Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt, Limes, 526 Seiten, 26 Euro.
Lange hat man nichts mehr gehört von Inspektor Adamsberg und seiner Brigade criminelle des 13. Arrondissements in Paris. Doch das Wiedersehen mit der Belegschaft im Kommissariat ist nur von kurzer Dauer, denn eine Zeitungsmeldung erregt Adamsbergs Aufmerksamkeit und die Reise beginnt, diesmal in die Bretagne, in einen kleinen Ort namens Louviec, der irgendwo in der Nähe des realen Schlosses Combourg angesiedelt ist. Ein holzbeiniges Gespenst soll dort leben, dessen nächtliche Schritte immer dann durch die Gassen hallen, wenn ein Unheil kurz bevorsteht. Und genauso so kommt es: das Holzbein klappert, das Morden beginnt. Aber es wäre nicht Vargas, wenn hier nicht alles Mystische am Ende doch sehr fest auf bretonischem Boden stünde. Der Fall ist wie immer zunächst vertrackt. Adamsberg beschreibt das so: „Letzte Worte ohne erkennbaren Sinn, Schatten auf die man nicht treten darf… das Fehlen jeglichen Motivs.“ Bei Johan, dem Dorfschenk, speisen die Pariser Ermittler üppig mit den bretonischen Kollegen und versuchen die Dorfgemeinschaft zu entschlüsseln – auf die vertraute Art: Mercadet muss viel schlafen, die Retancourt zeigt einmal mehr, dass man sehr weise sein muss, um stark zu sein und am Ende sind es wieder einmal die Flöhe die den rechten Weg weisen. Wie immer bei der Vargas ist diese kluge Milieustudie einer Dorfgemeinschaft, auch ein so gut gebauter Krimi, dass man ihn nur weglegt, um irgendwie, möglichst schnell in die Bretagne zu kommen. (Kerstin Follenius)

Nadine Olonetzky ist fünfzehn Jahre alt, als ihr Vater den Zeitpunkt für gekommen hält, ihr von der Shoa zu erzählen, seiner Shoa: Auf einer Parkbank im Botanischen Garten in Zürich bricht er für einen Moment sein lebenslanges Schweigen und berichtet von der Verfolgung und Ermordung ihres Großvaters, ihrer Tante, seiner Internierung, seiner Flucht.
Claras Schulweg führt sie auf dem Fahrrad durch eine Großstadt – schnell gibt sich Berlin zu erkennen, doch was sie sieht und erlebt lässt sich mühelos auf andere Städte übertragen. Manchmal gibt es viel Verkehr, es finden sich kuriose Straßennamen, kleine Grünflächen sind Oasen der Erholung, man begegnet sogar erstaunlich vielen Wildtieren. Gemeinsam mit Clara und ihrer Mama erkunden wir Berlin im Wandel der Jahreszeiten – denn Clara radelt Sommer wie Winters und manchmal so schnell wie ein Blitz. Charlotte Müllers Auqarellbilder sind detailreich wie stimmungsvoll und machen Lust, die Stadt auf zwei Rädern zu erkunden. Ein wunderschönes Wimmelbuch, ein Berlin-Buch, eine Großstadtgeschichte für große & kleine Fahrradfans! (Jana Kühn)
… und gründen den idealen Staat. Was Annett Gröschner und ihre Co-Autorinnen Peggy Mädler und Wenke Seemann dabei vor allem tun, ist ergründen, nämlich anhand individueller Erinnerungen sowie historischer Quellen und Statistiken die DDR, die Wendezeit und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten. Das Mischungsverhältnis stimmt wie bei einer guten Bowle, nebst Rezept plus Randnotiz, dass es die Bowle-Zutaten wie Mandarinen aus der Dose zu DDR-Zeiten nur im Delikat oder Intershop gab. Über sieben Nächte bzw. Kapitel mäandern die drei Autorinnen von Kollektiv- über Körperfragen zum utopisch schönen Verfassungsentwurf einer Nachwende-DDR bis hin zum Nachdenken über Christa T. Das ist erhellend wie unterhaltsam, beispielsweise wenn Philosophie und Gummitwist aufeinandertreffen und parallel die Regeln von Dialektik und Kinderspiel erläutert werden. Die Erzählform des Gesprächs erweist sich als kleiner Geniestreich, denn zwar sind sich die Autorinnen weitestgehend einig, bringen aber doch immer wieder andere Blickwinkel auf Geschehnisse ins Spiel, buchstäblich über historisches Bildmaterial sowie Wenke Seemanns Fotografien, die den Gesprächsverlauf anschaulich rahmen. Eine feministische, smarte und dringend empfohlene Einordnung deutsch-deutscher Verhältnisse. (Jana Kühn)
Sich dauernd verstellen zu müssen, zu einem Doppelleben gezwungen zu sein, damit wächst die Ich-Erzählerin als trans Mädchen in einem völlig heruntergekommenen Arbeiterviertel im Madrid der Achtziger Jahre auf. Ihre Eltern wollen aus ihr einen richtigen Jungen machen, während sie sich schon ganz früh sicher ist, ein Mädchen zu sein. Nur in heimlichen Badezimmermomenten kann sie sie selbst sein, die Familie und das harte Umfeld verlangen von ihr den ganzen Kerl. Abgeschreckt und fasziniert beobachtet sie, wie eine alte trans Frau in ihrer Nachbarschaft geächtet wird und sieht ihr eigenes queeres Schicksal voller Leid und Gefahren vorher. Wie sie als Jugendliche versucht, sich da herauszuziehen, immer riskant am Limit lebt zwischen exzessiv-gefährlichen Nächten in der Innenstadt und dem gnadenlos rau-patriarchalen Alltag in der Arbeitervorstadt, ihr meist nur die Zuflucht Fantasie bleibt, schildert Alana Portero unglaublich dicht und lebendig. Ihre Suche nach Glück und Selbstverwirklichung trifft hauptsächlich auf Gewalt und Diskriminierung, wären da nicht andere trans Madrilenerinnen, die sie liebevoll-kritisch porträtiert. Ein Roman, der schillert, vibriert, fasziniert. (Stefanie Hetze)
Angefangen beim Koffer und Taschen packen zeigt dieses großformatige Pappbilderbuch mit vielfältigem Personal, wie sich verschiedene Menschen auf den Weg in die Ferien machen: ein Paar ohne Kinder, eine Familie mit Zwillingen, eine alleinerziehende Mutter, queere Familien, eine Person mit Assistenzhund, eine mit Rollstuhl. Auf den Folgeseiten wird die Abfahrt mit Zug, Rad oder Auto gezeigt, anschließend die Ankunft am Ferienort, wo gezeltet, eine Ferienwohnung oder ein Hotel bezogen wird. Ebenso farbenfroh und wimmelig werden die Unternehmungen der Reisenden bei schlechtem Wetter und strahlenden Sonnenschein gezeigt, wobei es großen Spaß macht, die Menschen in immer neuen Situationen wieder zu entdecken.
Fußball wird auf der ganzen Welt gespielt, das Schöne dabei ist, es braucht dafür nur zwei Dinge: einen Ball und einen Platz zum Spielen. Und dieses simpel wie farbenfroh erzählt und illustrierte Buch bringt nahe, dass es auch ein inklusives Spiel sein kann. Entsprechend werden viele Menschen vielerlei Geschlechter, Alters, mit und ohne Behinderung gezeigt, die fröhlich gemeinsam kicken.
Ein Familie verlässt ihre Heimat, muss gehen, flieht und besteigt dafür ein Boot. „Das Boot wünschte, es wäre größer. Die See wünschte, sie wäre ruhiger …“ Mit wenigen, poetisch verdichteten Worten und auf kunstvollen, farbig fast prächtigen Doppelseiten wird die Geschichte einer Familie erzählt, die Dinge und Menschen zurück lässt, die fehlen werden, um an einem neuen Ort endlich rettende Hilfe zu erhalten. Nachworte der Autorin und der Illustratorin schließen dieses bemerkenswerte Bilderbuch ab, das 2024 für den Kinder- und Jugendliteraturpreis nominiert ist.
Im nun schon dritten Band der wunderbar erzählt und illustrierten Reihe über die Geschichten besonderer Häuser geht es in den Nordosten der USA, in die Stadt Auburn. Parallel zur Geschichte des alten Hauses auf der Farm erfahren wir die Lebensgeschichte von Harriet Tubman, die das Grundstück noch mit kleinem Holzhaus übernahm. Im Laufe ihrers Lebens erwarb sie zudem noch Nachbargrundstücke und Häuser, erbaute das eigene Haus aus Stein. Ihre Farm wurde zu einem Ort der Sicherheit und Ruhe für Bedürftige und Menschen in Not – vor allem für ehemals versklavte Männer, Frauen und Kinder.
Kayabu ist das älteste Kind einer indigenen Familie, die vor großen Waldbränden aus dem tiefen Regenwald flieht und an einen dörflich bewohnten Nebenfluss des Amazonas zieht. Selbst in seiner reduzierten Bebauung, vor allem in seinen alltäglichen Abläufen und Gebräuchen, ist das Leben außerhalb des dichten Waldes für Kayabu und seine Familie irritierend. Die Kinder des Dorfes helfen gern, doch ein vertrautes Zuhausegefühl stellt sich nicht ein. Eymard Toledeos von persönlichen Reisen inspirierte meisterhafte wie stimmungsvolle Papier-Collagen erzählen von einer Familie auf der Suche nach einem neuen Zuhause in einer fremden Welt.