Yade Yasemin Önder: Anti Müller

Park X Ullstein 2026, 240 Seiten, 23 Euro

Andi Müller heißt das neue Match. Ein One-Night-Stand? Ein neuer Versuch, den letzten Versuch endlich zu vergessen? Ja? Nein? Vielleicht doch endlich eine wirkliche Beziehung? Denn das Anti-Müller-Hormon erlaubt keinen Zweifel: Die biologische Uhr der Ich-Erzählerin Mitte 30 tickt dröhnend. Die Männer in ihrer Welt hören absichtsvoll darüber hinweg. In kunstvollem wie urkomischem Sprachspiel nimmt Yade Yasemine Önder das Debakel von Suchenden auf Dating-Plattformen auseinander, wo Männer wie Frauen in einer Art Hormonchaos zwischen Spätpubertät und Peri Meno und in sehr unterschiedlichen (Un)Entschlossenheiten aufeinander prallen. Abstoßung sowas von vorhersehbar und trotzdem spielen alle mit, sei es aus Verzweiflung oder verinnerlichter Normativität. In dieser Dynamik bekommt bei Önder vor allem der vermeintlich progressiv feministische Kulturbetrieb ordentlich eins auf den Deckel. In manchmal fast genüsslich derben Kalauern, immer jedoch präzisen Setzungen schickt Önder ihre Protagonistin zu Tête-à-Têtes, Theken und Theatern und erzählt ganz nebenbei einen sehr heutigen Berlin-Roman. (Jana Kühn)

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Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens

Galiani 2026, 304 Seiten, 23 Euro

Peggy Mädler hat sich auf ein Experiment eingelassen und durch die Kybernetik auf die Deutsche Geschichte geblickt: Wir folgen einer Gruppe junger Menschen in der DDR der 1960er Jahren, wie sie als erste Nachkriegsgeneration aufbrechen, eine Zukunft, eine Utopie zu verwirklichen. Mit dem Protagonisten Georg, der mit Lochkarten die ersten digitalen Ränder der Planwirtschaft umreißt, mit Mona, einer Künstlerin, deren Aufnahme in den Verband Bildender Künstler wieder und wieder abgelehnt wird – mangels Eignung oder weil ihre Schwester im Westen lebt? – durchlaufen wir die Jahre zwischen Mauerbau und Mauerfall bis ins Jetzt als eine kybernetische Langzeitbeobachtung. Zwischen Berlin und einer Datschensiedlung in der Nähe von Bernau werden wir Teil von Feedbackschleifen, die das Private und das Politische aufs Engste verknüpfen. Selbstregulierung ist bei Mädler allerdings nicht nur kybernetisches oder psychologisches Prinzip einer Systemstabilisierung, es ist stets auch ein poetischer Suchbegriff nach den Ökonomien sozialer Wünsche und Bedingungen. So abstrakt wie der theoretische Hintergrund vielleicht vermuten lässt, ist dieser Roman nämlich gar nicht: In dichten und atmosphärischen Vignetten erzählt Mädler vor allem eine Arbeiter*innengeschichte. Wenn Mona beispielsweise im dunklen Ladenlokal der Friseurin Dorle steht, sie portraitiert und ein Arbeiterinnenleben an uns vorbeiziehen lässt, ist der Roman am stärksten – im Nebeneinander von klugen, systemischen und systemkritischen Beobachtungen und dem Innehalten in Momenten, aus denen das liebevoll gezeichnete Lebensgefühl einer Generation spricht. (Kerstin Follenius)

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Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit

S. Fischer 2026, 160 Seiten, 23 Euro

Eine deutsche Familie wie viele, in denen über die NS-Vergangenheit der Großvätertäter kaum gesprochen wird. Judith Hermann wusste, dass der Vater ihrer Mutter der Waffen-SS angehört hatte und im polnischen Radom stationiert gewesen war, als dort Abertausende Juden ermordet wurden. Auf Nachfragen pendelt ihre alte Mutter zwischen komplettem Verdrängen und blitzartigen Erinnerungen. Vorherrschend ist Schweigen. Mit fast Nichts versucht Hermann, die familiären Leerstellen zu füllen und reist an den Ort der Verbrechen, wo sich der Großvater lächelnd auf einem SS-Motorrad fotografieren ließ. Es ist verstörend. Sie findet keine Beweise für seine Täterschaft, aber ihre Vermutungen erhärten sich. Sie reist zu ihrer Schwester, die ebenfalls mit Abwehr reagiert. Nur in einer untergründigen innerfamiliären Kommunikation kann das Unaussprechliche einen beengten Raum finden. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ erkundet in verschiedenen Konstellationen und Settings, wie in Familien Abgründe beiseitegeschoben werden. In dichten knappen Seiten gelingt es der Autorin, keine eindeutigen Antworten zu geben, aber einen Resonanzraum zu öffnen, sich dem Schweigen und den familiären Tabus zu stellen. Das kratzt, setzt sich fest, hallt nach. (Stefanie Hetze)

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Molly Keane: Das gute Benehmen

Übersetzt von Bettina Abarbanell
Kjona 2026, 336 Seiten, 26 Euro

Selten begeistert ein Buch uns bei Dante alle in gleicher Weise. Das gute Benehmen ist so ein Ausnahmeroman, ein gnadenlos-bissiger Pageturner um eine sehr spezielle Familie und ihre Hausangestellten. Ich-Erzählerin ist Aroon St. Charles, Tochter aus verarmtem anglo-irischem Adel. Groß und kräftigt prescht sie durchs Landleben, isst gerne viel, fährt rasend schnell Fahrrad, reitet ungestüm auch schwierige Pferde. Gerne wäre sie klein, dünn und flachbrüstig, wie es die Mode der Zwanziger vorsieht. In der Zeitung liest sie nur Pferdewetten und Gesellschaftsseiten. Bildung, Musik und Bücher sind im Elternhaus verpönt. Aroons kalte Mutter verweigert jegliche Haus- und Carearbeit, der Vater ist Jäger und ein notorischer Frauenheld. Allein die äußere Fassade zählt. Die Contenance reicht so weit, dass die Mutter selbst als Aroons jüngerer Bruder verunglückt, erst einmal Rosen schneidet  . . .  Meisterlich balanciert Molly Keane aus, wie das unbedingte Festhalten an äußerlicher Etikette Menschen, die eigentlich an ihren desaströsen Lebensumständen verzweifeln müssten, Halt gibt, ihnen aber andererseits jegliche Chance auf ein Glück nimmt. Dreh- und Angelpunkt ist ein queeres, für alle Beteiligten unglückliches Liebesdrama, das die Autorin mit all seinen Konsequenzen kunstvoll ausbreitet. Bettina Abarbanell hat Das gute Benehmen und dessen raffinierte Andeutungen des Unaussprechlichen in eine atemberaubend geschliffene Sprache übertragen. (Stefanie Hetze)

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Raphael Gross, Julia Voss: Natur und deutsche Geschichte

Matthes & Seitz 2025, 248 Seiten, 28 Euro

Was haben die Überfischung des Bodensees im Mittelalter, das langsame Aussterben der Sumpfschildkröte in den Rheinauen und ginsterbepflanzte Böschungen an NS-Autobahnen miteinander zu tun? Diese und viele weitere Fragen nach einem von Geschichte geformten und immer wieder überformten Naturbegriff wirft aktuell (noch bis zum 7.6.26) eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin auf. Begleitend erscheint in der Reihe Naturkunden des Matthes und Seitz Verlags eine Beitragssammlung, die historische Objekte mit neuen kulturhistorischen Selbstbestimmungsversuchen verschränkt. Von der „Grünkraft“ Hildegard von Bingens zur grünen Bürgerbewegung Ende der 1970er Jahre, spannt dieses Buch einen Bogen, der über 800 Jahre hinweg reicht und der Frage nachgeht, was genau wann gemeint und gewollt war, wenn in der Deutschen Geschichte von Natur die Rede war. Dieser weite Betrachtungswinkel führt notwendigerweise zu harten Kontrasten und einigen Unschärfen. Was hier jedoch außerordentlich gut gelingt, ist der enge Schulterschluss von Objekten, Geschichte und ihren Geschichten im Hinblick auf die Deutungshoheit über einen bis heute noch wenig angefassten Begriffes wie Natur. Die etablierten literarischen Verlage scheinen das museale Feld zu betreten. Herausgekommen ist ein Buch für alle, die Ausstellungen auch als literarische Form erkunden wollen. (Kerstin Follenius)

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Anna Maria Ortese: Iguana

Aus dem Italienischen von Sigrid Vogt
Friedenauer Presse 2026, 232 Seiten, 24 Euro

Als der junge, adlige Aleardo beschließt, mit seiner Yacht auf der abgelegenen Insel Ocaña vor der Küste Portugals anzulegen, ahnt er nicht, welches Abenteuer und welche Begegnung ihn dort erwarten. Ein Leguan erwartet Aleardo auf der Insel, ein grünes Tierchen, so groß wie ein Kind, als Frau gekleidet, mit einem dunklen Unterrock, einem weißen Korsett und einer Schürze aus farbigen Stoffen. Dieser Leguan (oder wie im Titel: Iguana) ist zugleich das Älteste und das Jüngste, was sich in der Substanz der Welt finden lässt – und eine Prinzessin. Aleardo verliebt sich Hals über Kopf in sie. Ortese schreibt ein vollkommenes romantisches Märchen – ein besonders schwieriges Genre, an dem sich bereits mehrere große Schriftsteller versucht hatten, das in Italien niemanden angezogen hat. L’Iguana wurde erstmals 1965 veröffentlicht und stieß auf allgemeines Unverständnis. Ihre Sprache klingt wie eine Ballade, ein Traum, ein Rätsel und wirkt wie eine Zauberformel. Lange vergriffen und gerade wiederentdeckt, ist dieser Roman mit seiner ausgezeichneten Verbindung von Zauber und Ironie dazu bestimmt, alle Literaturliebhaber*innen zu bezaubern. (Giulia Silvestri)

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Andrea Böhm: Fighting Like a Woman

Rowohlt 2026, 272 Seiten, 24 Euro

Acht Jahre ist Andrea Böhm, als sie sich zum Entsetzen ihrer Mutter Boxhandschuhe wünscht. Ein Kind ihrer Zeit, hat sie diese selbstverständlich nie bekommen. Selbstverständlich nicht, weil es dem gesellschaftlichen Bild eines Mädchens nicht entsprach, den eigenen Körper, wie Böhm es formuliert, aggressiv in die Welt zu stellen. Die Faszination für Kampfsport blieb. Es ist schließlich der mutige Kick einer Frau in die Weichteile eines bewaffneten Mannes während einer Demonstration im Libanon, der dieses Buch initiiert. Andrea Böhm nimmt uns mit auf eine historische Weltreise: Suffragetten in den USA, Luchadoras in Mexiko, Agoije in Benin. Sie folgt keiner Chronologie, sondern mäandert assoziativ entlang von Reiseerinnerungen und Recherchefunden sowie ihrer eigenen Biografie. So lesen wir innerhalb weniger Seiten von den schlagenden Weibern in den Bärengärten Londons im 18. Jahrhundert und den US-amerikanischen Toughman Contests in West Virginia in den 2000er Jahren. Fighting like a Woman ist abwechselnd historisches Sachbuch, weltpolitische Reportage, Reisebericht sowie biografischer Essay. Das ist absolut stimmig erzählt, denn Böhms Blick wie auch ihr Ton sind sehr persönlich und gleichzeitig geschult an der jahrzehntelangen internationalen Berichterstattung als Journalistin. Ein Volltreffer! (Jana Kühn)

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Alba de Céspedes: Was vor uns liegt


Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Insel 2025, 380 Seiten, 25 Euro

Rom in den dreißiger Jahren: in einem von Nonnen geführten Internat leben junge Frauen, die fern ihrer Familien und Heimatorte an den römischen Universitäten studieren – ungewöhnlich für die Zeit, der Faschismus propagierte „die Frau am Herd“. Während die Studentinnen tagsüber im Rahmen ihrer Studien und finanziellen Möglichkeiten ein relativ selbstbestimmtes Leben führen können, allerdings immer dominiert von den patriarchalen Gegebenheiten, herrscht ab dem Abend ein strenges Klosterregiment mit Einschluss und Dunkelheit ab 22 Uhr. Das lässt sie zu abhängig-aufsässigen Mädchen werden, die ihren Phantasien freien Lauf lassen. Vom Wechsel von Drinnen und Draußen lebt dieser aufregende Generationenroman, der eine Gruppe sehr unterschiedlicher junger Frauen mit ihren individuellen Schicksalen und Lebensentwürfen porträtiert. Ihre Wünsche und Vorstellungen entsprachen so gar nicht der herrschenden Doktrin, was Alba de Céspedes auch zu spüren bekam: der Premio Viareggio wurde ihr aberkannt. Das tat dem Erfolg des Romans jedoch keinen Abbruch. Dank der Neuübersetzung Esther Hansens, die eine zeitlose lebendige Sprache für die Seelenlage dieser jungen Rebellinnen gewählt hat, bereitet die Lektüre auch heute enormes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

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För Künkel, Mirjam Hildbrand: Zirkuskunst in Berlin um 1900

Theater der Zeit 2025, 208 Seiten, 45 Euro

Dieses Buch ist eine Einladung und ein Geschenk! Anhand alter Stadt- und Baupläne, Zeichnungen, Plakate, Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte und einer Fülle von Fotografien (um nur ein paar der hier versammelten Dokumente zu nennen), entfaltet sich ein noch unvollendetes Bild der Berliner Zirkuswelt um 1900. För Künkel und Mirjam Hildbrand agieren dabei weniger als Autorinnen im klassischen Sinn, eher als präzise Spurenleserinnen: mit detektivischem Gespür rekonstruieren sie Zirkuskunst als technisch avancierte, internationale Multimediashows – lange bevor dieser Begriff existierte. Das sehr schön gestaltete Buch ist in vier große Kapitel mit jeweils diversen Unterkapiteln aufgebaut. Dabei verzichtet es weitgehend auf erklärende Kommentare und vertraut stattdessen der erzählerischen Kraft des Archivmaterials selbst. Man staunt, schaut, gräbt sich durch Dokumente, entdeckt Unerwartetes und schmunzelt über historische Details. Große Freude! Große Empfehlung! (Katharina Bischoff)

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Arundhati Roy: Meine Zuflucht und mein Sturm

Aus dem Englischen von Annette Grube
S. Fischer 2025, 368 Seiten, 26 Euro

Den Tod ihrer gleichermaßen geliebten wie gefürchteten Mutter nimmt Arundhati Roy zum Anlass, literarisch zu reflektieren, wie sie – immer im Spiegel der übermächtigen Mutter, der Zuflucht, dem Sturm – zu der wurde, die sie ist: Schriftstellerin, Menschenrechtlerin, Umweltaktivistin, mutig, suchend, unbeugsam. Früh verlässt sie die Mutter mit ihren Demütigungen, Schlägen und dem Geschrei, nicht aus Mangel an Liebe, sondern, wie sie schreibt, „um sie weiterhin lieben zu können“. Zugleich bleibt die mütterliche Prägung allgegenwärtig, und mit schmerzhafter Klarheit bringt Arundhati Roy diese Ambivalenz auf den Punkt: „Mrs. Roy lehrte mich zu denken und wütete dann gegen meine Gedanken. Sie lehrte mich, frei zu sein, und wütete gegen meine Freiheit.“ So entfaltet sich ein poetisches, vielschichtiges Geflecht aus Mutterbiografie, Autorinnenleben und indischer Geschichte – persönlich, politisch, literarisch verdichtet.
In ihrem ersten Roman Der Gott der kleinen Dingelegte Arundhati Roy einer der Figuren folgendes Motto in den Mund:
a) Jedem kann alles passieren
b) Am besten ist man darauf vorbereitet.
Nach der Lektüre von Meine Zuflucht und mein Sturm weiß man genau, was damit gemeint ist. (Katharina Bischoff)

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