Antje Herden: Parole Teetee

Illustriert von Maja Bohn, Tulipan Verlag 2020, 208 S., € 13,-, ab 9 

Parole_Teetee_Danteperle_DanteConnectionTeetee ist eine ältere Dame, die einerseits undurchschaubar ist, andererseits als gute Seele ihr ganzes Wohnviertel zusammen hält. Dennoch wollen die meisten Erwachsenen nicht sehen, dass ihr Verschwinden mehr als merkwürdig ist. Zum Glück lassen sich die Kinder im Viertel nicht abwimmeln. Kinderbanden, die gemeinsam heikle Fälle und geheimnisvolle Rätsel auflösen, sind geradezu Klassiker in der Literatur für die Jüngsten. Auch Antje Herden greift dieses Schema auf. Jedem ihrer Kinder ist zu Beginn ein Vorstellungskapitel gewidmet, in denen viel Detailliebe für die einzelnen Charaktere steckt. Den eigentlichen Fall entwickelt sie fast zögerlich, so wie sie die Kinder nur langsam begreifen lässt, dass Teetee wirklich verschwunden ist. Antje Herden hat einen ganz eigenen, warmen Erzählton für ihren Kinderkrimi gefunden und verwebt kritische Themen wie Vertreibung und Obdachlosigkeit in ihren Text. Damit beweist sie einmal mehr, dass der Krimi auch als Kinderbuch bestens geeignet ist, en passant aktuelle und gesellschaftlich relevante Fragen  zu thematisieren. So wird bei aller spannenden Unterhaltung noch ein bisschen mehr erzählt. (Jana Kühn) Leseprobe

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JJ Amaworo Wilson: Damnificados

Aus dem Englischen von Conny Lösch, Edition Nautilus 2020, 320 S., € 24,- €

geb_SUÄhnlich dem Tor zur Unterwelt ist auch der Eingang in den Torre de Torres von einem Kerberus bewacht. Doch mehrere Hundert Damnificados lassen sich davon nicht schrecken. Sie haben nichts zu verlieren, denn vor ihnen liegt die Möglichkeit eines Zuhauses. Ihr Anführer Nacho Morales bewegt sich seit seiner Kindheit mühsam auf zwei Krücken, doch sein Geist ist rege, seine Netzwerke weit verzweigt und so findet er stets eine Lösung.  Der leerstehende Turm wird bezogen, Wohnungen improvisiert, Strom- und Wasserleitungen angezapft. Bald gibt es auf den über fünfzig Etagen eine Bäckerei, einen Friseur, sogar Schulen. Trotz aller Not leitet Nacho seine Damnificados zu einem auf Absprachen beruhenden Zusammenleben an. Nichts anderes als eine Utopie – sicher ist sie nicht. Der Turm der Türme ist eine Arche, doch er erinnert auch an Babel, wenn seine Bewohner unter anderem Arabisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch sprechen. Und es gibt sogar ein reales Vorbild für den Turm: der Torre de David in Caracas. Auch dieser Bau wurde über Jahre von Obdachlosen besetzt – doch für Wilson ist dies nur der Ausgangspunkt. Mit viel magischem Realismus fühlt man sich beim Lesen in die Elendsviertel, Slums, Favelas oder wie auch immer sie rund um die Welt genannt werden versetzt. Armut ist global und zeichnet sich egal wo auch immer durch ähnliche Szenarien aus. Wilsons eigene Biographie liest sich wie eine Weltreise und erklärt vielleicht seine so waghalsigen wie stimmigen polyglotten Anleihen bei den Mythen dieser Welt, die in einem Roman zusammengeführt werden, wie Sie ihn noch nicht gelesen haben werden. (Jana Kühn) Leseprobe

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Frida Nilsson: Ich und Jagger gegen den Rest der Welt

Illustriert von Ulf K. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger, Gerstenberg Verlag 2018,  180 S., € 14,95, ab 9 

U_5904_1A_ICH_UND_JAGGER.IND13Ob in jenem Sommer alles so passiert ist oder doch nur geträumt? Mit dieser Frage startet ein unzuverlässiger Erzähler seine Geschichte, einer der zahlreichen Geniestreiche der schwedischen Autorin. Sie lässt Bengt erzählen, einen Achteinhalbjährigen mit Übergewicht und ohne Freunde. Seine Eltern wünschten, er hätte welche und wäre ein normales Kind wie die anderen im Haus. Aber von denen wird ihm regelmäßig übel mitgespielt. Bis ihn eines Tages Jagger aus einer solchen verzwickten Situation rettet. Jagger: ein obdachloser Hund, der spricht und der verspielt sein kann wie ein Kind, aber auch durchtrieben, grob und eifersüchtig – eine so fantastische wie schmerzlich lebensnahe Figur. Das Leben auf der Straße hat ihn geprägt. Er weiß sich zu wehren und das soll nun auch Bengt. Er soll sich an allen, die gemein zu ihm waren, rächen. Jagger stachelt den Jungen regelrecht an, wobei so manches, was spaßig und abenteuerlich beginnt, in Schieflage gerät. Die Scheinheiligkeit der Erwachsenen, die nur halbherzig versuchen, zwischen den Kindern zu schlichten, führt Nilsson dabei genauso vor, wie Fragen, deren Beantwortung ihr vielschichtiger und fordernder Roman für Kinder und Erwachsene verweigert.  Wie wehrt man sich, ohne zu verletzen? Fragen wie diese stellen sich und bleiben offen für Gespräche nach einer intensiven Lektüre. (Jana Kühn)  

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Liza Cody: Lady Bag

Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski, Argument Verlag – Ariadne Kriminalroman 2014, € 17,00

cody_ladybag_danteperle_dante_connection-buchhandlung-berlin-kreuzbergDie namenlose Baglady zieht mit ihrer  Windhündin Elektra durch die Straßen Londons. Ignoranz und dumme Sprüche gehören zur demütigenden Tagesordnung und sind dabei noch die harmlosen Varianten. Immerhin, ab und zu klimpert es ein paar Münzen – für den Hund wohlgemerkt! Doch mit einem ordentlichen Pegel vom algerischen Roten und eben Elektra, die sowieso alles am besten versteht, lässt sich dieses Leben auf der Straße doch ganz ruhig ertragen. Bis sie eines Tages genau dort ihrem ganz persönlichen Dämon (wieder)begegnet. Wie vom Blitz getroffen, will sie der neuen Frau an Satans Seite einen Rat zur Lebensrettung geben. Doch von da an überschlagen sich die Ereignisse. Screwball und Sozialdrama in einem, weit weniger ein Kriminalroman, aber in jedem Fall ist “Lady Bag” eine rasante und rabenschwarze Lektüre, die einen buchstäblich mitnimmt. Mindestens einer Baglady ist sicher jeder schon begegnet – hier in der Oranienstraße wohl eher mehrmals täglich. Liza Cody gibt ihrer Baglady zwar keinen Namen, doch ein Gesicht und eine Geschichte, die aufrüttelt und die man so schnell nicht vergessen wird. (Jana Kühn)