Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Klett-Cotta 2023, 224 S., € 22,-
(Niente di Vero, Einaudi 2022, 165 p., ca € 22,50)
Es ist eine sehr spezielle Hölle, diese Familie. Der paranoide Vater zieht in der engen Wohnung Trennwände ohne Ende, die depressive Mutter verfolgt die Tochter mit Telefonterror, der Bruder ist ein Überflieger. Verbote, seltsame Regeln und Usancen prägen die Kindheit der Ich-Erzählerin, die sich als Jugendliche da mühsam herauszustrampeln versucht und als junge Erwachsene höchst kreativ originelle Taktiken entwickelt, um ein eigenes Leben zu führen. sie muss tricksen, lügen, verschiedenste Rollen spielen, obwohl sie am liebsten nichts tut und schweigt, wie sie behauptet. Verika, Vero, Gans, Mistkäfer, Spillerix, V., Veca … jede:r nennt und kennt sie anders. Gekonnt spielt die Autorin, ihr scheinbares Alter Ego, dabei mit den Erwartungen an Autofiktion von uns Leser:innen, die wir alles für bare Münze nehmen. Aber Nichts davon ist wahr oder vielleicht doch? Ihr bitterböser Sarkasmus, hinter dem eine tiefe Zuneigung für ihre Figuren aufblitzt, macht durch ihre leichtfüßige pointierte Sprache großes Vergnügen. (Stefanie Hetze)

Ein Roman ohne Wenn und Aber erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau. Alessandra wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen im Rom der Dreißigerjahre auf. Für Mädchen und Frauen, die noch eine Art von Begehren ausleben möchten, sind im patriarchalen faschistischen Italien, wie die Autorin minutiös schildert, eigentlich nur zwei Rollen vorgesehen: als anständige ihrem Mann unterworfene Ehefrau oder als verpönte Konkubine. Alessandra, die wie ihre aus der Art geschlagene Mutter, einer Künstlerin, die einen Suizid begeht, einen Mann lieben will, ohne von diesem geknechtet zu werden, nimmt einen langen Weg der Rebellion auf sich. Äußerlich angepasst verfolgt sie trotz aller Widerstände kompromisslos ihr Ziel, für sich und ihre leidenschaftlichen Wünsche als Frau zu kämpfen. Der Preis dafür ist hart, doch die Protagonistin bleibt ganz bei ihrer Sicht und dokumentiert sie auch als Niederschrift. Gnadenlos entlarvt De Céspedes die ausweglosen frauenfeindlichen Verhältnisse im Italien der Dreißiger/Vierziger Jahre. Selten wurde in der Literatur so haarscharf und unbestechlich der Finger auf die Wunde der Genderungerechtigkeit gelegt. (Stefanie Hetze)
Anna und Tom haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und ziehen aus ihrer als provinziell empfundenen italienischen Heimat als freischaffende Webdesigner in den 2000er Jahren nach Berlin. Hier sind die Mieten noch billig, es schlägt der Puls der Zeit, da wollen sie dazugehören. So reihen sie sich ein in die Menge der Expats dieser Stadt. Kontakt mit Deutschen haben sie kaum, ihre Freunde sind Spanier, Portugiesen oder Amerikaner, es wird englisch gesprochen, wo die Mauer verlief ist nicht von Interesse. Das Leben zwischen Instagram und Berghain, Arbeitstagen im Café und Aperitif an der Spree, Kunstgalerien und Karaoke im Mauerpark hat vor allem eins zu sein – durchdesignt und fotogen.
Ein Roman, der uns mit Wucht in die Realität der italienischen Provinz katapultiert. Gaia, die Ich-Erzählerin, wächst unter prekärsten Bedingungen auf. Der Vater sitzt seit einem Schwarzarbeitsunfall querschnittsgelähmt passiv herum, während die kämpferische Mutter, eine Mamma Roma, alles mit Ach und Krach über Wasser hält. Mit Tricks schafft diese es, die Familie raus aus Rom in eine Kleinstadt mit vielen Wohlsituierten am Lago di Bracciano zu bugsieren. Für die Tochter beginnt ein enormer Spagat. Sie soll den Aufstieg schaffen, der ihrer Mutter verwehrt ist. Dazu muss sie lernen, noch mehr pauken und jeden Tag den langen Weg nach Rom in eine Reichenschule pendeln. Dabei will sie wie die anderen Dinge anhäufen und sich vergnügen. Doch so sehr sie sich anstrengt, sie bleibt die bemitleidete Außenseiterin, der sich auch als Erwachsene die Türen versperren. Da hilft nur unbändige Wut, die sich vielfach gewaltsam entlädt. Wie Giulia Caminito die Bandbreite an aufgestauten und ausbrechenden Gefühlszuständen ihrer Protagonistin austariert, ist grandios, verstörend und enorm berührend. Glasklar und unmittelbar ist dazu die deutsche Übertragung von Barbara Kleiner – eine Lektüre, die nachhallt. (Stefanie Hetze)
Cosa hanno in comune Marina di Castagneto Carducci, paesino marittimo nel sud della Toscana e Macondo, città immaginaria creata da Gabriel García Màrquez e ambientazione del suo capolavoro Cent’anni di solitudine? In apparenza niente. Eppure, osservando alcuni dettagli, evocando ambientazioni e personaggi, Carlotta Vagnoli intravede il parallelismo che costituisce il fulcro di questo delizioso libretto. Memoir, studio di genere dell’opera di Màrquez, riflessione personale sui cambiamenti sociali, l’identità femminile e i costumi degli italiani, Memorie delle mie puttane allegre è un piccolo distillato di temi attuali e rilevanti, osservati con gentilezza e narrati con passione. È anche un tributo a un grande romanzo del Novecento, lungamente incompreso e sottovalutato, in cui alle figure femminili sono assegnati ruoli secondari solo in apparenza. Attraverso il testo di Vagnoli ci accorgiamo di come le “puttane tristi” siano in realtà allegramente sovversive. (Giulia Silvestri)
Pisa, anni Novanta. Ci sono i centri sociali, le feste universitarie, il laboratorio di teatro. Ci sono un gruppo di amici, gli studenti Erasmus, i djambè in piazza, nuovi amori, le sere a prender fresco in riva all’Arno, le puntate al bar. Tutto scorre tranquillo, finché un giorno appare una ragazza dall’aspetto strano, eterea, forse un po’ confusa, sicuramente interessante. C’è chi se ne innamora, chi rimane turbato dall’incontro, chi non la sopporta e non si fida di lei. Del resto, nessuno riesce a capire da dove venga, non si è sicuri nemmeno del suo nome. Dice di chiamarsi Ortensia. Dal momento del suo arrivo iniziano a capitare cose strane… Che sia colpa di Ortensia e del segreto che porta con sé? A metà strada fra la commedia e la fantascienza, questo romanzo genuino, postmoderno e (purtroppo) incompiuto fa sentire la mancanza di un autore scomparso troppo presto, tenero, divertente e astuto come pochi altri scrittori della sua generazione. Bonus: Un formidabile glossario di vernacolo pisano in appendice. (Giulia Silvestri)
Licia Pinelli è ancora molto giovane quando perde il marito Giuseppe. La sua morte arriva all’improvviso e in circostanze poco chiare: Giuseppe Pinelli muore infatti in seguito al suo arresto, nel dicembre del 1969, precipitando da una finestra della questura di Milano, dove da pochi giorni è detenuto in attesa di un giudizio. Pinelli è ritenuto responsabile della strage di Piazza Fontana e si parla di suicidio, Giuseppe infatti è un militante anarchico e sugli anarchici cadono i primi sospetti. Licia affronta il lutto, la solitudine, alleva da sola due bambine, ma soprattutto lotta per ottenere dignità e giustizia e lo fa per quarant’anni, con forza e lucidità. Questa emozionante Graphic Novel narra la triste vicenda della famiglia Pinelli dal punto di vista della signora Licia, che si fa portavoce delle vicende di tante persone divenute vittime di un sistema politico ingiusto e discriminatorio e comunque capaci di continuare a lottare con coraggio e determinazione. (Giulia Silvestri)
Anfang der 70er Jahre erschienen, passte diese fünf Bände umfassende fiktive Biografie nicht in die von der Avantgarde geprägte literarische Landschaft Italiens. Daher geriet das Werk nach anfänglichen Erfolgen – unter anderem wurde es von der Académie de la Littérature Française als bester europäischer Roman ausgezeichnet – schnell in Vergessenheit. Dabei ist die Lebensgeschichte dieses jungen, 1903 geborenen Adligen aus Neapel große Literatur, die zum Teil an den nur zehn Jahre zuvor veröffentlichten „Il Gattopardo“ erinnert.
Hundert Romane in 160 Seiten? Ist das möglich? Die Antwort ist ja, solange die Leser*innen bereit sind, die gewöhnliche Vorstellung eines Romankonzepts beiseitezustellen. Innovativ und unkonventionell, erkundet Manganelli in diesem legendären Band (1979 in der Originalsprache erschienen) die Möglichkeiten des Fantastischen in all seinen Facetten. Das labyrinthische und nicht immer direkte Werk Manganellis ist gleichzeitig eine Stilübung, ein Divertissement, eine meta-literarische Analyse und eine gnadenlose Dekonstruktion der Gattungen: Es verkörpert das Wesen der Literatur, weil es ihre Extreme von Leben und Tod umfasst. Dieses Buch enthält kleine surreale Bilder (à la Magritte, könnte man sagen) von raffinierter literarischer Eleganz. Es wurde zu Manganellis 100. Geburtstag in einer neuen, schicken Ausgabe im Wagenbach Verlag neu herausgegeben. Nicht zufällig – hat Klaus Wagenbach ihn doch sehr geschätzt und bewundert. (Giulia Silvestri)
Dieser knappe Roman hat es in sich: Ein Telegramm holt Silvia aus einer norditalienischen Stadt zurück in ihr Heimatdorf im Süden, zu ihrer Familie und Vergangenheit. Sie überredet ihren Ex-Freund Giovanni, sie zu begleiten, obwohl sie ihn eigentlich eklig findet. Ihm macht ihr Angebot Hoffnung. Bei ihr Zuhause treffen sie auf einen sterbenden Jungen, eine verstörte Mutter, einen übergriffigen Stiefvater und eine verschlossene Hausangestellte. Nehmen diese ihnen ihre vermeintliche Verlobung ab? Was hat es mit dem Jungen auf sich? Was ist damals passiert? Abgründe aus der Vergangenheit tun sich auf, die weit in die Gegenwart hineinreichen: Vergewaltigung, Mißbrauch, absolutes Schweigen. Ihre