Aus dem Französischen von Andrea Stephani, Argument Verlag 2013, 256 S., € 18,-
(Stand März 2021)
Viel zu schön ist die junge Frau in Inspektor Romeros Bett, als dass er sich sofort zu der aufgeregten Informantin am Telefon begeben könnte. Als er schließlich mit einiger Verspätung den verabredeten Treffpunkt auf einer Pferderennbahn erreicht, wird sie jedoch gerade in der Damentoilette entdeckt: ermordet. Kommissar Daquin ahnt bereits, dass hier weit mehr im Verborgenen liegt als nur Motiv und Täter. Und tatsächlich entdeckt das Ermittlerteam in den nächsten Wochen ein immer verstrickteres Netzwerk aus Drogen, Korruption, Pferdewetten und Prostitution. Und wie immer bei Manotti sind es gerade die ranghöchsten Alphatiere aus Politik und Wirtschaft, die die Zügel in der Hand zu halten glauben. Doch Daquin und sein Team misten aus, wobei ein Pferdestall nur der Anfang vom Ende ist. Noir vom Feinsten! (Jana Kühn)

Familiengeschichte, Bildungsroman, Agententhriller und Science Fiction Story – dieses Buch ist alles auf einmal und – es funktioniert. Episodenhaft, poetisch und gekonnt zwischen den Genres changierend, ohne die Fäden zu verlieren oder zu verwirren, erfahren wir unter anderem einiges über eine russisch-deutsche Beziehung, die künstlerische Entwicklung von Sohn und Tochter von ihm aus erster Ehe, einen betagten russischen Poeten mit junger Ehefrau und den amerikanischen Lektor desselben, der in eine futuristische Agentenstory verwickelt ist. Es geht um Liebe, Familie und darum, ein Dichter zu sein, um Geburt und Sterben, Gleichgültigkeit und Nächstenliebe. Olga Martynowa spielt souverän und voller Witz mit Literatur und Sprache ohne abzustürzen. Das ist ein seltener Glücksfall. (Syme Sigmund)
Palermo heute. Das ist nicht die Stadt der Klischees von Sonne, Meer, Fischmarkt, Mafia und bunten Süßspeisen. Es ist eine moderne Stadt, die auch geprägt ist durch die Zuwanderung von Menschen verschiedenster Nationen wie Rumänen, Tunesier oder Bangladescher. Der Ich-Erzähler lebt zwischen ihnen, mit ihnen, mit offenem Blick, ohne zu urteilen, und schafft es, mit anekdotenhaft kurzen Episoden das Bild eines Viertels zu zeichnen, in dem Ethnien mit den unterschiedlichsten Religionen, Sitten und Einstellungen miteinander auskommen, wobei er jeden als den Menschen mit all seinen Widersprüchlichkeiten betrachtet, der er ist. Mal ernst und sozialkritisch, mal witzig oder skurril ist dieses in leichtem Ton geschriebene Buch doch voller Tiefgang. Einen “Leitfaden für den zivilisierten Umgang miteinander in den großen Städten” nennt es der Großmeister der sizilianischen Literatur Andrea Camilleri. Dem kann man sich nur anschließen. (Syme Sigmund)
Die koloniale Plünderung als kollektives Trauma ist ein zentrales Motiv afrikanischer Literatur. Diesem Thema ist auch der Roman »Monnè. Schmach und Ärger«, der in diesem Frühjahr erstmalig in deutscher Übersetzung erschienen ist, gewidmet. Der ivorische Autor Ahmadou Kourouma (1927 – 2003) beschreibt darin die Kolonialgeschichte mit viel Ironie und ebenso kritischer Schärfe, wobei er so manches Vorurteil auf den Kopf stellt. Kourouma deutet die Geschichte grotesk um und vermittelt dennoch viel Wissen über dieselbe und die große Demütigung der Bevölkerung. Entstanden ist eine bitterböse, in seiner Sprache überaus vergnügliche und sehr lesenswerte Satire auf die französische Eroberung des afrikanischen Kontinents. (Jana Kühn)
Über die 68er Bewegung und die RAF sind sicher schon mehrere Regalmeter verfasst worden – Romane, Biographien und Sachbücher. Dieses schmale Buch von Ulrike Edschmid sticht für Zeitzeugen und auch für jüngere Generationen aus der Menge hervor. Anrührend wie kenntnisreich erinnert sich eine Frau nach vierzig Jahren an eine ihrer wichtigsten Beziehungen, überhaupt wohl an eine der bedeutsamsten Phasen ihres Lebens. 1967 lernt sie Philip S. kennen. Schnell wird er ihr zum Vertrauten, zum Geliebten und Partner. Doch in der zunehmenden politischen Radikalisierung wird das Band zwischen beiden stetig dünner. Edschmids verdichtete Sprache zeichnet in wenigen Worten ein lebendiges Bild dieser Zeit, das in jeder Hinsicht unter die Haut geht. (Jana Kühn)
1947 reiste der britisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood zusammen mit dem Fotografen William Caskey per Schiff von New York nach Venezuela, um von dort aus eine sechsmonatige Fahrt durch Lateinamerika bis nach Buenos Aires zu unternehmen. Sie entdecken einen brodelnden Erdteil extremer Gegensätze, treffen auf unterschiedlichste Menschen und Lebenssituationen, auf gewaltige Natureindrücke und krasse Wetterphänomene. Offen, sensibel, aber auch kritisch registriert der überaus belesene Isherwood dies alles und nimmt seine Leser mit auf eine abenteuerliche Reise durch einen außergewöhnlichen Kontinent. Mit der erstmals deutschen Veröffentlichung (wunderbar übersetzt von Matthias Müller) ist dem Liebeskind Verlag eine kleine Sensation gelungen. (Stefanie Hetze)
Dreizehn Kurzgeschichten, die Episoden aus dem Leben der unterschiedlichsten Personen erzählen. Doch in jeder Geschichte taucht auch immer wieder die gleiche Person auf: Xane Molin. Sie begegnet uns in vielen Facetten als 14-jährige beste Freundin, als für einen Mann attraktive junge Frau, als eigenwillige Mieterin, als Patientin, als nervende Stiefmutter oder als selbstsichere Chefin. Aus all diesen Blickwinkeln setzt sich nach und nach auch die Geschichte ihres Lebens zusammen. Ein immer fragmentarisch bleibendes, oft widersprüchliches Bild, das sich jedoch sowohl mit den Jahren als auch mit jeder neuen Erzählung verändert und vervollständigt. Eine faszinierende Lektüre, die uns gleichzeitig mit der Frage konfrontiert “Wer sind wir eigentlich?” Was ist maßgeblicher – wie die anderen uns sehen oder wie wir uns selbst wahrnehmen? (Syme Sigmund)
Eine Kleinstadt der 50er Jahre an einem tiefschwarzen See in den Rocky Mountains und zwei Mädchen, die von ihrer Mutter bei der Großmutter zurückgelassen werden. Als auch diese stirbt, übernimmt ihre Tante Sylvie den Haushalt, eine unkonventionelle Vagabundin, unter deren Führung die Natur von außen immer mehr in das Haus vorzudringen scheint. Während Lucille sich nach Normalität sehnt, fühlt Ruth sich zu Sylvie hingezogen und versinkt immer mehr in deren Welt.
Er ist hochintelligent, besitzt einen unwiderstehlichen Charme, das Gesicht eines Engels,ein feines Gespür für das, was die Menschen von Ihm erwarten, und – er hat keine Moral. Gut und Böse haben für ihn keine Bedeutung, Freundschaften und Vertrauen opfert er skrupellos dem eigenen Vorteil, er ist ein Hochstapler, Fälscher und Lügner. Der charismatische Andras Fülöp alias Ernst-Thälmann Koch alias Joel Spazierer erzählt sein Leben, berichtet von Betrug, Mord und Verrat – und wird dem Leser trotz allem nicht unsympathisch. Ein an Fabulierlust überbordendes Buch, das von Ungarn über Wien und Ostberlin bis nach Russland und Mexiko führt und den Leser trotz seiner Länge mit Lust auf mehr zurücklässt. (Syme Sigmund)