Tamara Bach: Das Pferd ist ein Hund

Carlsen Verlag 2021, mit Illustrationen von Ulrike Möltgen, 240 S., € 12,-, ab 11

(Stand Januar 2022)

Nein – es ist nicht die Pandemie, aber so eisig, dass alle Kinder zuhause bleiben müssen. So auch Clara, die Ich-Erzählerin, die sich mit ihrer jüngeren Halbschwester Luze ein Zimmer teilt. Anfangs noch ein Spaß, nicht zur Schule gehen zu müssen, wird es drinnen schnell problematisch, zumal Clara sich mit ihrer Freundin zerstritten hat und die Erwachsenen hinter ihren Laptops abtauchen. Während die impulsive Luze sich einen unsichtbaren Hund als Begleiter phantasiert, wirbt Clara im Verborgenen um Vincent, den allerschönsten Jungen der Welt aus dem oberen Stockwerk, den sie mithilfe eines Spiegelungseffekts beobachtet. Scheinbar gänzlich unbeeindruckt von ihren Witzen und Bemühungen, verbringt er die Kältetage doch mit den Schwestern. Welches Projekt sich die drei ausdenken, wie das gesamte Haus ins Spiel kommt, sich so manche Konflikte reparieren lassen und sie am Ende übermütig draußen im Schnee herumtollen können, ist dank der Künste Tamara Bachs ein großes Lesevergnügen. Da stimmt einfach alles. Gegen die äußere Kälte und das Eingeschlossensein setzt die Autorin ihren warmen Ton und ihre befreiende Fantasie. Spannend für Mädchen & Jungen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

 

Edmund de Waal: Camondo

Eine Familiengeschichte in Briefen. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer, Zsolnay Verlag 2021, 192 S., € 26,-, TB dtv 2023, € 15,-

(Stand Juni 2023)

In Paris in der Rue de Monceau steht das Musee Camondo, ein Palais mit ausgesuchten Möbeln und Kunstschätzen aus dem französischen 18. Jahrhundert. Es war das Lebensprojekt des eingewanderten jüdischen Bankiers und Kunstsammlers Moïse de Camondo, sein Werk der Assimilation an ein neues Zuhause. 1936 vererbte er es dem französischen Staat zum Gedenken an seinen im 1. Weltkrieg getöteten Sohn. Während das Palais samt Inventar die NS-Vernichtungspolitik unbeschadet überstand, wurde die Familie ermordet.
Edmund de Waal, dessen Vorfahre in direkter Nachbarschaft lebte, hat wieder einen Solitär der Geschichtserzählung geschaffen. Ausgehend vom Gegenständlichen, dem, was unversehrt geblieben ist wie das große Familienarchiv und Geschichte verkörpert, die nie aufhört, erkundet er in fiktiven Briefen an Moïse die zerbrechliche Geschichte der Camondos. Die Wahl der Briefform, angereichert durch Fotografien, ist für den Spurensucher de Waal ideal, um ganz Persönliches, das gesellschaftliche Leben der Belle Époque, das komplexe Thema der Assimilation und Anerkennung, Antisemitismus, Kunst- und Kulturhistorisches, die Auslöschung durch die Shoa und die fundamentale Bedeutsamkeit des Erinnerns vielstimmig zu verbinden und zu reflektieren. Eine nachhaltig wirkende Lektüre. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Rose Lagercrantz: Zwei von jedem

Mit Illustrationen von Rebecka Lagercrantz. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Moritz Verlag 2021, 120 S., € 14,-, ab 9

(Stand November 2021)

Eli, der in Siebenbürgen in einer kleinen Stadt lebte, zusammen mit seiner Mama und seinem großen Bruder, erzählt seine Geschichte. Wie er anfing, ganz schnell zu rennen, um vor Vampiren weglaufen zu können. Wie er sich mit der gut gelaunten, immer hungrigen Luli aus seiner Klasse anfreundete, dauernd mit ihr um die Wette lief und sich ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte. Von einem gar nicht einfachen Alltag in den 1940er-Jahren, aber einem Geborgensein in Familie, Nachbarschaft und im Jüdisch-Sein. Und dann beginnt der Schrecken, Eli wird sehr krank, seine geliebte Freundin Luli zieht weit weg zu ihrem Vater in den USA. Krieg, Verfolgung und Vernichtung betreffen ihn und seine Familie. Doch seltenes Glück ist ihnen vergönnt. Als Erwachsene finden sie einander wieder, gründen in New York eine Familie, überredet Luli ihn, seine Geschichte für ihre Kinder aufzuschreiben.
Mit absolutem Gespür, was Kindern zuzumuten ist, nennt Rose Lagercrantz die Dinge beim Namen. Meisterlich hält sie dabei die feine Balance zwischen harten Fakten und der märchenhaft-berührenden Freundschaftsgeschichte mit glücklichem Ende, unterstützt durch die zarten Aquarelle ihrer Tochter Rebecka. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

Das bestelle ich!

Scott McClanahan: Crap

Aus dem amerikanischen Englisch von Clemens J. Setz, ars vivendi 2021, 195 S., € 20,-

(Stand November 2021)

Scott – trotz stark autobiographischer Züge nicht mit dem Autor zu verwechseln – wächst in West Virginia auf, in einer Familie von Berg- und Fabrikarbeitern, Kriminellen und skurrilen Freaks, bei seiner starrköpfigen Großmutter Ruby und seinem Onkel Nathan. Ruby, die 13 Kinder zur Welt gebracht hat, und Onkel Nathan, der spastisch gelähmt ist, sich so sehr eine Frau wünscht und voll Güte, Humor und Sehnsucht steckt. Krankheit und Tod gehören hier zum Leben wie Freude und Liebe. Es ist eine Welt der strukturellen Armut, die Welt von Pizza Hut und Ein-Euro-Shops, Brathuhn am Sonntag, Grubenunglücken und Förderklassen, von der McClanahan in chronologisch ungeordneten Fragmenten erzählt, und er tut dies mit so viel Zuneigung, ja Zärtlichkeit für seine Figuren, dass die Beschreibung des Grotesken, der Selbstmörder, Zwangsneurotiker und Gescheiterten, nie herablassend wirkt, nie zur Klamotte wird. Ein grandios absurdes Theater im Ticken der Zeit, voller Komik – bis einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.
Übersetzt wurde der Roman von dem 2021 mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten großen Sprachkünstler Clemens J. Setz. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Douglas Stuart: Shuggie Bain

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Verlag 2021, 494 S., € 26,- TB Piper Verlag Februar 2023, € 15,-

(StandFebruar 2023)

Shuggie ist ein zarter, höflicher und rücksichtsvoller Junge, der lieber mit seiner Puppe als mit anderen Jungs Fußball spielt. Vor allem aber liebt er seine schöne gepflegte Mutter Agnes, die ihr rasantes Äußeres wie eine Waffe gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ihrer Mitmenschen einsetzt. In der britischen Upperclass wäre Shuggie wahrscheinlich gut aufgehoben, im Glasgow der Achtziger, in den elenden Wohnungen der Arbeiterfamilien, die in der Thatcher Ära nach dem Aus von Stahl und Bergbau kein Land mehr gewinnen können und allein auf Stütze, Kindergeld und das illegale Anzapfen von Stromzählern angewiesen sind, ist er trotz älterer Halbgeschwister auf sich gestellt. Alkohol, Gewalt und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben der Familien. Shuggies Vater macht sich feige aus dem Staub, seine Mutter will nicht klein beigeben und kämpft trotz ihrer alles dominierenden Alkoholsucht mit unglaublicher Energie für ein besseres Leben. Diese faszinierende Vitalität, dem Leben trotz aller depressiven Umstände etwas Schillerndes, Schönes abzutrotzen, das Agnes mit Leib und Seele verkörpert, feiert der Autor trotz ihres letztlichen Scheiterns in seinem aufsehenerregenden, mit dem BOOKER-Preis 2020 prämierten Debüt mit einer opulenten berührenden Sprache, die einen nicht mehr loslässt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Elisabeth Steinkellner: Esther und Salomon

mit Fotos der Autorin und Illustrationen von Michael Roher. Tyrolia Verlag 2021, 336 S., € 19,95, ab 14

(Stand August 2021)

Esther ist mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in den Ferien am Meer, die Eltern streiten viel, sie geht mit Flippa allein an den Strand. Als diese sich mit Aisha anfreundet, lernt sie deren Bruder Salomon kennen, und plötzlich sind da Schmetterlinge im Bauch, schleicht sie sich des Nachts heimlich raus, ist das Glück greifbar.
Im ersten Teil des Buches erzählt Esther ihre Geschichte, ergänzt von Polaroidfotos. Steinkellner schreibt in freien Versen, eindringlich, mit bisweilen fast leeren Seiten, die sich in der Schwebe mit Bedeutung füllen. Dass Salomon schwarz ist, erfährt man beiläufig und erst ganz am Schluss.
Im zweiten Teil, nach den Ferien, spricht Salomon. Er berichtet von seiner Sehnsucht nach Esther, der er Briefe schreibt, aber auch von seiner Familie, der Ermordung des Vaters, der traumatischen Fluchterfahrung, seiner Suche nach Halt. Hier begleiten Zeichnungen den Text, und auch hier bleibt die große Liebe dieser zwei Jugendlichen im Vordergrund, die so ist, wie die erste Liebe überall auf der Welt – authentisch, sehnsuchtsvoll, berührend und voller Poesie.
Elisabeth Steinkellner gelingt die schwierige Gratwanderung, große aktuelle Themen wie nebenbei einzuflechten – sensibel und ohne Pathos – und dabei einen wundervollen Liebesroman für Jugendliche zu schreiben. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Claassen Verlag 2021, 192 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

»Ich heiße Fatima«: So beginnt jedes kurze Kapitel dieses autobiografischen Romans, der wie ein hypnotischer Singsang klingt. Wir lernen ein junges Mädchen kennen und begleiten sie auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Fatima Daas, die jüngste Tochter algerischer Migranten in Frankreich, wächst in einem Elternhaus auf, in dem Liebe und Sexualität als Tabu gelten und Zärtlichkeiten vermieden werden. Sie lebt in dem größtenteils muslimischen Außenbezirk Clichy-sous-Bois und verbringt mehrere Stunden pro Tag in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sie sich wie eine Touristin fühlt, die die Pariser Gebräuche beobachtet. Schon instabil in der Schulzeit, wird sie zur verhaltensgestörten Erwachsenen und macht vier Jahre lang eine Psychotherapie – ihre längste Beziehung. Aber als sie Abstand von ihrer Familie gewinnt und ihr eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, setzt sie sich direkter mit ihrer Anziehungskraft auf Frauen auseinander und damit, wie diese mit ihrer Religion, die sie weiterhin praktiziert, zusammenpassen kann. Als Nina in ihr Leben tritt, weiß sie nicht genau, was sie braucht, hat aber das Gefühl, dass ihr etwas Wesentliches gefehlt hat. Brutal, ernst, berührend, klug: Dieses Buch ist eine Granate! Es wurde mit dem Internationalen Literaturpreis 2021 ausgezeichnet! (Giulia Silvestri) Leseprobe

Das bestelle ich!

Ulrike Edschmid: Levys Testament

Suhrkamp Verlag 2021, 144 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

Ulrike Edschmid schreibt von dem, was sie selbst kennt, ohne sich um sich selbst zu drehen. Im linkspolitisch bewegten London der frühen Siebzigerjahre, die geprägt waren von Hausbesetzungen, IRA-Anschlägen und Kämpfen gegen rabiate Gerichtsurteile, in das sie, die Erzählerin, „wie vom Regen in die Traufe“ aus Berlin gekommen war, legt sich im Abbruchhaus voller Aktivist:innen ein Mann in ihr Bett. Schnell wird dieser ihr Geliebter, doch umso weniger beginnt jetzt ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman.
Edschmid, die Virtuosin des Verdichtens, legt mit der Geschichte dieses Mannes, den sie namenlos als „den Engländer“ bezeichnet und der nach gemeinsamer Zeit in Deutschland ein lebenslanger Freund wird, stattdessen Spuren, die weit in historische und soziale Zusammenhänge führen.  Er identifiziert sich als Arbeitersohn, ist aber auch Jude, was viele Leerstellen für ihn enthält, bis sich die Ereignisse in seiner ihm unbekannten Familie überschlagen und sich tiefe Abgründe offenbaren, die sein weiteres Schicksal prägen werden.  Angenehm nüchtern, in prägnant kurzen Sätzen wird das Drama eines Lebens erzählt, tun sich weitreichende Fragen zur Bedeutung von Herkunft, Familie, Klasse und Brüchen im Leben auf, die sehr berühren und lange nachhallen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Alberto Vigevani: Ein kurzer Spaziergang

Aus dem Italienischen von Marianne Schneider, Friedenauer Presse 2021, 76 S., € 16,-
(La breve passeggiata, Sellerio 2021, ca. € 17,50)
(Stand Mai 2021)

Unscheinbar kommt dieser schmale Band daher, sehr hübsch gestaltet, das raue Papier des Einbands liegt gut in der Hand – und unscheinbar beginnt auch der Text, ergeht sich der Icherzähler doch in Erinnerungen an seine Hochzeitsreise Ende der dreißiger Jahre, in denen ein überdimensionierter Schrankkoffer zu skurrilen, harmlos-amüsanten Szenen Anlass bietet.
Doch der Koffer ist ein Geschenk von Tante Jole und Onkel Giorgetto, und so führt uns Alberto Vigevano, der leise Meister der kleinen Form, unmerklich auf eine andere Spur, die Erinnerung an dieses herzenswarme ältliche Paar von schlichtem Gemüt wird zu einer Reise in die dunkelsten Winkel des 20. Jahrhunderts, denn die Familie ist jüdisch und Onkel und Tante nicht agil genug, nach Einmarsch der Deutschen die Flucht in die Schweiz zu ergreifen. Ihre Spur verliert sich in Auschwitz, der Erzähler erfährt nach dem Krieg durch einen Überlebenden vom letzten Spaziergang des Onkels, der durch einen Zufall dem Gefängnis in Mailand entkommt und freiwillig zurückkehrt, um seine Frau nicht allein den zu erwartenden Schrecken zu überlassen.
Nur eine kurze Novelle, knapp zwei Stunden Lesezeit, und doch verfügen die mit leisem, nie sentimentalem Ton beschriebene Menschlichkeit und Courage Giorgettos über die Kraft, gegen Gewalt, Faschismus und Vergessen ein Zeichen zu setzen. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Jacqueline Woodson: Alles glänzt

Aus dem Amerikanischen von Yvonne Eglinger, Piper Verlag 2021, 208 S., € 22,-

(Stand Mai 2021)

Scheinbar unverfänglich kommt dieses bunte, im Flattersatz gedruckte Buch daher: Die sechzehnjährige Melody wird mit einem Hausball in die Gesellschaft eingeführt. Sie trägt, wie in ihrer Upper Middle Class-Familie seit Generationen üblich, Korsett, Strumpfhalter und Seidenstrümpfe, darüber ein unbenutztes Kleid, das ihre Mutter Iris eigentlich vor gut 16 Jahren bei ihrem Fest hätte tragen sollen, aber sie war schwanger mit Melody …
Und schon ist nichts mehr harmlos in dieser schwarzen Familie, in der jede:r eine eigene – berechtigte – Wahrnehmung auf die Geschehnisse hat. Iris, die unbedingt Karriere machen will, behält ihr Baby, um es alsbald zu verlassen. Im College verliebt sie sich in eine Frau. Melodys junger Vater zieht, selbst ohne familiären Halt, mit zu ihren Großeltern in deren Haus in Brooklyn. Trotz der Zuwendung der drei vermisst Melody ihre abwesende Mutter. Raffiniert wechselt Woodson zwischen Melodys Perspektive und den Sichtweisen der anderen, kombiniert sie Ereignisse, Gespräche und Gedanken aus der Vergangenheit mit dem Heute, erzählt von Liebe und Hoffnungen, aber auch von Rassismus, Schicksalsschlägen und von komplizierten Verhältnissen zwischen den Generationen. Schwebend leicht verwebt Woodson diese vielen Facetten und feiert mit Alles glänzt die Widerstandsfähigkeit schwarzer Familien in den USA. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!