Wilhelm Bode: Hasen – Ein Portrait

Matthes & Seitz 2023, Reihe Naturkunden, mit zahlreichen Abbildungen, 159 S., € 22,-

Hasen haben – das wissen wir alle – zu Ostern Hochkonjunktur. Aber auch während des restlichen Jahres bietet dieses kleine, wie immer im Rahmen der Naturkunden äußerst ansprechend gestaltete Buch viel Interessantes zu entdecken.
Wieso schlägt der Hase Haken? Wie schnell kann er rennen? Woher stammt eigentlich die Figur des Osterhasen? Warum war der Hase das heilige Tier der Aphrodite? Und was hat die Geschichte „Der Hase und der Igel“ mit dem Konflikt zwischen Feudalherren und Kleinbauern Mitte des 19. Jahrhunderts zu tun? Diese und viele andere unterhaltsam-überraschende Fakten über den neugierigen und wendigen Bewohner unserer Felder und Wiesen lassen sich hier erlesen. Und wenn wir demnächst einmal das Glück haben sollten, einem Hasen über den Weg zu laufen, werden wir ihn nach dieser Lektüre sicher mit neuem Auge hinterherschauen, wie er mit großen Sätzen davonspringt. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Brigitte Reimann: Die Geschwister

Aufbau 2023, 224 S., € 22,-

Elisabeth, wie ihre Autorin eine glühende Jungsozialistin, erfährt, dass auch ihr zweiter, noch mehr geliebter Bruder Uli die DDR verlassen will. Verzweifelt versucht sie, ihn zum Bleiben zu überreden. Im Jahr des Mauerbaus begonnen, 1963 erstmals veröffentlicht, ist die Erzählung wohl als Reimanns Antwort auf die Abriegelung des Staates zu verstehen. „Die Stasi-Szene gestrichen, die Kunst-Diskussion gestrichen; alles, was an Gefühl  … oder gar Bett gemahnt, ist gestrichen, und jetzt kann man meine schöne Geschichte getrost in jedem katholischen Mädchenpensionat auslegen.“* Doch heute liegt das stark autobiografisch angelehnte Buch in einer Version vor, welche die Zensurbehörde der DDR noch nicht kannte und die nun ohne die später durchgesetzten Streichungen gelesen werden kann. Der Aufbau Verlag nutzt die Gelegenheit dieses Überraschungsfundes für eine ganze Reihe sehr schön gestalteter Neuausgaben, u.a. „Franziska Linkerhand“ und Reimanns Tagebücher „Ich bedaure nichts.“ (Jana Kühn) Leseprobe

* EXTRA! Und wer noch weiter eintauchen möchte, dem sei wärmstens  „Sie träumten vom Sozialismus” über Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf empfohlen – es ergänzt sich so wunderbar! Mit ihrem nicht (be)wertenden Blick und sehr anschaulich beschrieben zeigt die 1986 geborene Journalistin, wie sich die drei so unterschiedlichen Autorinnen in ihrem Glauben an eine Utopie und dem gleichzeitigen Hadern mit dem dahinter stehenden Staat treffen. Mit ihrer Neubetrachtung eröffnet Würfel Tür und Tor, diesen Kosmos aus spezifisch weiblichen Erfahrungen in der DDR wieder zu entdecken. Leseprobe

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Britta Teckentrup: Die Schaukel

Prestel 2023, 160 S., € 25,-, ab 5 und für alle

Schaukeln macht richtig Spaß. Es kann hoch hinaus gehen, beinahe himmelhoch lässt es sich fliegen, aber auch das Fallen ist nahe. Und dann sind noch die anderen, die auch alle gerne schaukeln wollen. . . Die Künstlerin Britta Teckentrup hat eine Schaukel oberhalb eines Meeres gezeichnet und Jahre voller Freuden, Begegnungen und Stimmungen an diesem besonderen Ort festgehalten, der sich ständig verändert. Kindern kommen zum Toben und Spielen, Jugendliche zum Flirten und Nachdenken, Erwachsene zum Nachdenken und gesellig Sein. Tiere begegnen sich dort, das Wetter, die Tageszeiten ändern sich, auch nagt die Zeit an ihr. Pflanzen und Gestrüpp wuchern sie zu, bis ein Vater, der sich an diese Schaukel aus seiner Kindheit erinnert, sie mit seinem Kind wieder davon befreit. Menschen kommen hinzu und reparieren sie, bis endlich wieder auf ihr geschaukelt werden kann! Ein stimmungsvolles illustriertes Buch zum immer wieder Anschauen, Gedanken nachzuhängen und miteinander über das Leben zu philosophieren. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Veronica Raimo: Nichts davon ist wahr

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Klett-Cotta 2023, 224 S., € 22,-

(Niente di Vero, Einaudi 2022, 165 p., ca € 22,50)

Es ist eine sehr spezielle Hölle, diese Familie. Der paranoide Vater zieht in der engen Wohnung Trennwände ohne Ende, die depressive Mutter verfolgt die Tochter mit Telefonterror, der Bruder ist ein Überflieger. Verbote, seltsame Regeln und Usancen prägen die Kindheit der Ich-Erzählerin, die sich als Jugendliche da mühsam herauszustrampeln versucht und als junge Erwachsene höchst kreativ originelle Taktiken entwickelt, um ein eigenes Leben zu führen. sie muss tricksen, lügen, verschiedenste Rollen spielen, obwohl sie am liebsten nichts tut und schweigt, wie sie behauptet. Verika, Vero, Gans, Mistkäfer, Spillerix, V., Veca … jede:r nennt und kennt sie anders. Gekonnt spielt die Autorin, ihr scheinbares Alter Ego, dabei mit den Erwartungen an Autofiktion von uns Leser:innen, die wir alles für bare Münze nehmen. Aber Nichts davon ist wahr oder vielleicht doch? Ihr bitterböser Sarkasmus, hinter dem eine tiefe Zuneigung für ihre Figuren aufblitzt, macht durch ihre leichtfüßige pointierte Sprache großes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Chantal-Fleur Sandjon: Die Sonne so strahlend und Schwarz

Thienemann 2023, 384 S., € 17,-, ab 14 für alle

Eigentlich ist die 17-jährige Schwarze Berlinerin Nova hart trainierende Rollschuhläuferin, doch hat ihr misshandelnder Stiefvater ihr einen Arm gebrochen und ihr nicht nur den Sport unmöglich gemacht. Doch jetzt startet eine neue Zeit. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Halbbruder kann sie nach häuslicher Gewalt und Frauenhaus in einer neuen Wohnung endlich zur Ruhe kommen, traut sie sich sogar hinaus in den neuen Kiez, lernt den queeren Felix* kennen und verliebt sich blitzartig in die schwarz leuchtende Akoua. Eine aufregende lesbische Coming-of-Age-Geschichte beginnt mit vielen Up’s und Downs, nicht nur in der Beziehung der beiden jungen Frauen. Rassismus und Sexismus sind leider omnipräsent. Doch so viel sei verraten, ihre Liebe, ihre Ressourcen und ihre Community sind stark. Das alles wäre schon genug für einen fantastischen empowernden Roman, doch hat Chantal-Fleur Sandhon durch die Form, die sie gewählt únd bravourös ausgeführt hat, eine wirkliche Perle geschaffen. Nova erzählt ihre Geschichte in Versen, die sich vortasten, tänzeln, kreisen, vibrieren, anhalten, Luftsprünge machen. Das ist atemberaubend zu lesen und auch optisch ein Genuss. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Corey R. Tabor: Pips fliegt

Aus dem Amerikanischen von Ebi Naumann, Thienemann 2023, 40 S., € 15,-, ab 4

Das Eisvogelmädchen Pips ist sich sicher: Heute findet ihr erster Flug statt. Salto hopp und los! Grandios, wie Corey R. Tabor das Entsetzen und die verzweifelten Versuche von Eichhörnchen, Bienen und Spinnen einfängt, um Pips vielleicht doch noch zu retten. Doch Pips saust nach unten! Doch aufgepasst, hier kommt der Clou: Hat Pips im Sturzflug die Mitte des Bilderbuches erreicht, muss es gedreht werden. Und hoppla: Pips fliegt ja! Aus dem scheinbaren Fallen wird ein stolzer Aufstieg, den nun alle Bewohner des Baumes überschwänglich beklatschen. So simple wie genial – in der Idee der Buchgestaltung, vor allem mit einer selbstbewussten Bilderbuchheldin, die Mut macht und begeistert! (Jana Kühn)

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Tony Hillerman: Tanzplatz der Toten

Ein Fall für die Navajo-Police. Aus dem Englischen von Helmut Eilers, Unionsverlag 2023, 224 S., € 14,-

Lieutenant Joe Leaphorn versucht das Verschwinden des Navajo Jungen George aufzuklären und wird dabei tief in die Welt der Götter der benachbarten Zuñi-Kultur hineingezogen. Warum suchte George nach den Rachegöttern der Zuñi, den Kachina? Und wer hat seinen besten Freund, den Zuñi-Jungen Cata getötet? Was haben die in der Nähe wohnenden Hippies und die nach Zeugnissen der prähistorischen Folsom-Menschen suchenden Archäologen damit zu tun?
Dieser erste Band einer wieder aufgelegten Serie in überarbeiteter Übersetzung, die ab sofort fortlaufend im Unionsverlag erscheinen wird (die ersten beiden Bände sind schon erhältlich), ist sowohl ein spannender Krimi, als auch ein faszinierender Blick in die indigenen Kulturen, die im Nordosten Arizonas ansässig sind, sowie auf ihre heutige Lebensweise zwischen Moderne und Tradition. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Alba de Céspedes: Aus ihrer Sicht

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Mit einem Nachwort von Barbara Vinken. Insel Verlag 2023, 637 S., € 28,-, TB 2024, € 14,-

(Dalla parte di lei, Mondadori, ca. € 19,50)

Ein Roman ohne Wenn und Aber erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau. Alessandra wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen im Rom der Dreißigerjahre auf. Für Mädchen und Frauen, die noch eine Art von Begehren ausleben möchten, sind im patriarchalen faschistischen Italien, wie die Autorin minutiös schildert, eigentlich nur zwei Rollen vorgesehen: als anständige ihrem Mann unterworfene Ehefrau oder als verpönte Konkubine. Alessandra, die wie ihre aus der Art geschlagene Mutter, einer Künstlerin, die einen Suizid begeht, einen Mann lieben will, ohne von diesem geknechtet zu werden, nimmt einen langen Weg der Rebellion auf sich. Äußerlich angepasst verfolgt sie trotz aller Widerstände kompromisslos ihr Ziel, für sich und ihre leidenschaftlichen Wünsche als Frau zu kämpfen. Der Preis dafür ist hart, doch die Protagonistin bleibt ganz bei ihrer Sicht und dokumentiert sie auch als Niederschrift. Gnadenlos entlarvt De Céspedes die ausweglosen frauenfeindlichen Verhältnisse im Italien der Dreißiger/Vierziger Jahre. Selten wurde in der Literatur so haarscharf und unbestechlich der Finger auf die Wunde der Genderungerechtigkeit gelegt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Die Übesetzerin Karin Krieger spricht über den Roman

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Thomas Harding & BrittaTeckentrup (Illustr.): Das alte Haus an der Gracht

Aus dem Englischen von Nicola Stuart. Jacoby & Stuart 2023, 48 S., € 22,-, ab 8

Das Anne-Frank-Haus an der Prinsengracht in Amsterdam, das zwei Jahre lang Anne Frank und ihrer Familie Schutz bot, ehe ihr Versteck verraten und sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden, ist der Protagonist dieses besonderen Sachbilderbuchs. Die detailreichen, zeitlich verorteten Bilder und der präzise, aber einfühlsame Text erzählen aus der Perspektive des Gebäudes dessen wechselhafte Geschichte und die seiner unzähligen Bewohner:innen. So entsteht für Kinder unmittelbar nachvollziehbar ein geographischer und historische Kontext für die Gewalt, die Anne Frank angetan wurde, der im ausführlichen Anhang vertieft wird. Nach Haus am See lädt der neueste Geniestreich des Duos Thomas Harding und Britta Teckentrup Kinder und Erwachsene ein, Dinge und Ereignisse in Zusammenhängen zu begreifen und sich darüber auszutauschen.

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Ulrike Draesner: die Verwandelten

Penguin 2023, 608 S., € 26,-

Dass Kriegskinder ihre Traumata bis in die dritte Generation weitergeben, ist der breiteren Öffentlichkeit seit den erfolgreichen Büchern von Sabine Bode „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bekannt. Ulrike Draesner verarbeitet das Thema nun in einem beeindruckenden, vielstimmigen und sprachmächtigen Roman.
Alissa wird in einem Heim des nationalsozialistischen „Lebensborn“ geboren, mit fünf Jahren von einem wohlhabenden nationalsozialistischen Paar adoptiert und wächst als Gerhild auf. Dass sie die Tochter der Köchin Adele aus Breslau ist, die vom Hausherren geschwängert wurde, entdeckt sie erst im hohen Alter.
Ihre Halbschwester Renate erfährt Ende des Krieges die Vergewaltigung durch russische Soldaten und verwandelt sich in Walla, um zu vergessen und im nun polnischen Breslau/Wrocław bleiben zu können.
Erst als ihrer beiden Töchter Kinga und Dorota – Nebelkinder, im Schweigen aufgewachsen –  einander begegnen, lösen sich die düsteren Spuren der Vergangenheit in einer möglicherweise klareren Zukunft auch für Kingas Adoptivtochter Flummy, „Krieg und Nachkrieg entkommen. Vielfach verwurzelt“.
Ulrike Draesner, die als Lyrikerin mit der Sprache virtuos zu wirken versteht, gibt den „Verwandelten“ eine Stimme. In Zeit- und Personenwechseln – mal spricht Alissa im Alter, mal als kleines Mädchen, mal Kinga oder Doro, mal Reni, ihre Mutter Else oder Adele – entfaltet sich ein überaus beeindruckendes Panorama weiblicher Lebenserfahrungen im 20. Jahrhundert. (Syme Sigmund) Leseprobe

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