Helon Habila: Reisen

Aus dem Englischen von Susann Urban. Hrsg. von Indra Wussow, Verlag Das Wunderhorn 2020, 320 S., € 25,-

Habila_helon_Reisen_Danteperle_Dante_Connection_BuchhandlungDer Roman beginnt ganz klassisch mit einem Neuanfang eines Ehepaares. Sie, eine US-amerikanische Künstlerin, hat ein renommiertes Stipendium in Berlin erhalten und konzentriert sich auf ihre Karriere. Er, ein nigerianischer Doktorand, will eigentlich für seine Dissertation forschen, lässt sich aber durch Berlin treiben und lernt dabei andere Afrikaner kennen. Als Geflüchtete und Migranten führen sie ein völlig anderes Leben als er, der privilegierte verheiratete Akademiker, dessen Frau gerade durchstartet. Während er sich von ihr entfernt, in das afropolitane Berlin eintaucht und das Buch die Konventionen eines klassischen Eheromans verlässt, konzentrieren sich die nächsten Abschnitte ganz auf diese Menschen und ihre individuellen Geschichten, wie die des aus Libyen geflüchteten Chirurgen Manu. Er arbeitet als Türsteher, geht mit seiner kleinen Tochter jeden Sonntag vom Flüchtlingsheim zum Checkpoint Charlie, in der Hoffnung, dort seine Frau und ihren Sohn zu treffen, eine Verabredung, die sie auf dem Mittelmeer trafen, während ihr Boot sank…
Wie in einem Reigen fokussiert sich Habila in den einzelnen Romanstrecken auf unterschiedliche Protagonist*innen und ihre zutiefst individuellen ergreifenden Lebensgeschichten. Geschickt verzahnt er ihre Schicksale miteinander und lässt den Ich-Erzähler vom Anfang immer weiter in ihre Migrationsgeschichten eintauchen. Das lässt einen nicht los und ist große sehr berührende Kunst. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber. AvivA Verlag 2020, 224 S., € 19,-

Goldsmith_Margaret_Patience_geht_vorüber_Danteperle_Dante_Connection Im Frühjahr 1918 feiern zwei innig-unzertrennliche Freundinnen ihr Abitur in einer Konditorei in der Berliner Uhlandstraße. Beide verabscheuen den Krieg, Grete als Sozialistin und Patience steht dank ihrer englischen Mutter und ihres deutschen gefallenen Vaters sowieso zwischen allen Stühlen.
Wie der Titel es andeutet, konzentriert sich die Autorin auf Patience, die in Grete verliebt ist und zwischen Verlangen und Scham hin und her gerissen ist. Ihre distanzierte Mutter ist ihr dabei keine Hilfe. Der scheinbare Ausweg aus ihrem Gefühlschaos ist eine Heirat aus „Mitleid” mit einem Fliegersoldaten. Anschließend fährt sie aber mit Grete an die Ostsee und lässt sich auch bald von ihrem Mann scheiden.
Margaret Goldsmith hat in ihrem außergewöhnlichen bereits 1931 erschienenen Roman eine ganz und gar moderne Protagonistin entworfen. Patience geht ihren sehr eigenen selbstbestimmten Weg. Wie heutige Großstadtnomadinnen sucht sie ihr Glück in anderen Ländern, wechselt ihren Beruf, findet einen unkonventionellen Zugang zur Mutterschaft und hat mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Ganz lakonisch und direkt bleibt Goldsmith ihr auf der Spur und erfüllt absolut ihren eigenen Anspruch, das „wirkliche Leben” zu beschreiben. Das ausführliche Nachwort und die schöne Covergestaltung runden das Leseerlebnis aufs Allerfeinste ab! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Deniz Utlu: Die Ungehaltenen

Graf Verlag 2014, € 18,00, tb list 2015, € 9,99

die_ungehaltenen_danteperle_dante_connectionDer junge Deutschtürke Elyas lebt in Kreuzberg, gerade geht aber auch alles schief: Er hat sein Jurastudium an den Nagel gehängt, der Vater hat Krebs, seine Freundin verläßt ihn, die Nachmittage in der Kneipe bringen es nicht, auch die Anrufe der Mutter erträgt er nicht. Nur die Gespräche mit seinem Onkel Cemal bringen ihn weiter. Cemal hat sich seinen Humor bewahrt, obwohl er neben seiner Heimat Türkei auch seinen Kreuzberger Kiez zu verlieren droht.
“Die Ungehaltenen” ist ein Roman, der viel und Großes thematisiert: Einwandererschicksale der ersten Generation und der ihrer Kinder,  das sich verändernde Berlin vor und nach dem Mauerfall, die Gentrifizierung Kreuzbergs, leere Integrationsrituale, Wut auf die sozialen Verhältnisse, Trauer um die sterbenden oder hilflosen Eltern. Dazu gibt es eine zarte Liebesgeschichte, eine ziemlich beschwerliche Reise über Istanbul an den väterlichen Herkunftsort. Das ist alles sehr leichthändig, poetisch und leidenschaftlich nah an den Menschen geschrieben, die er porträtiert. Ein virtuoser Debütroman, dem wir viele Leserinnen und Leser wünschen. (Stefanie Hetze) Leseprobe