Sonja M. Schultz: Hundesohn

Kampa Verlag 2019, 320 S., € 22,-

Schultz_Sonja_M._Hundesohn_Danteperle_Dante_ConnectionHawk, ein Wachmann in einem leerstehenden Krankenhaus, ohne Bindung und ohne Gefühle. Nur sein roter Alfa Romeo bedeutet ihm alles, und nun muss er es ertragen, dass ihn jemand abfackelt. Schlimmer geht aber immer, denn dieser Jemand hat auch seiner Wohnung den Garaus gemacht. Dabei hatte Hawk sich nach einer gescheiterten Liebe zur Kneipenwirtin Lu und Jahren im Knast in der Provinz sicher gefühlt, glaubte er seiner Vergangenheit entkommen zu sein. Allein um seine Haut zu retten, muß er den Verfolger finden. Mit einem geklauten Krankenwagen fährt er zurück in die Stadt, in den Kiez und startet an den alten Orten. Diese haben sich in der langen Zeit natürlich radikal verändert. Hawk hat Schwierigkeiten sich zu orientieren und überhaupt bei etwas Vertrautem anzusetzen. Diese Schieflage bei der Suche weitet sich vom Ausfinden und Ergreifen seines Verfolgers unmerklich auf die Vorgeschichte und damit seine eigene Vergangenheit aus. Schicht um Schicht enthüllt die Autorin Details seiner Kindheit und Herkunft, die der erst einmal abgedroschenen Gangster-Loser-Geschichte einen rasanten Drive geben, seinen Furor erklären und dem Titel des Romans Bedeutung verleihen. (Stefanie Hetze)

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Zinzi Clemmons: Was verloren geht

Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann, Ullstein Verlag 2019, 240 S., € 20,-

Clemmons_Zinzi_Was_verloren_geht_Danteperle_Dante_ConnectionThandi, Tochter einer südafrikanischen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters, erzählt in knappen, prägnanten Darstellungen den Verlauf ihres Lebens. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Wohin geht man, wenn einem der Boden unter den eigenen Füßen weggezogen wird? Als Thandi noch ins College geht, erkrankt ihre Mutter an Krebs: Die Möglichkeit, dass sie sterben kann, wird schnell zur Gewissheit. Dieser große Verlust überwältigt sie und ihren Vater. Trotz allem müssen sie einen Weg finden, um ihr Leben weiterzuführen.
Themen wie Rassismus, Klasse und Gender werden mal zart, mal wütend in diesem einzigartigen Debüt betrachtet. Auf feinste Art und Weise wird auch das Erbe der Apartheit erkundet. Zinzi Clemmons Roman ist ein tiefgehendes, langes Nachdenken über Angelegenheiten, die viele Menschen betreffen. Vor allem ist er eine starke, berührende Darstellung der Suche nach einem Mehr an Impulsen und Intensität. (Giulia Silvestri)

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Katharina Mevissen: Ich kann dich hören

Wagenbach Verlag, 168 S. mit Playlist zum Buch, € 19,-

Mevissen_katharina_Ich_kann_dich_hören_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleNach außen hin scheint alles zu stimmen. Osman studiert relativ erfolgreich Cello, er spielt Fußball, wohnt in einer WG und bandelt mit einer Mitbewohnerin an – ein Studentenleben eben. Doch hinter der Oberfläche kratzt es gehörig. Ohne Kontaktlinsen sieht er schlecht. Sein Dozent bescheinigt ihm eine gute Spieltechnik, aber emotionale Schwachstellen. Mit seinem Vater, einem Profimusiker, will er keinen Kontakt mehr, seiner Tante, seiner Ziehmutter, hört er nicht richtig zu und erzählt nichts von sich. Auch mit seiner Mitbewohnerin kommt er sich nicht wirklich näher. Erst der Zufallsfund eines besprochenen Diktiergeräts bringt ihn dazu, mal jemandem wirklich zuzuhören. Was er da aus einem anderen Leben mitkriegt, dem einer Frauenstimme und ihrer gehörlosen Schwester, lässt ihn nicht los und öffnet ihm die Ohren für sein eigenes Umfeld.
Um das Nichtzuhören, Nichthören und Zuhören, um Stimmen,  Töne und Schweigen, um Musik und Stille  kreist Katharina Mevissens faszinierender Roman, ein Debütschatz. (Stefanie Hetze)

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Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Dumont Verlag 2018, 237 S., € 22,-

Taha_Karosh_Beschreibung_einer_Krabbenwanderung_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleDie Protagonistin dieses Debütromans ist Anfang 20, studiert und führt mit einem Geliebten plus einem Liebhaber ein intensives Liebesleben. Das klingt durchschnittlich für dieses Alter, wären da nicht Erinnerungssplitter an eine andere Welt früher im Nordirak, als die Eltern und alles ganz anders gewesen waren. Heute lebt Sanaa zusammen mit ihrer depressiven Mutter, einem kaum anwesenden Vater und einer pubertierenden Schwester beengt in einer westdeutschen überwiegend von Migranten bewohnten Hochhaussiedlung. Wie in einem kleinen Dorf wird keine Gelegenheit ausgelassen,  zu tratschen, zu kontrollieren und zu intrigieren. Auch Sanaa, die auf jeden Fall ihr Doppelleben hinkriegen will, mischt im wahrsten Sinne des Wortes kräftig mit: durch Marihuanabeigaben in die Zigaretten für Tante und Nachbarinnen!
Mit viel Verve, Timing und einer Sprache voller sinnlicher Bilder gibt uns Karosh Taha tiefen Einblick in die zerrissenen Alltags- und Gefühlswelten ihrer Protagonistin und ihres Umfelds. Selten ist in der deutschen Literatur so vom Leben Dazwischen geschrieben worden. (Stefanie Hetze)  Leseprobe

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