Berenberg, 2025, 176 Seiten, 24 Euro
Was für ein grandioser Einstieg: eine kleine verhüllte Gestalt verschafft sich im Dunkeln Eintritt in die Kaserne der Schwarzen Musketiere. Ständig betend, zaghaft und gleichzeitig klar entschlossen arbeitet sie sich vor, bis sie einem Offizier ihr Begehren vortragen kann. Sie, die sich als Tochter einer Apothekerfamilie vorstellt, möchte eine Leiche kaufen!
Mit dieser filmreifen Szene eröffnet Christine Wunnicke ihren rasanten biografischen Roman über das Leben und die Liebe zweier französischer Doppelbegabungen aus dem 18. Jahrhundert, der Anatomin und Wachsbildnerin Marie Biheron und ihrer Freundin, der Künstlerin und Botanikerin Madeleine Basseporte. Beide wirkten bahnbrechend in ihren Metiers, Madeleine wurde im Jardin du Roi als Pflanzenmalerin festangestellt, Maries naturgetreue anatomische Wachsmodelle reüssierten in den Welten der Wissenschaften und König*innen kauften beider Werke. Beide waren äußerst eigensinnig und eigenständig, ineinander verliebt und dies in den vor- und revolutionären Wirren. Hinreißend, wie die Autorin mit diesen Komponenten spielt und leichtfüßig, in knappen schnellen Sätzen, mit skurrilen Details, voll der Erotik, mit pointiert gesetzten altertümlichen Begriffen, einen sprühenden queeren Roman geschaffen hat. (Stefanie Hetze)

Wir laden herzlich ein zur Berliner Premiere von Das Buch Helga von Christina Maria Landerl.
Die Trauer der Tangente ist das vielleicht dichteste, das mit Sicherheit berührendste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Über zehn Jahre hat Fabian Saul Gedanken, Begegnungen, Zitate, Erlebnisse und Orte sedimentieren lassen, bis sie – so scheint es wenigstens – von selbst ihre Geschichte, ihren erzählerischen Verlauf gefunden haben. Es geht darin um Freundschaft, um Liebe, um Abschiede, um das Eigene im Anderen. In kurzen Erzählfragmenten erschließt sich im Lesen ein immer enger geknüpftes Netz aus Orten und namenlos bleibenden Menschen, die ihre Identität erst langsam durch sich wiederholende Wendungen und Zuschreibung erhalten, die dem Buch einen fast musikalischen Duktus verleihen. „Trocadéro hast Du gesagt…“ ist so eine dieser poetischen Chiffren, die ganz langsam die Stadt Paris als Ort einer Begegnung, als koloniale Kulisse, als einen Kindheitsraum definieren. Sauls Erzählen bleibt immer flüchtig und vorläufig, gräbt sich als literarisches Bild umso tiefer und dauerhafter ein, auch wenn das Buch schon lange beiseite gelegt ist. Die titelgebende Tangente ist es, über die Fabian Saul sicher durch dieses vielschichtige Universum führt, punktuelle Berührungen von einer solchen Intensität erzeugt, das man mit vollem Herzen wieder an das Erzählen glauben mag.
„Hof“ und „Stadt“ sind die ersten zwei Teile einer Romantrilogie des jungen Autors Thomas Korsgaard, der in Dänemark als literarisches Wunderkind gilt.
Wer glaubt, dass ein ABC-Buch mit Tieren eine relativ erwartbare Angelegenheit sei, wird hier ein farbenfrohes Wunder zwischen zwei Buchdeckeln erleben. Ellen Heck buchstabiert nicht einfach nur von A wie Affe bis Z wie Zebra verschiedenartige Fauna. In ihrem besonderen und auch besonders schönen Bilderbuch löst schon der Titel eine erste Irritation aus. Ihr Alphabet folgt in seiner Reihenfolge nämlich nicht den Anfangsbuchstaben der Tiere in deutscher Sprache, sondern deren Übersetzung in insgesamt 68 Sprachen rund um den Globus, z.B. Afrikaans, Balinesisch und Cherokee. Irritation wird schnell zu Staunen und Freude, und Hecks Illustrationen leuchten und die Schönheit von Sprache(n) strahlt für sich. (Jana Kühn)
Jake möchte am liebsten verschwinden, er denkt, dass er viel zu viel Platz einnimmt. Deswegen versucht er so wenig wie möglich zu essen und so viel Sport wie möglich zu machen, um so viel abzunehmen, wie nur irgendwie geht. Um ihm zu helfen, schicken seine Eltern ihn in eine Klinik, in der seine Essstörung behandelt werden soll. Doch die Gruppentherapien und die Therapeutin lassen die Stimme nur noch lauter werden, die ihm einbläut niemandem zu vertrauen und allen vorzuspielen sich zu bessern, um schnell wieder nach Hause zu können.
Ein nicht mehr ganz junges Paar wünscht sich ein Kind. Der Wunsch ist und wird nach mehreren Fehlgeburten so dringend, dass aufgrund des fortgeschrittenen Alters nur noch eine Auslandsadoption bleibt. Nach einem mehrjährigen Behördenlauf bringt das Paar ein dreijähriges Kind von Colombo nach Berlin. Ulrike Draesner assoziiert sich ausgesprochen freimütig, mal humorvoll, mal aufwühlend durch den Kosmos ihrer eigenen Familiengeschichte – einer Familienfindung, der vielschichtigen Suche nach Elternschaft, die auch den Verlust des (Eltern)Paares bedeutet. Dabei folgt sie durchaus einer Chronologie der Geschehnisse, öffnet jedoch in Rückblenden, Ausblicken oder Exkursen immer wieder Tür und Tor zu gesellschaftspolitisch relevanten Fragen, so etwa was es bedeutet, als weiße Familie ein Schwarzes Kind zu adoptieren. “zu lieben” ist kein Roman im eigentlichen Sinne. Ulrike Draesner unterstreicht dies selbst, indem schon auf dem Buchcover das beigestellte Roman nur noch durchgestrichen zu lesen ist. Streichungen dieser Art finden sich zahlreich, als ob die Autorin Einblick gewährt, nicht nur in ihr Leben, sondern auch in ihren Schreibprozess. Schon einige Zeit lag dieses Buch bei mir. Sein Thema und seine ersten Seiten hatten mich so sehr dafür eingenommen, dass ich mir seine Lektüre für die freien Tage zwischen den Jahren aufhob. Es hat sich sehr gelohnt! (Jana Kühn)
Ann Petrys wirklich beeindruckendes Buch beginnt mit drei langen Erzählungen aus dem Kosmos einer Schwarzen amerikanischen Apothekerfamilie, die als einzige Schwarze in einer von Weißen bewohnten Kleinstadt lebt und aus Selbstschutz klare Grenzen ziehen muss. So registriert die zwölfjährige Protagonistin der ersten Story sehr genau, wie heikel die Trennlinie zwischen dem Dienst an der Kundschaft und dem Schutz der familiären Privatsphäre ist, die jederzeit durch rassistische Übergriffe gefährdet ist. Während die Apothekerfamilie ihren Drugstore als Bollwerk einzusetzen versucht, hat der Rassismus außerhalb, an anderen Orten und in anderen Konstellationen wie ein Gift die nordamerikanische Gesellschaft zersetzt. Punktgenau und in einer glasklaren Sprache erzählt Petry, wie sehr unterschiedliche Menschen davon betroffen sind und wie sie sich dagegen wehren. Das macht wütend und berührt zutiefst. Schon 1971 erschienen, sind die Erzählungen nun nach über einem halben Jahrhundert endlich auf Deutsch erschienen. Von Pieke Biermann blendend übersetzt, sind sie brennend aktuell. (Stefanie Hetze)
Wo ist diese Wiese auf der sich blaue Kröten Pullover stricken und dabei, ganz aus Versehen – nein, eher ganz aus Langeweile – die schönsten Geschichten von Freundschaft, Sehnsucht und Mut erzählen? Jörg Sundermeier und Katrin Funke haben sie entdeckt und lassen uns teilnehmen an den Abenteuern dieser zufällig beieinander Gestrandeten: Der Maulwurf Rüffeldirk und die Maus Mattjöh suchen ganz Unterschiedliches und finden die verbogensten, gemeinsamen Wege um beisammen zu bleiben und anderen zu begegnen. Manche sehr kluge Anspielung hängt vielleicht für Kinder noch ein Stückchen zu hoch – die Suche des Zitronenfalters Büzanz nach seinen Ursprüngen und dessen Alpenüberquerung beispielsweise – kann da aber auch getrost hängen bleiben, ohne die Geschichte zu irritieren. Anderes ist dafür so hochphilosophisch auf Kinderaugenhöhe, dass man liebend gerne den Einschlafgesprächen nach dem abendlichen Vorlesen lauschen möchte, die diese Geschichte in Gang bringen mag. Wenn Jörg Sundermeier den Dreh gefunden hat, das Beste der Fabel in unsere Zeit zu retten, dann weiß Katja Funke genau welchen Bildrhythmus es braucht um dieser Erzählung eine ganz tiefe Ressonanz zu verleihen – ihre Gebirgsbilder sind eine Reise für sich. Eine wunderbar verbogene Hommage an das Erzählen in Bildern und Worten!
Der Kolibri ist ein Vogel der Superlative – es ist der einzige Vogel, der schweben kann, er ist im Vergleich zu seinem Körpergewicht am schnellsten und im Verhältnis zu seiner Grösse der am weitesten ziehende Zugvogel. Er ist unvergleichlich zart, unfassbar hungrig, unglaublich kampfbereit. Brenda, erfahrene Vogelretterin, nimmt sich (mal wieder) zweier verlassener Kolibriküken an, wenige Tage alt und nicht größer als Hummeln. Sy Montgomery, Naturforscherin und Schriftstellerin, wird eingeladen, zu helfen. Und darüber schreibt sie. Von dem Brutkasten, in dem die Vogelgeschwisterchen leben, von der mühseligen Fütterungsprozedur, von der Artenbestimmung nach einigen Tagen, von den ersten Flugversuchen und schließlich der Freilassung.