Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp Verlag 2018, 164 S., € 20,-

Ernaux_Annie_Erinnerung_eines_Mädchens_Dante_Connection_Buchhandlung_Danteperle1958 betrat Annie Duchesne, die einzige behütete Tochter von Besitzern eines Kramladens und eine sehr gute katholische Schülerin, eine völlig neue Welt: eine lockere Ferienkolonie, in der die anderen Betreuer, die schon studierten und überwiegend aus der gehobenen  Mittelschicht stammten, es sich selbstverständlich gutgehen ließen. Das, was ihr dort als Achtzehnjährige widerfuhr, wie sie ihr sexuelles Begehren entdeckte und gnadenlos ausgenutzt und verhöhnt wurde, vergrub sie tief in ihrem Innersten. Erst 2014 nähert sich die Schriftstellerin Annie Ernaux dem Mädchen aus ihrer Vergangenheit an, indem sie dieses frühere Ich wie eine ganz Andere betrachtet. Von außen, mit Hilfe von Fotos, Briefen und weiteren Materialien beschreibt sie ihr Äußeres, die Orte und Abläufe des Geschehens und vergleicht sie mit dem, was in ihrem Gedächtnis hängengeblieben ist. Mit diesem speziellen Verfahren geht sie weit über die Rekonstruktion einer persönlichen Geschichte hinaus, sondern macht sehr anschaulich, wie sich einzelne Ereignisse, verstärkt durch ungleiche Machtverhältnisse, ein Leben lang auswirken können und wie sich das anfühlt. Eine unbedingte Empfehlung. (Stefanie Hetze)

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Thomas de Padova: Nonna

Hanser Berlin 2018, 176 S., € 18,-

Padova_Thomas_de_Nonna_Danteperle_Buchhandlung_Dante_ConnectionDie Sommerferien verbrachte Thomas de Padova immer in Mattinata, Apulien,  dem Herkunftsort seines Vaters bei seiner Nonna, mit der er sich kaum verständigen konnte. Erst als Student lernte er Italienisch, nur um festzustellen, dass auch das bei seiner dialektsprechenden Nonna nicht weiterhalf. Mit einem kleinen lokalen Wörterbuch klappte es. Jahrelang setzte er sich auf ein Ministühlchen in ihrem dunklen Haus  und hörte ihr zu, der kleinen schwarz gekleideten Frau, die anders als  die Männer der Familie das Dorf und seine Umgebung nie verlassen hatte. Die Gespräche und Beobachtungen dieser „Sitzungen“ zwischen Großmutter und Enkel, zwischen Analphabetin und Wissenschaftspublizist umspannen ein großes Panorama an Themen wie Familie, Arbeit, Armut, Geld, Körper, Glauben, Migration, Weltall. Dank der lebendigen Sprache und vieler kleiner Gesprächssituationen schafft der Autor eine ungeheure Präsenz dieser Frau des Südens, die er mit seinem Buch liebevoll-kritisch würdigt.  (Stefanie Hetze)

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