Michela Tartaglia: Andere Länder, andere Sprüche

Mit Illustrationen von Daniele Simonelli. Aus dem Italienischen von Alexandra Titze-Grabec, Dumont 2022, 136 S., € 18,-
(Una mela al giorno. Proverbi e modi di dire dal mondo, Nomos Edizioni 2020, ca. € 27,80)

Redewendungen in fünf Sprachen lautet der Untertitel dieses äußerst ansprechenden Sprichwörterbuchs. So global die Welt auch geworden sein mag, Redensarten bleiben einzigartig. Während es im Deutschen Bindfäden regnet und im Französischen Seile, sind es im Englischen Katzen und Hunde, gießt es in Italien aus Waschschüsseln, nur getoppt von spanischen Kröten und Schlangen! Dagegen schauen all die fünf Sprachen einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, suchen beim berühmten Haar in der Suppe jedoch länderspezifisch ganz andere Dinge an anderen Orten. Auf vergnügliche Weise lassen sich Vergleiche ziehen, Redewendungen anhand der charmanten Illustrationen erraten und spielerisch Idiome dieser Sprachen lernen. Bestens zum Verschenken geeignet. (Stefanie Hetze)

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Eisvogel und Lotusblüte. Vögel in Meisterwerken der japanischen Holzschnittkunst

Leporello mit 112 Farbabb. und 48-seitigem Booklet, Prestel 2022, € 25,-

Eisvogel und Lotusbluete von

Taschenbuchklein ist der hübsche Schuber, in dem sich ein Wunderwerk der Buchkunst verbirgt. 60 Farbtafeln werden von zwei seidenbezogenen roten Deckeln zusammengehalten, die sich zu einem meterlangen Leporello auseinanderziehen lassen, das die Kostbarkeit und Vergänglichkeit der Natur feiert. Vögel und Blumen werden in den klassischen farbigen Holzschnitten japanischer Meister in ihrer filigranen Schönheit präsentiert, dass es nur so eine Augenweide ist: Pfauen prunken da mit ihrem prächtigen Federkleid, rotschnabelige Schwäne tummeln sich im blauen Wasser. Kakadus, Kraniche, Möwen, Eulen, Weidenzweige, Kamelien, Kirschblüten und vielerlei mehr an Pflanzen, Blüten und Vögeln lassen sich bewundern und studieren. Das beigelegte Booklet gibt einen informativen kunsthistorischen Überblick über die Epochen und Meister des japanischen Holzschnitts. Ein optisches Vergnügen nicht nur für Vogelkundler:innen! (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Esther Kinsky: Rombo

Suhrkamp 2022, 267 S., € 24,-, TB März 2023, € 13,-

(Stand März 2023)

Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
1976 wurde die Region der Friauler Alpen im Nordosten Italiens von zwei heftigen Erdbeben heimgesucht, viele Orte wurden vollständig zerstört. Esther Kinski hat die Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen gesammelt, die damals zum Großteil noch Kinder waren, und diese in einem ausgewogenen Wechsel mit geologischen und zeithistorischen Erläuterungen sowie Informationen über Flora und Fauna, Legenden und Bräuche der Gegend kombiniert. Die immer kurzen Textstücke der Memoiren folgen locker der Chronologie der Ereignisse, die beschriebenen Episoden kreuzen, überlappen und ergänzen sich.
Das Ergebnis ist eine fesselnde Lektüre, wobei der Ton hier authentisch die Erzählenden widerspiegelt und dort durch die dichten, lyrischen Sätze der Autorin geprägt ist. Ein Sprachkunstwerk ohne ein Wort zu viel, von hypnotischem Rhythmus und kühler Eleganz. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Gunther Buskies / Jonas Engelmann (Hg.): Stereo Total’s Party Anticonformiste

10 Songcomics – Comics zu Lieblingssongs aus über 25 Jahren Bandgeschichte. Ventil Verlag 2022, 128 S., 25,- €

Als mich im Februar 2021 die Nachricht erreichte, Françoise Cactus sei verstorben, war ich sehr traurig. Sängerin, Schlagzeugerin, Liedermacherin vom feinsten, Radiomoderatorin einer meiner Lieblingssendungen, eine offenherzige, witzige Frau und nicht zuletzt Kreuzbergerin, über sie könnte man viel erzählen.
Dieses bunte Buch, mit Comics unterschiedlichster Autor*innen, ist eine Hommage an sie und ihre legendäre Band Stereo Total. Die Geschichte fing in der Adalbertstraße vor vielen Jahren an, als Françoise Cactus und ihr Partner Brezel Göring sich trafen… Es bleiben u.a. viele Lieder, die man noch hören kann, um dabei zu lachen, zu weinen, sich zu empören – oder auch überhaupt nichts zu fühlen… Eine Sache aber ist sicher: Diese Comic-Strips wurden mit großer Liebe, viel Fantasie und tollen Farben gemacht! (Giulia Silvestri)

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ATAK: Stillleben

Kunstmann 2022, 144 S. mit 8 heraustrennbaren Postern, € 38,-

Das Cover ist schon das einladende Entree zu einer farbenfrohen Ausstellung in Buchform: Satt leuchtende Blumen in einer Vase, ein Vogel, eine Libelle, eine lächelnde Mickey Mouse, die in diesem Tableau herumspaziert, das durch eine großflächige Prägung zusätzlichen haptischen Reiz gewinnt. Und schon geht es los zu einer visuellen Reise, die es in sich hat und große Freude bereitet. ATAK hat seine Schatzkisten geöffnet und präsentiert Lieblinge aus seinen speziellen Sammlungen, die er, dann wieder ganz klassisch, mit Blumen, Früchten, Tieren kombiniert. Vordergründig wirken diese schönen Schaubilder dekorativ-plakativ, doch verbergen sich jede Menge Details aus der Welt der Künste, der Comics, der Malerei, Musik, Literatur, des Films… Gekonnt mixt ATAK die Genres und schert sich keinen Deut um Hierarchien. Ziemlich „laut“ sind seine farbintensiven „Still-Leben“, „Hoch-“ und „Popkultur“ verschmelzen zu ganz eigenen Bilderwelten. Sie zu entschlüsseln macht großen Spaß, zumal ein ausführliches Bildverzeichnis die wichtigsten Bezüge verrät. (Stefanie Hetze)

Blick ins Buch

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Natasha Brown: Zusammenkunft

Aus dem Englischen von Jackie Thomae. Suhrkamp Verlag 2022, 113 S., € 20,-, TB Mai 2023, € 12,-

(Stand Mai 2023)

Eine junge Frau, müde und nachdenklich, bereitet sich auf ein Familienfest vor. Sie trägt ihre Sachen zusammen, pflegt ihr Gesicht und denkt derweil darüber nach, wie Menschen werden, was sie sind, wie sie es wohl schaffen, konsequent zu bleiben, in einer Welt, in einem Land, in einer Gesellschaft, die auf verschiedenste Arten und Weisen die Menschen dazu zwingt, sich zu verbiegen. Wie kann die eigene Persönlichkeit wahrhaftig bleiben in einem Umfeld, das immer wieder danach verlangt, dass diskriminierte Frauen Teile ihres Selbst aufgeben, um sich besser anzupassen?
Dieses mutige, elegante und durch seine Kürze umso eindringlichere Buch schildert die beängstigende Haltlosigkeit, die eine schwarze britische Frau erfährt, nachdem sie sich über Jahre dem kapitalistischen System unterworfen hat und in ihm mitschuldig wird, als sie unter dem Druck der Verhältnisse eine lebensverändernde Entscheidung trifft. Ein unvergessliches Debüt, meisterhaft von Jackie Thomae ins Deutsche übersetzt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Jakub Małecki: Saturnin

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Secession Verlag 2022, 272 S., € 25,-

Saturnin, Mitte dreißig, alleinstehend, ehemaliger Gewichtheber und jetzt unscheinbarer Handelsvertreter mit einem unaufgeregten Leben in Warschau, erhält einen Anruf seiner Mutter. Großvater ist verschwunden, der 96-jährige hat ihr Auto genommen. Saturnin fährt in sein Heimatdorf und beginnt mit der Suche.
Nach und nach stellt er sich immer mehr Fragen. Sein Großvater ist ein verschlossener, drahtiger, stets arbeitender Mann. Aber was bedeutet das Foto, auf dem er ausgelassen lachend Trompete spielt? Und wer ist dieser Saturnin, dessen Namen Großvater ihm gegeben hat? Was ist passiert an dem Fluss, wo sie ihn nach langer Suche finden?
Schließlich erzählt der Großvater – zum ersten Mal – vom Krieg, von Angst, Verwundung und Schrecken, und von der Rache, die er nimmt, für die Ermordung seiner Schwester.
Saturnin ist ein Buch über Kriegstraumata und ihrer Auswirkungen bis in die Enkelgeneration hinein, über das Schweigen und die Notwendigkeit des Erzählens, gegen das Vergessen, gegen jeden Krieg.
Ein verstörendes, humanes, wichtiges Buch. (Syme Sigmund)

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Fatma Aydemir: Dschinns

Hanser Verlag 2022, 368 S., € 24,-, TB dtv September 2023, € 13,-

(Stand September 2023)

Der klassische Beginn einer Familientragödie: Der plötzliche Herztod des Vaters, der sich endlich seinen Traum erfüllt hatte, eine Eigentumswohnung in Istanbul, für die er jahrzehntelang in deutschen Fabriken geschuftet hatte, zwingt seine Frau und die weit zerstreut lebenden Töchter und Söhne zum Begräbnis in der Türkei zusammenzukommen. Die Familie hatte sich längst auseinandergelebt. Sehr unterschiedliche Träume, Geheimnisse und Realitäten prallen da bei Geschwistern und Mutter in dieser unpersönlichen Wohnung aufeinander, manche schaffen es auch nicht rechtzeitig, zur Beerdigung nach Istanbul zu reisen. Fatma Aydemir hat jeder ihrer Figuren eine eigene Identität und eine individuelle Stimme gegeben. Wie in einem Kammerspiel prallen da zum Teil unvereinbare Lebensentwürfe aufeinander, auch wenn die Menschen eng verwandt sind. Sie alle aber tragen die Verletzungen und Verwerfungen türkisch-kurdisch-deutscher Historie, aber auch von gender- und identitätspolitischen Debatten in sich und jede:r hat mit dem eigenen Dschinn, den eigenen inneren Dämonen,  zu kämpfen. Das ist ungemein rasant und dicht in einem atemlosen Sound erzählt, als wären wir mitten im Zwischendrin dieser Menschen, die scheinbar zufällig einer Familie angehören in dieser anonymen Wohnung und auf den erbarmungslosen Fernautobahnen Europas.  (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern

Meine Familie und ihre Geheimnisse. avant-verlag 2021, 208 S., € 26,-

(Stand März 2022)

Eine Westberliner Kindheit der 70er zwischen der Wohnung im Märkischen Viertel und Sonntagsbesuchen bei den Großeltern in der nach Kiefern duftenden Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf. Von der Vergangenheit, von der NS-Zeit wird kaum gesprochen. Das übliche Man-hat-ja nichts gewusst. Als Jahre später Bianca Schaalburg die Schlafzimmermöbel ihrer Großeltern erbt, setzen sie eine große Recherche bei ihr in Gang. Mit ihrer faszinierenden Graphic Novel begibt sie auf die Suche, hinter die familiäre Fassade, also all das Verdrängen, Ausreden und Lügen zu schauen. Immer tiefer gräbt sie, entdeckt Verstörendes, was ihren idyllischen Kindheitserinnerungen zuwiderläuft. Hin und her wechselt sie die Zeitebenen, was sie durch Stilmittel wie die Farbgebung, Wechsel der Moden, der Architektur, der Schauplätze, der Alltagssprache, der Lieder hautnah erfahrbar macht. Das Buch ist zudem wunderschön gestaltet, so glänzen die Stolpersteine golden, gibt es einen Anhang mit weiterführenden historischen, biographischen und kulturellen Informationen. Doch das wirklich Besondere ist, dass ihre Spurensuche und Überlegungen Teil des Ganzen sind, dass sie mit diesem Geniestreich einlädt, auch einmal die eigene Familie und die Gegenwart in den Blick zu nehmen. Eine unbedingte Empfehlung für Jugendliche & Erwachsene. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Cesare Pavese: Der schöne Sommer

Drei Romane. Mit einem Essay von Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Rotpunktverlag 2021, 488 S., € 29,-

(Stand März 2022)

Ein weiterer Band (der vierte) in der Reihe großartiger Neuübersetzungen der Werke Paveses durch Maja Pflug, die der Rotpunktverlag nach und nach publiziert. Erstmals sind hier die drei kurzen neorealistischen Romane Der schöne Sommer, Der Teufel auf den Hügeln und Die einsamen Frauen in einem Band vereint, so, wie sie ursprünglich in Italien erstmals erschienen und für die Pavese 1949 mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde.
Als „urbane Romane über jugendliche Begeisterung und gescheiterte Leidenschaft“ hat Pavese sie selbst bezeichnet, diese Geschichten junger Menschen im Turin der unmittelbaren Nachkriegszeit, mit ihren Leidenschaften und Ängsten, ihrer Begeisterung und ihrem Scheitern. So modern, so aktuell muten die Figuren an, die sich treiben lassen, stets auf des Suche nach etwas, was sie nicht zu benennen wissen, getrieben von einer unbestimmbaren Sehnsucht. Paveses Sprache ist knapp, präzise, an amerikanischen Vorbildern orientiert. Psychologisch feinfühlig trifft er den Ton des Milieus, das er beschreibt. Maja Pflug gelingt es meisterhaft, diesen Ton ins Deutsche zu übertagen und die Texte in neuer Frische auf uns wirken zu lassen. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

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