FÜR NEUGIERIGE, ZUHÖRER*INNEN, LAUTE UND LEISE DENKENDE

Die Niederlande und Flandern sind diesjähriges Gastland der Leipziger Buchmesse.
alles außer flach ist ihr Slogan und natürlich gibt es zahlreiche Neuerscheinungen.
Zwei davon haben uns sehr beschäftigt und wir haben viel darüber diskutiert. So viel, dass wir den Kreis der Leseerfahrungen und Meinungen
gerne vergrößern möchten – mit Euch und Ihnen.
Wir laden herzlich ein zum ersten Dante-Leseclub!
Wann? am Freitag, den 12. April um 19.30 Uhr
Wo? in der Dante Connection

Der englische Kunstkritiker, Kurator und Maler Roger Fry ist hierzulande nahezu unbekannt, was erklären mag, dass dem AvivA Verlag eine kleine feine Sensation gelungen ist: die deutsche Erstveröffentlichung eines Werks von Virginia Woolf! 1940 in England als ihr letztes Buch erschienen, liest sich das Porträt ihres guten Freundes aus dem legendären Bloomsbury Kreis frisch und lebendig wie ein Buch von heute. Formal eher unspektakulär, so schildert Woolf Frys Leben und Werdegang chronologisch, fächert sie die Facetten dieses leidenschaftlichen Kämpfers und Visionärs für die Moderne weit auf. Mit Respekt, intimster Kenntnis und Humor porträtiert sie den Freund, verwebt auf geniale Weise seine eigenen Briefe und Schriften mit ihren literarischen Schilderungen. Gleichzeitig überschreitet sie den engen Rahmen einer Biografie und konzentriert sich auf die gewaltigen kulturellen Umbrüche, die er mit zwei Ausstellungen auslöste, und die sich nachhaltig auf die Künste in England auswirkten, nicht zuletzt auf Virginia Woolfs eigenes Schreiben. Aber lesen Sie selbst. (Stefanie Hetze)
Ari fühlt sich am wohlsten, wenn sie auf ihrem Skateboard steht und das vertraute Rollgeräusch jede ihrer Bewegungen begleitet. Ganz schön ist es auch in dem etwas seltsamen Tech-Laden, den ihr alleinerziehender Vater Bob betreibt, und in dem ihre Freunde Jasin, Lou und Teddy gerne vorbeischauen. Doch eigentlich treffen sich immer alle im Skaterpark. Als einziges Mädchen, das nicht nur staunend am Rand sitzt, hat Ari dort ein festes Standing und den Ruf als verdammt coole Skaterin. In den Osterferien poppt plötzlich Tom in einem irren Tempo auf den Platz – und scheinbar ebenso in die Herzen aller Jugendlichen. Nur Ari zeigt sich wenig beeindruckt von seinem Style und seinen Skateboardtricks. Doch in nur zwei Wochen fegt es mehr als diese eine Gewissheit davon. Eva Rottmann erzählt davon mit viel Einfühlungsvermögen als Rückblick aus Aris Tagebuch. Ganz beiläufig werden dabei große und gesellschaftsrelevante Fragen zu beispielsweise Geschlechterrollen oder dem Umgang mit psychischen Krankheiten verhandelt. Dabei scheut Rottmann weder dialogstarke Jugendsprache noch Skaterslang und liest sich keine Spur anbiedernd, sondern glaubwürdig, zugewandt und enorm spannend obendrauf. (Jana Kühn) 
In ihrem neuen Buch schreibt Barbara Honigmann über Literatur, das Leben und jüdische Identität.
Ihr Lebensweg führte sie aus der DDR in den Westen, von Deutschland nach Frankreich, aus der Assimilation in das Tora-Judentum.
Als die Türkische Republik vor 100 Jahren gegründet wurde, wollte sie ein radikal moderner Staat werden: mit Übernahme europäischer Rechtssysteme, europäischem Kalender, lateinischer Schrift, freien Wahlen, Gleichstellung der Geschlechter, Gewaltenteilung – ein Programm, moderner und säkularer als fast überall sonst auf der Welt. Heute ist die Türkei ein autokratischer Staat, die Opposition wurde in die Enge getrieben und niemand ist vor Verhaftung gefeit. Nach der Wahl im Mai dieses Jahres ist das Land zerrissen wie nie zuvor.
Maruša Krese war Lyrikerin, Autorin von Kurzgeschichten und Radiofeuilletons, alleinerziehende Mutter, Über-Lebenskünstlerin, weltoffene Kosmopolitin und Tochter hochdekorierter slowenischer Partisanen. In ihrem ersten Roman, den sie kurz vor ihrem Tod mit 62 Jahren veröffentlichte, verarbeitet sie, wie so oft in Debüts, ihre eigene Familiengeschichte. Dabei wählt sie jedoch einen Kunstgriff, der den Roman zu einem literarischen Juwel macht. Für ihre drei Hauptpersonen Mutter, Vater und sich selbst wählt sie drei Stimmen. Sie, Er, Ich. Mitten im extrem harten Partisanenkrieg erzählen abwechselnd Sie und Er ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Nach dem Krieg im kommunistischen Jugoslawien, in dem Sie und Er erst einmal Karriere machen und hohe Preise dafür zahlen, kommt Ich mit der Wahrnehmung einer anderen freiheitsliebenden Generation hinzu, wechseln die drei Innenperspektiven auf die massiven politischen Umwälzungen einander ab. Das ist Geschichte von innen erzählt. Beeindruckend. (Stefanie Hetze)
Der Himmel über Berlin hat sich wieder aufgetan und einen Engel rausgelassen. Dieser Engel, Vanessa, arbeitet nachts in einer Kreuzberger Kneipe und verteilt tagsüber als Apothekenkurierin Drogen an die vom Leben Erschöpften. Von der ersten Seite an treibt das Metronom Tim Staffels durch die Geschichte. Vertraut der Rhythmus seiner kurzen dichten Sätze. Schon taucht Deniz auf, ein Streifenpolizist aus der Friesenstraße und mit ihm dessen parkinsonkranker Vater Markus. Es wird dauern, bis sich die Wege der beiden Protagonist*innen kreuzen und eine Liebesgeschichte entsteht, die so gar nichts mit ihren gegensätzlichen Lebenswelten zu tun hat. Ab und zu treiben kleine, dystopische Miniaturen durch das Bild und erinnern an etwas Bevorstehendes. Der Seismograph Staffel weiß, wo er bohren muss. Ein Tischtennisausflug zum Lietzensee, eine Frau mit Hund kreuzt den Weg. Zum Glück, denn mit wenigen Sätzen legt Staffel die Biographie dieser gebrochenen Charlottenburger Gestalt frei und mit ihr urbane Zeitgeschichte. Von diesen Synkopen gibt es unzählige. Je tiefer man hineingerät in den Sog dieser atemlosen Liebesgeschichte zweier Gestrandeter, desto mehr wartet man darauf. Und dann am Schluss dieses leise, schnelle, tiefschöne Finale. Manchmal ist es so einfach. (Kerstin Follenius)