Nilsson, Frida: Martin & Jack

Illustriert von Torben Kuhlmann, übersetzt von Friederike Buchinger, Gerstenberg 2024, 376 Seiten, 22 Euro.

In ihrem neuen Roman für Kinder erzählt Frida Nilsson aus einem Schweden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ohne sich komplett an historische Tatsachen zu halten, besonders was Hunde betrifft. Einerseits agieren sie wie Menschen, andererseits führen sie in einem buchstäblichen wie übertragenen Sinne ein Hundeleben – gesellschaftlich geächtet und allerseits herabgewürdigt. Zu Beginn schuften Martin und Jack, Pflegekind und bediensteter Hund, schon viele Jahre zusammen auf dem Hof eines strengen und unerbittlichen Bauern. Erst als der Bauer den altersschwachen Jack verstößt, schließt sich der Junge dem Hund an und flieht – auch weil Jack Martin endlich Details über seinen vermeintlich verschwundenen Vater verrät. Schnell stoßen neue Gefährten zur Reisegruppe, allerdings ebenso Verfolger, denn, so liest man es in allen Zeitungen: Der Hund hat den Jungen entführt! Frida Nilsson ist es erneut wunderbar gelungen, ihre Figuren mit charakterlicher Tiefe voller Grauzonen zu erzählen. Martin & Jack ist historischer Abenteuerroman und große Parabel über bis heute und weltweit ungeklärte Ungerechtigkeiten und verhandelt en passant Fragen zu Freundschaft und Wahlverwandtschaft. Ein großer Wurf und tiefgründiger Schmöker! (Jana Kühn)

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Andrej Bulbenko & Marta Kajdanowskaja: Elektrizität und Himmelsfische

dtv 2024, 192 Seiten, aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Henriette Reisner, ab 12

Ein schwerhöriger Großvater hinterm Steuer, der unentwegt die falsche Abfahrt nimmt. Die Großmutter auf dem Beifahrersitz schimpft, vom Opa konsequent mit N-Ä-Ä-Ä-Ä übertönt. Die Mutter auf der Rückbank, eingeklemmt zwischen Taschen, dem Vater und den beiden Kindern wüsste einen Weg – es ist aber ohnehin vergeblich, denn die Familie steht im Stau. Nichts bewegt sich. Was klingt wie der Beginn einer turbulenten Urlaubsgeschichte ist in Wirklichkeit jedoch etwas ganz anderes. Die Familie ist auf der Flucht. Ihre Heimatstadt steht unter Beschuss und die Großeltern haben entschieden, zu evakuieren. Die Enge des Autos ist schwer zu ertragen für die 14jährige Marzia, die dem Familienkäfig entflieht und zur Erzählerin wird. Sie findet messerscharfe Worte für ihre Wut über das Unvermögen der Erwachsenen, ihr all das nicht erspart zu haben. Das ukrainische Autor*innenduo, ein bekannter Schriftsteller und eine 15jährige Schülerin, ist ein phantastisch gutes Gespann. Beide haben je eigene Fluchterfahrungen und wissen, an welchen Stellen sie innehalten und das nicht Auserzählte Bilder aufruft, die noch sehr lange nachwirken, ohne je die Leichtigkeit zu verlieren. Grandios übersetzt und rhythmisiert. Eine Geschichte vom Erwachsenwerden und vor allem eine Geschichte über Krieg, Flucht und Heimatlosigkeit aus einer bislang unerzählten Perspektive. Technisch meisterhaft, voller Humor und tief. Ein Buch für unbedingt alle ab 12. (Kerstin Follenius)

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Elsa Morante: La Storia

Aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski, Wagenbach 2024, 768 Seiten, 38 Euro.

Es ist eine unglaubliche Leseerfahrung, aufwühlend und beglückend zugleich, sich auf Elsa Morantes großen Roman La Storia einzulassen. Nicht nur erzählt sie von der zart-unbedarften Ida, die als Halbjüdin jung verwitwet, im faschistischen Rom der Vierzigerjahre  ganz allein auf sich gestellt ihren großspurigen Sohn Nino sowie ihr winziges Söhnchen Useppe durchbringen muss.  Neben dem hochdramatischen Schicksal ihrer Protagonistin, das sie fein austariert knallhart, diskret und voller Zuneigung erzählt, rückt sie immer wieder andere Figuren, denen die Gewalt der Verhältnisse ebenso übel mitspielt, in den Fokus ihrer epischen Schilderungen. Dass Armut, Vertreibung, Vernichtung Folgen einer verheerenden Weltpolitik sind, betont Morante durch ihre knappen Zusammenfassungen tatsächlicher historischer Ereignisse vor jedem Kapitel. Gleichzeitig feiert sie in ihrem Werk das Leben und die Freude am Sein, verkörpert  durch den hinreißenden Useppe. Umwerfend, wie die beiden Übersetzerinnen uns dank ihrer vielschichtigen lebendigen Übertragung mitnehmen in diese Zeit, an diesen Ort und in die Menschen hinein. (Stefanie Hetze)

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Hua Hsu: Stay True

Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube, aki 2024, 232 Seiten, 22 Euro.

Ich bin in einem anderen Land, mit einer anderen Sprache, anderen Privilegien als Hua Hsu aufgewachsen, ich habe andere Musik gehört und andere Entscheidungen getroffen. Aber die Art und Weise, wie Hua Hsu über jung sein und Freundschaft schreibt, über die Gleichzeitigkeit von Nonchalance und Ernsthaftigkeit, hat etwas sehr Universelles und tief Berührendes. Eigentlich spricht nichts dafür, dass Hua und Ken sich befreunden. Ken ist für Huas Maßstäbe zu laut, zu konventionell, zu gutaussehend, zu selbstsicher. Aber dann passiert es doch und plötzlich sprechen sie über Gott und die Welt, analysieren Filme bis tief in die Nacht, streiten über Musik, installieren Insiderwitze und gehen irgendwie davon aus, dass das für immer so bleibt. Bis Ken Opfer eines Raubmordes wird und Hua sich mit Trauer und Schuldgefühlen konfrontiert sieht. Stay True ist, wie der Untertitel verspricht, ein Memoir über eine Freundschaft – vor der Folie einer asian-american Herkunft und den damit einhergehenden Fragen von Identität und Zugehörigkeit, mit Exkursen zu Derrida (Politik der Freundschaft) und E.H. Carr (Was ist Geschichte) und Reflektionen über die Bedeutung von Kurt Cobain oder den perfekten Sound der Beach Boys. Es ist der fortwährende Versuch des Beschreibens eines Lebensgefühls, einer Zeit, und eben dessen, was eine (Jugend)Freundschaft eigentlich ausmacht. Oder – wie der Autor selbst es ganz am Ende des Buches sagt – der Versuch „den Geruch von Secondhand Rauch auf Flanell“ oder die „Sonne, die einen besonderen braunen Goldton erschuf“ zu beschreiben. (Katharina Bischoff)

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Ausgezeichnet!

Dante Connection ist für den Deutschen Buchhandlungspreis nominiert und wir zur Preisverleihung am Sonntag, den 8. September 2024 nach Frankfurt/Oder eingeladen. Dort werden wir erfahren, in welcher Kategorie die Dante und selbstverständlich vor allem Stefanie Hetze ebenso wie Syme Sigmund ausgezeichnet werden – denn dieser Preis ist natürlich auch ganz der ihre.

Save the date! Welchen Preis wir auch immer erhalten werden, wir freuen uns riesig und möchten mit Euch und Ihnen am Freitag, den 13. September 2024 feiern. Details folgen!

Italien der Renaissance

ROM – die Buchpremiere in Berlin

Wie kein Zweiter vermag es Tobias Roth, nicht nur sein immenses Wissen über das Italien der Renaissance, sondern auch seinen Enthusiasmus für das Thema und seine eigene Freude am Staunen zu vermitteln. Im inzwischen dritten Band seiner „Städtereihe“ nimmt Roth uns mit nach Rom – und diese Zeitreise ist so packend und macht so viel Spaß, dass man am Ende des Buches eigentlich gar nicht so recht wieder daraus auftauchen will.

Gemeinsam mit dem Galiani Verlag laden wir sehr herzlich ein zur Berliner Buchpremiere: ROM – Welt der Renaissance!

wann? Dienstag, 24. September um 20 Uhr
wo? in der DANTE
Der Eintritt ist frei.

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