Esther Kinsky: Rombo

Suhrkamp 2022, 267 S., € 24,-, TB März 2023, € 13,-

(Stand März 2023)

Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
1976 wurde die Region der Friauler Alpen im Nordosten Italiens von zwei heftigen Erdbeben heimgesucht, viele Orte wurden vollständig zerstört. Esther Kinski hat die Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen gesammelt, die damals zum Großteil noch Kinder waren, und diese in einem ausgewogenen Wechsel mit geologischen und zeithistorischen Erläuterungen sowie Informationen über Flora und Fauna, Legenden und Bräuche der Gegend kombiniert. Die immer kurzen Textstücke der Memoiren folgen locker der Chronologie der Ereignisse, die beschriebenen Episoden kreuzen, überlappen und ergänzen sich.
Das Ergebnis ist eine fesselnde Lektüre, wobei der Ton hier authentisch die Erzählenden widerspiegelt und dort durch die dichten, lyrischen Sätze der Autorin geprägt ist. Ein Sprachkunstwerk ohne ein Wort zu viel, von hypnotischem Rhythmus und kühler Eleganz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gunther Buskies / Jonas Engelmann (Hg.): Stereo Total’s Party Anticonformiste

10 Songcomics – Comics zu Lieblingssongs aus über 25 Jahren Bandgeschichte. Ventil Verlag 2022, 128 S., 25,- €

Als mich im Februar 2021 die Nachricht erreichte, Françoise Cactus sei verstorben, war ich sehr traurig. Sängerin, Schlagzeugerin, Liedermacherin vom feinsten, Radiomoderatorin einer meiner Lieblingssendungen, eine offenherzige, witzige Frau und nicht zuletzt Kreuzbergerin, über sie könnte man viel erzählen.
Dieses bunte Buch, mit Comics unterschiedlichster Autor*innen, ist eine Hommage an sie und ihre legendäre Band Stereo Total. Die Geschichte fing in der Adalbertstraße vor vielen Jahren an, als Françoise Cactus und ihr Partner Brezel Göring sich trafen… Es bleiben u.a. viele Lieder, die man noch hören kann, um dabei zu lachen, zu weinen, sich zu empören – oder auch überhaupt nichts zu fühlen… Eine Sache aber ist sicher: Diese Comic-Strips wurden mit großer Liebe, viel Fantasie und tollen Farben gemacht! (Giulia Silvestri)

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ATAK: Stillleben

Kunstmann 2022, 144 S. mit 8 heraustrennbaren Postern, € 38,-

Das Cover ist schon das einladende Entree zu einer farbenfrohen Ausstellung in Buchform: Satt leuchtende Blumen in einer Vase, ein Vogel, eine Libelle, eine lächelnde Mickey Mouse, die in diesem Tableau herumspaziert, das durch eine großflächige Prägung zusätzlichen haptischen Reiz gewinnt. Und schon geht es los zu einer visuellen Reise, die es in sich hat und große Freude bereitet. ATAK hat seine Schatzkisten geöffnet und präsentiert Lieblinge aus seinen speziellen Sammlungen, die er, dann wieder ganz klassisch, mit Blumen, Früchten, Tieren kombiniert. Vordergründig wirken diese schönen Schaubilder dekorativ-plakativ, doch verbergen sich jede Menge Details aus der Welt der Künste, der Comics, der Malerei, Musik, Literatur, des Films… Gekonnt mixt ATAK die Genres und schert sich keinen Deut um Hierarchien. Ziemlich „laut“ sind seine farbintensiven „Still-Leben“, „Hoch-“ und „Popkultur“ verschmelzen zu ganz eigenen Bilderwelten. Sie zu entschlüsseln macht großen Spaß, zumal ein ausführliches Bildverzeichnis die wichtigsten Bezüge verrät. (Stefanie Hetze)

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Caspar Salmon, Matt Hunt (Illustr.): Wie man bis eins zählt

Übersetzt von Uwe-Michael Gutzschan, Kunstmann 2022, 32 S., € 16,-, ab 3

Mit Aufforderungen etwas nicht zu tun, ist es bei Kindern ja oft so eine Sache … Bei diesem farbenfroh wimmeligen Bilderbuch wird sogar schon auf dem Cover dazu aufgefordert, gar nicht erst mit großen Zahlen anzufangen, und im Buch geht es munter so weiter. Wohin das führt, lässt sich schon erahnen – genau zu Eins uns viel mehr! Denn während sich Caspar Salmon im urkomischen Text wirklich alle Mühe gibt, die Kinder nicht weiter als Eins zählen zu lassen, unterwandert Matt Hunt dies in seinen nicht weniger witzigen Illustrationen auf das Schönste. Am Ende werden die Kinder natürlich wie verrückt gezählt haben und dabei viel, viel gelacht. Denn das hier ist eines der, wenn nicht das lustigste Zahlenbuch der Saison – mindestens! (Jana Kühn)

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Natasha Brown: Zusammenkunft

Aus dem Englischen von Jackie Thomae. Suhrkamp Verlag 2022, 113 S., € 20,-, TB Mai 2023, € 12,-

(Stand Mai 2023)

Eine junge Frau, müde und nachdenklich, bereitet sich auf ein Familienfest vor. Sie trägt ihre Sachen zusammen, pflegt ihr Gesicht und denkt derweil darüber nach, wie Menschen werden, was sie sind, wie sie es wohl schaffen, konsequent zu bleiben, in einer Welt, in einem Land, in einer Gesellschaft, die auf verschiedenste Arten und Weisen die Menschen dazu zwingt, sich zu verbiegen. Wie kann die eigene Persönlichkeit wahrhaftig bleiben in einem Umfeld, das immer wieder danach verlangt, dass diskriminierte Frauen Teile ihres Selbst aufgeben, um sich besser anzupassen?
Dieses mutige, elegante und durch seine Kürze umso eindringlichere Buch schildert die beängstigende Haltlosigkeit, die eine schwarze britische Frau erfährt, nachdem sie sich über Jahre dem kapitalistischen System unterworfen hat und in ihm mitschuldig wird, als sie unter dem Druck der Verhältnisse eine lebensverändernde Entscheidung trifft. Ein unvergessliches Debüt, meisterhaft von Jackie Thomae ins Deutsche übersetzt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch

Oetinger 2022, 176 s., € 14,-, ab 13

Ende Juni 1945 im zerbombten Hamburg. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, die Menschen kämpfen vordergründig mit dem Alltag zwischen Trümmern, mit Hunger, mit durch die vielen Einquartierungen engsten Wohnverhältnissen, aber eigentlich mit den neuen Verhältnissen als Besiegte und mit einem kompletten Wertewandel. Boie porträtiert wie in einem Brennglas drei Jugendliche, die sich auf der Straße fern der Erwachsenen begegnen:  im Mittelpunkt Jakob, dessen jüdische Mutter deportiert wurde, der das Ende des Kriegs nicht wahrgenommen hat, aber aus massivem Hunger sein Versteck in einer Ruine verlässt. Sein Gegenpol Hermann, Ex-HJ-Führer, der immer noch der NS-Ideologie anhängt und der zu seinem Ärger seinen beinamputierten Vater überallhin, auch auf die Toilette, tragen muss. Und dann noch Traute, eine Bäckerstochter, die sich nach Schule und Normalität sehnt und ihren Eltern Brot klaut. In ihrem spannenden zeitgeschichtlichen Roman, der für Jakob ein gutes Ende nimmt, erzählt Kirsten Boie in knappen Szenen abwechselnd aus den drei verschiedenen Perspektiven und von ihren so unterschiedlichen Problemen. Sie bewertet sie nicht. Zusätzlich ausgestattet mit einer Fülle von Erklärungen historischer Fakten können jugendliche Leser:innen selbst zu Einschätzungen dieser Zeit kommen und viele Verbindungen zum Heute ziehen. (Stefanie Hetze)

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Jakub Małecki: Saturnin

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Secession Verlag 2022, 272 S., € 25,-

Saturnin, Mitte dreißig, alleinstehend, ehemaliger Gewichtheber und jetzt unscheinbarer Handelsvertreter mit einem unaufgeregten Leben in Warschau, erhält einen Anruf seiner Mutter. Großvater ist verschwunden, der 96-jährige hat ihr Auto genommen. Saturnin fährt in sein Heimatdorf und beginnt mit der Suche.
Nach und nach stellt er sich immer mehr Fragen. Sein Großvater ist ein verschlossener, drahtiger, stets arbeitender Mann. Aber was bedeutet das Foto, auf dem er ausgelassen lachend Trompete spielt? Und wer ist dieser Saturnin, dessen Namen Großvater ihm gegeben hat? Was ist passiert an dem Fluss, wo sie ihn nach langer Suche finden?
Schließlich erzählt der Großvater – zum ersten Mal – vom Krieg, von Angst, Verwundung und Schrecken, und von der Rache, die er nimmt, für die Ermordung seiner Schwester.
Saturnin ist ein Buch über Kriegstraumata und ihrer Auswirkungen bis in die Enkelgeneration hinein, über das Schweigen und die Notwendigkeit des Erzählens, gegen das Vergessen, gegen jeden Krieg.
Ein verstörendes, humanes, wichtiges Buch. (Syme Sigmund)

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Fatma Aydemir: Dschinns

Hanser Verlag 2022, 368 S., € 24,-, TB dtv September 2023, € 13,-

(Stand September 2023)

Der klassische Beginn einer Familientragödie: Der plötzliche Herztod des Vaters, der sich endlich seinen Traum erfüllt hatte, eine Eigentumswohnung in Istanbul, für die er jahrzehntelang in deutschen Fabriken geschuftet hatte, zwingt seine Frau und die weit zerstreut lebenden Töchter und Söhne zum Begräbnis in der Türkei zusammenzukommen. Die Familie hatte sich längst auseinandergelebt. Sehr unterschiedliche Träume, Geheimnisse und Realitäten prallen da bei Geschwistern und Mutter in dieser unpersönlichen Wohnung aufeinander, manche schaffen es auch nicht rechtzeitig, zur Beerdigung nach Istanbul zu reisen. Fatma Aydemir hat jeder ihrer Figuren eine eigene Identität und eine individuelle Stimme gegeben. Wie in einem Kammerspiel prallen da zum Teil unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander, auch wenn die Menschen eng verwandt sind. Sie alle aber tragen die Verletzungen und Verwerfungen türkisch-kurdisch-deutscher Historie, aber auch von gender- und identitätspolitischen Debatten in sich und jede:r hat mit dem eigenen Dschinn, den eigenen inneren Dämonen,  zu kämpfen. Das ist ungemein rasant und dicht in einem atemlosen Sound erzählt, als wären wir mitten im Zwischendrin dieser Menschen, die scheinbar zufällig einer Familie angehören in dieser anonymen Wohnung und auf den erbarmungslosen Fernautobahnen Europas.  (Stefanie Hetze)

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Lucia Zamolo: Jeden Tag Spaghetti. Wie es sich anfühlt von hier zu sein, aber irgendwie auch nicht

Bohem Verlag 2022, 128 S., € 16,-, ab 9

(Stand März 2022)

„Woher kommst du?“ wird oft in Gesprächen gefragt. Oft genug wird die Antwort nicht einfach angenommen, sondern gleich nachgefragt: „Okay, aber wo kommst du wirklich her?“. Das macht sauer oder traurig oder verwirrt oder unsicher oder beleidigt … So oder so löst eine solche Frage keine schönen Gefühle aus. Lucia trägt einen ausländischen Namen, ist aber hier geboren und aufgewachsen. Vielleicht liegt es an ihrem Namen, vielleicht sieht sie untypisch aus, die Gründe hinter der komischen Frage sind dem Mädchen nicht klar … Dieses wunderschön illustrierte Buch berichtet über Alltagssituationen eines Mädchens, die vielen Menschen sehr bekannt vorkommen werden. Mit Liebenswürdigkeit und Humor erklärt Lucia Zamolo ziemlich viel über Diskriminierung, Migration und Identität. Raus aus den Schubladen!!! (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

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Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern

Meine Familie und ihre Geheimnisse. avant-verlag 2021, 208 S., € 26,-

(Stand März 2022)

Eine Westberliner Kindheit der 70er zwischen der Wohnung im Märkischen Viertel und Sonntagsbesuchen bei den Großeltern in der nach Kiefern duftenden Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf. Von der Vergangenheit, von der NS-Zeit wird kaum gesprochen. Das übliche Man-hat-ja nichts gewusst. Als Jahre später Bianca Schaalburg die Schlafzimmermöbel ihrer Großeltern erbt, setzen sie eine große Recherche bei ihr in Gang. Mit ihrer faszinierenden Graphic Novel begibt sie auf die Suche, hinter die familiäre Fassade, also all das Verdrängen, Ausreden und Lügen zu schauen. Immer tiefer gräbt sie, entdeckt Verstörendes, was ihren idyllischen Kindheitserinnerungen zuwiderläuft. Hin und her wechselt sie die Zeitebenen, was sie durch Stilmittel wie die Farbgebung, Wechsel der Moden, der Architektur, der Schauplätze, der Alltagssprache, der Lieder hautnah erfahrbar macht. Das Buch ist zudem wunderschön gestaltet, so glänzen die Stolpersteine golden, gibt es einen Anhang mit weiterführenden historischen, biographischen und kulturellen Informationen. Doch das wirklich Besondere ist, dass ihre Spurensuche und Überlegungen Teil des Ganzen sind, dass sie mit diesem Geniestreich einlädt, auch einmal die eigene Familie und die Gegenwart in den Blick zu nehmen. Eine unbedingte Empfehlung für Jugendliche & Erwachsene. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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