Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer, Liebeskind 2022, 272 S., € 24,-
Wer weiß schon, dass das faszinierende dünnbesiedelte Island über 265 Museen verfügt, die meist aus einer privaten Sammelleidenschaft einer Person fernab der Hauptstadt entstanden und nun von rührigen Familienangehörigen als touristische Magnete weiter betrieben werden. Die Autorin des haptisch und visuell angenehmst gestalteten Reisebuchs besucht in Island ganz unterschiedliche und mehr oder weniger obskure Sammlungen wie Petras Steinmuseum, das Phallologische Museum, das historische Museum der Heringsära, das Museum für isländische Zauberei und Hexerei und viele andere. Dabei widmet sie sich nicht nur mit viel Emphase den teils skurrilen Exponaten, mehr noch interessieren sie die reizvollen Geschichten dahinter, die der Menschen, die meist sehr prekär lebten und dennoch aus ihren mit Begeisterung betriebenen privaten Sammlungen in die Öffentlichkeit gerieten. Die isländische Leidenschaft für Geschichten und abseitig scheinende Phänomene überträgt sich mühelos bei der Lektüre dieses außergewöhnlichen Reisebuchs. (Stefanie Hetze)

Ein Bild, ein Dachbodenfund, zwei junge Frauen, Cousinen, der Blick eher traurig als unbeschwert. Wer waren sie? Und wer war der Maler? Frederik Sjöberg macht sich auf die Suche nach den Spuren des heute weitestgehend vergessenen dänischen Malers Anton Dich, Stiefvater eines der Mädchen – und findet Erstaunliches. In plaudernd lässigem Ton führt er uns in die familiären Verwicklungen einer schwedischen Meiereidynastie, zu Modigliani und den Pariser Modernisten, von hier nach Berlin und an die französische Riviera bis zu einem Spekulatius-Originalrezept von Brechts Mutter. Das macht ihm so schnell keiner nach. Eine Empfehlung für Kunstinteressierte und alle, die einfach gute Geschichten mögen. (Syme Sigmund)
Nicht alle wissen, dass der berühmte, unvergessliche Schriftsteller und Regisseur ein leidenschaftlicher Fußballfan und -spieler war. Doch der Volkssport hat Pasolini sein Leben lang begeistert. Fußball war für ihn nicht nur ein Spiel, sondern auch eine die Menschen verbindende Sprache, die jedes Mal zum Ausdruck kommt, wenn ein Fuß den Ball berührt. Über diese Vorliebe berichtet der junge Autor Valerio Curcio. Eine Collage verschiedener Aussagen, Anekdoten, Fotos und Interviews, ist dieses Buch wie eine Wanderung zwischen Literatur und Sport, wobei die emotionale Beziehung zwischen Pier Paolo Pasolini und dem Fußballspiel meisterhaft dargestellt wird. Als Fan, aber auch als Sportjournalist beobachtete er den Fußball auf den kleinsten Spielfeldern bis hin zur Serie A. Manchmal bewunderte er die Ehrlichkeit eines Spiels irgendwo draußen, manchmal jubelte er seiner Mannschaft Bologna zu, manchmal betrachtete er mit soziologischer Aufmerksamkeit das Match im Stadion als den letzten heiligen Akt seiner Zeit. Fußball in seiner ursprünglichen Bedeutung. (Giulia Silvestri)
Im Jahr 1890 beschließen zwei toughe Ladies aus dem irischen Landadel mit Pferd und Karren durch ihre Heimat zu fahren. Die beiden Frauen müssen einige Hindernisse überwinden, bis es endlich losgeht mit Picknickkorb, Revolver, großem Regenschirm und statt des Pferds einer eigenwilligen Eselin. Und dann nehmen sie uns mit zu einer abwechslungsreichen entschleunigten Reise quer durchs irische Connemara. Sie trotzen Wind, Regen und Hunden, verfahren sich und finden nicht immer ein Gasthaus. Sehr direkt, voller Selbstironie schildern sie ihre Erlebnisse, verknüpfen Begegnungen mit der Bevölkerung scharfzüngig mit historischen Ereignissen. Unter dem Namen Somerville & Ross bildeten die Cousinen 2. Grades Violet Martin und Edith Somerville ein eingespieltes Arbeitsteam als Reiseschriftstellerinnen. Zusammen formulierten sie Artikel und Bücher, die Edith mit ihren Illustrationen anreicherte. Ihre Biografien und vieles Mehr lassen sich in dem ausführlichen Nachwort von Elvira Willems nachlesen, sie geht auch der offenen Frage der Art der Beziehung der beiden nach. Very charming! (Stefanie Hetze)
Redewendungen in fünf Sprachen lautet der Untertitel dieses äußerst ansprechenden Sprichwörterbuchs. So global die Welt auch geworden sein mag, Redensarten bleiben einzigartig. Während es im Deutschen Bindfäden regnet und im Französischen Seile, sind es im Englischen Katzen und Hunde, gießt es in Italien aus Waschschüsseln, nur getoppt von spanischen Kröten und Schlangen! Dagegen schauen all die fünf Sprachen einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, suchen beim berühmten Haar in der Suppe jedoch länderspezifisch ganz andere Dinge an anderen Orten. Auf vergnügliche Weise lassen sich Vergleiche ziehen, Redewendungen anhand der charmanten Illustrationen erraten und spielerisch Idiome dieser Sprachen lernen. Bestens zum Verschenken geeignet. (Stefanie Hetze)
Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
Als mich im Februar 2021 die Nachricht erreichte, Françoise Cactus sei verstorben, war ich sehr traurig. Sängerin, Schlagzeugerin, Liedermacherin vom feinsten, Radiomoderatorin einer meiner Lieblingssendungen, eine offenherzige, witzige Frau und nicht zuletzt Kreuzbergerin, über sie könnte man viel erzählen.
Das Cover ist schon das einladende Entree zu einer farbenfrohen Ausstellung in Buchform: Satt leuchtende Blumen in einer Vase, ein Vogel, eine Libelle, eine lächelnde Mickey Mouse, die in diesem Tableau herumspaziert, das durch eine großflächige Prägung zusätzlichen haptischen Reiz gewinnt. Und schon geht es los zu einer visuellen Reise, die es in sich hat und große Freude bereitet. ATAK hat seine Schatzkisten geöffnet und präsentiert Lieblinge aus seinen speziellen Sammlungen, die er, dann wieder ganz klassisch, mit Blumen, Früchten, Tieren kombiniert. Vordergründig wirken diese schönen Schaubilder dekorativ-plakativ, doch verbergen sich jede Menge Details aus der Welt der Künste, der Comics, der Malerei, Musik, Literatur, des Films… Gekonnt mixt ATAK die Genres und schert sich keinen Deut um Hierarchien. Ziemlich „laut“ sind seine farbintensiven „Still-Leben“, „Hoch-“ und „Popkultur“ verschmelzen zu ganz eigenen Bilderwelten. Sie zu entschlüsseln macht großen Spaß, zumal ein ausführliches Bildverzeichnis die wichtigsten Bezüge verrät. (Stefanie Hetze)
Eine junge Frau, müde und nachdenklich, bereitet sich auf ein Familienfest vor. Sie trägt ihre Sachen zusammen, pflegt ihr Gesicht und denkt derweil darüber nach, wie Menschen werden, was sie sind, wie sie es wohl schaffen, konsequent zu bleiben, in einer Welt, in einem Land, in einer Gesellschaft, die auf verschiedenste Arten und Weisen die Menschen dazu zwingt, sich zu verbiegen. Wie kann die eigene Persönlichkeit wahrhaftig bleiben in einem Umfeld, das immer wieder danach verlangt, dass diskriminierte Frauen Teile ihres Selbst aufgeben, um sich besser anzupassen?