Aus dem Englischen von Tanja Handels, Hanser Berlin 2023, 272 S., € 24,-
Mae, die 17-jährige Tochter einer alkoholkranken Kellnerin, versucht ihrer nichtssagenden Existenz zu entkommen. Sie schmeißt die Schule und gerät durch Zufall an einen Job als Schreibkraft – in Andy Warhols Factory. Hier transkribiert sie Kassetten mit Interview-Aufnahmen, die später zu dem Buch a: A Novel werden sollten. Auf diese Weise dringt sie – verborgen unter Kopfhörern und mit den Fingern auf den Tasten ihrer Schreibmaschine – in den innersten Warhol-Circle ein. Wie in einer Beichte hört sie den obszönen, verletzlichen, exzentrischen oder selbstverliebten Dialogen tagtäglich zu. Trotz ihrer ununterbrochenen Präsenz im Raum, als Zeugin von Fotosessions, Filmaufnahmen und Szene-Partys bleibt sie für diese Menschen doch unsichtbar, ein unbeachtetes Mädchen am Rand ihrer Wahrnehmung. Nach und nach wandelt sich ihr anfänglicher Stolz, zu etwas Großem, Einzigartigem beizutragen immer mehr in Verstörung über die zu intimen, erniedrigenden und entblößenden Szenen, deren stumme Zeugin sie wird. Nicole Flattery hat ausführlich zu diesem Roman recherchiert, und es gelingt ihr über den Blick Maes diese berühmte, einzigartige Zeit und Location lebendig werden zu lassen und dabei die Menschlichkeit, Verletzlichkeit und auch die Arroganz der damaligen Berühmtheiten zu vermitteln, ohne über sie zu urteilen. Eine faszinierende Reise zurück in die späten 60er Jahre New Yorks, in denen kurzzeitig alles möglich schien. (Syme Sigmund) Leseprobe

Die Familie des 15jährigen Eniola lebt seit der Arbeitslosigkeit des Vaters in immer größerer Armut. Gerade noch so halten sie den immer ungeduldigeren Vermieter ihrer Ein-Zimmer-Wohnung hin. Wuraola, die aus einer sehr wohlhabenden Familie stammt, kämpft wiederum als junge Assistenzärztin mit den Widrigkeiten des maroden nigerianischen Gesundheitssystems. An und für sich haben beide nur wenig gemeinsam. Doch Ayòbámi Adébáyò lässt ihre Wege in einer Schneiderei kreuzen, wo Eniola als Laufbursche arbeitet und Wuraolas Mutter hochverehrte Stammkundin ist. So erfahren wir abwechselnd vom Alltag und aus dem Umfeld zweier Familien, deren sozioökonomischer Status kaum unterschiedlicher sein könnte. Erzählerisch gekonnt, fesselnd und mit stetig steigendem Tempo bildet Adébáyò so einerseits ein gesellschaftliches Panorama des heutigen Nigerias im Strudel aus fragwürdigen Traditionen und Machtmissbrauch auf vielen Ebenen ab. Andererseits sind gerade aus familiärer Sicht diese Konflikte universell und leider durchaus übertragbar auf unsere Breiten. (Jana Kühn)
Ephraim, Emma, Noemi, Jacques – aus dem Nichts erhält Anne Berests Mutter Neujahr 2003 eine anonyme Postkarte, nur mit den Vornamen ihrer 1942 in Auschwitz ermordeten Angehörigen. Sie verstört die Familie, doch mangels Erklärung wird sie beiseitegelegt und nie wieder erwähnt. Verdrängen war die Regel, hatte doch Myriam, die Großmutter, die nur durch ein „dünnes Zufallfädchen“ die Naziherrschaft überlebt hatte, über die Vergangenheit geschwiegen. Erst Jahre später, als die Autorin hochschwanger bei ihren Eltern auf die Geburt wartet, erinnert sie die Karte und möchte von ihren Vorfahren hören. Doch erst als ihre eigene Tochter in der Schule antisemitisch diffamiert wird, beginnt sie ernsthaft, die Geschichte ihrer Angehörigen zu recherchieren. Dabei kann sie sich auf das Archiv ihrer Mutter stützen, die, ohne darüber zu reden, alles Erdenkliche zur Familiengeschichte gesammelt hat. Mit Hilfe von Kriminologen und Nachforschungen aller Art wird peu à peu die vielgestaltige Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht und unverhoffte Wendungen nimmt, aufgerollt. Das ist spannend und mitreißend wie in einem Krimi erzählt, wird aber durch die Passagen, in denen sie von ihren Rechercheschritten berichtet und uns am persönlichen Austausch mit ihren Angehörigen teilhaben lässt, zu einer direkten Einladung, sich selbst zu seinem eigenen Verhalten zu befragen. (Stefanie Hetze)
Daisys Mutter, eine erfolgreiche Journalistin, verschwindet auf einer Recherchereise im Amazonas-Gebiet. Sie selbst kann sich in letzter Minute vor grimmigen Verfolgern in den Londoner Botanischen Garten retten. Dort öffnet ihr eine geheimnisvolle Pforte den Weg nach Greenwild, einer fantastischen Welt voller wundersamer Pflanzen – vor allem voller Grüner Magie. Und offensichtlich kannte ihre Mutter diese Welt, war selbst eine Botanistin. Und: “Botanistin zu sein, bedeutet vor allem, darüber nachzudenken, was wir für die Natur tun können – und nicht nur, was sie für uns tun kann.” Daisy macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter und erlebt zahlreiche Abenteuer, die bei aller Fantasie viele Anknüpfungspunkte in unserer Welt haben und en passant für den Schutz der Einzigartigkeit von Natur- und Pflanzenwelt sensibilisieren. Fesselnder Auftakt einer magisch-botanischen Trilogie in schönster Buchgestaltung, Teil II kommt schon im Herbst – wir sind gespannt! (Jana Kühn)
Welch ein Fund, den Suhrkamp da gehoben hat und der von der Übersetzerin Karin Betz in ein nur so vor Lebendigkeit und Einfallsreichtum funkelndes Deutsch übertragen wurde! Meine Stadt erschien 1975 als Fortsetzungsroman in einer Hongkonger Zeitung. Er porträtiert diesen einmaligen Ort, der im Zentrum kolonialer und geopolitischer Macht- und Finanzinteressen stand, während die Bevölkerung, die durch die Ankunft vieler Geflüchteter enorm anstieg, versuchte, mit den verschiedenen Gegebenheiten umzugehen. In dieser vielfältigen Stadtgesellschaft, die den unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt ist, in der Chinesische Kaiser auf die Beatles und Reissuppen auf Schinkensandwiches treffen, lässt Xi Xi ihren jugendlichen Protagonisten, der mit Mutter und Schwester frisch angekommen ist, die verschiedensten Menschen und Lebensumstände kennenlernen. All diese Begegnungen, Szenen und Episoden sind ein Feuerwerk an Anspielungen, Wort- und Gedankenspielen. Gegenstände und Phänomene erzählen ganz poetisch ihre Sicht der Dinge, wie die Fähre, die sich vom Pier verabschiedet. Filme, Songs und Buchtitel werfen auf das Beschriebene noch einmal ein anderes Licht. Der Kultautorin von 1975 und der Übersetzerin aus der Gegenwart ist es gelungen, das Hongkong von damals plastisch nachvollziehbar zu machen und gleichzeitig die großen Probleme der Menschheit anklingen zu lassen. (Stefanie Hetze)
Manchmal braucht es, bis auch wir ein Buch entdecken, zu überbordend die Schwemme an italienischen Kochbüchern. Umso größer ist unsere Begeisterung für dieses Buch, das kompromisslos die Einfachheit der Küchen Italiens feiert und uns beim Selberkochen anregt und auffordert, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf die besten aller Zutaten und auf den selbstbestimmten Umgang mit den Rezepten. Die Geschichten zu den Gerichten sind kein schmückendes Beiwerk wie sonst üblich, sondern geben die nötigen Hintergrundinformationen, um in das Wesen eines Rezepts einzutauchen und ein gutes Gespür zu entwickeln, worauf es bei ihm wirklich ankommt. Da passt es auch, dass kaum Mengenangaben vorhanden sind, denn mal ist eine Artischocke winzig, mal riesengroß. Köstlich kann mit diesem Buch gekocht werden, kann der Essenz von Klassikern wie der Caponata oder Spaghetti all’Amatriciana nachgegangen werden oder vielleicht ganz Neues entdeckt werden wie einem Salat aus rohem weißem Spargel. Und sich zudem erfreuen an der Ästhetik und den sinnenfreudigen Fotografien. Prächtig! (Stefanie Hetze)
Erstlesegeschichten sind eine wirklich knifflige Angelegenheit … sprachlich dürfen sie nicht überfordernd sein, aber eben auch nicht langweilig. Im besten Falle machen sie Lust auf Geschichten und motivieren mit Lektüre-Erfolgserlebnissen zum Weiterlesen. Martin Muser – Autor der von uns heiß geliebten dreibändigen Reihe „Kannawoniwasein“ – debütiert hier in diesem Genre. Und wie! Entstanden ist die als Kettenreaktion und gereimt erzählte, turbulente Geschichte eines Feuerwehreinsatzes. Das Ganze kommt als immer länger werdender Kettensatz in Erzählschleifen daher. Klingt kompliziert? Nein! Die Kinder lesen wieder und wieder, ergänzt um jeweils neue Details ähnliche Sätze. Das Wiedererkennen der Wörter hilft enorm beim Lesen. Die sehr lustigen Illustrationen von Sabine Kranz ergänzen wunderbar und helfen, der Geschichte auch auf der Bildebene zu folgen. Und mit einer Überraschung am Schluss erfahren wir schließlich doch noch, warum die Feuerwehr zu dem Haus rast, in dem Mika wohnt. (Jana Kühn)
Ein faszinierendes Spiel der Assoziationen, Verknüpfungen und gedanklichen Bezüge bieten uns diese Essays des nigerianischen Autors und Fotografs Teju Cole, der heute in den USA lebt. So folgt er den Wegen von Caravaggios Exil von Rom über Neapel nach Sizilien und Malta und verbindet dieses, und die dort entstandenen Kunstwerke mit den Spuren der heutigen Exilanten, die über das Mittelmeer kommen. In „Elegien“ würdigt er so unterschiedliche Künstler wie Tranströmer, Kassé Mady Diabaté oder Aretha Franklin und verbindet seine Hörerfahrung von Beethovens Streichquartett Nr. 15 op. 132 mit Erinnerungen an New York, Ramallah, Beirut und Berlin. Stets aufs Neue findet er überraschende Parallelen zwischen scheinbar voneinander unabhängigen Sphären, regt an, die Welt, auch die Dunkelheit, mit allen Sinnen zu erfahren, plädiert „für einen Haltung der wachen Sinne“, vereint immer wieder Ästhetik, Ethik und Politik, ohne dabei in Plattitüden zu verfallen. Es begegnet den Leser:innen ein intellektueller Autor im besten Sinne des Wortes, überraschend, anregend und inspirierend, der die Schönheit erfasst, ohne vor dem Elend der Welt die Augen zu verschließen. (Syme Sigmund)
Der heiße Südwesten der USA zwischen Los Angeles, Arizona und Mexiko war die Wahlheimat von Mary Hunter Austin. Dieser kargen, großartigen Landschaft, ihren Pflanzen, Tieren und Menschen, fühlte sie sich zutiefst verbunden. In vierzehn Essays beschreibt sie mal die Wüste, mal die Berge der Sierra, mal ihre Bewohner und deren Geschichten, und immer tut sie dies als aufmerksam-sensible Beobachterin in einer lyrischen Sprache voller Anmut und Respekt, mit scharfem Blick für die Zusammenhänge der Natur. Nicht umsonst gilt sie als Pionierin der Umweltschutzbewegung (das Buch erschien 1903). Pflanzen, Tiere und Menschen sind für sie Teil eines großen Ganzen, in dem alles miteinander verbunden ist. Der Mensch gehört zur Natur, ist nicht unabhängig von ihr.
Strand, Sonne, Wellen, Kalifornien. Völlig begeistert ist die 15-Jährige Franzie von den wagemutigen Künsten der Surfenden. Um jeden Preis will sie auch aufs Brett, was aus den Augen der ausschließlich männlichen Surfer schier unmöglich ist. Schließlich ist sie ein Mädchen, sind es die Fünfzigerjahre, doch Franzie lässt sich nicht unterkriegen. Schnell kriegt sie den Spitznamen Gidget (kleines Mädchen) verpasst und gehört damit irgendwie doch dazu. Sie wird immer besser, verliebt sich, verändert sich und führt ein Doppelleben, einerseits die kühne Surferin, andererseits die brave bürgerliche Tochter, die mit Lügengeschichten ihre Eltern austrickst. Das wäre jetzt eine heitere befreiende Coming-of-Age-Geschichte, die hier jedoch einen ganz anderen Dreh nimmt. Der schier ahnungslose Vater alias Frederick Kohner, ein jüdischer Drehbuchautor mit deutschen Wurzeln, hat den Auftrag seiner eigenen Tochter erfüllt und mit viel Augenzwinkern und Selbstironie ihre wahre Geschichte aufgeschrieben. Sie selbst wollte lieber surfen gehen. Dieses liebevoll karikierende Spiel mit den Perspektiven hat ab 1956 Gidget enorm populär gemacht mit hohen Auflagen und Verfilmungen. Jetzt kann die frische Neuübersetzung, die gekonnt mit dem Vokabular der Zeit spielt, einfach als entspannte Lektüre genossen werden. (Stefanie Hetze)