Aus dem Französischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2019, 208 S., € 20,-
(Stand März 2021)
Antonia, eine junge Fotografin, verunglückt auf dem Weg in ihr korsisches Heimatdorf tödlich.
Ihr Onkel, ein Priester, hält die Totenmesse. Im Laufe der Begräbnis-Liturgie – deren einzelne Stationen auch das Buch in Kapitel strukturieren – erinnert er sich an seine Nichte, die sich als junges Mädchen in einen militanten Kämpfer der korsischen Unabhängigkeitsbewegung FLNC verliebt und später als Kriegsfotografin nach Bosnien geht.
Anhand der fiktionalen Fotografien seiner Protagonistin zeichnet Ferrari die Lebensgeschichte Antonias nach, für die es irgendwann nur noch zwei Kategorien der Fotografie gibt, jene, die nicht hätte existieren dürfen, da sie die unerträgliche Brutalität der Welt zeigt, und solche, die so banal ist, dass sie nicht verdient zu existieren, aber auch die Geschichte der FLNC und der Kriegsfotografie als Dokument des Todes und der Gewalt, bis mit den Drohnen „der Tod verblasst und sich im Raum einer virtuellen Welt aufhebt“. Dem Autor ist ein philosophisch-literarisches Kleinod über die Abgründe des Menschlichen gelungen, ein Text, der den Leser mit dichter Atmosphäre und sprachlicher Brillanz zu fesseln vermag. (Syme Sigmund)


Viele für uns selbstverständliche Dinge werden Frauen in Saudi-Arabien ohne männlichen Vormund nicht zugestanden, u.a. das Autofahren. Manal al-Sharif, eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen der arabischen Welt, hat sich ins Auto gesetzt und ist einfach losgefahren – dafür kam sie ins Gefängnis. Dass es keinesfalls einfach war, wie sie sich vorbereitete und was es für Folgen hatte, das erzählt sie in ihrem eindringlichen autobiografischen Bericht, der gleichzeitig ein breit angelegtes gesellschaftliches Panorama sowie einen historischen Abriss der islamischen Radikalisierung Saudi-Arabiens bildet. Und selbstredend ist das Recht am eigenen Steuer zu sitzen pars pro toto gedacht: »Ich glaube, dass Kinder nicht frei sein können, wenn ihre Mütter nicht frei sind, Eltern können nicht frei sein, wenn ihre Töchter es nicht sind, Ehemänner können nicht frei sein, wenn ihre Ehefrauen es nicht sind, die Gesellschaft ist nichts wert, wenn Frauen nichts wert sind. Wir kämpfen nicht darum, Auto zu fahren, wir kämpfen darum, unser Schicksal in die Hand nehmen zu können.« Das beeindruckende Zeugnis einer unglaublich mutigen Frau, die mit ihrem tiefen Glauben gegen ein schlicht erzkonservatives, patriarchales Vormundssystem ins Feld zieht! (Jana Kühn)
Alfredo Cannella und Donka Berati lernen sich an der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi kennen. Beide sind ambitioniert und ehrgeizig, wobei Donka der vielversprechendere ist. Aber Donka ist Albaner und studiert mit Stipendium, Alfredo hingegen ist Sohn eines erfolgreichen venezianischen Unternehmers. So driften ihre Leben immer weiter auseinander. Spannend entfaltet sich ein Panorama, in dem die Verquickungen von Wirtschaft und Politik, von Profitgier und Skrupellosigkeit Alfredo alle Spielräume eröffnen, während Donka sich an einer Realität abarbeitet, in der ohne Beziehungen, Betrug und Bestechung kein Erfolg möglich ist. Wie viel ist er bereit zu opfern, um doch noch von einer Taube zum Falken zu werden? Ein rasanter Roman über die italienischen (und weltweiten) Machtverhältnisse hinter den Kulissen, der von Klaudia Ruschkowski glänzend übersetzt wurde. (Syme Sigmund)
Die Autorin Deborah Feldman entstammt einer orthodoxen Familie, die einer starren chassidischen Sekte in Williamsburg, Brooklyn, angehört und insbesondere das Leben ihrer Mädchen und Frauen streng eintaktet und massregelt. Selbst in der Privatschule muss Jiddisch gesprochen werden, Frauen, die sich ihre langen Röcke mit Nadeln (!) an den Beinen feststecken, werden als Vorbild hochgehalten, tabu sind Bücher & alles, was Jugendlichen Spaß macht. Und doch gibt es in dieser geschlossenen reglementierten Welt zumindest für das Mädchen Devoiri kleinste Schlupflöcher, die sie mit ganzer Energie zu nutzen weiss. Sie ist, absolut ungewöhnlich, ein Einzelkind und lebt bei den Großeltern. Ihre Großmutter, deren gesamte eigenen Familie in den Konzentrationslagern ermordet wurde, überlässt sie mental sich selbst, erzählt ihr aber immerhin von einem früheren nicht-orthodoxen Leben in Ungarn und singt sogar manchmal die alten Lieder. Das ist das Schöne an dieser autobiograhischen Erzählung, Deborah Feldman schreibt trotz aller Kritik am Fundamentalismus differenziert von Menschen mit ihren vielen Facetten, auf die sie sich bis zu einem bestimmten Punkt einlassen musste/wollte (?). Das hat ihre persönliche Befreiung sicher nicht gerade erleichtert, macht die Leküre aber umso lohnenswerter und spannender. (Stefanie Hetze)
Der korsische Nationalist Stéphane Campana stirbt duch zwei Kugeln, die aus nächster Nähe auf ihn abgefeuert werden. Raffiniert verschachtelte Erzählungen und Erinnerungen unterschiedlicher Dorfbewohner entfalten nach und nach die Geschichte des Toten und damit verbunden die gewalttätige Geschichte des korsischen Nationalismus zwischen 1985 und 2000. Parallel dazu erfahren wir das Schicksal eines marokkanischen Geschwisterpaares, das seine Heimat voller Hoffnung verlässt und in dem korsischen Dorf vergeblich versucht, den Glauben an ein mögliches Glück nicht zu verlieren.