Percival Everett: James

Aus dem Amerikanischen  von Nikolaus Stingl, Hanser 2024, 336 S., € 26,-

James, der vor einem Verkauf durch seinen Sklavenhalter flieht, und der Junge Huck, der aus demselben Hause weggelaufen ist, treffen einander unerwartet auf einer kleinen Insel im Missippi, den sie bald darauf zusammen auf einem wackeligen Floß befahren. Wem diese Geschichte bekannt vorkommt, täuscht sich nicht, denn Percival Everett hat mit James eines der Schlüsselwerke der US-amerikanischen Literatur und Mark Twains bekanntesten Roman Die Abenteuer des Huckleberry Finn adaptiert. Allerdings stellt er schon titelgebend James bzw. Jim, wie er verkürzt von vor allem Weißen genannt wird, in den Mittelpunkt des Erzählens und stattet seinen Protagonisten mit Bildung und Würde aus. Durch diese genial erdachte Verschiebung führt der Autor die von Sklaverei und Rassismus brutal verderbte Gesellschaft vor. Dass bei aller Dramatik der Geschehnisse immer wieder Momente großer Komik und atemloser Spannung entstehen, zeichnet Everettts Meisterschaft im Schreiben aus. Schon zu Jahresbeginn eines der besten Bücher in 2024! (Jana Kühn) Leseprobe

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Teodor Cerić: Gärten in Zeiten des Krieges

Reiseberichte aus Europa. Herausgegeben von Marco Martella. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel, Liebeskind 2024, 120 S., € 20,-

Gärten sind seit jeher Orte des Innehaltens und der Regeneration. Opulente Bücher über berühmte repräsentative Gartenanlagen versuchen, die Sehnsucht nach der Schönheit geordneter Natur zu stillen. Ganz zart kommt dagegen ein kleines Buch daher, das zudem das alles andere als beschauliche Wort „Kriege“ im Titel führt, aber eindrücklich Gärten vorstellt, die eher nicht zum Kanon gehören und im Verborgenen liegen. Beschrieben werden sie von einem Erzähler, einem aus Sarajewo geflüchteten Literaturstudenten,  dem sie bei seinem Umherirren durch Europa Halt und manchmal Arbeit geben. Und der sich inspirieren lässt von ihren Besonderheiten und ergründet, wie aus Träumen, mögen sie noch so übertrieben sein, Gärten entstehen. So sucht er den Garten Derek Jarmans direkt neben einem Atomkraftwerk auf oder Samuel Becketts hinter einer mit Scherben bestückten Mauer biologische Gartenwüste oder erforscht die Geschichte eines sogenannten Schmuckeremiten in einem englischen Landschaftspark. In Graz, in einem hinter Mauern versteckten Hof voller Farne, endet seine Odyssee. Er kehrt zurück, um einen eigenen Garten anzulegen, hat dabei aber schon seinen Leserinnen und Lesern ein literarisches Kleinod hinterlassen, das zur gedanklichen Kontemplation einlädt – und zu Überlegungen zur Mitwirkung des Herausgebers Marco Martella. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Der Dante-Leseclub

FÜR NEUGIERIGE, ZUHÖRER*INNEN, LAUTE UND LEISE DENKENDE

Im Dante Leseclub möchten wir mit Euch über aktuelle Bücher, die uns beschäftigen, ins Gespräch kommen. Wir möchten diskutieren und hinterfragen, in jedem Fall jubeln, welche Streitkraft Literatur haben kann.

Wir kündigen den Buchclub und die ausgewählten Titel in der Regel ca. vier Wochen vor Termin an. Die von uns ausgewählten Bücher haben wir natürlich vorrätig.

Achtung Spoiler-Alarm! Im besten Fall habt ihr die Bücher zu unseren Treffen schon gelesen und teilt eure Meinung mit uns. Vielleicht sind unsere Gespräche aber auch genau die Anregung, die es noch gebraucht hat, um euch für einen Titel zu entscheiden.

Unsere Türen sind jedenfalls geöffnet für Neugierige, Zuhörer*innen, laut und leise Denkende. Wir freuen uns und sind gespannt auf Eure und Ihre Leseeindrücke!

Der Eintritt ist frei. Für Wein und Wasser ist gesorgt.

Auf zum nächsten Dante-Leseclub!

Erster Dante Leseclub

FÜR NEUGIERIGE, ZUHÖRER*INNEN, LAUT UND LEISE DENKENDE

Die Niederlande und Flandern sind diesjähriges Gastland der Leipziger Buchmesse. alles außer flach ist ihr Slogan und natürlich gibt es zahlreiche Neuerscheinungen.
Zwei davon haben uns sehr beschäftigt und wir haben darüber viel diskutiert. So viel, dass wir den Kreis der Leseerfahrungen und Meinungen gerne vergrößern möchten – mit Euch und Ihnen.

Wir laden herzlich ein zum ersten Dante-Leseclub!
Wann? am Freitag, den 12. April 2024 um 19.30 Uhr
Wo? in der Dante Connection
Weitere Informationen zum Dante-Leseclub … hier.

Und über diese beiden Bücher möchten wir mit Euch ins Gespräch kommen, sie diskutieren und hinterfragen, in jedem Fall jubeln, welche Streitkraft Literatur haben kann.

Der etwas nerdige, vom Vater verlassene Jimmy und der mit seiner Familie durch halb Europa geflüchtete Tristan werden trotz Sprachschwierigkeiten und Altersunterschied Freunde. Vielleicht brauchen sie einander auch vor allem. So schmal wie voller großer Fragen, atemberaubend spannend und von einer Tragik, die lange nachhallt.
Lize Spit: Der ehrliche Finder
Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga Beunigen, 128 Seiten, 18 Euro

Hunter White bereist als Trophäenjäger den afrikanischen Kontinent. Er will ein Nashorn erlegen, doch kommt ihm eine Gruppe Wilderer zuvor.
Um sein gekränktes Jägerego zu beruhigen, erhält er das unfassbare Angebot, auf Menschenjagd zu gehen. Ein rasanter wie streitbarer Roman, eine große Parabel?
Gaea Schoeters: Trophäe
Aus dem Niederländischen übersetzt von Lisa Mensing, Paul Zsolnay Verlag, 256 Seiten, 24 Euro

Unsere Türen sind geöffnet für Neugierige, Zuhörer*innen, laut und leise Denkende. Wir freuen uns und sind gespannt auf Eure und Ihre Leseeindrücke!

Ronen Altman-Kaydar: Berliner Rebell*innen

LESUNG & GESPRÄCH

Berliner Rebell*innen. Wie junge Jüdinnen & Juden die Geschichte Berlins prägten

In acht Streifzügen durch das Zeitgeschehen erkundet Ronen Altman-Kaydar die Hauptstadt und ihre facettenreiche Geschichte durch die Augen junger Erwachsener.

Über die Jahrhunderte hinweg bis heute wurde Berlin durch berühmte, jüdische Persönlichkeiten geprägt, die auch alle einmal Teenager waren! Ihnen folgen wir auf Stadtspaziergängen und erfahren mehr über ihre Biografien. Dabei lernen wir z. B. die Saloniere Henriette Herz, den Revolutionär Gustav Landauer oder den Philosophen Moses Mendelssohn kennen.

Der Stadtführer richtet sich an junge und junggebliebene Menschen. Autor Ronen Altman-Kaydar gelingt eine Kombination aus Unterhaltung und Information, die inspiriert und gleichzeitig Geschichte vermittelt.

WANN? Donnerstag, 14. März um 19 Uhr
WO? Eberhard-Ossig-Stiftung | Markgrafenstraße 88 | 10969 Berlin

Anmeldung: info@eberhard-ossig-stiftung.de

Wir begleiten die Veranstaltung mit einem Büchertisch.

Antje Bones, Nele Palmtag (Illustr.): Hast du Zeit?

Hanser 2024, 24 S., € 16,-, ab 5

Zeit – hinter den nur vier Buchstaben verbirgt sich ein riesiges Abstraktum, das sich Kindern nur langsam erschließt. Leuchtende Farbstiftzeichnungen erzählen ihnen in diesem rundum wunderschönen Bilderbuch einen Tag aus dem Leben einer quirligen Familie. Der Trubel am Morgen, die Radfahrt am Nachmittag, das Gartenfest bei Oma. Den Bildern beigestellt sind Fragen, die verschiedene Facetten von Zeit beleuchten. Hat man Zeit? Oder wie nimmt man sie sich? Wann ist gleich? Wann sofort? Was sind Pünktlichkeit, Ewigkeit, Lebenszeit? Diese großen und kleinen Fragen werden mit weiteren, liebevoll detailreichen Vignetten alltagsnaher Szenen bebildert. Nicht weniger als Philosophie für Kinder verheißt dies viel gemeinsame Bilderbuchzeit auf der Suche nach Antworten! (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Lana Lux: Geordnete Verhältnisse

Hanser 2024, 288 S., € 23,-

Faina ist neu in der Schule – das jüdisch-ukrainische Kind ohne deutsche Sprachkenntnisse, mit leuchtend roten Haaren und seltsamen Pausenbroten hat keinen leichten Start. Philipp sieht in Faina, was er sehen will. Für ihn ist sie wie er: bedürftig, allein und er will ihr bester Freund sein. Obwohl beide kaum unterschiedlicher sein könnten, schweißt sie ihrer beider Außenseiterposition tatsächlich zusammen – doch von Anbeginn in einer Schieflage. Aus Philipps kindlicher Sehnsucht nach Unbedingtheit entwickeln sich über die Jahre krankhafte Besessenheit und ein männlicher Besitzanspruch. Coming-of-Age, migrantische Familienbiografie, Alkoholsucht und Missbrauch – Lana Lux schüttelt ihre Leser*innen heftig durch, um von der zutiefst toxischen Beziehung wechselseitig aus Fainas und Philipps Perspektiven zu erzählen. Sehr gut beobachtet, pointiert und temporeich entwickelt sie einen schier unerträglichen Lesesog, der ebenso entsetzt zum Lachen bringt wie tieftraurig die Luft anhalten lässt. (Jana Kühn) Leseprobe

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Mirrianne Mahn: Issa

Rowohlt 2024, 304 S., € 24,-

Issa ist verwirrt:  Sie ist schwanger, hin- und hergerissen zwischen Kindsvater („sofort heiraten“), ihrer Mutter („abtreiben“) und eigenen Gefühlen und Plänen. Mehr oder weniger freiwillig lässt sie sich darauf ein, aus der deutschen Großstadt zu ihrer Großmutter und Urgroßmutter nach Kamerun zu fliegen, um dort an traditionellen Ritualen teilzunehmen. Das Haus der Omas, ihre Strenge und Rätselhaftigkeit, ihre Liebe und Klugheit sind ihr aus der Kindheit eng vertraut. Sie kann anfangen zu entspannen, ist sie nicht nur dem Zerren ihrer Engsten entronnen, sondern auch dem deutschen Rassismus. Gleichzeitig eckt sie in der unüberschaubar weit verzweigten afrikanischen Großfamilie mit ihrem „Deutschsein“ an und lässt die Rituale wie etwas Äußerliches über sich ergehen.
Raffiniert erweitert die Autorin den Radius von einer persönlichen Erzählung zu einer Jahrhundertgeschichte von Ausbeutung, Kolonialismus und Sexismus, indem sie parallel die Traumata und Selbstbehauptungskämpfe von Issas Vorfahrinnen in pointierten historischen Kapiteln bis in die Gegenwart nachzeichnet und damit ihren Zwiespalt vom Leben im Dazwischen in einen breiten Kontext stellt. Das passiert alles ganz beiläufig. Eine unbedingte Empfehlung. (Stefanie Hetze)

 

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Michela Murgia: Drei Schalen

Aus dem Italienischen von Esther Hansen, Wagenbach 2024, 160 S., € 20,-

Ein beeindruckendes Buch des Abschieds. Das persönliche Schicksal der sardisch-römischen Schriftstellerin ist untrennbar damit verbunden. Michela Murgia schrieb es im klaren Bewusstsein ihrer Krebsdiagnose mit tödlichem Ausgang. Statt verständlicher Larmoyanz entwickelte sie in dieser extremen Situation einen ganz eigenen Stil, von Menschen in heftigen Krisen zu erzählen, in denen immer ein Abgrund lauert, aber auch Anzeichen von Auswegen oder Umbewertungen auftauchen. Das ist hart, in manchen Erzählungen grotesk und sperrig, aber auch befreiend, wie erfinderisch die Figuren mit ihrer Verzweiflung, Wut und Trauer umgehen. Trotz aller Nöte handeln sie tatkräftig wie die Frau, die sich angesichts des drohenden Auszugs ihres Sohnes die Pappfigurversion eines umschwärmten Boygroup-Sängers besorgt, um mit ihm alles zu „besprechen“. Oder in der titelgebenden Erzählung, in der die Protagonistin sich nach viel familiärem Porzellanzerschlagens und schlimmen Essstörungen mithilfe dreier japanischer Keramikschalen in einen machbaren Alltag rettet. Raffiniert verzahnt die Autorin dabei die Verbindungen zwischen ihren Charakteren und schafft so Raum, die Dinge auch einmal aus einer völlig anderen Perspektive wahrzunehmen. Das so entstehende Beziehungsgeflecht hat etwas Unausweichliches, aber gleichzeitig auch Tröstliches. (Stefanie Hetze)

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Gaea Schoeters: Trophäe

Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing, Zsolnay 2024, 256 S., € 24,-

Hunter White, der Protagonist der flämischen Autorin Gaea Schoeters, bereist als Trophäenjäger den afrikanischen Kontinent. Er will ein Nashorn erlegen, doch kommt ihm eine Gruppe Wilderer zuvor. Um sein gekränktes Jägerego zu beruhigen, erhält er das unfassbare Angebot, auf Menschenjagd zu gehen. Der mit einem steilen Spannungsbogen verfasste, streitbare Roman, vielmehr eine Parabel, hat mich beschäftigt wie schon lange kein anderes Buch. Stilistisch adaptiert Schoeters ein Genre, das als colonial hunting literature in die Literaturgeschichte einging und vergegenwärtigt dieser Art umso drängender post-koloniale Schieflagen. Schoeters recherchierte und schrieb, wie sie sagt, in großem Bewusstsein ihrer weißen Identität. Sie haderte dabei immer wieder mit moralischen Vorstellungen und ethischen Regeln – und ebenso erging es mir beim Lesen. Die schockierende Drastik der Geschehnisse war für sie schließlich notwendig, um mit den Mitteln der Literatur aufzurütteln. Denn Rassismus tötet in unser aller Wissen jeden Tag, und die nur langsam stattfindende Aufarbeitung von Kolonialgeschichte ändert bis heute nichts an globalen Machtgefällen. (Jana Kühn) Leseprobe

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