Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann, Aufbau Verlag 2022, 342 S., € 24,-, TB Nov. 2023, € 15,-
Gaustine, ein rätselhafter Herr, der als Geriater arbeitet, macht in Zürich eine „Klinik für Vergangenheit“ auf. In der eigenartigen Struktur werden demente Patienten aufgenommen. Die Methode besteht in dem Versuch, das Gedächtnis der Patienten zu fördern, indem sie Zeit in Räumlichkeiten der Klinik verbringen, die genau wie ihnen vertraute Räume entsprechend der verschiedenen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eingerichtet sind. Die Idee wird sofort begrüßt, die Patienten vermehren sich, das Projekt wird immer ambitionierter…
Ein namenloser, hochsensibler Ich-Erzähler begleitet uns auf eine faszinierende Wanderung durch Städte, Länder und Zeiten und konfrontiert uns mit der Ungewissheit der Zukunft, indem er Satire, Nostalgie, Geschichte verbindet. Eine tiefgehende, tiefbewegende und vielseitige Lektüre, die der Leserin Tränen in die Augen treibt und die sie zwei Seiten später zum Lachen bringt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

Der Rombo – das ist das Geräusch, welches einem schweren Beben vorangeht, ein Grollen tief aus der Erde kommend, ursprünglich und unvergleichlich.
Ein weiterer Band (der vierte) in der Reihe großartiger Neuübersetzungen der Werke Paveses durch Maja Pflug, die der Rotpunktverlag nach und nach publiziert. Erstmals sind hier die drei kurzen neorealistischen Romane Der schöne Sommer, Der Teufel auf den Hügeln und Die einsamen Frauen in einem Band vereint, so, wie sie ursprünglich in Italien erstmals erschienen und für die Pavese 1949 mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde.
Der Morgen einer klassisch bürgerlichen Hochzeit, ein Landhaus, die Verwandtschaft und die Freunde der Braut treffen ein, die Organisation ist chaotisch, die Kinder piesacken einander, die jungen Leute geben sarkastische Kommentare von sich – und die Braut begegnet ihrer großen Liebe des letzten Sommers wieder und weiß plötzlich nicht mehr, wo ihr der Kopf und das Herz stehen. Doch ist da ja noch eine Flasche Rum im Ankleidezimmer, von der sie Schluck für Schluck trinkt, um zu einer Entscheidung zu gelangen, während die Gesellschaft schon in der Kirche auf sie wartet … Julia Strachey, eine Bekannte Virginia Woolfs, ist bisher in Deutschland kaum bekannt. So wurde dieser 1932 erschienene, äußerst kurzweilige und bitterböse Roman jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt.
Ein einzigartiger Roman, der – zum Glück – in keine Schublade passt. Die Ich-Erzählerin, das Alter Ego der Autorin, eine junge intellektuelle Schauspielerin, will an den besten Theatern Europas, das sind in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts Bühnen in Ostberlin, Paris und Bochum, arbeiten, lernen und sich weiterentwickeln. Ihr Talent, ihre Kreativität und Hingabe werden allerorten geschätzt, nur ist sie keine Muttersprachlerin, hat sie als Türkin ohne längeres Bleiberecht keine stabile Perspektive. Zurückkehren geht angesichts der politischen Lage zuhause auch nicht. Das ist die Ausgangssituation für einen der ungewöhnlichsten Romane dieser Zeit, in dem es um die ganz großen Themen wie Politik, Gewalt, Heimat und Zugehörigkeit geht, den Grenzen und Schatten, aber ebenso um die feinen Momente, die Räume der Begegnungen, Freundschaften, Künste, der Liebe, der Sprachen.
Als Adina ihr Heimatdorf in den tschechischen Bergen in Richtung Berlin verlässt, ist sie voller Zuversicht. Deutsch lernen wird sie und studieren, ihren Weg machen. In Berlin lernt sie die selbstbewusste Rickie kennen, die ihr einen Job im Oderbruch vermittelt, wo ein Kulturzentrum entstehen soll, mit Fördergeldern der EU. Doch der, der die Gelder bewilligen soll, ist an Adina auf seine eigene Art interessiert. Vergewaltigt, misshandelt und traumatisiert findet Adina den Weg nach Finnland und muss all die ihr verbliebene Kraft aufwenden, sich nicht selbst zu verlieren und ihr Vorhaben, die Täter anzuzeigen, in die Tat umzusetzen.
Der 1963 posthum veröffentlichte Roman Una questione privata wird heute als Fenoglios Meisterwerk und einer der besten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts angesehen. Italo Calvino hat ihn sogar mit dem Orlando furioso verglichen. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen, doch ist dieses Buch ein wahres literarisches Wunder.
Als Johnnie aus dem Krieg heimkehrt sehnt er sich vor allem nach seiner vier Jahre zuvor zurückgelassenen jungen Frau. Doch das Wiedersehen verläuft nicht wie erträumt, Glory erträgt seine Anwesenheit kaum. Nach und nach kommen in diesem Sittenbild einer amerikanischen Kleinstadt weitere Personen zu Wort – Glory, die glaubt ihr Glück bei dem Verführer des Ortes finden zu können, der alles beobachtende Apotheker, der tückische Schnüffler und Taxifahrer „Wiesel“ oder Glorys Mutter, die nur auf das Ableben ihrer Schwiegermutter lauert, um an das Erbe zu gelangen. Es entfaltet sich ein Bild voller Missgunst, Neid, Boshaftigkeit und Rassismus. Eine Sturmnacht mit sturzbachartigem Regen und entwurzelten Bäumen bildet die Kulisse für all die menschliche Niedertracht und Verlorenheit.
Ulrike Edschmid schreibt von dem, was sie selbst kennt, ohne sich um sich selbst zu drehen. Im linkspolitisch bewegten London der frühen Siebzigerjahre, die geprägt waren von Hausbesetzungen, IRA-Anschlägen und Kämpfen gegen rabiate Gerichtsurteile, in das sie, die Erzählerin, „wie vom Regen in die Traufe“ aus Berlin gekommen war, legt sich im Abbruchhaus voller Aktivist:innen ein Mann in ihr Bett. Schnell wird dieser ihr Geliebter, doch umso weniger beginnt jetzt ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman.
Ein Neuanfang. Von ihrem Mann getrennt, die flügge gewordene Tochter irgendwo in der Welt unterwegs, hat sie die Großstadt verlassen und ist an die Küste gezogen. Weite Felder, flaches Land, Deiche und Schafe. Das Meer grau und kalt selbst im Sommer. Ihr Bruder betreibt eine Kneipe, hier arbeitet sie – und begegnet ihrer neuen Umgebung mit offenen Augen. Mit Mimi, ihrer Nachbarin, freundet sie sich an, und von Arild, dem verschlossenen Schweinebauern, fühlt sie sich angezogen. Es ist eine begrenzte Welt, unaufgeregt, bodenständig, rau-herzlich der Ton, es wird viel geschwiegen, und doch viel gesagt. Judith Herrmann beschreibt ihre Figuren mit liebevollem Blick und großer Empathie, abwartend, ohne zu werten, in unverwechselbarem, schwebend-leichtem und doch präzisem Ton, ohne ein Wort zu viel. Ein kleiner Kosmos fernab des Weltgeschehens und doch allumfassend, menschlich. Eine Wohltat in Zeiten vorschnellen Schubladendenkens und ein beglückendes Leseerlebnis. (Syme Sigmund)