Aus dem Italienischen von Moshe Kahn, Galiani 2022/2023, 5 Bände, je ca. 350 S., je € 26,-
(L’autobiografia di Giuliano di Sansevero, Elliot 2012, € 27,-)
Anfang der 70er Jahre erschienen, passte diese fünf Bände umfassende fiktive Biografie nicht in die von der Avantgarde geprägte literarische Landschaft Italiens. Daher geriet das Werk nach anfänglichen Erfolgen – unter anderem wurde es von der Académie de la Littérature Française als bester europäischer Roman ausgezeichnet – schnell in Vergessenheit. Dabei ist die Lebensgeschichte dieses jungen, 1903 geborenen Adligen aus Neapel große Literatur, die zum Teil an den nur zehn Jahre zuvor veröffentlichten „Il Gattopardo“ erinnert.
Der junge Giuliano wächst in Neapel mit dem verblassenden Prunk seiner Familie auf und gerät nach dem Bankrott des Vaters in die politischen Wirren des 20ten Jahrhunderts. Einfühlsam und sprachversiert folgt Giovene dem Leben dieses Mannes zwischen Tradition und Moderne, ein beobachtender Außenseiter, mit dem wechselnden Geschick seines Landes verbunden.
Nun liegt das Werk erstmals vollständig auf Deutsch vor. Der erste und der zweite Band sind schon erhältlich, Band drei bis fünf sind für 2023 angekündigt. (Syme Sigmund)

Was knarzt, was gluckst, wer faucht denn da? Wie klingt eine eingezutschte Nudel? Wie schmatzt ein Kuss? Die Geräusche ähneln sich und sind doch klar verschieden. Und wer kichert da? Ah, das sind die Kinder beim Schauen und Geräusche machen! Denn zu nichts anderem fordert Benjamin Gottwald auf: “Dieses Buch liest du am besten laut!” Und so hört man dieses Buch ganz ohne Text an und denkt sich verrückte Geschichten dazu aus. Das Bilderbuch wurde in diesem Jahr völlig zu Recht mit dem Hamburger Bilderbuchpreis ausgezeichnet. Es ragt nicht nur einfach aus der Fülle der Neuerscheinungen heraus, nein, es knallt heraus. Ein im buchstäblichen Sinne lautmalerisches Bilderbuch – so bunt und facettenreich, so laut und so leise wie das Leben klingt! (Jana Kühn)
Keller, U-Bahnschächte und Tiefgeschosse in Kaufhäusern oder anderen Gebäuden kennen die meisten, aber welch erstaunliche Vielfalt an Nutzungen sich im Untergrund der Erde auftut, fächert dieses faszinierende Sachbilderbuch für Kinder auf: Unterirdische Dinosaurierknochen, Deutschlands größtes Salzbergwerk, das verzweigteste Höhlenlabyrinth der USA, Höhlentempel in Sri Lanka, Erdölgewinnung, Vulkane sind zum Beispiel zu entdecken und durch Kurztexte und comicartige Zeichnungen äußerst anschaulich erklärt. Verborgene Tunnel und Schutzräume kommen ins Spiel, Klimathemen wie Grundwasser, Kanalisation, Ver- und Entsorgung. Selbst für die Zukunft bietet der Untergrund enormes Potential, wie eine unterirdische Stadt unter dem kanadischen Montreal zeigt. Ein tolles abwechslungsreiches Sachbuch, in dem nicht nur Kinder ganz viel Neues Interessantes entdecken werden! (Stefanie Hetze)
Hundert Romane in 160 Seiten? Ist das möglich? Die Antwort ist ja, solange die Leser*innen bereit sind, die gewöhnliche Vorstellung eines Romankonzepts beiseitezustellen. Innovativ und unkonventionell, erkundet Manganelli in diesem legendären Band (1979 in der Originalsprache erschienen) die Möglichkeiten des Fantastischen in all seinen Facetten. Das labyrinthische und nicht immer direkte Werk Manganellis ist gleichzeitig eine Stilübung, ein Divertissement, eine meta-literarische Analyse und eine gnadenlose Dekonstruktion der Gattungen: Es verkörpert das Wesen der Literatur, weil es ihre Extreme von Leben und Tod umfasst. Dieses Buch enthält kleine surreale Bilder (à la Magritte, könnte man sagen) von raffinierter literarischer Eleganz. Es wurde zu Manganellis 100. Geburtstag in einer neuen, schicken Ausgabe im Wagenbach Verlag neu herausgegeben. Nicht zufällig – hat Klaus Wagenbach ihn doch sehr geschätzt und bewundert. (Giulia Silvestri)
Genervt fährt der einsame LKW-Fahrer Freddy mit einer kleinen Ladung italienischen Speiseeises quer durch Europa gen England. Ein Schneesturm droht, es ist Weihnachten, viel lieber wäre er zu Hause, auch wenn er da wie in seinem Laster ganz alleine ist. Gleichzeitig macht sich in Afrika eine Schwalbe, die vor langem von einem Jungen nach einem Unfall versorgt worden war, auf die weite Suche nach ihm. Und da ist noch eine dritte Figur in dieser hochaufgeladenen poetischen und politischen Geschichte, die ein ungewöhnliches Ende nimmt und menschlich sehr berührt. Nicht zuletzt durch die farbigen hyperrealistischen Bilder, die die Einsamkeit und das Elend, wie aber auch Kontakt und Austausch so intensiv nachempfinden lassen. Nicht nur für Weihnachten. (Stefanie Hetze)
Isabel Fargo Coles Ururgroßvater versuchte sich Ende des 19. Jahrhunderts am amerikanischen Traum. Er war, wie es in der Familie hieß, „abgehauen“ ins ferne unwirtliche Alaska auf der Suche nach Gold. Der Goldrausch entpuppte sich als Falle, wie viele andere seiner Generation fiel er auf Gerüchte, auf Fakes, hinein, musste er also scheitern. Wenig hat sich in der Familie von seinem Schicksal und dem seiner Angehörigen überliefert. Und so nutzt die Autorin die Goldene-Hochzeitsreise mit ihren Eltern genau dorthin, nach
Nicht alle sind über die Spuren des Kolonialismus informiert, gerade nicht über solche, die in den zentralen Bezirken Berlins, Kreuzberg und Friedrichshain, in denen viele von uns wohnen und arbeiten, zu finden sind. In diesem wissenschaftlichen Essayband befassen sich mehrere Autor*innen mit historischen Persönlichkeiten sowie auch mit bestimmten Orten der Hauptstadt, die eine Rolle in der deutschen Kolonialgeschichte gespielt haben und auf die eine oder andere Weise das Stadtbild geprägt haben. Es wird untersucht, wie der Kolonialismus noch in der Gegenwart anwesend ist. Nach dieser Lektüre wird ein Spaziergang am Spreeufer, oder das Betrachten des alten Schildes der ehemaligen Oranien-Apotheke am Oranienplatz anders. Ein spannender, trotz wissenschaftlicher Form zugänglicher Überblick über einen zu oft unbekannten Teil der Geschichte unserer Stadt. (Giulia Silvestri)
Mittlerweile kennt das jede*r: In einem Café in Kreuzberg sitzen und überall im Raum wird Englisch gesprochen, sogar die Kellner*innen lassen alle auf Englisch bestellen. Jemanden etwas fragen und als Antwort hören „Sorry, I don’t speak German“. An einer Diskussion teilnehmen, auf der Bühne wird nur Englisch gesprochen und nicht gedolmetscht. Ist Englisch aber nicht inklusiv? Nicht unbedingt oder zumindest nicht nur, behaupten Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah in ihrem gerade in Buchform erschienenen Live-Gespräch (ursprünglich auf Instagram durchgeführt). Berlin gilt schon längst als weltoffene, multikulturelle Metropole: In unserer Stadt werden mehrere Sprachen gesprochen, Imbisse und sogar Supermärkte aus vielen verschiedenen Ländern sind in vielen Bezirken zu finden, verschiedene Kulturen können sich im Kunstbereich sowie auch im Alltagsleben treffen und miteinander mischen. Inwiefern darf eine Sprache, die u.a. eine lange Geschichte von Kolonisation und Unterdrückung mitbringt, alle anderen Sprachen überwiegen? (Giulia Silvestri)
Out on the wily, windy moors, we’d roll and fall in green. »Sturmhöhe / Wuthering Heights« hat die Jugendzeit vieler von uns stark geprägt. Viele leidenschaftliche Leser*innen haben den großen Roman früh entdeckt und mit seinen unvergesslichen Protagonisten geträumt und gelitten. Catherine und Heathcliff begleiten mich immer noch … Genauso geht es Mithu Sanyal, die nach dem vielfach gefeierten »Identitti« in diesem Buch über ihre lebensprägende Lektüre berichtet, denn Emily Brontës einziger veröffentlichter Roman ist eines der wichtigsten Bücher ihres Lebens. Sanyal bringt ihre persönliche Beziehung zu diesem Roman auf eine höhere Ebene: Sie analysiert Themen, Handlungen und Charaktere, sowie das Leben der früh gestorbenen Emily Brontë aus einer literarischen postmigrantischen Perspektive: „Die Hauptfigur Heathcliff wird als schwarz beschrieben“. In diesem großartigen Buch geht es eigentlich um Diskriminierung, Klasse, Gender, Erziehung, Herkunft… Wer hätte mit sechzehn gedacht, so viele Schichten in einer Schullektüre zu finden? (Giulia Silvestri)
Nach der Ermordung ihrer Mutter fliehen die jungen Brüder Saam und Nima zusammen mit ihrem Vater aus dem Iran nach Deutschland. Sie landen in Berlin-Neukölln: Dort finden die drei eine Wohnung und ihr „neues“ Leben fängt an. Der Vater ist viel unterwegs, er muss halt mehrere Jobs gleichzeitig ausführen, um die Familie versorgen zu können. Die Jungs müssen sich in der neuen Stadt durchkämpfen: Berlin ist kein Zuhause, willkommen fühlen sie sich dort nicht, gerade sicher nicht in dem trüben, arabisch-dominierten Stadtteil, den sie als eine fremde Welt wahrnehmen. Und so gerät Saam bald auf Abwege.