Aus dem Englischen von Nicola Stuart. Jacoby & Stuart 2023, 48 S., € 22,-, ab 8
Das Anne-Frank-Haus an der Prinsengracht in Amsterdam, das zwei Jahre lang Anne Frank und ihrer Familie Schutz bot, ehe ihr Versteck verraten und sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden, ist der Protagonist dieses besonderen Sachbilderbuchs. Die detailreichen, zeitlich verorteten Bilder und der präzise, aber einfühlsame Text erzählen aus der Perspektive des Gebäudes dessen wechselhafte Geschichte und die seiner unzähligen Bewohner:innen. So entsteht für Kinder unmittelbar nachvollziehbar ein geographischer und historische Kontext für die Gewalt, die Anne Frank angetan wurde, der im ausführlichen Anhang vertieft wird. Nach Haus am See lädt der neueste Geniestreich des Duos Thomas Harding und Britta Teckentrup Kinder und Erwachsene ein, Dinge und Ereignisse in Zusammenhängen zu begreifen und sich darüber auszutauschen.

Dass Kriegskinder ihre Traumata bis in die dritte Generation weitergeben, ist der breiteren Öffentlichkeit seit den erfolgreichen Büchern von Sabine Bode „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bekannt. Ulrike Draesner verarbeitet das Thema nun in einem beeindruckenden, vielstimmigen und sprachmächtigen Roman.
Wenn ich heute auf mein Kunstgeschichtsstudium zurückblicke, dann fällt mir keine Vorlesung ein, in denen Künstler*innen der DDR auch nur erwähnt worden wären. Mehr als verwundert habe ich 2009 im Martin Gropius Bau die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke – Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 2009“ besucht, in der kein*e einzig*er Künstler*in der DDR oder Ostdeutschlands vertreten war. Willi Sitte war mir dennoch selbstredend ein Begriff – gilt er doch aufgrund seiner Regierungs- und Parteinähe als der umstrittenste Künstler der DDR.

Francesca anruft. Der Vater möchte, dass sich die Familie nur noch von Konservendosen ernährt, die vor dem Reaktorunglück von Tschernobyl eingeschweißt wurden, und baut in seiner Freizeit immer weitere zusätzliche Trennmauern in die Wohnung ein. Und dann gibt es auch noch den Bruder, eine Nervensäge und aufmerksamkeitsversessenes Genie. Dabei ist es schon so schwer genug, vom Mädchen zur Frau zu werden, und das am besten erfolgreich, emanzipiert und glücklich. Mit der preisgekrönten, autofiktionalen Tragikomödie »Nichts davon ist wahr« hat Veronica Raimo ein sehr lustiges Buch über die Tücken und Abgründe des Lebens geschrieben.
Genial dieses hinreißende Bilderbuch! In seinem nur von einer schwachen Lampe beleuchteten Zimmer entdeckt ein Kind neben sich auf dem Bett ein riesiges freundlich-dreinblickendes Nashorn. Der Vater glaubt nicht, dass ein Nashorn im Kinderzimmer sei und versucht, dies zu beweisen, indem er überall nachschaut und seiner Ansicht nach auch keines findet. Doch sein Sohn Ludwig und die das Buch anschauenden Kinder wissen es besser und entdecken sofort die vielen Nashornverstecke. Ludwig versucht, seinem begriffsstutzigen Papa auf die Sprünge zu helfen, der immerhin einsieht, dass der Mond da ist, obwohl sie ihn in diesem Moment nicht sehen können. Doch beim Nashorn Fehlanzeige, da bleibt er stur.
Kann eine Geschichte Erinnerungen an Momo und Alice im Wunderland wecken, so erwachsene Geschichten wie 1984 und Schöne Neue Welt zitieren und dennoch einen ganz eigenen Erzählton für junge Leser:innen treffen? Oh ja! Man stelle sich vor, die eigene Erlebniswelt sei räumlich auf ein Punkthochhaus bzw. wenige Etagen darin begrenzt. Von einigen Fenstern aus sind in der näheren Umgebung andere Hochhäuser zu sehen. Doch dort kommt man nie hin – man kommt überhaupt nie raus. Der eigene Radius beschränkt sich auf farblich markierte Etagen. Protagonistin Nevo beispielsweise wohnt in Etage Zinnoberrot, Wohnung Nr. 4. Ihr Alltag in den Gängen und Etagen ist streng reglementiert: nicht rennen, nicht rumlungern – de facto ist alles untersagt, was Kindern Spaß macht. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss nach Unten. Dies ist nicht nur als gesellschaftlicher Abstieg verpönt, sondern auch mit großen Ängsten verbunden. Niemand weiß, was unten genau passiert, aber es soll gefährlich sein … Als Nevos Freundin Juma jedoch versehentlich in einem Wäscheschacht nach unten fällt und spurlos verschwindet, macht sich Nevo auf den Weg durch unendliche Gänge, Schächte und Treppenhäuser. Ein Haus, das in all seiner Begrenztheit zu einer ganzen hermetischen Welt mit einem Oben und einem Unten wird – aber wo ist Anfang, wo Ende? Dunkel, spannend, packend, gleichzeitig sehr smart und absurd komisch zieht Maja Ilisch ihre Leser:innen geradezu sogartig immer tiefer ins Treppenhaus und seine Geheimnisse! (Jana Kühn)
Die Aushilfskellnerin Suzu lebt in einer japanischen Großstadt anonym und zurückgezogen. Kontakte mit Menschen begrenzt sie auf das Nötigste, hin und wieder ein Date ohne Folgen. Eine gewisse Leere muss sie empfunden haben, legt sie sich doch einen Hamster zu. Als sie mangels „Liebreizes“ ihre Arbeit verliert, nimmt die phlegmatische junge Frau einen ungewöhnlichen Job an. Sie wird Teil einer Truppe, die die unappetitlichen geruchsintensiven Überreste von unbemerkt Gestorbenen reinigt. Es kostet sie zwar Überwindung, was der charismatische lebenslustige Chef nicht gelten lässt. Er verlangt von seinem Team höchsten Einsatz, was gemeinsame tägliche Besuche von Badehaus und Restaurant einschließt. Zugleich erschließt er seinen Leuten, eben auch Suzu und ihrem verschlossenen jungen Kollegen, ihre Arbeit ernst zu nehmen, die Vorgeschichten und die Würde der einsam Gestorbenen, der Kodokushi, zu achten. Peu à peu verändert sich dabei Suzus eigenes Leben. Mit Leichtigkeit und Eleganz verzahnt die Autorin die großen Fragen vom Leben und Sterben, von Nähe und Distanz, Gesellschaft und Einsamkeit, um sie sogleich spielerisch durcheinanderzuwirbeln. Erhöht wird das Lesevergnügen durch einen Anhang, der japanische Begriffe und Spezifika erklärt. (Stefanie Hetze)
Anna und Tom haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und ziehen aus ihrer als provinziell empfundenen italienischen Heimat als freischaffende Webdesigner in den 2000er Jahren nach Berlin. Hier sind die Mieten noch billig, es schlägt der Puls der Zeit, da wollen sie dazugehören. So reihen sie sich ein in die Menge der Expats dieser Stadt. Kontakt mit Deutschen haben sie kaum, ihre Freunde sind Spanier, Portugiesen oder Amerikaner, es wird englisch gesprochen, wo die Mauer verlief ist nicht von Interesse. Das Leben zwischen Instagram und Berghain, Arbeitstagen im Café und Aperitif an der Spree, Kunstgalerien und Karaoke im Mauerpark hat vor allem eins zu sein – durchdesignt und fotogen.