Nadine Olonetzky: Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist.

S.Fischer 2024, 448 S., € 25,-

Nadine Olonetzky ist fünfzehn Jahre alt, als ihr Vater den Zeitpunkt für gekommen hält, ihr von der Shoa zu erzählen, seiner Shoa: Auf einer Parkbank im Botanischen Garten in Zürich bricht er für einen Moment sein lebenslanges Schweigen und berichtet von der Verfolgung und Ermordung ihres Großvaters, ihrer Tante, seiner Internierung, seiner Flucht.
Für die Dauer eines Gartenjahres, das diese Geschichte rhythmisiert und im Wortsinne erdet, begleiten wir die Autorin auf ihrer Spurensuche durch die zahllosen Fotoalben und Tagebücher, die der Vater im Kampf gegen die eigene Geschichtslosigkeit manisch füllt, durch Akten aus Archiven in aller Welt. Erzählerisch und fast poetisch spürt Olonetzky einer Sprache nach, die ausbleibt, weil sie angesichts des Nicht-Sagbaren versagt, aber auch jener Sprache, die sich erneut schuldig macht, indem sie das Verbrechen im Nachhinein verwaltet. Jahrzehnte kämpfte der Vater im Geheimen um Wiedergutmachung. Die Ehe der Eltern überstand das nicht. Nadine Olonetzky braucht viele Jahre und 448 Seiten bis sie das lebenslange Schweigen des Vaters mit den Sätzen im Botanischen Garten in Einklang bringen kann.
Ein wichtiges, bestürzendes, trauriges aber helles und grundschönes Buch über die dunkle Zeit der Shoa, die mit dem Ende des Krieges noch lange nicht zu Ende war. (Kerstin Follenius) Leseprobe

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Charlotte Müller: Claras Weg

Kunstanstifter 2024, 56 S., € 24, ab 5

Claras Schulweg führt sie auf dem Fahrrad durch eine Großstadt – schnell gibt sich Berlin zu erkennen, doch was sie sieht und erlebt lässt sich mühelos auf andere Städte übertragen. Manchmal gibt es viel Verkehr, es finden sich kuriose Straßennamen, kleine Grünflächen sind Oasen der Erholung, man begegnet sogar erstaunlich vielen Wildtieren. Gemeinsam mit Clara und ihrer Mama erkunden wir Berlin im Wandel der Jahreszeiten – denn Clara radelt Sommer wie Winters und manchmal so schnell wie ein Blitz. Charlotte Müllers Auqarellbilder sind detailreich wie stimmungsvoll und machen Lust, die Stadt auf zwei Rädern zu erkunden. Ein wunderschönes Wimmelbuch, ein Berlin-Buch, eine Großstadtgeschichte für große & kleine Fahrradfans! (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Annett Gröschner (u.a.): Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich …

Hanser 2024, 320 S., € 22,-

und gründen den idealen Staat. Was Annett Gröschner und ihre Co-Autorinnen Peggy Mädler und Wenke Seemann dabei vor allem tun, ist ergründen, nämlich anhand individueller Erinnerungen sowie historischer Quellen und Statistiken die DDR, die Wendezeit und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten. Das Mischungsverhältnis stimmt wie bei einer guten Bowle, nebst Rezept plus  Randnotiz, dass es die Bowle-Zutaten wie Mandarinen aus der Dose zu DDR-Zeiten nur im Delikat oder Intershop gab. Über sieben Nächte bzw. Kapitel mäandern die drei Autorinnen von Kollektiv- über Körperfragen zum utopisch schönen Verfassungsentwurf einer Nachwende-DDR bis hin zum Nachdenken über Christa T. Das ist erhellend wie unterhaltsam, beispielsweise wenn Philosophie und Gummitwist aufeinandertreffen und parallel die Regeln von Dialektik und Kinderspiel erläutert werden. Die Erzählform des Gesprächs erweist sich als kleiner Geniestreich, denn zwar sind sich die Autorinnen weitestgehend einig, bringen aber doch immer wieder andere Blickwinkel auf Geschehnisse ins Spiel, buchstäblich über historisches Bildmaterial sowie Wenke Seemanns Fotografien, die den Gesprächsverlauf anschaulich rahmen.  Eine feministische, smarte und dringend empfohlene Einordnung deutsch-deutscher Verhältnisse. (Jana Kühn) Leseprobe

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Alana S. Portero: Die schlechte Gewohnheit

Aus dem Spanischen von Christiane Quandt. Claassen 2024, 238 S., € 24,-

Sich dauernd verstellen zu müssen, zu einem Doppelleben gezwungen zu sein, damit wächst die Ich-Erzählerin als trans Mädchen in einem völlig heruntergekommenen Arbeiterviertel im Madrid der Achtziger Jahre auf. Ihre Eltern wollen aus ihr einen richtigen Jungen machen, während sie sich schon ganz früh sicher ist, ein Mädchen zu sein. Nur in heimlichen Badezimmermomenten kann sie sie selbst sein, die Familie und das harte Umfeld verlangen von ihr den ganzen Kerl. Abgeschreckt und fasziniert beobachtet sie, wie eine alte trans Frau in ihrer Nachbarschaft geächtet wird und sieht ihr eigenes queeres Schicksal voller Leid und Gefahren vorher.  Wie sie als Jugendliche versucht, sich da herauszuziehen, immer riskant am Limit lebt zwischen exzessiv-gefährlichen Nächten in der Innenstadt und dem gnadenlos rau-patriarchalen Alltag in der Arbeitervorstadt, ihr meist nur die Zuflucht Fantasie bleibt, schildert Alana Portero unglaublich dicht und lebendig. Ihre Suche nach Glück und Selbstverwirklichung trifft hauptsächlich auf Gewalt und Diskriminierung, wären da nicht andere trans Madrilenerinnen, die sie liebevoll-kritisch porträtiert. Ein Roman, der schillert, vibriert, fasziniert.  (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Cynthia Cliff: Wir fahren weg!

Prestel 2024, 14 S.,  € 14,-,  ab 2

Angefangen beim Koffer und Taschen packen zeigt dieses großformatige Pappbilderbuch mit vielfältigem Personal, wie sich verschiedene Menschen auf den Weg in die Ferien machen: ein Paar ohne Kinder, eine Familie mit Zwillingen, eine alleinerziehende Mutter, queere Familien, eine Person mit Assistenzhund, eine mit Rollstuhl. Auf den Folgeseiten wird die Abfahrt mit Zug, Rad oder Auto gezeigt, anschließend die Ankunft am Ferienort, wo gezeltet, eine Ferienwohnung oder ein Hotel bezogen wird. Ebenso farbenfroh und wimmelig werden die Unternehmungen der Reisenden bei schlechtem Wetter und strahlenden Sonnenschein gezeigt, wobei es großen Spaß macht, die Menschen in immer neuen Situationen wieder zu entdecken.

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Ben Lerwill, Marina Ruiz (Illustr.): Fußball. Alle spielen mit

Übersetzt von Jens Dreisbach, arsEdition 2024, 32 Seiten, 16 Euro, ab 3

Fußball wird auf der ganzen Welt gespielt, das Schöne dabei ist, es braucht dafür nur zwei Dinge: einen Ball und einen Platz zum Spielen. Und dieses simpel wie farbenfroh erzählt und illustrierte Buch bringt nahe, dass es auch ein inklusives Spiel sein kann. Entsprechend werden viele Menschen vielerlei Geschlechter, Alters, mit und ohne Behinderung gezeigt, die fröhlich gemeinsam kicken.

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Muon, Thie Van: Wünsche

Horami 2023, 40 Seiten, 19,95 €, ab 5

Ein Familie verlässt ihre Heimat, muss gehen, flieht und besteigt dafür ein Boot. „Das Boot wünschte, es wäre größer. Die See wünschte, sie wäre ruhiger …“ Mit wenigen, poetisch verdichteten Worten und auf kunstvollen, farbig fast prächtigen Doppelseiten wird die Geschichte einer Familie erzählt, die Dinge und Menschen zurück lässt, die fehlen werden, um an einem neuen Ort endlich rettende Hilfe zu erhalten. Nachworte der Autorin und der Illustratorin schließen dieses bemerkenswerte Bilderbuch ab, das 2024 für den Kinder- und Jugendliteraturpreis nominiert ist.

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Thomas Harding, Britta Teckentrup (Illustr.): Das alte Haus auf der Farm

Aus dem Englischen übersetzt von Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart 2024, 56 Seiten, 22 Euro, ab 6

Im nun schon dritten Band der wunderbar erzählt und illustrierten Reihe über die Geschichten besonderer Häuser geht es in den Nordosten der USA, in die Stadt Auburn. Parallel zur Geschichte des alten Hauses auf der Farm erfahren wir die Lebensgeschichte von Harriet Tubman, die das Grundstück noch mit kleinem Holzhaus übernahm. Im Laufe ihrers Lebens erwarb sie zudem noch Nachbargrundstücke und Häuser, erbaute das eigene Haus aus Stein. Ihre Farm wurde zu einem Ort der Sicherheit und Ruhe für Bedürftige und Menschen in Not – vor allem für ehemals versklavte Männer, Frauen und Kinder.

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Eymard Toledo: Kayabu

Übersetzt von Michael Kegler, Baobab 2024, 32 Seiten, 22 Euro, ab 6

Kayabu ist das älteste Kind einer indigenen Familie, die vor großen Waldbränden aus dem tiefen Regenwald flieht und an einen dörflich bewohnten Nebenfluss des Amazonas zieht. Selbst in seiner reduzierten Bebauung, vor allem in seinen alltäglichen Abläufen und Gebräuchen, ist das Leben außerhalb des dichten Waldes für Kayabu und seine Familie irritierend. Die Kinder des Dorfes helfen gern, doch ein vertrautes Zuhausegefühl stellt sich nicht ein. Eymard Toledeos von persönlichen Reisen inspirierte meisterhafte wie stimmungsvolle Papier-Collagen erzählen von einer Familie auf der Suche nach einem neuen Zuhause in einer fremden Welt.

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Miriam Körner: Fuchs und Bär

Oetinger, 40 Seiten, 15 Euro, ab 5 

Fuchs und Bär geht es gut im Wald, sie tun, wonach ihnen der Sinn steht. Das Leben ist wunderbar. Doch eines Tages hat Fuchs die Idee, mehr Beeren zu sammeln und Vögel zu jagen als je zuvor. Jeden Tag kommen Fuchs neue Ideen, wie ihre Produktion noch weiter wachsen kann. Bis Bär nur noch erschöpft ist … In beeindruckend detailreich gestalteten Tableaus aus simpler brauner Pappe kreiert Miriam Körner, die mit ihrer Familie nach Kanada ausgewandert ist und selbst ein entschleunigtes Leben im Wald führt, eine großartige Fabel über den fatalen Irrglauben, dass wir immer mehr brauchen, um glücklich sein zu können. Kapitalismuskritik für die Kita!

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