Mit Illustrationen von Halina Kirschner. Mairisch Verlag 2023, 56 S., € 20,-, ab 4

Am Anfang ist die Arbeit des Autors anstrengend. Der Kopf braucht Abwechslung, also ab aufs Rad und schon geht es von A nach B und auf nach C! Dort im dritten Kapitel taucht nun auch die Velociraptorin auf, eine menschhohe Dinodame, die mit auf wilde Radtour geht und sogar ein Radrennen gewinnen will. Dabei rollen die beiden sprachspielerisch und poetisch durch das Alphabet und über Fahrräder lernt man auch noch jede Menge. Aber alles zu seiner Zeit, bzw. im passenden Alter. Oder wie Mohl & Kirschner es im kleinen Vorwort auch selbst formulieren: Kann man wissen, muss man aber nicht, und am wichtigsten ist, dass die Geschichte gefällt! Die jüngsten Zuhörer*innen finden sicherlich vor allem Gefallen am lautmalerischen Erzählton, für ältere Kinder sind die technischen Details bestimmt schon wieder spannend. Die tollen Illustrationen im wunderschön gestalteten Band als Sonderfarbendruck in knalligem Grün und Pink machen Lust auf den Frühling und endlich wieder Radtouren. Eine Empfehlung für Dino-Fans, Fahrrad-Begeisterte, ABC-Lernende, Sprachverliebte und die ganze Familie! (Jana Kühn) Blick ins Buch

Henry Preston Standish ist ein Gentleman der alten Schule, stets elegant, sportlich und distinguiert. Und so erscheint ihm sein Fall von einem Ozeandampfer in den Pazifik zunächst als peinliches Missgeschick. „So etwas machte man nicht“. Nun treibt der junge, durchtrainierte Mann Stunde um Stunde im Wasser und macht sich Gedanken über seine Lage, sicher, dass dies eine äußerst erzählenswerte Anekdote aus seinem Leben sein wird. Doch an Bord wird sein Verschwinden lange, viel zu lange, nicht bemerkt, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
In einer schon fortgeschrittenen Nacht, als sie mit einem alten Freund unterwegs ist, trifft Judith Hermann in einem Späti auf der Kastanienallee zufällig ihren ehemaligen Analytiker. Zum ersten Mal außerhalb des geschützten Raums seiner Praxis, als sie und ihr Freund in ein langes Müttergespräch eingetaucht waren. Diese zufällige surreale Begegnung, die die Autorin wie eine filmreife Szene beschreibt, lässt sie nicht los. Sie folgt ihrem Ex-Analytiker in eine Kneipe und nutzt das Aufeinandertreffen und all das, was es bei ihr an Erinnerungen und Reflexionen auslöst, zum Ausgangspunkt ihres Buches zum „Schweigen und Verschweigen im Schreiben“ und erschafft einen ganzen Kosmos aus ihrer ungewöhnlichen Kindheit und Jugend. Aus Familie und Freundschaften, Berlin und dem Land, Tagen und Nächten, Dingen und Ideen, Alltag und Literatur. Mit ihrer direkten verdichteten Sprache gelingt ihr bravourös der Spagat, sehr Privates zu erzählen und gleichzeitig darüber hinaus vom Lebensgefühl einer Frau in der Mitte des Lebens zu schreiben – und dies in ihrem unverwechselbaren tollen Sound! (Stefanie Hetze)
Stine – wie ihre Autorin 1986 geboren und zum Mauerfall erst drei Jahre alt – erinnert kaum Details der DDR-Zeit. Die Lebenserfahrungen ihrer Eltern und Großeltern prägen sie dennoch und sind auch prägend für diesen Roman. Doch Rabe erzählt auch von Generationskonflikten jenseits der Wende-Thematik, von (Groß)Eltern, denen bedürfnisorientiertes Begleiten von Kindern fremd ist, für die Kinder funktionieren und vor allem gehorchen müssen. Dafür verschränkt die Autorin Kindheitserinnerungen mit Erfahrungen von Mutterschaft, wobei dies nur eines der sehr vielen Themenfelder Rabes ist. Dreh- und Angelpunkt sind die Recherchen zu Stines systemtreuen Opa Paul, die immer neue Fragen aufwerfen – Fragen nach Gewalt in der Familie, aber auch in der Gesellschaft der Nachwendezeit. Dabei schaltet sich stetig eine zweite Erzählinstanz zur Ich-Erzählerin Stine, die hinterfragt, kommentiert oder fortschreibt. Wäre der Text eine Bühnensituation oder Filmsequenz, hätte man eine Stimme aus dem Off im Ohr. Anne Rabe debütiert zwar literarisch, man erkennt jedoch deutlich die Handschrift der erfahrenen Essayistin, Dramatikerin und Drehbuchautorin. Im collagenhaften Aufbau, mal faktenreich, mal erzählerisch droht das Buch manchmal etwas zu zerfasern. Doch gelingt es Anne Rabe stets, die disparaten Teile fesselnd zusammenzuhalten. (Jana Kühn)
Die uralte Stadt Syrakus, vor 2500 Jahren Schmelztiegel im Mittelmeerraum, liegt am südöstlichen Rand Siziliens am Ionischen Meer. Der Ätna, Griechenland und Nordafrika sind nah. Im historischen Zentrum auf der vorgelagerten schmalen Insel Ortigia, auf der sich die Antike in unzähligen Schichten niedergelagert hat, hat der Autor seit geraumer Zeit seinen zweiten Wohnsitz. Hier spürt der belesene Flaneur in ausgedehnten Streifzügen durch die Straßen, Märkte und Lokale den vielschichtigen Facetten der immer noch lebendigen Geschichte Syrakus nach. Sie ist tief im Bewusstsein der Bevölkerung verwurzelt, wie seine Gespräche mit Einheimischen anschaulich verdeutlichen. Künstler verarbeiten sie in ihren Gemälden, Adlige pflegen leidenschaftlich ihre Sammlungen antiker Gegenstände. Bei seinem Barbier, den Wirt*innen, einem Polizisten, einer Übersetzerin … gehört das Erinnern zu ihrem Alltag. Gleichzeitig gibt es die Gegenwart, die Bedeutungslosigkeit der Randexistenz, die vielen Probleme durch Verkehr, Armut, Immigration, Lethargie, aber auch die reichen Genüsse an guten Speisen und köstlichen Dolci, die Schönheit und Kraft des die Stadt umgebenden Meeres. Auch wenn wir nicht vor Ort sind, können wir mit diesem Buch diese besondere mediterrane Stadt erkunden, zwei Stadtpläne verschönern den literarischen Spaziergang. (Stefanie Hetze)
Zu Recht trägt dieses sympathische kleine Buch den Untertitel „Ein heiteres Nudelbuch“. Immer schon war der Amerikaner Steven Guarnaccia von den klangvoll auszusprechenden Pastasorten angezogen gewesen. Erst bei einem langen Italienaufenthalt lernte er die Fülle der Sorten und vor allem der für die jeweilige Beschaffenheit besten Saucen kennen. In seinem ABC stellt er uns nun die Varianten von Acini di pepe über Gigli, Radiatori bis hin zu den Ziti vor mit kurzen Beschreibungen ihrer Besonderheiten und Erklärungen ihrer Namen. Dazu gibt es als echte Hingucker charmante anspielungsreiche Illustrationen und im zweiten Teil über 40 wirklich tolle abwechslungsreiche Pastarezepte, die sich leicht und lecker nachkochen lassen und sich jenseits der klassischen Tomatensauce bewegen. (Stefanie Hetze)
Damani, schwarz, bisexuell, scheinselbständig als Fahrerin für ein Fahrdienstunternehmen, das sie knebelt, reibt sich auf. Sie fährt ihr Auto Tag und Nacht durch den extremen stressigen Verkehr der namenlosen Großstadt, in der ständig demonstriert wird und die Stimmung aufgeladen ist. Das Geld reicht trotzdem von hinten und vorne nicht und dann muss sie sich nach dem Tod ihres geliebten Vaters auch noch um ihre pflegebedürftige Mutter kümmern. Hätte sie nicht ihr Krafttraining und ihre coolen Freund*innen, mit denen sie sich in einem besetzten Haus trifft, wäre sie aufgeschmissen. Und dann geschieht etwas völlig Unerwartetes, sie verknallt sich in eine scharfe Frau. Nur ist sie weiß, reich und wohlmeinend. Wie da zwei Lebensrealitäten und Haltungen bei starker sexueller Anziehung aufeinanderprallen, hat die Autorin in ihrem Feuerwerk eines Debütromans in schnellen Szenen, rasanten Wechseln von Diskursen, Schauplätzen und Figuren sowie einer direkten schnörkellosen Sprache eingefangen. Das macht trotz aller Dramatik großen Spaß. (Stefanie Hetze)
Hasen haben – das wissen wir alle – zu Ostern Hochkonjunktur. Aber auch während des restlichen Jahres bietet dieses kleine, wie immer im Rahmen der Naturkunden äußerst ansprechend gestaltete Buch viel Interessantes zu entdecken.
Elisabeth, wie ihre Autorin eine glühende Jungsozialistin, erfährt, dass auch ihr zweiter, noch mehr geliebter Bruder Uli die DDR verlassen will. Verzweifelt versucht sie, ihn zum Bleiben zu überreden. Im Jahr des Mauerbaus begonnen, 1963 erstmals veröffentlicht, ist die Erzählung wohl als Reimanns Antwort auf die Abriegelung des Staates zu verstehen. „Die Stasi-Szene gestrichen, die Kunst-Diskussion gestrichen; alles, was an Gefühl … oder gar Bett gemahnt, ist gestrichen, und jetzt kann man meine schöne Geschichte getrost in jedem katholischen Mädchenpensionat auslegen.“* Doch heute liegt das stark autobiografisch angelehnte Buch in einer Version vor, welche die Zensurbehörde der DDR noch nicht kannte und die nun ohne die später durchgesetzten Streichungen gelesen werden kann. Der Aufbau Verlag nutzt die Gelegenheit dieses Überraschungsfundes für eine ganze Reihe sehr schön gestalteter Neuausgaben, u.a. „Franziska Linkerhand“ und Reimanns Tagebücher „Ich bedaure nichts.“ (Jana Kühn)
träumten vom Sozialismus” über Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf empfohlen – es ergänzt sich so wunderbar! Mit ihrem nicht (be)wertenden Blick und sehr anschaulich beschrieben zeigt die 1986 geborene Journalistin, wie sich die drei so unterschiedlichen Autorinnen in ihrem Glauben an eine Utopie und dem gleichzeitigen Hadern mit dem dahinter stehenden Staat treffen. Mit ihrer Neubetrachtung eröffnet Würfel Tür und Tor, diesen Kosmos aus spezifisch weiblichen Erfahrungen in der DDR wieder zu entdecken.
Schaukeln macht richtig Spaß. Es kann hoch hinaus gehen, beinahe himmelhoch lässt es sich fliegen, aber auch das Fallen ist nahe. Und dann sind noch die anderen, die auch alle gerne schaukeln wollen. . . Die Künstlerin Britta Teckentrup hat eine Schaukel oberhalb eines Meeres gezeichnet und Jahre voller Freuden, Begegnungen und Stimmungen an diesem besonderen Ort festgehalten, der sich ständig verändert. Kindern kommen zum Toben und Spielen, Jugendliche zum Flirten und Nachdenken, Erwachsene zum Nachdenken und gesellig Sein. Tiere begegnen sich dort, das Wetter, die Tageszeiten ändern sich, auch nagt die Zeit an ihr. Pflanzen und Gestrüpp wuchern sie zu, bis ein Vater, der sich an diese Schaukel aus seiner Kindheit erinnert, sie mit seinem Kind wieder davon befreit. Menschen kommen hinzu und reparieren sie, bis endlich wieder auf ihr geschaukelt werden kann! Ein stimmungsvolles illustriertes Buch zum immer wieder Anschauen, Gedanken nachzuhängen und miteinander über das Leben zu philosophieren. (Stefanie Hetze)