Josephine Mark: Trip mit Tropf

Kibitz Verlag 2022, 192 S., € 20,-, ab 10

Ein Hase rettet einem Wolf versehentlich das Leben. Laut dem Ehrenkodex der Wölfe muss sich der furchtlose Jäger nun fürsorglich um den ängstlichen Nager kümmern. Absurd genug, aber der Hase ist auch noch schwer krank und hat neben einem meterlangen Medikamentenplan immer einen Tropf für regelmäßige Infusionen dabei. Es wird also kompliziert! Josephine Mark schickt das ungleiche Paar in ihrem Comic auf eine farbenfrohe, dazu anrührende wie urkomische Tour de Force durch Wälder, Gebirge, Motels und Berghütten. Und in Eis und Schnee beginnt der einsame Wolf langsam aufzutauen … Bis dato punktete der Comics-für-Kinder-Verlag Kibitz mit namhaften und beliebten Autor:innen und Zeichner:innen wie Jutta Bauer, Martin Baltscheid, Anke Kuhl und Patrick Wirbeleit. Doch wie sich nun zeigt, entdeckt das Verleger-Team auch so manches noch unbekannte Talent, so wie Josephine Mark mit Trip mit Tropf. Mit wenigen Punkten und Strichen erweist sie sich als Meisterin einer jeden Mimik und Gefühlslage und schafft mit viel Feingefühl eine verblüffend ermutigende Geschichte um einen echten Brocken von Thema. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Elin Wägner: Die Sekretärinnen

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Ecco Verlag 2022, 176 S., € 20,-

Stockholm, Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum des Romans steht die Icherzählerin Pegg. Ohne jede familiäre Unterstützung und stattdessen mit Verantwortung für ihren jüngeren Bruder muss sie zusehen, wie sie überhaupt im Leben klarkommt, finanziell und in der Liebe. Mehr als einen leider schlecht bezahlten Bürojob findet sie nicht. Ihre Rettung ist ein Sofaplatz in einer Frauen-WG, in der sie zusammen mit ihren drei Mitbewohnerinnen das Unerhörte wagt, trotz Armut als Frau selbstbestimmt und genussvoll zu leben. Es macht riesigen Spaß, diesen Debütroman zu lesen. Er ist flott und spritzig geschrieben. Mit Nonchalance, aber mit umso mehr Nachdruck flicht die Autorin wichtige Themen wie sexuelle Belästigung oder ungleiche Arbeitsbedingungen in Peggs, Babys, Evas und Emmys Erlebnisse und Gespräche ein. Ein Roman, heute immer noch aktuell, obwohl er 1908 erstmals in Schweden erschien. Wunderbar, dass dieser moderne Klassiker feministischer Literatur nach weit über 100 Jahren hier wieder zugänglich ist. Und das Cover von Hilma af Klint passt besonders schön! (Stefanie Hetze)

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Karin Harrasser: Surazo

Matthes & Seitz 2022, 270 S., € 26,-

„Surazo“ hätte Hans Ertls letztes Filmprojekt heißen sollen, bevor er sich entschied, keine Filme mehr zu drehen und sich in einem Bauernhof zurückzuziehen. Es waren die sechziger Jahre, ungefähr zehn Jahre, nachdem Leni Riefenstahls ehemaliger Kameramann zusammen mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nach Bolivien gezogen war. Seine Lieblingstochter hieß Monika. Mit Anfang Zwanzig begann sie sich für Politik zu interessieren und schnell schloss sie sich den Guerrillakämpfern der Gruppe ELN, von Ernesto Che Guevara gegründet, an. Vermutlich brachte sie 1971 in Hamburg Roberto Quintanilla um, der eine wichtige Rolle bei Che Guevaras Ermordung spielte. Zwei Jahre später wurde sie in einem Feuergefecht mit den bolivianischen Sicherheitskräften getötet.
Es klingt ja wie ein heftiger Roman, ist aber eine wahre Geschichte, die meisterhaft von Karin Harrasser erzählt wird. Auf unkonventionelle Art und Weise geschrieben, bietet dieses Buch einen intensiven, vielschichtigen Blick auf vergangene und zeitgenössische historische Ereignisse. (Giulia Silvestri)

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Viktor Schklowski: Zoo

Briefe nicht über Liebe, oder die dritte Heloise. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja, Guggolz Verlag 2022, 189 S., € 22,-

In den Jahren 1922/23 lebte Viktor Schklowski, der Begründer des russischen Formalismus, im Exil in Berlin in einer aus bis zu 300.000 Emigranten bestehenden russischen Berliner Parallelgesellschaft. Unglücklich verliebt in Elsa Triolet – der späteren Frau von Louis Aragon – verfasste er in wenigen Wochen den experimentellen Briefroman „Zoo“, der nun dank der akkuraten, sprachvirtuosen Übersetzung von Olga Radetzkaja hundert Jahre nach Entstehung erstmals in der Urfassung auf Deutsch zu lesen ist.
Der Autor schreibt an eine Frau, die er liebt, die ihm aber verbietet, über Liebe zu sprechen. Und so sinniert er über alles Mögliche, schweift oft assoziativ durch die unterschiedlichsten Themen, erzählt vom Emigrantendasein, vom Wetter oder von neuen Automodellen, klagt über die Einsamkeit, das deutsche Essen und die deutsche Mode, theorisiert über verschiedenste Fragen der zeitgenössischen Kunst und Literatur – erhellend und unbedingt zu lesen sind hier die Anmerkungen – und das alles mal elegisch und mal satirisch, oft komisch und paradox.  Eine überraschende, lohnende Lektüre. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Maddalena Fingerle: Muttersprache

Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner, Folio 2022, 191 S., € 22,-
(Lingua madre, Italo Svevo 2021, ca. € 26,-)

Welch aufsehenerregendes Debüt aus der nördlichsten Gegend Italiens, das die komplexe Gemengelage im heutigen Südtirol seziert! Eigentlich könnte das Alto Adige heutzutage ein kreatives Labor für Zwei- oder Mehrsprachigkeit sein. In Wirklichkeit leben die Sprachgruppen fein säuberlich nach Proporz getrennt. Paolo, der Icherzähler und sensible Sohn einer italienischsprachigen Bozener Familie, für den Wörter eine fundamentale Bedeutung haben, nimmt wie ein Seismograf das Problematische dieses Missverhältnisses in sich auf. „Dreckige“ Wörter, für ihn gleichbedeutend mit unehrlichem Getue, hasst er so abgrundtief, dass er mit Waschzwang, Verweigerung und kompletter Ablehnung der Repräsentantin seiner Muttersprache, seiner Mutter und seiner Heimatstadt reagiert. Erst mit der Flucht nach Berlin, in den deutschen Sprachraum, kommen seine Obsessionen zur Ruhe, aber selbstverständlich schlummern sie noch.  Bissig-boshaft, klug und sehr unterhaltsam spielt Maddalena Fingerle in ihrem Debüt mit den Fallstricken der Mehrsprachigkeit. Sie übertreibt, persifliert und macht eine:n ziemlich nachdenklich. Und der Folio Verlag hat mit den „Flecken“ auf dem Schutzumschlag für eine besondere Pointe gesorgt! (Stefanie Hetze)

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Sebastian Kiefer, Benjamin Tienti: Auf dem Gipfel wachsen Chinanudeln

Dressler Verlag 2022, 240 S., € 14,-, ab 9

Einige Zeit ist vergangen, seit der 11jährige Elmo zuletzt sein Zimmer verlassen hat. Dass es dem Jungen nicht gut geht, wird sofort klar. Dass der Unfalltod seines älteren Bruders der Grund dafür ist, erschließt sich nur peu à peu. Doch es geht klar aufwärts! Es ist ein struppiger, etwas stinkiger, kleiner Hund, der Elmo aus seinem Versteck vor dem Leben holt und der sein neuer Freund wird. Auch Elmos “Karriere” als Privatdetektiv nimmt sofort Fahrt auf, denn bei der Suche rund um den Hermannplatz nach dem eigentlichen Hundeherrchen stolpert der Junge von einem Fall zum nächsten. Der Platz mit all seinen Bewohner:innen und Imbissbuden mitten im urbanen Chaos ist wichtiger Protagonist in dem turbulenten Großstadtabenteuer. Er ist es zum einen als schwerbefahrener Verkehrsknotenpunkt, zum anderen soziales Epizentrum, in dem hipper Trendbezirk und von Armut gezeichneter Brennpunkt konfliktreich verschmelzen. Dies auch für alle Nicht-Berliner:innen  anschaulich einzufangen, gelingt dem Autoren-Duo mit viel stimmigem Lokalkolorit, witzigen Dialogen und einem temporeichen Erzählstrom. Und wie es mit dem verwegenen Computerspiel MeloDIY, das gerade von allen (!) gespielt wird, weitergeht, erfährt man hoffentlich im nächsten Band. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Dantiel W. Moniz: Milch Blut Hitze

Storys. Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Arlinghaus und Anke Caroline Burger, 230 S., C.H. Beck Verlag 2022, € 23,-

Eine Jugendliche mit zu viel Neugier auf die dunklen Seiten des Lebens, eine junge Frau, die nicht darüber hinwegkommt, ihr ungeborenes Kind verloren zu haben, ein Ehemann, der nicht verstehen kann, dass seine Frau den Kampf gegen den Krebs aufgibt, ein zehnjähriges Mädchen, das in existenzieller Not seine beste Freundin verrät und lernen muss, damit zu leben. Das sind nur einige der immer Lebensumbrüche betreffenden Situationen, welche die junge Autorin Dantiel W. Moniz in ihrem großartigen Debüt beschreibt. Alle Figuren eint, dass sie schwarz sind und in Florida leben, aber jeder Charakter ist einzigartig, mit sensiblem Gespür für psychologische Feinheiten in wenigen präzisen, dichten Worten umrissen, elf meisterliche Kurzgeschichten, in denen jedes Wort sitzt, jeder Satz stimmt. Es ist kein Buch, das man in einem Rutsch weglesen kann, denn jede Geschichte zwingt zum Innehalten, zum Nachspüren. Doch es ist eine lohnende Reise in die Erzählungen einer hochtalentierten Autorin, die der typisch US-amerikanischen Form der Shortstory neues Feuer gibt, neues, zeitgemäßes Leben einhaucht. Bitte mehr davon! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gogliarda Sapienza: Tage in Rebibbia

Gefängnistagebuch. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Aufbau Verlag 2022, 189 S., € 20,-

(L’università di Rebibbia, Einaudi 2012, ca € 14,50)

Eine aus Not begangene Straftat hat die unkonventionelle Intellektuelle, Künstlerin und Aktivistin Gogliarda Sapienza 1980 ins römische Frauengefängnis Rebibbia gebracht. Mangels Häftlingskleidung sticht sie in ihren Seidenhosen mit Bundfalten optisch gleich als nicht Zugehörige heraus, schnell treiben ihr die Mitgefangenen ihr anbiederndes Reden im angelernten römischen Dialekt aus. Doch schnell überwindet sie die Scheu vor ihnen und taucht tief ein in diese abgeschlossene Welt, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Im vollen Frauengefängnis, in dem die Zellen tagsüber geöffnet sind und die unterschiedlichsten Frauen, junge, alte, „Kriminelle“, „Politische“, alle verschiedenster Herkunft, irgendwie miteinander klarkommen müssen. Prall wie ein Fellini-Film ist das Leben hier. Gewalt, Solidarität, Witz, Häuslichkeit, Gemeinheiten, Zartheit, Gleichgültigkeit, Kreativität… die ganze Bandbreite an Verhaltensweisen und Gefühlen, die sich im Knast gleichzeitig abspielen, erlebt Sapienza als einen „Erfahrungsschnellkurs“.  In ihrem Gefängnistagebuch überschreitet sie dabei die Grenzen des persönlichen Memoirs – eigentlich ein Kammerspiel hinter Gefängnismauern öffnet es sich zu einem vielstimmigen großen Gesellschaftspanorama. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht

Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Inka Marter, Tropen 2022, 832 S., € 28,-

2019 ist dieser Roman der argentinischen Schriftstellerin Mariana Enriquez erschienen, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Autorin verwebt unterschiedliche Zeitebenen, Erzählperspektiven, Ereignisse und Charaktere. Manchmal sind Fäden klar zu erkennen, bei anderen braucht es länger, um die Muster zu verstehen. Im Mittelpunkt des Romans steht der Orden, eine Kongregation, die seit Jahrhunderten versucht Unsterblichkeit zu erlangen, und bei der Wahl ihrer Methoden nicht zimperlich ist. Weil Mariana Enriquez in Argentinien aufgewachsen ist, fallen sofort Referenzpunkte wie Marquez oder Borges ein. Ich selbst habe sehr viel an David Lynch gedacht, an die von ihm inspirierte erste Staffel von True Detectives und deren Motto: touch darkness and darkness touches you. Denn darum geht es in dem Buch, um eine Dunkelheit, die Unsterblichkeit verspricht, die immer wieder angerufen werden muss, die blutrünstig ist und Opfer braucht.
Das Buch beginnt 1981. Der damals 6-jährige Gaspard und sein Vater Juan fahren von Buenos Aires in den Norden des Landes. Sie besuchen die Familie der verstorbenen Ehefrau und Mutter, Rosario, einer der mächtigsten Familien Argentiniens, reich geworden durch Kolonialismus und Ausbeutung von Land und Menschen. Vor Ort angekommen begegnen sie Angehörigen des Ordens. Juan hat übersinnliche Kräfte und dient als Medium zwischen den Anhänger:innen des Ordens und einer übersinnlichen Macht. Die Rituale des Ordens sind grausam, sie zeugen von einer großen Menschenverachtung, einer schwer auszuhaltenden Distinktion zwischen Menschen, die als lebensunwert eingeschätzt werden und jenen, die sich das Recht nehmen Menschen zu quälen. Dabei profitiert der Orden von der Militärdiktatur. Spätestens hier wird der Roman zu einer Parabel.
Die Autorin überlässt viele Deutungen der jeweiligen Leser:in. So vermeidet sie es eine Identifikationsfigur aufzubauen und die meisten Personen sind eng mit dem Orden verflochten und korrumpierbar. Eine Ausnahme bildet Gaspard, der in Buenos Aires sein coming of age erlebt. Mariana Enriquez wechselt in ihren Erzählebenen zwischen Ich-Perspektive und auktorialer Erzählung. Es sind zwei Protagonistinnen für die die Autorin die Ich-Perspektive gewählt hat. Einmal Rosario:  bei ihr wird das Mäandern zwischen gieriger Rücksichtslosigkeit einerseits sowie Skrupeln den Methoden des Ordens gegenüber anderseits erkennbar. Die andere ist eine Journalistin, die versucht die Verbrechen der Militärdiktatur aufzudecken, und scheitert. Es geht in diesem Roman um okkulte Praktiken, vor allem aber darum, wie Menschen auf der Suche nach Entgrenzung und entgrenzter Macht grausam andere Menschen in Dienst nehmen, opfern, quälen, töten. Es geht um Gier, und darum, was Menschen bereit sind zu tun, ihre Gier, sei es nach Erkenntnis oder eben Macht zu stillen. Mariana Enriquez stellt Fragen, die weit über den Inhalt des Buches hinausgehen, und leider von großer Aktualität sind. Sie beunruhigt. Sie bedrängt. Sie berührt. (Veronika Springmann)

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Dschingis Aitmatow, Kat Menschik (Illustr.): Djamila

Galiani 2022, 112 S., € 20,-

Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs und doch weit ab davon in der kirgisischen Steppe spielt dieser weltberühmte Liebesroman. In einem kleinen Dorf lebt hier die lebenslustige Djamila. Ihr Ehemann musste schon kurz nach der Hochzeit in den Krieg ziehen, weshalb die Dorfgemeinschaft nun argwöhnisch über die junge Frau wacht. Mit dem kriegsversehrten Danijar und seinen wunderschönen Liedern kehrt unerwartete Freude in ihr Leben ein – und auch die große, noch nie erfahrene Liebe. Erzählt wird die Geschichte von Djamilas 15jährigem Schwager, der obwohl selbst heimlich in Djamila verliebt, das Geheimnis der beiden Liebenden bewahrt, bis eines Tages der Ehemann ins Dorf zurückkehrt …  Die Novelle von Aitmatow war eines der ersten erwachsenen Bücher, die ich gelesen habe, und ich erinnere noch genau, wie hingerissen ich von der Kraft dieser Liebesgeschichte gewesen bin. Kat Menschik, die Djamila wie ich zu ihren besonderen Lieblingsbüchern zählt, hat diese ohnehin literarische Perle mit ihren leuchtend sommerlichen Illustrationen zu einem echten Kleinod gestaltet. (Jana Kühn)

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