Aus dem Französischen von Romy und Jürgen Ritte, Rowohlt 2022, 128 S., € 20,-, TB Dezember 2023, € 13,-
Unser Held – einen anderen Namen werden wir nicht erfahren – ist verliebt. So verliebt, dass er seiner zwanzig Jahre jüngeren Affäre nach Schottland hinterher reist – gegen jede Vernunft, was ihm schon im Flugzeug klar ist, und gegen ihren ausdrücklichen Willen. Sie ist liiert und bei ihrer Mutter zu Besuch, stimmt dann aber doch einem Treffen zu – und zeigt ihm deutlich, wenn auch mit Feingefühl, dass er nicht erwünscht ist. So bemitleidet er sich selbst in im Voraus gebuchten Hotelzimmern mit zu großen Betten, ruft sie erneut und erneut und erneut an, ringt um ein weiteres Treffen, weiß, dass er sich – anders lässt es sich kaum sagen – zum Affen macht … und kann doch nicht anders.
Ein äußerst amüsantes kleines Stück Literatur über das Altern des Mannes und die Vergeblichkeit der Liebe. Ein kunstvoll-ironisches, sehr charmantes Büchlein für ein paar Stunden der Leichtigkeit. (Syme Sigmund) Leseprobe

Eine Tochter versucht den Spagat, ihr eigenes Leben zwischen den Kontinenten zu bewältigen und gleichzeitig ihrer alten pflegebedürftigen Mutter in ihrer Wohnung beizustehen und nahezukommen. Die Mutter, eine Auschwitzüberlebende, die nicht über ihr Leid spricht, sich endlos über die unangepasste Tochter aufregt und gleichzeitig stolz auf sie ist. Die Tochter, die zwischen Brüssel, Paris, New York pendelt, schwierige Liebesbeziehungen zu Frauen lebt und mit schweren Depressionen kämpft. Das ist das Material, aus dem die Autorin Chantal Akerman ein intensives berührendes nachhallendes Journal gezaubert hat. So wie sie sich als Filmemacherin einen Deut um cineastische Konventionen scherte und mit ihrer rigorosen Herangehensweise die feministische Filmkunst prägte, findet sie in ihrem literarischen Vermächtnis, zwei Jahre nach der Veröffentlichung nahm sie sich das Leben, wieder eine ganz eigene Form. Ihr autofiktionaler Text, der zwischen Erinnerungen, Aufzeichnungen ihrer Mutterbesuche und Reflexionen und Empfindungen changiert und dem sie private Fotos und Standfotos aus ihren Filmen zugefügt hat, passt wie das Leben der Mutter und das Chantal Akermans in keine Schublade. Mehr als bereichernd. (Stefanie Hetze)
Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem gewaltsamen Tod erscheint Dacia Maraini sanft lächelnd und sie direkt ansprechend ihr guter Freund Pier Paolo im Traum. Als sie ihn, glücklich ihn wiederzusehen, umarmen will, ist er verschwunden. Doch nimmt die Schriftstellerin die damit plötzlich wieder aufgetauchte Intensität an mit ihm verbundenen Erinnerungen zum Anlass, Briefe an ihn zu schreiben. Voller Zuneigung, aber auch mit dem liebevoll-kritischen Blick einer wirklich Vertrauten, erinnert sie sich an Pasolini, den Streitbaren, den Menschenfreund, den Dichter . . . An ihre Zusammenarbeit bei Drehbüchern, an ihre abenteuerlichen Reisen zusammen mit Alberto Moravia, manchmal mit Maria Callas, an ihren unaufhörlichen persönlichen und intellektuellen Austausch. Vor allem aber ist es ein intimes Buch über von einem großen Kreis rund um Pasolini, Moravia und Maraini innig und leidenschaftlich gelebte Freundschaften im Rom der Sechziger und Siebziger Jahre, die trotz aller Nähe und Zuneigung die innere Einsamkeit und Zerbrechlichkeit des Freundes nicht auflösen konnten. Fein ausbalanciert, was durch die meisterliche Übersetzung Maja Pflugs im Deutschen ein Genuss ist, ist das Buch nicht nur ein Muss für Pasolinifans. (Stefanie Hetze)
Was für ein Schatz! Es sind kleine, eher unspektakuläre Dinge, die die Autorin ausgewählt hat, um profund und detailreich einschneidende Ereignisse der Geschichte der Frauen zu erzählen: Nützliche Dinge wie die Singer Nähmaschine oder die Menstruationstasse, Statuetten, Postkarten, Urkunden, Abzeichen wie die Anti-Sklaverei-Münze, Dekoratives wie der Lippenstift, Alltägliches wie eine Kaufhausquittung werden hier zu bedeutsamen Kristallisationspunkten von Frauengeschichte. Die Gegenstände zeugen von Unterdrückung und Selbstermächtigung, vom widersprüchlichen weiblichen Alltag, von plumpem Ausschluss und intelligentem Widerstand. Die Dinge ist eine Bereicherung fürs Bücherregal zum Immer-Wieder-Lesen und Entdeckungen machen. (Stefanie Hetze) 
Die Vorfahrinnen der Protagonistin Ursa haben eine verheerende endlose Abfolge an rassistischer und sexualisierter Gewalt erlitten als Abhängige eines brutalen Sklavenhalters, der sie missbrauchte, vergewaltigte und ausbeutete. Das Einzige, was den Frauen blieb, war, dass ihre jeweilige Nachfahrin Zeugnis ablegen konnte von dem, was ihnen angetan worden war. Erst Ursa hat die Chance, ein selbstbestimmteres Leben zu führen als Bluessängerin. In ihren Songs singt sie vom Schmerz und der Schwarzen angetanen Gewalt und erfüllt so den Auftrag, das Vermächtnis weiterzugeben. Doch die sozialen und zwischenmenschlichen Verhältnisse lassen sie der Spirale aus Willkür, Rassismus und Sexismus nicht entkommen. Tief eingegraben ist sie in Psyche und Körper. Was für ein Buch! Es berührt, verstört und gräbt sich tief in eine/n ein. Pieke Biermann hat in ihrer grandiosen Neuübersetzung einen eigenen Sound für den Blues des 1975 erstmals erschienenen Originals gefunden. Im Nachwort gibt sie einen Einblick in die Herausforderung, diesen herausragenden Roman über das Erbe der Sklaverei zu übersetzen. Ein gefeierter Meilenstein Schwarzer Literatur ist endlich hierzulande zugänglich. (Stefanie Hetze)
Eine Kindheit auf dem Land in Rheinland-Pfalz in den achtziger Jahren. Ela wächst in einer Familie auf, in der der Mann bestimmt, wie seine Frau sich zu verhalten hat, wie sie mit Geld umgehen soll und sogar, dass sie ihr Gewicht verringern muss. Elas Mutter ist in den Augen ihres Mannes zu dick. Dennoch sieht die Tochter eine schöne, starke, unabhängige Frau, die versucht, ungebrochen ihren Weg zu Selbstbestimmung zu finden. Der Weg ist nicht einfach, viele gesellschaftliche und familiäre Normen stehen dazwischen… Es sind ja die achtziger Jahre.
Bita Plant ist im jamaikanischen Dorf Banana Bottom geboren und aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit wird ihr von den Pastoren Malcolm und Priscilla Craig geholfen, nach England auszuwandern, wo sie sieben Jahre lang im Internat ausgebildet wird. Bei ihrer Rückkehr nach Jamaika muss sie feststellen, dass ihr kulturelles Erbe mit der neu erworbenen Lebensweise in Konflikt steht. Dennoch fängt sie an, ihr Heimatland wiederzuentdecken und die Pläne, die ihre Pflegeeltern für sie haben, lösen sich in Luft auf … Humorvoll und scharfsinnig, wird diese charmante Coming-of-Age-Geschichte in einer schönen, sanften Prosa erzählt. Durch intensive Dialoge und empfindsame Beschreibungen der karibischen Landschaften und des Landlebens zeigt der Autor ein zweifelloses Talent, die inneren Mechanismen und die Sehnsüchte der menschlichen Seele zu zeigen. Claude McKays „Banana Bottom“ war ein Vorbild für Zora Neale Hurstons 1937 erschienenen Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“. Es wurden bisher keine Bücher des Autors ins Deutsche übersetzt. Eine großartige Entdeckung! (Giulia Silvestri)
Felice wächst in der Sanità auf, dem berüchtigtsten Viertel Neapels, beherrscht von organisierter Kriminalität und Gewalt. Von klein auf ist er eng mit Oreste befreundet, der ihn jedoch gegen sein eigenes Bauchgefühl zu immer riskanteren Raubüberfällen überredet. Als der Einbruch bei einem weithin bekannten Wucherer in einer Tragödie endet, schafft Felice – erst 16 Jahre alt – den Absprung und geht mit einem Onkel zur Arbeit bei einer Baufirma nach Beirut. 45 Jahre lang wird er nicht nach Italien zurückkehren, doch die Vergangenheit und der Mord, für den er sich mitverantwortlich fühlt, lassen ihn nicht los. Als seine Mutter im Sterben liegt, kehrt er in das Viertel seiner Jugend zurück und muss sich den Dämonen in seinem Kopf sowie Oreste – mittlerweile ein Boss der Camorra – stellen.
Albanien 1989, ein Land, abgeschottet vom Rest der Welt, die letzte Hochburg des „wahren“ Kommunismus. Lea ist zehn Jahre alt und kennt nichts Anderes. Was die Lehrerin in der Schule vermittelt glaubt sie voller Inbrunst, „Onkel“ Enver Hoxha und Stalin liebt sie und die Eltern sowie die Großmutter halten den Überwachungsstaat und ihre eigenen Sorgen so weit als möglich von ihr fern, geben ihr Geborgenheit. Als die Grenzen fallen, bricht auch Leas Welt in sich zusammen. Ehemals absolute Wahrheiten erweisen sich als Lügen, der Kapitalismus zeigt seine hässlichste Fratze, die Mutter, eine Lehrerin, engagiert sich in der demokratischen Partei und geht schließlich im Zuge der Unruhen nach dem sogenannten Lotterieaufstand als Putzfrau nach Italien, der Vater fühlt sich den neuen Verhältnissen nicht gewachsen und Lea muss neben dem gesellschaftlichen Wandel auch die eigene Pubertät verarbeiten.