Bohem Verlag 2022, 128 S., € 16,-, ab 9
(Stand März 2022)
„Woher kommst du?“ wird oft in Gesprächen gefragt. Oft genug wird die Antwort nicht einfach angenommen, sondern gleich nachgefragt: „Okay, aber wo kommst du wirklich her?“. Das macht sauer oder traurig oder verwirrt oder unsicher oder beleidigt … So oder so löst eine solche Frage keine schönen Gefühle aus. Lucia trägt einen ausländischen Namen, ist aber hier geboren und aufgewachsen. Vielleicht liegt es an ihrem Namen, vielleicht sieht sie untypisch aus, die Gründe hinter der komischen Frage sind dem Mädchen nicht klar … Dieses wunderschön illustrierte Buch berichtet über Alltagssituationen eines Mädchens, die vielen Menschen sehr bekannt vorkommen werden. Mit Liebenswürdigkeit und Humor erklärt Lucia Zamolo ziemlich viel über Diskriminierung, Migration und Identität. Raus aus den Schubladen!!! (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

Eine Westberliner Kindheit der 70er zwischen der Wohnung im Märkischen Viertel und Sonntagsbesuchen bei den Großeltern in der nach Kiefern duftenden Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf. Von der Vergangenheit, von der NS-Zeit wird kaum gesprochen. Das übliche Man-hat-ja nichts gewusst. Als Jahre später Bianca Schaalburg die Schlafzimmermöbel ihrer Großeltern erbt, setzen sie eine große Recherche bei ihr in Gang. Mit ihrer faszinierenden Graphic Novel begibt sie auf die Suche, hinter die familiäre Fassade, also all das Verdrängen, Ausreden und Lügen zu schauen. Immer tiefer gräbt sie, entdeckt Verstörendes, was ihren idyllischen Kindheitserinnerungen zuwiderläuft. Hin und her wechselt sie die Zeitebenen, was sie durch Stilmittel wie die Farbgebung, Wechsel der Moden, der Architektur, der Schauplätze, der Alltagssprache, der Lieder hautnah erfahrbar macht. Das Buch ist zudem wunderschön gestaltet, so glänzen die Stolpersteine golden, gibt es einen Anhang mit weiterführenden historischen, biographischen und kulturellen Informationen. Doch das wirklich Besondere ist, dass ihre Spurensuche und Überlegungen Teil des Ganzen sind, dass sie mit diesem Geniestreich einlädt, auch einmal die eigene Familie und die Gegenwart in den Blick zu nehmen. Eine unbedingte Empfehlung für Jugendliche & Erwachsene. (Stefanie Hetze)
Ein weiterer Band (der vierte) in der Reihe großartiger Neuübersetzungen der Werke Paveses durch Maja Pflug, die der Rotpunktverlag nach und nach publiziert. Erstmals sind hier die drei kurzen neorealistischen Romane Der schöne Sommer, Der Teufel auf den Hügeln und Die einsamen Frauen in einem Band vereint, so, wie sie ursprünglich in Italien erstmals erschienen und für die Pavese 1949 mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde.
Ein entspanntes Abendessen mit Besuch aus Wien, spät ein weinender Mann, der Schwager der Autorin, am Telefon. Ihre Schwester ist tot, hat ihrem Leben ein Ende gesetzt und ist damit ihrer Mutter gefolgt. Das ist der Einstieg zu einem umwerfenden wie berührenden Memoir, in dem Bettina Flitner schreibend versucht, den Schock über den Suizid ihrer Schwester zu verarbeiten. Mit einer gewissen Skepsis habe ich es aufgeschlagen, zu prominent die Autorin als vielfach ausgezeichnete Fotografin, aber sofort zieht sie eine:n in den Bann, hinein in diese westdeutsche Familiengeschichte, in der die bürgerlich-liberale Fassade an vielen Stellen bröckelt, doch für vielgestaltige Erfahrungen der Schwestern sorgt. Sie müssen mit der Waldorfschule, dominanten Großeltern, einem New York-Aufenthalt klarkommen, mit dem nicht-monogamen Liebesleben der Eltern, ihren abrupten Stimmungsschwankungen und hochgesteckten Erwartungen. Und dann ist da noch die Familienkrankheit Depression. In kurzen Sätzen, mit viel Sinn für die vielschichtigen Auswirkungen von Ereignissen, lässt Flitner uns eintauchen in ihre familiäre Vergangenheit, das ist traurig, komisch, unterhaltsam, verstörend, beeindruckend – das Leben eben. (Stefanie Hetze)
Der Morgen einer klassisch bürgerlichen Hochzeit, ein Landhaus, die Verwandtschaft und die Freunde der Braut treffen ein, die Organisation ist chaotisch, die Kinder piesacken einander, die jungen Leute geben sarkastische Kommentare von sich – und die Braut begegnet ihrer großen Liebe des letzten Sommers wieder und weiß plötzlich nicht mehr, wo ihr der Kopf und das Herz stehen. Doch ist da ja noch eine Flasche Rum im Ankleidezimmer, von der sie Schluck für Schluck trinkt, um zu einer Entscheidung zu gelangen, während die Gesellschaft schon in der Kirche auf sie wartet … Julia Strachey, eine Bekannte Virginia Woolfs, ist bisher in Deutschland kaum bekannt. So wurde dieser 1932 erschienene, äußerst kurzweilige und bitterböse Roman jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt.
Nein – es ist nicht die Pandemie, aber so eisig, dass alle Kinder zuhause bleiben müssen. So auch Clara, die Ich-Erzählerin, die sich mit ihrer jüngeren Halbschwester Luze ein Zimmer teilt. Anfangs noch ein Spaß, nicht zur Schule gehen zu müssen, wird es drinnen schnell problematisch, zumal Clara sich mit ihrer Freundin zerstritten hat und die Erwachsenen hinter ihren Laptops abtauchen. Während die impulsive Luze sich einen unsichtbaren Hund als Begleiter phantasiert, wirbt Clara im Verborgenen um Vincent, den allerschönsten Jungen der Welt aus dem oberen Stockwerk, den sie mithilfe eines Spiegelungseffekts beobachtet. Scheinbar gänzlich unbeeindruckt von ihren Witzen und Bemühungen, verbringt er die Kältetage doch mit den Schwestern. Welches Projekt sich die drei ausdenken, wie das gesamte Haus ins Spiel kommt, sich so manche Konflikte reparieren lassen und sie am Ende übermütig draußen im Schnee herumtollen können, ist dank der Künste Tamara Bachs ein großes Lesevergnügen. Da stimmt einfach alles. Gegen die äußere Kälte und das Eingeschlossensein setzt die Autorin ihren warmen Ton und ihre befreiende Fantasie. Spannend für Mädchen & Jungen. (Stefanie Hetze)
Im Nachkriegsberlin konkurrierten Ost und West auch um die architektonische Vorherrschaft – Hansaviertel gegen Stalinallee. Dort im Vorzeigebau „Haus des Kindes“ wuchs die Autorin als jüngste Tochter in die DDR eingewanderter Kommunisten auf. Anfangs war das Leben in diesem luxuriösen Vorzeigegebäude mit Fernheizung, hochwertiger Ausstattung besonders privilegiert. Ein offener Kindergarten, in den sie nach Belieben gehen konnte, Trubel und Treiben bei den prominenten Nachbarsfamilien wie der des Stalinalleearchitekten Henselmann oder den Havemanns. Während die Erwachsenen sich mit ihrem Glauben an den sozialistischen Fortschritt wie selbstverständlich in ihrem komfortablen Leben am Strausberger Platz einrichteten, lernt die „Bonzentochter“ die zerbombten Straßen und Wohnungen dahinter kennen, ist auch mit den dort ärmlich lebenden Kindern befreundet, was ihre Wahrnehmung auf die Widersprüche der Erwachsenen und die allmählich bröckelnden Verhältnisse nach dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ schärft. Seismographisch bemerkt das Mädchen aus ihrer unverstellten Perspektive die Risse, die nicht nur am Prachtgebäude, sondern wo sie auch hinschaut, auftauchen. Fein und genau erzählt, sind diese Erinnerungen an die Ideale und Fallstricke der aufstrebenden DDR, ein hochspannendes Dokument Berliner Zeitgeschichte. (Stefanie Hetze)
Das Eichhörnchen und der Panda sind die allerbesten Freunde und erleben jeden Tag aufs Neue mal kleine und mal große Abenteuer. Zusammen träumen sie vom Mond, gehen mit einer Schnecke auf Reisen, streiten und vertragen sich. Ed Franck erzählt die sechs Geschichten in für die Jüngsten einfach gehaltener, aber keinesfalls langweiliger Sprache. Vor allem stecken die kleinen Erzählperlen voller liebevoller Details, Situationskomik und schlagfertiger Dialoge. Thé Tjong-Khing, den man vor allem aus seinen wimmeligen Bilderbüchern rund um die Torte kennt, tritt hier ungewöhnlich reduziert, aber dank seines präzisen Striches wie immer unverkennbar einfühlsam auf. Ein echter Vorlesegenuss! (Jana Kühn)
Ludlow Washington ist fünf Jahre alt, als seine Eltern ihn in ein Heim für blinde schwarze Kinder geben. Hier lernt er ein Blasinstrument zu spielen, um sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und erfährt erstmals auch rassistische Anfeindungen. Mit sechzehn – er hat sich zu einem außergewöhnlich begnadeten Jazz-Musiker entwickelt – wird er von einem Big-Band-Manager „freigekauft“, kaum 18 und frei, zieht es ihn nach Norden, nach New York, wo er zunächst sehr erfolgreich ist. Doch die rassistischen Strukturen der USA verfolgen ihn sein Leben lang.
Fermo Sicurini di lavoro fa il certificatore: a Roccaforte, il suo paese, tutti devono passare dall’anagrafe dove lavora, se vogliono esistere. Infatti, prima di essere riconosciuti da lui per ciò che si fa “non si è”, che è una cosa proprio pazza, eppure è così che funziona, serve un certificato per essere. Così Gianni ottiene il certificato di guardiano dei fatti altrui, Lucia quello di vigilessa per i ricci che attraversano la strada… Tutto procede fino al giorno in cui la seconda B della scuola elementare del Vicolo della Libertà fa visita all’anagrafe e la sicurezza di Sicurini comincia a vacillare davanti alla straripante energia dei bambini…! (Giulia Silvestri)