieflagen. Schoeters recherchierte und schrieb, wie sie sagt, in großem Bewusstsein ihrer weißen Identität. Sie haderte dabei immer wieder mit moralischen Vorstellungen und ethischen Regeln – und ebenso erging es mir beim Lesen. Die schockierende Drastik der Geschehnisse war für sie schließlich notwendig, um mit den Mitteln der Literatur aufzurütteln. Denn Rassismus tötet in unser aller Wissen jeden Tag, und die nur langsam stattfindende Aufarbeitung von Kolonialgeschichte ändert bis heute nichts an globalen Machtgefällen. (Jana Kühn) Leseprobe

Das bestelle ich!

Lesbisches Quartett

66. LESBISCHE AUSLESE – EIN LITERARISCHES QUARTETT

Genüsslich werden lesbische, feministische und queere Bücher bejubelt oder niedergemacht, verrissen oder eine gute Seite dran gelassen. Dabei darf gedacht und gelacht werden. Mit dabei sind:
Laura Méritt (Sexpertin & Kommunikationswiss.),
Katrin Raum (Supervision & Therapie), Ingeborg Boxhammer (Historikerin, Kuratorin des monatlichen Queer Monday Kino), Marina Krug (Mitgründerin von „Lesben in der Kirche“), Katharina Krauss (Sexologin), Stephanie Hetze (Buchhändlerin Dante Connection) und Performancekünstlerin Marilyn Nova White.

Das sind die Bücher dieser Ausgabe:
📙 Ulrike Rothe/Rebecca Hernandez-Garcia (Hg), Gemeinsam sind wir unerträglich📗 Malinda Lo, Last night at the Telegraph Club
📘 Ethel Smyth, Paukenschläge aus dem Paradies
📙 Sonja Steinert, Sieben Tage im Mai

Wann? Mittwoch, 6. März um 19 Uhr
Wo? Begine, Potsdamer Straße 139

Susanne Matthiessen: Lass uns nochmal los

BUCHPREMIERE

Ein Buch für die Kinder der Achtziger

Kreuzberg war schon immer anders: wilder, anarchischer, frauenbewegter. Und in vielem früher dran. In den Achtzigern kämpften Susanne und ihre Freundinnen zwischen brennenden Barrikaden. Sie wollten anders leben als das spießige Westdeutschland mit seinen Kleinfamilien und Kiesauffahrten.

Mehr als dreißig Jahre später ist Kreuzberg immer noch ein Ort für Träume aller Art, doch die große Freiheit trägt jetzt ein Preisschild in Euro.

WANN? Dienstag, 5. März um 19 Uhr
WO? aquarium am Südblock
Moderation: Silke Burmester
Eintritt frei

Susanne Matthiessen, Jahrgang 1963, ist gebürtige Sylterin. Als Journalistin verarbeitet sie gesellschaftspolitische Entwicklungen zu Programmideen für Radio, Fernsehen und Internet. 15 Jahre lang war sie Kolumnenschreiberin für die Sylter Rundschau. Ihr Debüt Ozelot und Friesennerz. Roman einer Sylter Kindheit wurde auf Anhieb ein Bestseller. Susanne Matthiessen lebt gern in Berlin, lebt aber nur am Meer richtig auf.

 

Maja Nielsen: Der Tunnelbauer

Gerstenberg 2024, 192 S., € 14,- , ab 13

Achim hält es nicht mehr aus, er muss raus aus Ost-Berlin, wo nach dem Bau der Mauer 1961 der Druck  auf regierungskritische Personen nochmals deutlich größer geworden ist. Seine Familie, zahlreiche Freund*innen und vor allem Chris, seine Freundin, lässt er zurück – nicht ohne jedoch zu versprechen, zumindest zu versuchen, einige von ihnen nachzuholen. In West-Berlin angekommen wird Achim einer der mutigen Tunnelbauer, die 70 unterirdische Gänge gruben, um Menschen aus Ost-Berlin die Flucht zu ermöglichen. Ganze zehn Stunden dauerte das erste Treffen von Maja Nielsen mit dem Zeitzeugen Joachim Neumann, dessen Geschichte(n) sie für ihren historischen Jugendroman verarbeitet. Mit ihren Recherchen hat sie sich buchstäblich in die Stadt- und DDR-Geschichte gegraben, verdeutlicht aber genauso anschaulich die individuelle und brisante Situation der dazugehörigen Menschen. Ihre Biographien erzählt Maja Nielsen phänomenal verdichtet in einem vergleichsweise schmalen Band, der Dank des versiert gesetzten Spannungsbogen, auch heute, 35 Jahre nach dem Mauerfall, viele Jugendliche berühren wird. (Jana Kühn) Leseprobe

Video-Interview mit dem Zeitzeugen Joachim Neumann

Das bestelle ich!

Diane Oliver: Nachbarn. Storys

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Mit einem Nachwort von Tayari Jones, Aufbau 2024, 301 S., € 24,-

Dieses Buch ist eine Wucht: 14 Erzählungen einer ganz jungen us-amerikanischen Autorin, die 60 Jahre nach ihrem Entstehen erstmals in ganzer Fülle erscheinen. Erzählungen einer schwarzen Autorin, die den in intimste Bereiche eindringenden allumfassenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft in den Sechzigerjahren tiefenscharf offenlegt. Die Gefühle, die Schikanen, die Zerrissenheit, ob sich wehren und sich und damit auch seine Kinder in Gefahr zu bringen oder sich mit den desaströsen Verhältnissen abzufinden, stehen im Zentrum der eindrücklichen Erzählungen. Die Bürgerrechtsbewegung ist erst in den Anfängen, was bedeutet es für die Menschen, mühsamst erkämpfte Rechte einzulösen? In wenigen Worten geht die Autorin aufs Ganze. Wie fühlt sich zum Beispiel eine Familie, deren Kind am nächsten Morgen unter Polizeischutz in eine weiße Schule gehen könnte und massiv bedroht wird? Wie eine Schwarze Collegestudentin, deren Eltern sie unbedingt in einem weißen College unterbringen wollten? Das geht wirklich unter die Haut, rüttelt auf und lässt viele Vergleiche zu heutigen Formen des Rassismus aufkommen. Leider ist Diane Jones schon mit 22 Jahren tödlich verunglückt. Ihre Erzählungen sind ein Glück für die literarische Welt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Wu Ming: Ufo 78

Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Assoziation A 2023, 448 S., € 28,-

Die siebziger Jahre waren in Italien geprägt von der Aktivität der Roten Brigaden einerseits und den Anschlägen neofaschistischer Gruppierungen andererseits (welche noch 1980 in Bologna 85 Menschen das Leben kosteten). Es war das Jahrzehnt, in dem das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durchgesetzt wurde und die Zahl der Heroinabhängigen rasant zunahm. Im Jahr 1978 wurde Aldo Moro, Politiker der Christdemokraten, von den Roten Brigaden entführt und ermordet. Gleichzeitig war es das Jahr mit den meisten UFO-Sichtungen – über 2000 wurden gemeldet.
Das geniale Autorenkollektiv Wu Ming verbindet all diese Elemente in einem rasanten Text, der zwischen Realität und Fiktion, Popliteratur, politisch-historischem Roman, Krimi und unterhaltsamen Einblicken in das Soziotop der Ufologen und Ufophilen geschmeidig mäandert und dabei wie nebenbei die dunklen und vertuschten Seiten der italienischen Geschichte zur Sprache bringt. Eine hochinteressante, so spannende wie unterhaltsame Lektüre.
Wer das Thema weiter vertiefen möchte, dem sei der Roman von Leonardo Sciascia „Die Affaire Moro“ (Leseprobe), erschienen 2023 bei Edition Converso, ans Herz gelegt. (Syme Sigmund)

Das bestelle ich!