Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Klett-Cotta 2023, 224 S., € 22,-
(Niente di Vero, Einaudi 2022, 165 p., ca € 22,50)
Es ist eine sehr spezielle Hölle, diese Familie. Der paranoide Vater zieht in der engen Wohnung Trennwände ohne Ende, die depressive Mutter verfolgt die Tochter mit Telefonterror, der Bruder ist ein Überflieger. Verbote, seltsame Regeln und Usancen prägen die Kindheit der Ich-Erzählerin, die sich als Jugendliche da mühsam herauszustrampeln versucht und als junge Erwachsene höchst kreativ originelle Taktiken entwickelt, um ein eigenes Leben zu führen. sie muss tricksen, lügen, verschiedenste Rollen spielen, obwohl sie am liebsten nichts tut und schweigt, wie sie behauptet. Verika, Vero, Gans, Mistkäfer, Spillerix, V., Veca … jede:r nennt und kennt sie anders. Gekonnt spielt die Autorin, ihr scheinbares Alter Ego, dabei mit den Erwartungen an Autofiktion von uns Leser:innen, die wir alles für bare Münze nehmen. Aber Nichts davon ist wahr oder vielleicht doch? Ihr bitterböser Sarkasmus, hinter dem eine tiefe Zuneigung für ihre Figuren aufblitzt, macht durch ihre leichtfüßige pointierte Sprache großes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

Eigentlich ist die 17-jährige Schwarze Berlinerin Nova hart trainierende Rollschuhläuferin, doch hat ihr misshandelnder Stiefvater ihr einen Arm gebrochen und ihr nicht nur den Sport unmöglich gemacht. Doch jetzt startet eine neue Zeit. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Halbbruder kann sie nach häuslicher Gewalt und Frauenhaus in einer neuen Wohnung endlich zur Ruhe kommen, traut sie sich sogar hinaus in den neuen Kiez, lernt den queeren Felix* kennen und verliebt sich blitzartig in die schwarz leuchtende Akoua. Eine aufregende lesbische Coming-of-Age-Geschichte beginnt mit vielen Up’s und Downs, nicht nur in der Beziehung der beiden jungen Frauen. Rassismus und Sexismus sind leider omnipräsent. Doch so viel sei verraten, ihre Liebe, ihre Ressourcen und ihre Community sind stark. Das alles wäre schon genug für einen fantastischen empowernden Roman, doch hat Chantal-Fleur Sandhon durch die Form, die sie gewählt únd bravourös ausgeführt hat, eine wirkliche Perle geschaffen. Nova erzählt ihre Geschichte in Versen, die sich vortasten, tänzeln, kreisen, vibrieren, anhalten, Luftsprünge machen. Das ist atemberaubend zu lesen und auch optisch ein Genuss. (Stefanie Hetze)
Das Eisvogelmädchen Pips ist sich sicher: Heute findet ihr erster Flug statt. Salto hopp und los! Grandios, wie Corey R. Tabor das Entsetzen und die verzweifelten Versuche von Eichhörnchen, Bienen und Spinnen einfängt, um Pips vielleicht doch noch zu retten. Doch Pips saust nach unten! Doch aufgepasst, hier kommt der Clou: Hat Pips im Sturzflug die Mitte des Bilderbuches erreicht, muss es gedreht werden. Und hoppla: Pips fliegt ja! Aus dem scheinbaren Fallen wird ein stolzer Aufstieg, den nun alle Bewohner des Baumes überschwänglich beklatschen. So simple wie genial – in der Idee der Buchgestaltung, vor allem mit einer selbstbewussten Bilderbuchheldin, die Mut macht und begeistert! (Jana Kühn)
Lieutenant Joe Leaphorn versucht das Verschwinden des Navajo Jungen George aufzuklären und wird dabei tief in die Welt der Götter der benachbarten Zuñi-Kultur hineingezogen. Warum suchte George nach den Rachegöttern der Zuñi, den Kachina? Und wer hat seinen besten Freund, den Zuñi-Jungen Cata getötet? Was haben die in der Nähe wohnenden Hippies und die nach Zeugnissen der prähistorischen Folsom-Menschen suchenden Archäologen damit zu tun?
Ein Roman ohne Wenn und Aber erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau. Alessandra wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen im Rom der Dreißigerjahre auf. Für Mädchen und Frauen, die noch eine Art von Begehren ausleben möchten, sind im patriarchalen faschistischen Italien, wie die Autorin minutiös schildert, eigentlich nur zwei Rollen vorgesehen: als anständige ihrem Mann unterworfene Ehefrau oder als verpönte Konkubine. Alessandra, die wie ihre aus der Art geschlagene Mutter, einer Künstlerin, die einen Suizid begeht, einen Mann lieben will, ohne von diesem geknechtet zu werden, nimmt einen langen Weg der Rebellion auf sich. Äußerlich angepasst verfolgt sie trotz aller Widerstände kompromisslos ihr Ziel, für sich und ihre leidenschaftlichen Wünsche als Frau zu kämpfen. Der Preis dafür ist hart, doch die Protagonistin bleibt ganz bei ihrer Sicht und dokumentiert sie auch als Niederschrift. Gnadenlos entlarvt De Céspedes die ausweglosen frauenfeindlichen Verhältnisse im Italien der Dreißiger/Vierziger Jahre. Selten wurde in der Literatur so haarscharf und unbestechlich der Finger auf die Wunde der Genderungerechtigkeit gelegt. (Stefanie Hetze)
Das Anne-Frank-Haus an der Prinsengracht in Amsterdam, das zwei Jahre lang Anne Frank und ihrer Familie Schutz bot, ehe ihr Versteck verraten und sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden, ist der Protagonist dieses besonderen Sachbilderbuchs. Die detailreichen, zeitlich verorteten Bilder und der präzise, aber einfühlsame Text erzählen aus der Perspektive des Gebäudes dessen wechselhafte Geschichte und die seiner unzähligen Bewohner:innen. So entsteht für Kinder unmittelbar nachvollziehbar ein geographischer und historische Kontext für die Gewalt, die Anne Frank angetan wurde, der im ausführlichen Anhang vertieft wird. Nach Haus am See lädt der neueste Geniestreich des Duos Thomas Harding und Britta Teckentrup Kinder und Erwachsene ein, Dinge und Ereignisse in Zusammenhängen zu begreifen und sich darüber auszutauschen.
Dass Kriegskinder ihre Traumata bis in die dritte Generation weitergeben, ist der breiteren Öffentlichkeit seit den erfolgreichen Büchern von Sabine Bode „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bekannt. Ulrike Draesner verarbeitet das Thema nun in einem beeindruckenden, vielstimmigen und sprachmächtigen Roman.
Wenn ich heute auf mein Kunstgeschichtsstudium zurückblicke, dann fällt mir keine Vorlesung ein, in denen Künstler*innen der DDR auch nur erwähnt worden wären. Mehr als verwundert habe ich 2009 im Martin Gropius Bau die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke – Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 2009“ besucht, in der kein*e einzig*er Künstler*in der DDR oder Ostdeutschlands vertreten war. Willi Sitte war mir dennoch selbstredend ein Begriff – gilt er doch aufgrund seiner Regierungs- und Parteinähe als der umstrittenste Künstler der DDR.
Genial dieses hinreißende Bilderbuch! In seinem nur von einer schwachen Lampe beleuchteten Zimmer entdeckt ein Kind neben sich auf dem Bett ein riesiges freundlich-dreinblickendes Nashorn. Der Vater glaubt nicht, dass ein Nashorn im Kinderzimmer sei und versucht, dies zu beweisen, indem er überall nachschaut und seiner Ansicht nach auch keines findet. Doch sein Sohn Ludwig und die das Buch anschauenden Kinder wissen es besser und entdecken sofort die vielen Nashornverstecke. Ludwig versucht, seinem begriffsstutzigen Papa auf die Sprünge zu helfen, der immerhin einsieht, dass der Mond da ist, obwohl sie ihn in diesem Moment nicht sehen können. Doch beim Nashorn Fehlanzeige, da bleibt er stur.