Robert Macfarlane: Die verlorenen Zaubersprüche

Illustriert von Jackie Morris. Aus dem Englischen von Daniela Seel, Matthes & Seitz 2021, 120 S., € 25,-, für Kinder und Erwachsene

(Stand März 2023)

Was für ein Schatz, dieses kleine, dicke, aus der Zeit gefallene Buch! Drei Meister:innen ihres Fachs haben in der phänomenalen Naturkunden-Reihe passend zum Thema selbst gezaubert. Der wichtigste britische Vertreter des Nature Writings Robert Macfarlane versammelt verwunschene Beschwörungen und Sprüche, um Insekten, Vögel und anderes Getier herbeizulocken und in unsere Wahrnehmung zu bringen. Die englische Kinderbuchkünstlerin Jackie Morris zaubert nur mit Farben und Wasser all diese wunderbaren Wesen aufs Papier. Und die Poetin Daniela Seel überträgt aufs Feinste diese verwunschene wie noch reale Welt in ein lautmalerisches vielstimmiges Deutsch. Ein wunderschönes Hausbuch für den Reichtum von Vielfalt in Natur und Sprache. (Stefanie Hetze) (Besuch bei Robert Macfarlane und Leseprobe)

Das bestelle ich!

 

Patrick Baty (Hg.): Die Farben der Natur

Über 100 Farbtöne aus der Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien. Mit 700 farbigen Abbildungen und drei Ausklapptafeln. Großformat. Dumont 2021, 288 S., € 49,-

(Stand Januar 2022)

108 Farbtöne jeweils mit Beispielen aus der Welt der Mineralien, Tiere und Pflanzen – das war Patrick Symes „Nomenklatur der Farben“, die er – lange vor der Existenz des Pantone-Fächers –  1814 entwickelte.
Der hier vorliegende wunderschön gestaltete Band enthält sie alle, mit zeitgenössischen Illustrationen, nach Farbgruppen systematisch geordnet, und so kann man hier unter vielen z.B. das Berliner Blau – Schwungfedern des Eichelhähers, Leberblümchen, Blauer Saphir – oder das Morgenrot – Kloakenfedern des Buntspechts, Rot des ‚Naked Apple‘, Rotes Aurigpigment – entdecken.
Im Wechsel zu den Bildteilen finden sich informative Essays zur Geschichte der Farbbestimmung.
Eine beinahe poetisch anmutende Einladung zum Umherschweifen, Staunen und Festlesen. (Syme Sigmund) Blick ins Buch

Das bestelle ich!

Rébecca Dautremer: PUNKT 12. Jacominus Gainsborough

Aus dem Französischen von Andrea Spingler, Insel Verlag 2020, 212 S., 48,- €, ab 6 & für alle

(Stand Januar 2022)

Ein Kunstwerk, das den zweidimensionalen Rahmen von Büchern auf eleganteste Weise sprengt und das Warten auf zum Beispiel eine ersehnte Verabredung oder das Ende schwieriger Zeiten zum schönsten Ereignis macht.  Sweety hat einen sehr langen Weg zu absolvieren, bis sie am Hafen wohl hoffentlich noch Jacominus erreicht, der kurz davor ist, ein abfahrendes Schiff zu besteigen und mit dem sie dringend sprechen muss. Seite für Seite können wir mit der Liebenden durch diese filigrane Papierskulptur wandern und ihrem Ziel immer näherkommen. Ob sie es wohl vor Ablegen des Schiffes schafft? Ein Traum! (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!

 

Edmund de Waal: Camondo

Eine Familiengeschichte in Briefen. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay Verlag 2021, 192 S., € 26,-, TB dtv 2023, € 15,-

(Stand Juni 2023)

In Paris in der Rue de Monceau steht das Musee Camondo, ein Palais mit ausgesuchten Möbeln und Kunstschätzen aus dem französischen 18. Jahrhundert. Es war das Lebensprojekt des eingewanderten jüdischen Bankiers und Kunstsammlers Moïse de Camondo, sein Werk der Assimilation an ein neues Zuhause. 1936 vererbte er es dem französischen Staat zum Gedenken an seinen im 1. Weltkrieg getöteten Sohn. Während das Palais samt Inventar die NS-Vernichtungspolitik unbeschadet überstand, wurde die Familie ermordet.
Edmund de Waal, dessen Vorfahre in direkter Nachbarschaft lebte, hat wieder einen Solitär der Geschichtserzählung geschaffen. Ausgehend vom Gegenständlichen, dem, was unversehrt geblieben ist wie das große Familienarchiv und Geschichte verkörpert, die nie aufhört, erkundet er in fiktiven Briefen an Moïse die zerbrechliche Geschichte der Camondos. Die Wahl der Briefform, angereichert durch Fotografien, ist für den Spurensucher de Waal ideal, um ganz Persönliches, das gesellschaftliche Leben der Belle Époque, das komplexe Thema der Assimilation und Anerkennung, Antisemitismus, Kunst- und Kulturhistorisches, die Auslöschung durch die Shoa und die fundamentale Bedeutsamkeit des Erinnerns vielstimmig zu verbinden und zu reflektieren. Eine nachhaltig wirkende Lektüre. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Henrik Vilain & Ingo Schauser: Rezepte aus dem Garten der Zitronen

Mit Fotografien von Mikkel Adsbøl. Aus dem Dänischen von Nicola T. Stuart, Verlagshaus Jacoby & Stuart 2021, 208 S., € 25,-

(Stand Januar 2022)

Zwei dänische Musiker, die auf ihren vielen Konzertreisen ihre Liebe zur geschmacksintensiven grünen Küche des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens entdeckten, haben sich mit einem kulinarisch-kulturellen Projekt, einem Zitronengarten in Andalusien, einen Traum erfüllt. In ihrem Garden of Lemons spielt die Zitrusfrucht die Hauptrolle bzw. gibt sie vielen Gerichten den entscheidenden, köstlichen Kick. In ihrem überaus schönen, rein vegetarischen Kochbuch versammeln sie ihre besten, immer alltagstauglichen Rezepte: darunter viele Dips und Aufstriche, substanzielle Gemüsegerichte wie Blumenkohl in Gänze im Ofen gebacken oder Chicoréegratin mit Mandelcreme, sowie verführerisches Süßes mit dem gewissen Extra der Zitrone wie eine Leichte Zitronencreme mit Himbeeren. Einfach lecker und ohne Aufwand selbst zu kochen. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!

Berlin Black ‚N‘ White

Wochenkalender 2022, Kulturverlag Kadmos 2021, € 16,99

Der Kalender ist leider schon nicht mehr erhältlich.
(Stand Januar 2022)

Dieser handliche Kalender zum Aufstellen bringt die vielen Facetten und Grautöne Berlins in 53 hinreißend schönen Schwarz-Weiß-Fotografien zum Leuchten. Er kombiniert Architekturfotos mit Straßenszenen und mit Details aus dem Stadtraum ganz unterschiedlicher Fotograf:innen. Dazu werden jede Woche die Unesco-Welttage genannt. Der große Mehrwert: jede Woche gibt es eine Postkarte zum Abtrennen, Verschicken oder Selbstbehalten! (Stefanie Hetze) Blick in den Kalender

Den bestelle ich!

Kirsty Bell: Gezeiten der Stadt

Eine Geschichte Berlins. Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff, Kanon Verlag 2021, 260 S., € 28,-

(Stand Januar 2022)

Vor gut 20 Jahren zog die britisch-amerikanische Kunstkritikerin und Neuberlinerin mit ihrem Mann an einen unwirtlichen Ort, eine riesige Wohnung in einem Gründerzeithaus am Landwehrkanal. Der Traum vom familiären Glück erfüllte sich nicht, ein Wasserschaden tat sein Übriges. Sie fing an, auf ihre Situation, ihre sie unmittelbar umgebende Wohnung und den Kanal sowie den weiten Berliner Horizont zu schauen. Und wie sie das tut! Als Kunsthistorikerin, die genauestens beschreibt, was sie wahrnimmt, die umfassend recherchiert, liest, kartografiert und kombiniert.  Und die mit ihrer Perspektive als Zugezogene keine Angst vor unkonventionellen Methoden wie eine Feng Shui-Analyse Berlins hat, und die sich bei den Menschen, über die sie forscht und schreibt, nicht bei den üblichen Verdächtigen aufhält, sondern gerade auch Unbekannte, Frauen in ihren Fokus rückt. So ist ein Berlinbuch der ganz besonderen Art entstanden, absolut lesenswert, auch für Urberliner:innen. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!

Peter Burke: Giganten der Gelehrsamkeit – Die Geschichte der Universalgenies

Wagenbach Verlag 2021, Schmuckausgabe, gebunden mit Prägung, Großformat, 320 S., € 29,-

(Stand Januar 2022)

Wer waren sie, die Riesen der Geistesgeschichte, die Universalgelehrten, jene, die sich für das gesamte Wissen ihrer Zeit interessierten? In einem Zusammenspiel von chronologischen historischen Abrissen und biografischen Portraits führt Peter Burke uns von der Antike, China und der islamischen Welt über Mittelalter, Renaissance und Aufklärung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren, welche Voraussetzungen die meisten der „Genies“ mit sich brachten – z.B. finanzielle Unabhängigkeit und damit Zeit, aber auch eine spielerische, riesige Neugierde – und begeben uns damit auch auf eine Reise durch die Geschichte des Wissens. Gottfried Wilhelm Leibniz oder Leonardo da Vinci werden dabei ebenso erwähnt wie Hildegard von Bingen, Jürgen Habermas oder Susan Sontag. (Syme Sigmund)

Das bestelle ich!

Iris Origo: Eine seltsame Zeit des Wartens. Italienisches Tagebuch 1939/40

Aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag 2021, 132 S. , € 22,-

(Stand November 2021)

Die britische Historikerin, die in ihrer Wahlheimat mit ihrem italienischen Mann ein brachliegendes Anwesen in der Toskana selbstlos in einen florierenden Landstrich verwandelte, ist eine berüchtigte klare und feinsinnige Beobachterin. In ihrem Tagebuch aus den Jahren 1039/40 fängt sie die um sich greifende große Verunsicherung und ihre Bemühungen ein, sich aus allen erdenklichen Quellen und durch den Nebel der Propaganda ein Bild der Lage zu verschaffen.
Sie dokumentiert die mentale Vorbereitung eines Volkes auf einen Krieg, den niemand will, mit einem Alliierten, dem niemand wohlgesonnen ist. Wie das vor sich geht, nimmt die Autorin mit zunehmender Irritation und Verzweiflung wahr. Sie kann den recht verbreiteten Optimismus nicht teilen und bei aller antifaschistischer Kritik herrsche dennoch eine „unerschütterliche Gewissheit“ vor, dass Italien auf die Alliierten nicht bauen könne und man keine andere Wahl hätte. Aus eindringlichen Anekdoten und großer Vielstimmigkeit wird für den Leser diese rastlose Suche nach Antworten, inmitten eines geradezu irritierend schönen Sommers, spürbar. Bleibt zu hoffen, dass auch ihr Tagebuch aus den Jahren 1943/44 wiederaufgelegt wird. (Franziska Kramer) Leseprobe

Das bestelle ich!

Scott McClanahan: Crap

Aus dem amerikanischen Englisch von Clemens J. Setz, ars vivendi 2021, 195 S., € 20,-

(Stand November 2021)

Scott – trotz stark autobiographischer Züge nicht mit dem Autor zu verwechseln – wächst in West Virginia auf, in einer Familie von Berg- und Fabrikarbeitern, Kriminellen und skurrilen Freaks, bei seiner starrköpfigen Großmutter Ruby und seinem Onkel Nathan. Ruby, die 13 Kinder zur Welt gebracht hat, und Onkel Nathan, der spastisch gelähmt ist, sich so sehr eine Frau wünscht und voll Güte, Humor und Sehnsucht steckt. Krankheit und Tod gehören hier zum Leben wie Freude und Liebe. Es ist eine Welt der strukturellen Armut, die Welt von Pizza Hut und Ein-Euro-Shops, Brathuhn am Sonntag, Grubenunglücken und Förderklassen, von der McClanahan in chronologisch ungeordneten Fragmenten erzählt, und er tut dies mit so viel Zuneigung, ja Zärtlichkeit für seine Figuren, dass die Beschreibung des Grotesken, der Selbstmörder, Zwangsneurotiker und Gescheiterten, nie herablassend wirkt, nie zur Klamotte wird. Ein grandios absurdes Theater im Ticken der Zeit, voller Komik – bis einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.
Übersetzt wurde der Roman von dem 2021 mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten großen Sprachkünstler Clemens J. Setz. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!