Arne Rautenberg, Wolf Erlbruch (Illustr.): Mut ist was Gutes

Peter Hammer Verlag 2023, 48 S., € 14,-

Wolf Erlbruchs Bilder zum Thema Mut sind echte Klassiker und vielen bekannt. Neu sind die dazu verfassten Gedichte von Arne Rautenberg, und die sind – großartig! Sprachgewandt mit Witz und Rhythmusgefühl geht es durch die verschiedenen Weisen, Mut zu haben, ob beim Seiltanzen, beim Küssen oder dabei, ein Geheimnis zu Bewahren. Das macht sowohl Erwachsenen als auch Kindern großen Spaß, ob selbst- oder vorgelesen, das rast, schmettert und fetzt ganz wunderbar. (Syme Sigmund) Leseprobe

Video: Arne Rautenberg liest das Gedicht „was mut ist“

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Niklaas Maak & Leanne Shapton: Eine Frau und ein Mann

Hanser 2023, 224 S., 36 s/w Illustr., 62 farbige Illustr., € 26,-

Auf einer gemeinsamen Autofahrt, bei der Niklaas Maak chauffierte und Leanne Shapton aquarellierte, entstand die Idee, es berühmten Filmpaaren nachzutun und ihren legendären Routen fahrend, malend, sprechend im realen Heute und Jetzt zu folgen. Bei ihren Fahrten in den USA, Kanada, Frankreich und Italien dienen die Filmsettings und -szenen als Inspiration für überaus anregende kluge Gespräche über Frauen, Männer, Liebe und Alltag, Landschaften, das Reisen, Geld, Macht, Nostalgie, Digitalisierung, Klima . . . Leanne Shapton verwandelt dabei das vom Auto aus Gesehene in abstrakte zerlaufende Aquarelle und bezieht holprige Straßen bewusst mit ein, während Niklaas Maak unnachahmlich die heutigen Eindrücke mit Geschichten und Fakten verknüpft. Kleine Fotos gibt es obendrein. Ein großes Lese- und Anschauvergnügen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Britta Teckentrup: Ein Fest von Obst und Früchten

Jacoby & Stuart 2023, 160 S., durchgehend farbig illustriert, € 29,-

Ihre Erinnerungen an den üppigen Garten ihrer Großmutter voller Himbeeren, Kirschen und Quitten inspirierte die Künstlerin, sich intensiv mit Früchten zu befassen. Dabei entdeckte sie erstaunliche botanische Zusammenhänge, die im Alltag ganz anders wahrgenommen werden. Botanisch gesehen sind z.B. Gurken Früchte, während Bananen als Beeren klassifiziert werden. Doch überfrachtet Teckentrup ihr Buch nicht mit solchen botanischen Spezifika. Im Vordergrund stehen die Früchte, ihr Nutzen, ihre Geschichte und das, was wir geschmacklich, kulturell und mythologisch mit ihnen verbinden. Neben Gedichten, Redensarten und Kuriosa sind es vor allem die Bilder im Stile der alten niederländischen Meister, die ihr Buch zu einem einzigartigen ästhetischen Genuss machen und immer wieder betrachtet werden wollen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Marie-Luise Scherer: Der Akkordeonspieler

Mit einem Nachwort von Petra Morsbach, Friedenauer Presse 2023, 177 S., € 20,-

Dieses vielfach ausgezeichnete Buch ist längst kein Geheimtipp mehr, immer schnell vergriffen, ist jetzt aber nach dem Tod seiner Autorin in einer sympathischen Auflage neu herausgegeben worden und immer noch eine Wucht. Ganz nah dran erzählt Scherer in ihrer hinreißenden Reportage die mühevolle Geschichte des arbeitslosen Akkordeonspielers Wladimir Alexandrowitsch Kolenko, der nach dem Fall der Sowjetunion versucht, sich auf Berlins Straßen als Musiker durchzuschlagen und seine Familie zu Hause zu ernähren. Wie hart es ist, wie abhängig er von den ihm einen Schlafplatz zur Verfügung stellenden einsamen Frauen, erfahren wir hautnah. Jede Menge bürokratischer Hürden in Berlin, in Russland und auf den komplizierten langen Reisen dazwischen muss er irgendwie allein bewältigen. Ganz andere Ressourcen haben dagegen russische Migrant:innen mit schier unbegrenzten Geldquellen, deren Leben die Autorin wie weitere Figuren der Stadt streift. Glänzend geschrieben ist das Buch wie eine Schule, genau hinzusehen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Birgit Schönau: Die Geheimnisse des Tibers

Rom und sein ewiger Fluss. Beck 2023, 319 S., € 28,-

Der Tiber schlängelt sich um das westliche Zentrum Roms, fristet aber reguliert neben den berühmten historischen Stätten und Gebäuden der Ewigen Stadt ein Schattendasein. Das könnte sich mit diesem Buch gehörig ändern, denn die seit langem in Rom lebende und recherchierende Autorin stellt den Fluss ins Zentrum und fördert Erstaunliches zutage. Dabei spannt sie den Bogen von der Mythologie über die enorm wichtige Funktion als Lebensader bis zum Schicksalsfluss. Die Stadt Rom mit ihrer 3000jährigen höchst wechselvollen Geschichte ist ohne den Tiber undenkbar. Ohne den Fluss, auf dem vom Meereshafen Ostia aus gigantische Mengen an Getreide, Marmor und Waren aller Art transportiert wurden, hätte Rom nie diese Bedeutung gehabt, hätten Imperatoren und Päpste nie ihre Macht derart ausbauen können. Anschaulich und voller Details schildert Schönau aber auch die Probleme, die das Gewässer verursachte. So werden die Abwässer Roms erst seit kurzem flächendeckend geklärt, haben die Menschen früher sein Wasser getrunken und wie Goethe und Pasolini darin gebadet. Ein beeindruckendes Porträt, angereichert mit Stadtplänen, Fotos und vielen Hintergrundinformationen. Eine echte Perle. (Stefanie Hetze)  Leseprobe

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Cal Flyn: Verlassene Orte

Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt. Aus dem Englischen von Milena Adam, Matthes & Seitz 2023, 343 S., € 34,-

Der 100. Band der von Judith Schalansky herausgegebenen Naturkunden ragt selbst unter den Titeln dieser besonderen Reihe heraus. Die preisgekrönte schottische Essayistin vollführt in ihrem Buch einen Spagat, denn sie entdeckt und beschreibt Naturphänomene, die es nach menschlichem Ermessen eigentlich nicht geben dürfte. Ihr Interesse gilt Orten und Landstrichen, die schwer durch Klimakrisen, Kriege und Katastrophen kontaminiert und eigentlich unbewohnbar sind. Meist mussten die Menschen sie von einem Moment auf den anderen räumen und ihre Häuser samt Inventar sich selbst überlassen. Leer und verfallen begannen diese zerstörten Landschaften und Gebäude ein neues Eigenleben, siedelten sich allmählich Gräser, Bäume, Wälder zwischen aufbrechendem Asbest und Beton an, kamen zuhauf Tiere in die menschenfreien Zonen. Ein Paradox entsteht weltweit in diesen verlassenen Gegenden, eine neue resiliente Artenvielfalt, die, so scheint es, mit Verseuchtem besser klarkommt als mit der menschlichen Existenz. Die auf ihren Erkundungsreisen beobachteten gleichzeitig faszinierenden wie irritierenden Vorkommnisse brechen herkömmliche Gedankenraster auf. Was für eine außergewöhnliche Reise! (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Rachel Roddy: Pasta von Alfabeto bis Ziti

Aus dem Englischen von Ulrike Becker, Kunstmann 2023, 352 S., € 38,-

Was will uns eine Engländerin über Pasta erzählen, wird sich mancher fragen. Erstaunlich viel, kann man da nur antworten. Abgesehen davon, dass Rachel Roddy seit fast 20 Jahren in Italien lebt, hat sie die Kunst der Pastazubereitung wirklich zur Perfektion gebracht und lässt uns erfreulicherweise daran teilhaben. Nach Nudelsorten geordnet (denn ja, jede Nudelsoße verlangt nach der zu ihr passenden Nudelform) erhalten wir nicht nur hervorragende Rezepte mit vielen Insidertipps, sondern erfahren auch so einiges Interessantes über die Kulturgeschichte der Pasta und der verschiedenen Soßenzutaten. Dazu ist das Ganze noch äußerst unterhaltsam aber keineswegs anbiedernd geschrieben – also nix wie ran an die Töpfe! (Syme Sigmund) Leseprobe

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Virginia Woolf: Roger Fry. Eine Biografie

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben und mit einem Vorwort von Tobias Schwartz. AvivA 2023, 480 S. und 16 farbige Bildseiten, € 32,-

Der englische Kunstkritiker, Kurator und Maler Roger Fry ist hierzulande nahezu unbekannt, was erklären mag, dass dem AvivA Verlag eine kleine feine Sensation gelungen ist: die deutsche Erstveröffentlichung eines Werks von Virginia Woolf! 1940 in England als ihr letztes Buch erschienen, liest sich das Porträt ihres guten Freundes aus dem legendären Bloomsbury Kreis frisch und lebendig wie ein Buch von heute. Formal eher unspektakulär, so schildert Woolf Frys Leben und Werdegang chronologisch, fächert sie die Facetten dieses leidenschaftlichen Kämpfers und Visionärs für die Moderne weit auf. Mit Respekt, intimster Kenntnis und Humor porträtiert sie den Freund, verwebt auf geniale Weise seine eigenen Briefe und Schriften mit ihren literarischen Schilderungen. Gleichzeitig überschreitet sie den engen Rahmen einer Biografie und konzentriert sich auf die gewaltigen kulturellen Umbrüche, die er mit zwei Ausstellungen auslöste, und die sich nachhaltig auf die Künste in England auswirkten, nicht zuletzt auf Virginia Woolfs eigenes Schreiben. Aber lesen Sie selbst. (Stefanie Hetze)

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Joanna Bator: Bitternis

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Suhrkamp 2023, 829 S., € 34,-

Was für eine außergewöhnliche Familie sturer, auch durch die schlimmsten Schicksalsschläge nicht klein zu kriegender Frauen! Kalina, die Jüngste, erzählt und recherchiert die Geschichten ihrer Vorfahrinnen Winifreda, Berta, Barbara und Violetta, die sich trotz unzähliger physischer und seelischer Verletzungen mit hochgradiger Energie und Kreativität zur Wehr setzen. Im Falle von Berta, einer Metzgerstochter, und Barbara, die aus Not alles irgendwie Essbare zur Konserve macht, geht ihr Widerstand gegen Bevormundung und Gewalterfahrung so weit, dass sie dafür ins Gefängnis gehen müssen. Joanna Bator siedelt ihr großes emanzipatorisches Frauenepos in der polnischen Provinz an. Zentraler Ort ist wieder ihr niederschlesisches Heimatdorf Wałbrzych, ehemals Waldenburg, mit seinen unvergleichlichen Bewohner:innen, den Gerüchen, Hunden und Wölfen. Auch in 100 Jahren Geschichte haben sich die traumatischen Erfahrungen von Frauen in Polen nicht wesentlich verändert, allenfalls ist es für sie leichter zu konsumieren, wie die Figur der Violetta eindrücklich demonstriert. Sehr dunkel, sehr bitter ist dieser Roman, doch gleichzeitig phänomenal kraftvoll und widerständig – so auch die Sprache. Da gibt es Sätze wie Messerstiche und immer wieder Momente der Zartheit, der Suche nach Glück. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Emmanuel Carrère: V13

Aus dem Französischen von Claudia Hamm, Matthes & Seitz 2023, 275 S., € 25,-

„V 13” steht für „vendredi 13 novembre 2015“. An diesem Tag überzogen islamistische Terroristen Paris mit einem Blutbad – vor dem Stade de France während des Fußball-Länderspiels Frankreich gegen Deutschland, in mehreren Cafés der Innenstadt sowie im Konzerthaus Bataclan, in dem gerade vor vollem Haus ein Rockkonzert stattfand. 130 Menschen starben, fast 700 wurden verletzt, davon 97 schwer.
Emmanuel Carrère hat den Prozess von September 2021 bis Juni 2022 verfolgt und wöchentlich Kolumnen dazu veröffentlicht. Daraus ist dieses beeindruckende Buch entstanden.
Wer waren die Opfer (ihre Zeugenberichte sind kaum auszuhalten) und wer die Täter (erschütternd normal)? Carrère nimmt uns mit in die finstersten Abgründe des Menschlichen, zeigt aber auch beeindruckend selbstlose Menschlichkeit unter den Opfern und die Bedeutung eines derartigen, den Prinzipien des Rechtsstaats skrupulös verpflichteten Prozesses.
Gerade in diesen dunklen Zeiten ein wichtiges Buch, das man sich zumuten sollte. (Syme Sigmund) Leseprobe

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