Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Verlag Klaus Wagenbach 2022, 320 S., € 26,-
(L’acqua del lago non è mai dolce, Bompiani 2021, ca. 22,50 €)
Ein Roman, der uns mit Wucht in die Realität der italienischen Provinz katapultiert. Gaia, die Ich-Erzählerin, wächst unter prekärsten Bedingungen auf. Der Vater sitzt seit einem Schwarzarbeitsunfall querschnittsgelähmt passiv herum, während die kämpferische Mutter, eine Mamma Roma, alles mit Ach und Krach über Wasser hält. Mit Tricks schafft diese es, die Familie raus aus Rom in eine Kleinstadt mit vielen Wohlsituierten am Lago di Bracciano zu bugsieren. Für die Tochter beginnt ein enormer Spagat. Sie soll den Aufstieg schaffen, der ihrer Mutter verwehrt ist. Dazu muss sie lernen, noch mehr pauken und jeden Tag den langen Weg nach Rom in eine Reichenschule pendeln. Dabei will sie wie die anderen Dinge anhäufen und sich vergnügen. Doch so sehr sie sich anstrengt, sie bleibt die bemitleidete Außenseiterin, der sich auch als Erwachsene die Türen versperren. Da hilft nur unbändige Wut, die sich vielfach gewaltsam entlädt. Wie Giulia Caminito die Bandbreite an aufgestauten und ausbrechenden Gefühlszuständen ihrer Protagonistin austariert, ist grandios, verstörend und enorm berührend. Glasklar und unmittelbar ist dazu die deutsche Übertragung von Barbara Kleiner – eine Lektüre, die nachhallt. (Stefanie Hetze)

Der junge senegalesische Autor Diégane lebt in Paris, arbeitet an seinem ersten Roman und diskutiert nächtelang leidenschaftlich mit seinen Freunden über Literatur. Als er den Roman von T.C. Elimane, einem gleichfalls senegalesischen Autor aus den dreißiger Jahren, zu lesen bekommt, ist er davon so gebannt, dass er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Ein Mythos rankt sich um das Buch, von dem nur noch ein Exemplar existiert. Jeder, der es gelesen hat, ist davon zutiefst berührt. Wer war „der schwarze Rimbaud“, der, nachdem sein Roman zunächst gefeiert und dann von Plagiatsvorwürfen überzogen wurde, spurlos verschwand? Anhand dieser Suche spinnt Sarr ein vielfältiges Geflecht aus facettenreichen mal berührenden, mal verstörenden, bisweilen erotischen oder auch mystischen Stimmen, das nicht nur der Person Elimanes immer näher kommt, sondern virtuos von der Macht des Wortes, dem Bild schwarzer Autoren im europäischen Kontext und der senegalesische Gesellschaft erzählt. Ein fesselndes, elegantes Werk voller Anspielungen und Ironie, das völlig zu Recht den Prix Goncourt 2021 verliehen bekommen hat. (Syme Sigmund)
Cosa hanno in comune Marina di Castagneto Carducci, paesino marittimo nel sud della Toscana e Macondo, città immaginaria creata da Gabriel García Màrquez e ambientazione del suo capolavoro Cent’anni di solitudine? In apparenza niente. Eppure, osservando alcuni dettagli, evocando ambientazioni e personaggi, Carlotta Vagnoli intravede il parallelismo che costituisce il fulcro di questo delizioso libretto. Memoir, studio di genere dell’opera di Màrquez, riflessione personale sui cambiamenti sociali, l’identità femminile e i costumi degli italiani, Memorie delle mie puttane allegre è un piccolo distillato di temi attuali e rilevanti, osservati con gentilezza e narrati con passione. È anche un tributo a un grande romanzo del Novecento, lungamente incompreso e sottovalutato, in cui alle figure femminili sono assegnati ruoli secondari solo in apparenza. Attraverso il testo di Vagnoli ci accorgiamo di come le “puttane tristi” siano in realtà allegramente sovversive. (Giulia Silvestri)
Pisa, anni Novanta. Ci sono i centri sociali, le feste universitarie, il laboratorio di teatro. Ci sono un gruppo di amici, gli studenti Erasmus, i djambè in piazza, nuovi amori, le sere a prender fresco in riva all’Arno, le puntate al bar. Tutto scorre tranquillo, finché un giorno appare una ragazza dall’aspetto strano, eterea, forse un po’ confusa, sicuramente interessante. C’è chi se ne innamora, chi rimane turbato dall’incontro, chi non la sopporta e non si fida di lei. Del resto, nessuno riesce a capire da dove venga, non si è sicuri nemmeno del suo nome. Dice di chiamarsi Ortensia. Dal momento del suo arrivo iniziano a capitare cose strane… Che sia colpa di Ortensia e del segreto che porta con sé? A metà strada fra la commedia e la fantascienza, questo romanzo genuino, postmoderno e (purtroppo) incompiuto fa sentire la mancanza di un autore scomparso troppo presto, tenero, divertente e astuto come pochi altri scrittori della sua generazione. Bonus: Un formidabile glossario di vernacolo pisano in appendice. (Giulia Silvestri)
Ci sono libri che riportano alla memoria ricordi lontani, trame d’infanzia, modi diversi di sentire e scoprire la realtà che ci circonda, che non appartengono alla quotidianità del nostro presente, ma sono stati nostri e sono quindi possibili da rievocare. Certe volte basta una frase, un verso formato da alcune parole piuttosto che da altre, a farci riscoprire uno sguardo bambino. A me succede leggendo le fiabe raccolte in questa nuova edizione de I sogni del fiume, introvabile da tempo e riedito alcuni mesi fa da Einaudi. Questa raccolta, abbellita da illustrazioni evocative, è un piccolo miracolo. Per dirlo con le parole dell’autrice: “Sono fiabe che vogliono dire una cosa sola: c’è posto per chiunque sulla terra, e anche sotto il mare e anche in cielo e anche sottoterra. Nessuno, nessunisssimo escluso. E ognuno è assolutamente speciale, ognuno è unico, se non altro per sé stesso.” (Giulia Silvestri)
Anfang der 70er Jahre erschienen, passte diese fünf Bände umfassende fiktive Biografie nicht in die von der Avantgarde geprägte literarische Landschaft Italiens. Daher geriet das Werk nach anfänglichen Erfolgen – unter anderem wurde es von der Académie de la Littérature Française als bester europäischer Roman ausgezeichnet – schnell in Vergessenheit. Dabei ist die Lebensgeschichte dieses jungen, 1903 geborenen Adligen aus Neapel große Literatur, die zum Teil an den nur zehn Jahre zuvor veröffentlichten „Il Gattopardo“ erinnert.
Hundert Romane in 160 Seiten? Ist das möglich? Die Antwort ist ja, solange die Leser*innen bereit sind, die gewöhnliche Vorstellung eines Romankonzepts beiseitezustellen. Innovativ und unkonventionell, erkundet Manganelli in diesem legendären Band (1979 in der Originalsprache erschienen) die Möglichkeiten des Fantastischen in all seinen Facetten. Das labyrinthische und nicht immer direkte Werk Manganellis ist gleichzeitig eine Stilübung, ein Divertissement, eine meta-literarische Analyse und eine gnadenlose Dekonstruktion der Gattungen: Es verkörpert das Wesen der Literatur, weil es ihre Extreme von Leben und Tod umfasst. Dieses Buch enthält kleine surreale Bilder (à la Magritte, könnte man sagen) von raffinierter literarischer Eleganz. Es wurde zu Manganellis 100. Geburtstag in einer neuen, schicken Ausgabe im Wagenbach Verlag neu herausgegeben. Nicht zufällig – hat Klaus Wagenbach ihn doch sehr geschätzt und bewundert. (Giulia Silvestri)
Isabel Fargo Coles Ururgroßvater versuchte sich Ende des 19. Jahrhunderts am amerikanischen Traum. Er war, wie es in der Familie hieß, „abgehauen“ ins ferne unwirtliche Alaska auf der Suche nach Gold. Der Goldrausch entpuppte sich als Falle, wie viele andere seiner Generation fiel er auf Gerüchte, auf Fakes, hinein, musste er also scheitern. Wenig hat sich in der Familie von seinem Schicksal und dem seiner Angehörigen überliefert. Und so nutzt die Autorin die Goldene-Hochzeitsreise mit ihren Eltern genau dorthin, nach
Nicht alle sind über die Spuren des Kolonialismus informiert, gerade nicht über solche, die in den zentralen Bezirken Berlins, Kreuzberg und Friedrichshain, in denen viele von uns wohnen und arbeiten, zu finden sind. In diesem wissenschaftlichen Essayband befassen sich mehrere Autor*innen mit historischen Persönlichkeiten sowie auch mit bestimmten Orten der Hauptstadt, die eine Rolle in der deutschen Kolonialgeschichte gespielt haben und auf die eine oder andere Weise das Stadtbild geprägt haben. Es wird untersucht, wie der Kolonialismus noch in der Gegenwart anwesend ist. Nach dieser Lektüre wird ein Spaziergang am Spreeufer, oder das Betrachten des alten Schildes der ehemaligen Oranien-Apotheke am Oranienplatz anders. Ein spannender, trotz wissenschaftlicher Form zugänglicher Überblick über einen zu oft unbekannten Teil der Geschichte unserer Stadt. (Giulia Silvestri)
Mittlerweile kennt das jede*r: In einem Café in Kreuzberg sitzen und überall im Raum wird Englisch gesprochen, sogar die Kellner*innen lassen alle auf Englisch bestellen. Jemanden etwas fragen und als Antwort hören „Sorry, I don’t speak German“. An einer Diskussion teilnehmen, auf der Bühne wird nur Englisch gesprochen und nicht gedolmetscht. Ist Englisch aber nicht inklusiv? Nicht unbedingt oder zumindest nicht nur, behaupten Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah in ihrem gerade in Buchform erschienenen Live-Gespräch (ursprünglich auf Instagram durchgeführt). Berlin gilt schon längst als weltoffene, multikulturelle Metropole: In unserer Stadt werden mehrere Sprachen gesprochen, Imbisse und sogar Supermärkte aus vielen verschiedenen Ländern sind in vielen Bezirken zu finden, verschiedene Kulturen können sich im Kunstbereich sowie auch im Alltagsleben treffen und miteinander mischen. Inwiefern darf eine Sprache, die u.a. eine lange Geschichte von Kolonisation und Unterdrückung mitbringt, alle anderen Sprachen überwiegen? (Giulia Silvestri)