Ueberreuter 2023, 352 S., € 16,-, ab 11
Jorlands König führt Krieg. Lange schon sind alle Erwachsenen entweder an die Front oder zum Hilfsdienst geschickt worden. In abgelegenen Bergdörfern leben nur noch wenige Alte und Kinder. Als in einem Bergwerk eine Bodenspalte geöffnet wird, steigen von dort giftige schwarze Schwaden auf und plötzlich drängen riesige steinerne Gestalten donnernd nach draußen. Die erst halbwüchsigen Bergarbeiter fliehen in das nächstgelegene Dorf und schließen sich einem Tross aus vor allem Kindern und Jugendlichen an. Eher wider Willen wird die 14jährige Elin zur Anführerin der Flüchtenden auf ihren beschwerlichen, tief verschneiten Pfaden. Sehr atmosphärisch beschreibt Andreas Langer die unwegsamen Winterlandschaften und lässt sie bildstark an Islands unberührte Natur erinnern. Genauso spannend wie die zahlreichen gefährlichen Abenteuer der Schneekinder ist jedoch zu lesen, wie es Elin gelingt, die unterschiedlichen Charaktere sehr verschiedenen Alters immer wieder in der Gruppe zusammenzuhalten. Welche Wesenszüge kitzeln Ausnahmesituationen heraus? Wieviel Moral bleibt übrig, wenn der Hunger groß ist? Solcherart Fragen stellt Andreas Langer seinen jungen Protagonist*innen zwischen den Zeilen. Damit gelingt ihm ein vielschichtiges, packendes Abenteuer perfekt für lange Winterabende. (Jana Kühn) Leseprobe

Auch wenn der Einband rot leuchtet und goldene Schrift schimmert, lässt er so zurückhaltend nicht ahnen, was für ein Schatz sich dahinter verbirgt. Rao Pingru hatte nach dem Tod seiner Frau Meitang die Geschichte ihrer Liebe und ihres Lebens für seine Nachkommen aufgeschrieben. Erst durch eine Enkelin, die Teile davon im Netz postete, kam es zur Buchveröffentlichung. In einer genialen Kombination aus lapidarem Berichten des Geschehens und tiefer Zuneigung für seine Liebste schildert er seine Kindheit und die 60 gemeinsamen Jahre mit Meitang. Auf ihre intime familiäre Welt wirken sich die übermächtigen politischen Ereignisse und Umwälzungen um sie herum im China des 20. Jahrhunderts unmittelbar aus. Doch bei aller Drangsal behält Rao Pingru seine zuversichtliche Lebenseinstellung, genährt durch die Liebe zu seiner Frau. Ein faszinierendes, ja beglückendes Memoir, angereichert durch zahlreiche farbige Illustrationen des Autors und eine historische Zeittafel. (Stefanie Hetze)
Die wichtigsten Momente der letzten 150 Jahre deutscher Geschichte, aus Kinderperspektive erzählt anhand der Bewohner eines großen Mietshauses mitten in Berlin und ergänzt duch kindgerechte historische Erläuterungen. Beginnend 1871 geht es durch Kaiserreich, Kriege und Wirtschaftswunder bis in die heutige Zeit, wandeln sich Einrichtungen und Bewohner. Die großen wimmelbildartigen Illustrationen laden zum Eintauchen ein und lassen Historisches begreifbar und lebendig werden. Ein Buch für die ganze Familie zum Schauen und Sich-Vertiefen. (Syme Sigmund)
Wolf Erlbruchs Bilder zum Thema Mut sind echte Klassiker und vielen bekannt. Neu sind die dazu verfassten Gedichte von Arne Rautenberg, und die sind – großartig! Sprachgewandt mit Witz und Rhythmusgefühl geht es durch die verschiedenen Weisen, Mut zu haben, ob beim Seiltanzen, beim Küssen oder dabei, ein Geheimnis zu Bewahren. Das macht sowohl Erwachsenen als auch Kindern großen Spaß, ob selbst- oder vorgelesen, das rast, schmettert und fetzt ganz wunderbar. (Syme Sigmund)
Auf einer gemeinsamen Autofahrt, bei der Niklaas Maak chauffierte und Leanne Shapton aquarellierte, entstand die Idee, es berühmten Filmpaaren nachzutun und ihren legendären Routen fahrend, malend, sprechend im realen Heute und Jetzt zu folgen. Bei ihren Fahrten in den USA, Kanada, Frankreich und Italien dienen die Filmsettings und -szenen als Inspiration für überaus anregende kluge Gespräche über Frauen, Männer, Liebe und Alltag, Landschaften, das Reisen, Geld, Macht, Nostalgie, Digitalisierung, Klima . . . Leanne Shapton verwandelt dabei das vom Auto aus Gesehene in abstrakte zerlaufende Aquarelle und bezieht holprige Straßen bewusst mit ein, während Niklaas Maak unnachahmlich die heutigen Eindrücke mit Geschichten und Fakten verknüpft. Kleine Fotos gibt es obendrein. Ein großes Lese- und Anschauvergnügen. (Stefanie Hetze)
Im nun schon dritten Buch der Rübengäng – also Familie Rübe mit Papa Muti, Mama Basia Rübe, den Kindern Rosa, Alva, Bosco und diversen Haustieren – wird der letzte Tag des Jahres gefeiert. Und natürlich gibt es wie immer eine feste Reihenfolge der Dinge, die heute gemacht werden müssen. Erstmal Nicht-Aufstehen, später kommt Ballalala und schließlich ziehen alle Lieder grölend zur Königin der Holundersträucher, wo gemeinsam das neue Jahr begrüßt wird. Einmal mehr ein fantasie- und liebevolles Sprachfeuerwerk, begleitet von urkomisch trubeligen Bildern – ein Vorlesespaß für die ganze Familie! Und vielleicht finden sich sogar Anregungen für neue, ökelige und ganz herrliche Neujahrsrituale … (Jana Kühn)
Ihre Erinnerungen an den üppigen Garten ihrer Großmutter voller Himbeeren, Kirschen und Quitten inspirierte die Künstlerin, sich intensiv mit Früchten zu befassen. Dabei entdeckte sie erstaunliche botanische Zusammenhänge, die im Alltag ganz anders wahrgenommen werden. Botanisch gesehen sind z.B. Gurken Früchte, während Bananen als Beeren klassifiziert werden. Doch überfrachtet Teckentrup ihr Buch nicht mit solchen botanischen Spezifika. Im Vordergrund stehen die Früchte, ihr Nutzen, ihre Geschichte und das, was wir geschmacklich, kulturell und mythologisch mit ihnen verbinden. Neben Gedichten, Redensarten und Kuriosa sind es vor allem die Bilder im Stile der alten niederländischen Meister, die ihr Buch zu einem einzigartigen ästhetischen Genuss machen und immer wieder betrachtet werden wollen. (Stefanie Hetze)
Dieses vielfach ausgezeichnete Buch ist längst kein Geheimtipp mehr, immer schnell vergriffen, ist jetzt aber nach dem Tod seiner Autorin in einer sympathischen Auflage neu herausgegeben worden und immer noch eine Wucht. Ganz nah dran erzählt Scherer in ihrer hinreißenden Reportage die mühevolle Geschichte des arbeitslosen Akkordeonspielers
Der Tiber schlängelt sich um das westliche Zentrum Roms, fristet aber reguliert neben den berühmten historischen Stätten und Gebäuden der Ewigen Stadt ein Schattendasein. Das könnte sich mit diesem Buch gehörig ändern, denn die seit langem in Rom lebende und recherchierende Autorin stellt den Fluss ins Zentrum und fördert Erstaunliches zutage. Dabei spannt sie den Bogen von der Mythologie über die enorm wichtige Funktion als Lebensader bis zum Schicksalsfluss. Die Stadt Rom mit ihrer 3000jährigen höchst wechselvollen Geschichte ist ohne den Tiber undenkbar. Ohne den Fluss, auf dem vom Meereshafen Ostia aus gigantische Mengen an Getreide, Marmor und Waren aller Art transportiert wurden, hätte Rom nie diese Bedeutung gehabt, hätten Imperatoren und Päpste nie ihre Macht derart ausbauen können. Anschaulich und voller Details schildert Schönau aber auch die Probleme, die das Gewässer verursachte. So werden die Abwässer Roms erst seit kurzem flächendeckend geklärt, haben die Menschen früher sein Wasser getrunken und wie Goethe und Pasolini darin gebadet. Ein beeindruckendes Porträt, angereichert mit Stadtplänen, Fotos und vielen Hintergrundinformationen. Eine echte Perle. (Stefanie Hetze)
Es ist Ende November 1941 als auf der hawaianischen Insel Honolulu ein brutaler Doppelmord geschieht. Ein weißer US-Amerikaner und seine japanische Freundin werden regelrecht geschlachtet. McGrady, ein eigensinniger, nicht gerade beliebter Einzelgänger und quasi Prototyp des literarischen Detektivs wird mit den Ermittlungen betraut. Der Fall erhält höchste Priorität, weshalb McGrady zu Ermittlungszwecken bis nach Hongkong reisen muss. Doch noch während er dort hoffnungsvoll von seiner baldigen Rückkehr und einem romantischen Weihnachten träumt, sitzt er plötzlich selbst hinter Gittern. Und als am 7. Dezember die Japanische Armee erst Pearl Harbour und wenige Stunden später Hongkong angegreift, ist McGrady vollends den historischen Verwerfungen ausgeliefert. Fünf Winter wird es dauern, bis er nach Honolulu und Pearl Harbour zurückkehrt – im Gepäck neue Informationen zu den Morden, mit denen alles begann. Vor dem Hintergrund des Pazifikkrieges erzählt Kestrel einen packenden Hard-Boiler, einen fulminanten Spionage-Thriller und einen berührenden Anti-Kriegsroman. (Jana Kühn)