Mit einem Nachwort von Petra Morsbach, Friedenauer Presse 2023, 177 S., € 20,-
Dieses vielfach ausgezeichnete Buch ist längst kein Geheimtipp mehr, immer schnell vergriffen, ist jetzt aber nach dem Tod seiner Autorin in einer sympathischen Auflage neu herausgegeben worden und immer noch eine Wucht. Ganz nah dran erzählt Scherer in ihrer hinreißenden Reportage die mühevolle Geschichte des arbeitslosen Akkordeonspielers Wladimir Alexandrowitsch Kolenko, der nach dem Fall der Sowjetunion versucht, sich auf Berlins Straßen als Musiker durchzuschlagen und seine Familie zu Hause zu ernähren. Wie hart es ist, wie abhängig er von den ihm einen Schlafplatz zur Verfügung stellenden einsamen Frauen, erfahren wir hautnah. Jede Menge bürokratischer Hürden in Berlin, in Russland und auf den komplizierten langen Reisen dazwischen muss er irgendwie allein bewältigen. Ganz andere Ressourcen haben dagegen russische Migrant:innen mit schier unbegrenzten Geldquellen, deren Leben die Autorin wie weitere Figuren der Stadt streift. Glänzend geschrieben ist das Buch wie eine Schule, genau hinzusehen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Der Tiber schlängelt sich um das westliche Zentrum Roms, fristet aber reguliert neben den berühmten historischen Stätten und Gebäuden der Ewigen Stadt ein Schattendasein. Das könnte sich mit diesem Buch gehörig ändern, denn die seit langem in Rom lebende und recherchierende Autorin stellt den Fluss ins Zentrum und fördert Erstaunliches zutage. Dabei spannt sie den Bogen von der Mythologie über die enorm wichtige Funktion als Lebensader bis zum Schicksalsfluss. Die Stadt Rom mit ihrer 3000jährigen höchst wechselvollen Geschichte ist ohne den Tiber undenkbar. Ohne den Fluss, auf dem vom Meereshafen Ostia aus gigantische Mengen an Getreide, Marmor und Waren aller Art transportiert wurden, hätte Rom nie diese Bedeutung gehabt, hätten Imperatoren und Päpste nie ihre Macht derart ausbauen können. Anschaulich und voller Details schildert Schönau aber auch die Probleme, die das Gewässer verursachte. So werden die Abwässer Roms erst seit kurzem flächendeckend geklärt, haben die Menschen früher sein Wasser getrunken und wie Goethe und Pasolini darin gebadet. Ein beeindruckendes Porträt, angereichert mit Stadtplänen, Fotos und vielen Hintergrundinformationen. Eine echte Perle. (Stefanie Hetze)
Es ist Ende November 1941 als auf der hawaianischen Insel Honolulu ein brutaler Doppelmord geschieht. Ein weißer US-Amerikaner und seine japanische Freundin werden regelrecht geschlachtet. McGrady, ein eigensinniger, nicht gerade beliebter Einzelgänger und quasi Prototyp des literarischen Detektivs wird mit den Ermittlungen betraut. Der Fall erhält höchste Priorität, weshalb McGrady zu Ermittlungszwecken bis nach Hongkong reisen muss. Doch noch während er dort hoffnungsvoll von seiner baldigen Rückkehr und einem romantischen Weihnachten träumt, sitzt er plötzlich selbst hinter Gittern. Und als am 7. Dezember die Japanische Armee erst Pearl Harbour und wenige Stunden später Hongkong angegreift, ist McGrady vollends den historischen Verwerfungen ausgeliefert. Fünf Winter wird es dauern, bis er nach Honolulu und Pearl Harbour zurückkehrt – im Gepäck neue Informationen zu den Morden, mit denen alles begann. Vor dem Hintergrund des Pazifikkrieges erzählt Kestrel einen packenden Hard-Boiler, einen fulminanten Spionage-Thriller und einen berührenden Anti-Kriegsroman. (Jana Kühn)
Edel und geheimnisvoll lockt der schöne Einband, ihn aufzuschlagen. Innen geht es gleich weiter mit grafischen Mustern und Symbolen, einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis und grundlegenden Infos, die zu einer Reise durch die Regionen und Länder des vielseitigen Kontinents einladen. In Texten und Bildern werden historische Ereignisse, verschiedenste Kulturen, unterschiedlichste Menschen, Sprachen, Landschaften, Schlüsselfiguren und Vorbilder sowie regionale Besonderheiten spotlightartig vorgestellt. Da kommt ebenso Traditionelles zur Sprache wie die Verwendung modernster Technik. Kinder, Jugendliche und Erwachsene erfahren durch die konzentrierten Texte der simbabwischen Autorin und die coolen Bilder des nigerianischen Illustrators jede Menge Interessantes und Wissenswertes über diesen vielschichtigen vitalen Kontinent. Die Flaggen aller Länder, ein Glossar und Register runden dieses herausragende Sachbuch für die ganze Familie ab. (Stefanie Hetze)
Der 100. Band der von Judith Schalansky herausgegebenen Naturkunden ragt selbst unter den Titeln dieser besonderen Reihe heraus. Die preisgekrönte schottische Essayistin vollführt in ihrem Buch einen Spagat, denn sie entdeckt und beschreibt Naturphänomene, die es nach menschlichem Ermessen eigentlich nicht geben dürfte. Ihr Interesse gilt Orten und Landstrichen, die schwer durch Klimakrisen, Kriege und Katastrophen kontaminiert und eigentlich unbewohnbar sind. Meist mussten die Menschen sie von einem Moment auf den anderen räumen und ihre Häuser samt Inventar sich selbst überlassen. Leer und verfallen begannen diese zerstörten Landschaften und Gebäude ein neues Eigenleben, siedelten sich allmählich Gräser, Bäume, Wälder zwischen aufbrechendem Asbest und Beton an, kamen zuhauf Tiere in die menschenfreien Zonen. Ein Paradox entsteht weltweit in diesen verlassenen Gegenden, eine neue resiliente Artenvielfalt, die, so scheint es, mit Verseuchtem besser klarkommt als mit der menschlichen Existenz. Die auf ihren Erkundungsreisen beobachteten gleichzeitig faszinierenden wie irritierenden Vorkommnisse brechen herkömmliche Gedankenraster auf. Was für eine außergewöhnliche Reise! (Stefanie Hetze)
Was will uns eine Engländerin über Pasta erzählen, wird sich mancher fragen. Erstaunlich viel, kann man da nur antworten. Abgesehen davon, dass Rachel Roddy seit fast 20 Jahren in Italien lebt, hat sie die Kunst der Pastazubereitung wirklich zur Perfektion gebracht und lässt uns erfreulicherweise daran teilhaben. Nach Nudelsorten geordnet (denn ja, jede Nudelsoße verlangt nach der zu ihr passenden Nudelform) erhalten wir nicht nur hervorragende Rezepte mit vielen Insidertipps, sondern erfahren auch so einiges Interessantes über die Kulturgeschichte der Pasta und der verschiedenen Soßenzutaten. Dazu ist das Ganze noch äußerst unterhaltsam aber keineswegs anbiedernd geschrieben – also nix wie ran an die Töpfe! (Syme Sigmund)
Gemeinsam mit dem Salon Obermaier laden wir zur literarischen Matinee ein.
Wie die Vorgänger-Bücher zu Mädchen, Jungen und Freund*innen ist dieses Bilderbuch ein bestärkendes und ermutigendes Sammelsurium, das Familienwelten gleichwertig in all ihrer Bandbreite, Schönheit und Liebe abbildet. Besonders gut gefällt uns, dass der Aspekt des Veränderns von Familien einen großen Schwerpunkt hat. Sie werden größer und kleiner und sie können auch ausgewählt werden. So gibt es wirklich viele Möglichkeiten für ein Wiedererkennen sowie Anknüpfungen, von der eigenen Familie zu erzählen.
Ein grauer Tag? Blöd-braune Bäume? Eintönig weißer Schnee? Das eine Mädchen sieht anfangs nur die oberflächliche Eintönigkeit des Wintertags, doch ihre Freundin zeigt ihr, wie sehr die Welt in ihren Details bunt und vielfältig ist. Kleine orangefarbene Beeren leuchten im Schnee, Pfützen glitzern blau, die graue Katze hat rosa Pfoten. Ein herzerwärmendes Plädoyer, genau hinzuschauen und auch die kleinen Dinge bewusst wahrzunehmen, dann ist alles regenbogenbunt.