Carlsen Verlag 2021, mit Illustrationen von Ulrike Möltgen, 240 S., € 12,-, ab 11
(Stand Januar 2022)
Nein – es ist nicht die Pandemie, aber so eisig, dass alle Kinder zuhause bleiben müssen. So auch Clara, die Ich-Erzählerin, die sich mit ihrer jüngeren Halbschwester Luze ein Zimmer teilt. Anfangs noch ein Spaß, nicht zur Schule gehen zu müssen, wird es drinnen schnell problematisch, zumal Clara sich mit ihrer Freundin zerstritten hat und die Erwachsenen hinter ihren Laptops abtauchen. Während die impulsive Luze sich einen unsichtbaren Hund als Begleiter phantasiert, wirbt Clara im Verborgenen um Vincent, den allerschönsten Jungen der Welt aus dem oberen Stockwerk, den sie mithilfe eines Spiegelungseffekts beobachtet. Scheinbar gänzlich unbeeindruckt von ihren Witzen und Bemühungen, verbringt er die Kältetage doch mit den Schwestern. Welches Projekt sich die drei ausdenken, wie das gesamte Haus ins Spiel kommt, sich so manche Konflikte reparieren lassen und sie am Ende übermütig draußen im Schnee herumtollen können, ist dank der Künste Tamara Bachs ein großes Lesevergnügen. Da stimmt einfach alles. Gegen die äußere Kälte und das Eingeschlossensein setzt die Autorin ihren warmen Ton und ihre befreiende Fantasie. Spannend für Mädchen & Jungen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Im Nachkriegsberlin konkurrierten Ost und West auch um die architektonische Vorherrschaft – Hansaviertel gegen Stalinallee. Dort im Vorzeigebau „Haus des Kindes“ wuchs die Autorin als jüngste Tochter in die DDR eingewanderter Kommunisten auf. Anfangs war das Leben in diesem luxuriösen Vorzeigegebäude mit Fernheizung, hochwertiger Ausstattung besonders privilegiert. Ein offener Kindergarten, in den sie nach Belieben gehen konnte, Trubel und Treiben bei den prominenten Nachbarsfamilien wie der des Stalinalleearchitekten Henselmann oder den Havemanns. Während die Erwachsenen sich mit ihrem Glauben an den sozialistischen Fortschritt wie selbstverständlich in ihrem komfortablen Leben am Strausberger Platz einrichteten, lernt die „Bonzentochter“ die zerbombten Straßen und Wohnungen dahinter kennen, ist auch mit den dort ärmlich lebenden Kindern befreundet, was ihre Wahrnehmung auf die Widersprüche der Erwachsenen und die allmählich bröckelnden Verhältnisse nach dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ schärft. Seismographisch bemerkt das Mädchen aus ihrer unverstellten Perspektive die Risse, die nicht nur am Prachtgebäude, sondern wo sie auch hinschaut, auftauchen. Fein und genau erzählt, sind diese Erinnerungen an die Ideale und Fallstricke der aufstrebenden DDR, ein hochspannendes Dokument Berliner Zeitgeschichte. (Stefanie Hetze)
Das Eichhörnchen und der Panda sind die allerbesten Freunde und erleben jeden Tag aufs Neue mal kleine und mal große Abenteuer. Zusammen träumen sie vom Mond, gehen mit einer Schnecke auf Reisen, streiten und vertragen sich. Ed Franck erzählt die sechs Geschichten in für die Jüngsten einfach gehaltener, aber keinesfalls langweiliger Sprache. Vor allem stecken die kleinen Erzählperlen voller liebevoller Details, Situationskomik und schlagfertiger Dialoge. Thé Tjong-Khing, den man vor allem aus seinen wimmeligen Bilderbüchern rund um die Torte kennt, tritt hier ungewöhnlich reduziert, aber dank seines präzisen Striches wie immer unverkennbar einfühlsam auf. Ein echter Vorlesegenuss! (Jana Kühn)
Er kennt es schon, aber heute war es in der Schule besonders schlimm, als wieder einmal die Worte nicht aus seinem Mund kommen wollten und alle Kinder über ihn lachten. Sein Vater – was für eine beglückende Figur! – fährt mit ihm an seinen Lieblingsort, den Fluss und hilft ihm, zu verstehen und zu akzeptieren, dass seine Sprache und auch er selbst wie der Fluss sind: mal sprudelnd, wirbelnd, mal weich und sanft. Wunderbar verdichtet und poetisch, gleichzeitig mit viel Empathie für das Kind erzählt Jordan Scott. Sydney Smith findet dafür berückend schöne, für ein Bilderbuch ungewöhnlich künstlerische und mutige Bilder. Das Buch ist nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022.
Jeden Abend schaut Ben freudig aus seinem Kinderzimmerfenster. Davor steht ein großer Baum, in dem Herr Schuhu wohnt. Jeden Abend ruft Ben nach ihm und die Eule antwortet tatsächlich – aber nur ihm. Bens Eltern zeigt sie sich nicht, deshalb glauben sie auch nicht so recht an die Eule im Baum vorm Haus. Bis eines Tages der Baum gefällt werden soll und Ben all seine kindliche Energie darauf verwendet, Herrn Schuhus Zuhause zu retten. Mal kleinteilig, mal seitenfüllend zeigt sich Helen Stephens als feinfühlige und gekonnte Erzählerin und Illustratorin, die ihrem Protagonisten wunderbar viel zutraut und erreichen lässt. Und was das Cover nicht erzählt: Ganz beiläufig spielt die Geschichte in einer Mixed Race Familie.
Eishas Mama ist Töpferin und gestaltet außergewöhnliche und besondere Gegenstände aus Ton, die zu zerbrechlich sind, als dass die Tochter damit spielen darf. Aber sie bekommt ein eigenes Stück Ton, um sich selbst auszuprobieren. Sie formt eine Zitrone, denn die erinnern sie immer an ihren Vater. Ein unachtsamer Moment – und die zitronengelbe Form zerspringt am Boden in viele Stücke. „Was zerbrochen ist, kannst du nicht immer heile machen. Aber du kannst es versuchen.“, sagt Eishas Mutter und hilft ihr, die Zitronenstücke zu etwas neuem Schönen zu gestalten. Die Erinnerung an den Vater bleibt so erhalten. Warme, flächige Farben und eine ebenso warmherzige wie einfache Sprache vermitteln auch schon jungen Kindern viel Trost, wenn etwas oder jemand verloren gegangen ist.
Wimmelige multiperspektivische Bilder, die ganz viele Fragen und Antworten rund um die vielen Aspekte des Arbeitens und Geldverdienens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufwerfen und beantworten.
Das Baby soll endlich schlafen, die drei Kinder in Pija Lindenbaums rasanter Geschichte müssen schließlich los! Auf geht es im roten Auto und da sind sie schon in ihrer Arztpraxis angekommen. Gleich eine OP – was für ein Start! Mit einer Zugreise, einem Lagerfeuer und einer Hexe wird es sogar noch besser. In einer variantenreichen, je nach Gefühlslage wechselnden Farbpalette spielen die Kinder erwachsene Lebensrealitäten nach. Die Schwedin bürstet sie jedoch märchenhaft gegen den Strich und hinterfragt sie ganz nebenbei mit viel Humor. Aufs Herrlichste bekommen Erwachsene den Spiegel vorgehalten: Was wir nicht immer alles müssen!
Durstig ist das Vogelkind, läuft zur Pfütze hin geschwind. Aber ei, da fliegt es hin und landet … mittendrin! Der Erste zieht es raus, der Zweite reibt es ab und auch der Dritte macht sich nützlich. Doch wer hat das Vogelkind eigentlich in die Pfütze geschubst, fragt der Vierte. »Ich hab‘s doch nur gestupst«, gesteht leicht zerknirscht der Fünfte. Dieses Fingerspiel mit Abzählreim kennt im Iran jedes Kind. Nun können Kinder hierzulande ihren Spaß damit haben. Dazu wunderschön illustriert, auf Recyclingkarton gedruckt und gestanzt, ist die Originalsprache kreativ in die Gestaltung einbezogen und toll übersetzt. Endlich einmal ein „hochwertiges“ und unterhaltsames zweisprachiges Buch für Krippenkinder!
In einer Vorstadtsiedlung erwacht ein Kind und ist gleich großer Aufregung. Heute geht es mit seinem Vater in die Berge! Mit dem Auto verlassen sie die Stadt und erreichen schließlich eine ursprüngliche Gebirgslandschaft, in der sie den Tag mit Wandern, Klettern und Naturentdeckungen verbringen. Höhepunkt ist das Pflanzen eines Baumsetzlings, eine alte Familientradition, in ihrem Fotoalbum zu entdecken. In sehr schönen Farbstiftillustrationen zeigt Pete Oswald das Verhältnis von Kind und Vater ganz ohne Worte wunderbar zugewandt und vertrauensvoll. Das Familiensetting ist in jedem Fall ein finanziell sorgenfreies, eine Mutter kommt zumindest in der Erzählung nicht vor. Ob und warum sie fehlt, bleibt genauso offen wie das Geschlecht des Kindes. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022.