C.H.Beck, 2024, 201 Seiten, 23 Euro.
Zora del Buono ist acht Monate alt, als ihr Vater bei einem unverschuldeten Autounfall stirbt. Sie kennt die groben Umstände des Unfalls: ein missglücktes Überholmanöver, ein roter Chevrolet, die Initialien des Unfallverursachers. 60 Jahre später plötzlich der Wunsch, diesen E.T., den Töter des Vaters, zu finden. Seinetwegen ist das Protokoll einer Recherche. Durch Zeitungsartikel, Gerichtsurteile, Gespräche mit Zeitzeug*innen nähert sich die Autorin dem damaligen Unfallhergang und damit auch dem Töter an, der plötzlich einen richtigen Namen hat, ein Leben und eine Geschichte. Gleichzeitig reflektiert Zora del Buono ein von Verlust geprägtes Leben (nicht das Fehlen des Vaters ist schmerzhaft, die tiefe Trauer der Mutter ist es), lässt uns teilhaben an Beobachtungen, Erinnerungen, Begegnungen, stellt Listen auf (von Menschen, die bei Autounfällen starben, von bekannten Eigenschaften des Vaters, von Fakten über den Töter, von den eigenen Deformationen) und hadert mit den ungestellten Fragen an die Mutter – in einer Sprache, die nicht nüchtern ist, aber sehr klar, kein bisschen sentimental, aber berührend. Seinetwegen ist die unbedingt lesenswerte Autofiktion einer Menschenfreundin. Ehrlich – wie es scheint, zärtlich, manchmal schonungslos, oft humorvoll, immer klug. (Katharina Bischoff)

Die Brüder Matti und Janne verbringen ihre Herbstferien zum ersten Mal ohne Eltern bei ihrer Tante Olga. Für den jüngeren Bruder sind es die ersten Schulferien überhaupt. Der ältere Bruder, gerade mal in der zweiten Klasse, hat die Aufgabe, auf das Aussteigen am richtigen Bahnhof zu achten. Bestens angekommen geht es zu Olgas abgelegen Haus am Waldrand, und so stehen nun naturnahe und erholsame Tage an. Doch schon am zweiten Tag vertraut eine Nachbarin Olga zwei Igeljunge zur Pflege an. Winzig sind sie, viel zu klein, um schon allein auf der Welt zu sein. Olga, Matti und Janne kümmern sich mit viel Fürsorge um die beiden Tierwaisen. Wie viel da zu tun, auf was alles zu achten ist! Die Igelkinder werden zum Tierarzt gebracht, ihre Kacke wird weggeräumt, tagsüber und nachts werden sie gefüttert – ja geradezu hingebungsvoll aufgepäppelt. So fliegen die Ferien nur so dahin. Könnte sein, es sind die besten! Kristina Andres beschreibt und zeichnet detailgenau und mit liebevoller Beobachtungsgabe die Ernsthaftigkeit und Freude, mit der Kinder Verantwortung für sich und andere übernehmen – wenn man sie denn lässt. (Jana Kühn)
Jella und Yannick. Leidenschaftlich. Voneinander überrascht. Verliebt. Am Anfang ihres Lebens. Ein Paar wie es so viele gibt. Bis ein Beziehungsstreit eskaliert, es fallen heftige Worte auf beiden Seiten und mit einem Mal ist alles anders als zuvor. Seine Hände schließen sich um ihren Hals und sie rettet sich in letzter Minute. Was der jungen Protagonistin Jella passiert ist etwas Normales. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist kein Phänomen vom Rand sondern sie geschieht. Ruth Maria Thomas nimmt sich dieses Themas an und wagt das Spagat, eine solch wichtige Geschichte zu erzählen, ohne sie zu reduzieren auf Fragen der Täter- oder Opferschaft. In die Wohnung des überforderten Vaters zurückgekehrt, folgen wir der Protagonistin auf ihrer Suche nach all den kleinen Kompromissen und übergangenen Zweifeln, die sie an diese Stelle führten. Welchen Preis hat sie gezahlt, um den begehrtesten Jungen im Dorf zu daten? Wie leicht war es, die beste Jugendfreundin in der Lausitz zurückzulassen, weil deren Lipgloss und T-Shirts durch die Augen der neuen Studienfreunde sonderbar aussahen? Eine Coming of Age Geschichte der späten Nullerjahre. Kompromisslos erzählt. Nicht aus der Hand zu legen. (Kerstin Follenius)
In seinem Prolog teasert der Autor bereits kräftig an mit Ingredienzien wie Gartenparty, weißhaariger Armenierin im metallisch glänzenden Paillettenkleid, einer geschmuggelten weißen Van-Katze mit blauem und braunem Auge sowie mit Anspielungen auf „seltsame“ Reisen durch Istanbul, die Türkei und das Leben der besagten Verkin. Sogleich startet das erzählerische Feuerwerk, spielt David Wagner mit Fakten und Fiktion rund um ihr schillerndes Leben: Verkin, aus der wohlhabenden Oberschicht stammend, die schon als Jugendliche im Orientexpress zwischen ihren Schweizer Internaten und Istanbul unzählige Liebschaften anfing, X Mal verheiratet war, X Sprachen spricht, X wichtige Menschen kennt und als verfolgte Armenierin gleichzeitig AKP-Lokalpolitikerin ist.. . Oder ist doch alles erfunden? Eigentlich wollte sein Alter Ego, der Ich-Erzähler David, ein Buch über türkische Shopping Malls schreiben, aber bereits ein erster Besuch in ihrem sagenhaften Haus am Bosporus, eigentlich nur zur Übergabe deutscher Wurstwaren für ihren Katzenschmuggel bestimmt, treibt ihn in ihre Umlaufbahn. Immer wieder begleitet er sie als Teil ihrer Entourage in Istanbul und der Türkei und befragt sie über ihr Leben. Und sie erzählt freimütig, spottet über seine Begriffsstutzigkeit und setzt immer wieder eins drauf auf ihre phantastischen Geschichten, worauf der Erzähler weiter nachhakt. Es ist ungemein vergnüglich, dieser eigensinnigen kosmopolitischen Scheherazade zu lauschen! (Stefanie Hetze)
Schon lange gab es bei der Fachstelle Kinderwelten den Wunsch, gemeinsam mit Kindern Bücher zu lesen und zu bewerten. Zusammen mit VIEL & MEHR e.V., der sich der Veröffentlichung diskriminierungssensibler Kinderbücher verschrieben hat, legten wir los. Beteiligt waren außerdem DasBuchprojekt, ein partizipatives und kollektives Arbeitsbündnis von Kunstschaffenden verschiedenster Profession, die zahlreiche Projekte an Berliner Grundschulen mit dem Ziel, die Lust am Buch und am Lesen zu fördern, durchgeführt haben sowie die Buchhandlung Dante Connection, einer Kreuzberger Kiezbuchhandlung mit großem Sortiment an diversitätsbewussten und vielfältigen Kinderbüchern, mit der wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten.
Die Bücher, die gemeinsam mit den Kindern gelesen werden sollten, basierten auf einer Auswahl der Empfehlungen der Fachstelle Kinderwelten. Einzelne Aspekte sollten über performative und bildnerische Aktivitäten vertieft werden. Auf diesem Wege sollte Kindern das Medium Buch nahegebracht sowie ihre Lust auf Geschichten geweckt werden. Weiterhin sollten gemeinsam mit den Kindern Werkzeuge und Kriterien entwickelt und erprobt werden, um die vorgestellten Bücher zu bewerten – der Kita-Buchclub, ein Pilotprojekt.

ie kein Zweiter vermag es Tobias Roth, nicht nur sein immenses Wissen über das Italien der Renaissance, sondern auch seinen Enthusiasmus für das Thema und seine eigene Freude am Staunen zu vermitteln. Im inzwischen dritten Band seiner „Städtereihe“ nimmt Roth uns mit nach Rom – und diese Zeitreise ist so packend und macht so viel Spaß, dass man am Ende des Buches eigentlich gar nicht so recht wieder daraus auftauchen will.
staunen über Sonette aus der Feder Michelangelos (u.a. über die Kröpfe lombardischer Katzen) und subversive Gedichte von Vittoria Colonna, werden Zeuge von der zufälligen Entdeckung des Laokoon, sind zu Gast bei einem gigantischen Mittagessen im Vatikan, erstarren bei Augenzeugenberichten von der Plünderung der Stadt während des sacco di Roma, amüsieren uns über das Testament des päpstlichen Elefanten Hanno und und und …
Thorsten Nagelschmidt kommt in die Dante, um seinen neuen Roman Soledad zu signieren.