Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel, illustriert von Quentin Blake, Penguin 2022, 240 S., als Hörbuch gelesen von Heike Makatsch, 4 CDs, Laufzeit: 4h 43min, jeweils € 18,-, ab 8

Matilda bringt sich mit nur vier Jahren selbst das Lesen bei, mit fünf zählt Charles Dickens zu ihren Lieblingsautoren und selbst komplizierte Multiplikationen löst sie schnell wie ein Taschenrechner – natürlich im Kopf. Sie ist nicht weniger als hochbegabt. Schade nur, dass ausgerechnet ihre dumpfbackigen Eltern davon nichts wissen, sie glotzen lieber fern. Mit der Einschulung werden Matildas Talente endlich entdeckt, doch längst nicht von allen wertgeschätzt. Besonders Direktorin Knüppelkuh sind sie ein Dorn im Auge – aber die hasst sowieso alle Kinder und die ganze Schule zittert vor ihren Wutattacken. Zeit für Matilda, für Gerechtigkeit zu sorgen … und Roald Dahl geht in die Vollen! Er spielt aberwitzig mit Sprache, treibt seine Figuren auf die Spitze und darüber hinaus und balanciert mit jeder Menge schwarzem Humor geschickt zwischen Grusel und bester Unterhaltung. Sehr zu empfehlen ist übrigens ebenso die Hörbuch-Ausgabe gelesen von Heike Makatsch, die so unfassbar facettenreich wirklich einer jeden Figur Leben einhaucht – ein herrlich überdrehter Hörgenuss für die ganze Familie. So wie das Buch! In diesem Jahr sind jede Menge weitere Neuübersetzungen von Roald Dahl erschienen – moderne Klassiker, die es (wieder) zu entdecken lohnt! (Jana Kühn) Blick ins Buch

Die Autorin hat für ihren Roman um die Erwartungen dreier Jugendlicher an ihr Leben eine Extremsituation gewählt: In London suchten 1940 die Menschen in Massen in U-Bahnschächten Schutz vor den deutschen Bomben. Voll ist es, alle kämpfen um Schlafplätze, so auch die 14jährige Protagonistin Ella und ihre Familie. In der Schlange will der charmant-abgerissene Jay Ellas Behinderung gewinnbringend ausnutzen (sie hinkt als Folge einer Polioerkrankung). Er verwirrt Ella, zumal die Dritte im Tunnel, die filmstarschöne reiche Quinn, die von zuhause abgehauen ist, sich auch für ihn interessiert. Quinn, die vor nichts Angst zu haben scheint, unterstützt aber auch ihre neue Freundin . . . Vor all die persönlichen Befindlichkeiten schiebt sich jedoch mit aller Macht das gewaltige Kriegsgeschehen. Anna Woltz hat die historischen Fakten raffiniert beiläufig eingebaut, was die dramatische Spannung um die Protagonist:innen kaum aushaltbar steigert. Nächte im Tunnel ist ein Ausnahmeroman um die Bedeutsamkeit, nicht wegzuschauen bei anderen und bei sich. Und immer für die eigenen Träume einzustehen auch trotz absolut widriger Umstände. (Stefanie Hetze)
Link ist ein junger Mann mit hervorragendem Universitätsabschluss, schön wie ein Adonis, einst Star der Footballmannschaft seines Colleges, brillant und sensibel. Doch in der Kleinstadt in der Nähe von New York Anfang der 1950er Jahre hilft ihm das wenig. Aufgewachsen als schwarzes Adoptivkind in der berüchtigten Gegend am Fluss, den Narrows, bei der ehemaligen Lehrerin Abbie Crunch, die stets Angst hat, etwas „racetypisches“ zu tun, und geprägt von Bill Hod, dem Boss der Unterwelt, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihm Stolz auf seine Herkunft vermittelt, arbeitet er als Barmann in Hod’s Kneipe The Last Chance.
Dieser knappe Roman hat es in sich: Ein Telegramm holt Silvia aus einer norditalienischen Stadt zurück in ihr Heimatdorf im Süden, zu ihrer Familie und Vergangenheit. Sie überredet ihren Ex-Freund Giovanni, sie zu begleiten, obwohl sie ihn eigentlich eklig findet. Ihm macht ihr Angebot Hoffnung. Bei ihr Zuhause treffen sie auf einen sterbenden Jungen, eine verstörte Mutter, einen übergriffigen Stiefvater und eine verschlossene Hausangestellte. Nehmen diese ihnen ihre vermeintliche Verlobung ab? Was hat es mit dem Jungen auf sich? Was ist damals passiert? Abgründe aus der Vergangenheit tun sich auf, die weit in die Gegenwart hineinreichen: Vergewaltigung, Mißbrauch, absolutes Schweigen. Ihre
Mittlerweile lebt mehr als die Hälfte der Menschen weltweit in Städten, Tendenz nach oben offen. Städte sind faszinierende Orte der zwischenmenschlichen Begegnungen auf relativ begrenztem Raum. Gleichzeitig bergen sie äußerst viel Konfliktpotential, widersprechen sich scheinbar die Bedürfnisse und Interessen unterschiedlichster Gruppen, verändern sich rasant. Ganz viele Fragen und Aspekte kommen da zusammen, die dieses hochspannende Sachbuch alles andere als trocken aufwirft. Denn neben den informativen knappen Texten visualisieren die Abbildungen auf geniale Weise, wie Städte funktionieren, welche Probleme und Chancen sie haben. Die Künstler haben unzählige Modellbauten aus Karton, die wie charmant selbstgemacht aussehen, so raffiniert arrangiert und fotografiert, dass der vielfältige Kosmos Stadt allein durch das Betrachten der Doppelseiten unmittelbar erfahrbar wird. Diese Bilder animieren, selbst mit Papier und Pappe loszulegen, sich miteinander auszutauschen über eigene Vorstellungen übers Zusammenleben jetzt und in der Zukunft. (Stefanie Hetze)
Das ist Sehnsuchtsküche pur. Die Landschaft aus steilen Bergen, schmaler Küste und weitem Meer sowie die milden klimatischen Verhältnisse bieten die besten Voraussetzungen für die köstliche Mare e Monti– Küche aus regionalen Produkten wie Zitronen, Fisch, Mozzarella und Tomaten. Das italoenglische Ehepaar hat die amalfitanische Küste zusammen mit der Fotografin Helen Cathcart bereist, unzählige Lokale besucht, Menschen getroffen, die ihnen ihre Familienrezepte verraten haben und so ein inspirierendes Kochbuch geschaffen. Die Fotos schwelgen in der Schönheit der amalfitanischen Küste und der Genussfreude ihrer Bewohner.innen. Die Rezepte lassen sich gut nachkochen, besonders die Dolci haben es in sich wie die „Delizia al limone“ oder Tiramisù mit Erdbeeren und Zitronen. Das ist fast wie an die Amalfitana zu reisen! (Stefanie Hetze)
Mädchen, ihre Wünsche und Träume, stehen im Mittelpunkt dieser sieben realistischen bis fantastischen Erzählungen. Ihr aller Leben ist nicht gerade einfach, Vater, Mutter bieten kaum Hilfe und Schutz. Eigentlich möchten die meisten gerne von einem ominös-abstrakten Prinzen aus ihren Lebensumständen erlöst werden, doch spüren und wissen sie genau, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen. Und dann passieren neben all den Widrigkeiten und Gefahren unverhofft schöne befreiende Dinge, stellen sich die Verhältnisse auf einmal ganz anders da. Die niederländische Autorin und Illustratorin in einer Person hat mit diesen modernen Märchenadaptionen (der Gebrüder Grimm und von Charles Perrault) und starken atmosphärischen Tuschezeichnungen in einem handlichen Band ein Gesamtkunstwerk zum Immerwiederlesen geschaffen. (Stefanie Hetze)
In einem leuchtendbunten Täschchen aus recyceltem Polyester, das gut auch unterwegs mitgenommen werden kann, verbergen sich stabile Dominokarten aus Pappe. Auf der einen Seite ist dies ein ganz klassisches Dominospiel mit Punkten, fördert also bei schon den Jüngsten das Zahlenverständnis. Umgedreht ist es aber viel spannender, gibt es farbenfrohe Abbildungen von Kindergesichtern, die die vielfältigsten Emotionen zeigen. Um sie geht es. Einander entsprechende Gefühle müssen zusammengelegt werden und anschließend noch benannt werden. Nie ist es das gleiche Kind. Natürlich lassen sich die traurigen, verschmitzten usw. Mimiken auch gleich nachmachen. Dabei wird garantiert viel gelacht und viel Empathie erzeugt. Für 2 bis 8 Spielende, eine Anleitung ist dabei. (Stefanie Hetze)
Was für ein Wurf! Autorinnen der Weltliteratur nach 1900 sind hier in einem Band versammelt, und dabei liegt der Fokus keineswegs nur auf Europa und den USA. So sind neben bekannten Namen wie Zelda Fitzgerald, Elsa Morante oder Marguerite Yourcenar auch für Literaturkenner:innen sicher einige – viele – neue Namen zu entdecken. Ein Anhang mit Informationen zu den Autorinnenviten sowie ein kluges Nachwort Sandra Kegels zur Geschichte weiblichen Schreibens liefern bei Interesse weitere Informationen. Eine Schatztruhe mit 101 Erzählungen, welche die Welt aus weiblicher Sicht in Worte fassen. Ein großes Fest! (Syme Sigmund)
Unvorstellbar, wie unsere Parks, Gärten und Straßen aussähen, auf welche Nahrungsmittel, Kräuter und Arzneien wir verzichten müssten, hätte es nicht die Menschen gegeben, die in ferne Kontinente reisten, große Strapazen auf sich nahmen und zum Teil ihr Leben riskierten, um möglichst viele unbekannte Pflanzen in anderen Teilen der Welt aufzuspüren. Sie beschrieben, zeichneten, sammelten, vermehrten gefundene Pflanzen und Samen und schickten sie an Botaniker und Pflanzenverrückte in ihre Heimaten! Hortensie, Ginkgo, Blauregen, Tee, Pfingstrose, Kaffee, Paranuss, um nur wenige zu nennen… Die abenteuerlichen Geschichten, wie sie entdeckt, oft illegal mit vielen Tricks erbeutet und verschickt wurden, wer sich an ihnen bereicherte, wie Politik mit ihnen gemacht wurde, werden mitreißend erzählt. Immer wieder thematisiert die Autorin, die auf die reichen Sammlungen und Expertisen der Königlichen Botanischen Gärten von Kew zurückgreifen konnte, dabei die kolonialistischen und kriminellen Aspekte des Pflanzenraubs. Gleichzeitig haben die wagemutige Entdeckerlust dieser Sammler:innen, zu denen auch Frauen wie Maria Sibylla Merian gehörten, unendlich zur Biodiversität beigetragen. Bestaunt kann diese Vielfalt, Pracht und Schönheit in den farbigen botanischen Illustrationen werden. (Stefanie Hetze)