Aus dem Italienischen von Moshe Kahn, Galiani 2022/2023, 5 Bände, je ca. 350 S., je € 26,-
(L’autobiografia di Giuliano di Sansevero, Elliot 2012, € 27,-)
Anfang der 70er Jahre erschienen, passte diese fünf Bände umfassende fiktive Biografie nicht in die von der Avantgarde geprägte literarische Landschaft Italiens. Daher geriet das Werk nach anfänglichen Erfolgen – unter anderem wurde es von der Académie de la Littérature Française als bester europäischer Roman ausgezeichnet – schnell in Vergessenheit. Dabei ist die Lebensgeschichte dieses jungen, 1903 geborenen Adligen aus Neapel große Literatur, die zum Teil an den nur zehn Jahre zuvor veröffentlichten „Il Gattopardo“ erinnert.
Der junge Giuliano wächst in Neapel mit dem verblassenden Prunk seiner Familie auf und gerät nach dem Bankrott des Vaters in die politischen Wirren des 20ten Jahrhunderts. Einfühlsam und sprachversiert folgt Giovene dem Leben dieses Mannes zwischen Tradition und Moderne, ein beobachtender Außenseiter, mit dem wechselnden Geschick seines Landes verbunden.
Nun liegt das Werk erstmals vollständig auf Deutsch vor. Der erste und der zweite Band sind schon erhältlich, Band drei bis fünf sind für 2023 angekündigt. (Syme Sigmund)

Die Autorin hat für ihren Roman um die Erwartungen dreier Jugendlicher an ihr Leben eine Extremsituation gewählt: In London suchten 1940 die Menschen in Massen in U-Bahnschächten Schutz vor den deutschen Bomben. Voll ist es, alle kämpfen um Schlafplätze, so auch die 14jährige Protagonistin Ella und ihre Familie. In der Schlange will der charmant-abgerissene Jay Ellas Behinderung gewinnbringend ausnutzen (sie hinkt als Folge einer Polioerkrankung). Er verwirrt Ella, zumal die Dritte im Tunnel, die filmstarschöne reiche Quinn, die von zuhause abgehauen ist, sich auch für ihn interessiert. Quinn, die vor nichts Angst zu haben scheint, unterstützt aber auch ihre neue Freundin . . . Vor all die persönlichen Befindlichkeiten schiebt sich jedoch mit aller Macht das gewaltige Kriegsgeschehen. Anna Woltz hat die historischen Fakten raffiniert beiläufig eingebaut, was die dramatische Spannung um die Protagonist:innen kaum aushaltbar steigert. Nächte im Tunnel ist ein Ausnahmeroman um die Bedeutsamkeit, nicht wegzuschauen bei anderen und bei sich. Und immer für die eigenen Träume einzustehen auch trotz absolut widriger Umstände. (Stefanie Hetze)
Link ist ein junger Mann mit hervorragendem Universitätsabschluss, schön wie ein Adonis, einst Star der Footballmannschaft seines Colleges, brillant und sensibel. Doch in der Kleinstadt in der Nähe von New York Anfang der 1950er Jahre hilft ihm das wenig. Aufgewachsen als schwarzes Adoptivkind in der berüchtigten Gegend am Fluss, den Narrows, bei der ehemaligen Lehrerin Abbie Crunch, die stets Angst hat, etwas „racetypisches“ zu tun, und geprägt von Bill Hod, dem Boss der Unterwelt, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihm Stolz auf seine Herkunft vermittelt, arbeitet er als Barmann in Hod’s Kneipe The Last Chance.
Dieser knappe Roman hat es in sich: Ein Telegramm holt Silvia aus einer norditalienischen Stadt zurück in ihr Heimatdorf im Süden, zu ihrer Familie und Vergangenheit. Sie überredet ihren Ex-Freund Giovanni, sie zu begleiten, obwohl sie ihn eigentlich eklig findet. Ihm macht ihr Angebot Hoffnung. Bei ihr Zuhause treffen sie auf einen sterbenden Jungen, eine verstörte Mutter, einen übergriffigen Stiefvater und eine verschlossene Hausangestellte. Nehmen diese ihnen ihre vermeintliche Verlobung ab? Was hat es mit dem Jungen auf sich? Was ist damals passiert? Abgründe aus der Vergangenheit tun sich auf, die weit in die Gegenwart hineinreichen: Vergewaltigung, Mißbrauch, absolutes Schweigen. Ihre
Was für ein Wurf! Autorinnen der Weltliteratur nach 1900 sind hier in einem Band versammelt, und dabei liegt der Fokus keineswegs nur auf Europa und den USA. So sind neben bekannten Namen wie Zelda Fitzgerald, Elsa Morante oder Marguerite Yourcenar auch für Literaturkenner:innen sicher einige – viele – neue Namen zu entdecken. Ein Anhang mit Informationen zu den Autorinnenviten sowie ein kluges Nachwort Sandra Kegels zur Geschichte weiblichen Schreibens liefern bei Interesse weitere Informationen. Eine Schatztruhe mit 101 Erzählungen, welche die Welt aus weiblicher Sicht in Worte fassen. Ein großes Fest! (Syme Sigmund) 
Felice wächst in der Sanità auf, dem berüchtigtsten Viertel Neapels, beherrscht von organisierter Kriminalität und Gewalt. Von klein auf ist er eng mit Oreste befreundet, der ihn jedoch gegen sein eigenes Bauchgefühl zu immer riskanteren Raubüberfällen überredet. Als der Einbruch bei einem weithin bekannten Wucherer in einer Tragödie endet, schafft Felice – erst 16 Jahre alt – den Absprung und geht mit einem Onkel zur Arbeit bei einer Baufirma nach Beirut. 45 Jahre lang wird er nicht nach Italien zurückkehren, doch die Vergangenheit und der Mord, für den er sich mitverantwortlich fühlt, lassen ihn nicht los. Als seine Mutter im Sterben liegt, kehrt er in das Viertel seiner Jugend zurück und muss sich den Dämonen in seinem Kopf sowie Oreste – mittlerweile ein Boss der Camorra – stellen.
In den Jahren 1922/23 lebte Viktor Schklowski, der Begründer des russischen Formalismus, im Exil in Berlin in einer aus bis zu 300.000 Emigranten bestehenden russischen Berliner Parallelgesellschaft. Unglücklich verliebt in Elsa Triolet – der späteren Frau von Louis Aragon – verfasste er in wenigen Wochen den experimentellen Briefroman „Zoo“, der nun dank der akkuraten, sprachvirtuosen Übersetzung von Olga Radetzkaja hundert Jahre nach Entstehung erstmals in der Urfassung auf Deutsch zu lesen ist.
Eine Jugendliche mit zu viel Neugier auf die dunklen Seiten des Lebens, eine junge Frau, die nicht darüber hinwegkommt, ihr ungeborenes Kind verloren zu haben, ein Ehemann, der nicht verstehen kann, dass seine Frau den Kampf gegen den Krebs aufgibt, ein zehnjähriges Mädchen, das in existenzieller Not seine beste Freundin verrät und lernen muss, damit zu leben. Das sind nur einige der immer Lebensumbrüche betreffenden Situationen, welche die junge Autorin Dantiel W. Moniz in ihrem großartigen Debüt beschreibt. Alle Figuren eint, dass sie schwarz sind und in Florida leben, aber jeder Charakter ist einzigartig, mit sensiblem Gespür für psychologische Feinheiten in wenigen präzisen, dichten Worten umrissen, elf meisterliche Kurzgeschichten, in denen jedes Wort sitzt, jeder Satz stimmt. Es ist kein Buch, das man in einem Rutsch weglesen kann, denn jede Geschichte zwingt zum Innehalten, zum Nachspüren. Doch es ist eine lohnende Reise in die Erzählungen einer hochtalentierten Autorin, die der typisch US-amerikanischen Form der Shortstory neues Feuer gibt, neues, zeitgemäßes Leben einhaucht. Bitte mehr davon! (Syme Sigmund)
In Italien eine sensationelle Wiederentdeckung des 1973 erschienenen Romans, hierzulande erstmals zu entdecken: der aufsehenerregende Rom-Roman, in dem die Stadt mit ihren Plätzen, Hügeln, Kirchen und Bars, mit dem Tiber und der Nähe zum Meer eine entscheidende Rolle spielt. Leo Gazzara, ein junger, gutaussehender Mailänder, schnorrt sich durch, lässt sich treiben in der Stadt, in der Anfang der 70er die Kulturszene noch das vergangene Dolce Vita bemüht, während sich längst die 68er auswirken und Hippies sich in den angesagten Bars der Piazza Navona breitmachen. Eine flirrende Unruhe durchzieht den Roman, Leos nächtliche Streifzüge durch all die angesagten Orte, das Flirten, Reden und Trinken, die Eskapaden zu verschlossenen Strandvillen in Ostia bringen keine Erfüllung. Seine Liebesgeschichte mit einer schönen depressiven Venezianerin läuft ins Leere, vielleicht haben sie nur den richtigen Augenblick verpasst. Diese Atmosphäre von Melancholie ist ganz fein, ganz beiläufig erzählt und wirkt dadurch umso stärker. Natalia Ginzburg hatte damals dem Manuskript zu einem Verlag verholfen, zum Glück! (Stefanie Hetze)