Hendrik Otremba: Über uns der Schaum

Verbrecher Verlag 2017, 277 S., € 22,-

Otremba_Über_uns_der_Schaum_Danteperle_DanteConnectionEs steht nicht gut um Privatdetektiv Joseph Weynberg, schwermütig und einsam ist er Alkohol und Drogen verfallen – seit kurzem dazu nicht nur diesen. Denn da gibt es die umwerfend schöne und geheimnisvolle Maude Anandin, die ein offensichtlich stinkreicher Senior von Weynberg beschatten lässt. Perfekte Zutaten für einen klassischen Noir? Weit gefehlt, denn Hendrik Otremba entwirft in seinem Debüt eine dystopische, irgendwie aus der Zeit gefallene Welt, die es in sich hat: die Menschen verroht, der Alltag kriminalisiert, Orte und Landschaften sind von Kriegen und Umweltkatastrophen verwüstet, es regnet sogar gefährlich giftig. Otremba schickt sein düsteres Paar vor gleich mehreren Verfolgern auf die Flucht quer durch verlassene Territorien. Dank überraschender Wendungen in einer literarischen Sprache, die wirklich das Genre knackt, folgt man den beiden atemlos auf ihrem gefährlichen Roadtrip … So mancher Musiker hat schon das Schreiben für sich entdeckt – aber bei Hendrik Otremba, dem Sänger der Post-Punkband Messer, kann man von einem echten Glücksfall sprechen. (Jana Kühn)

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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Aus dem Amerikanischen von Pociao, Diogenes 2017, € 20,-

Haruf_unsere-seelen-bei-nacht-Danteperle_DanteConnectionIn einer US-amerikanischen Kleinstadt leben zwei verwitwete Nachbarn in den großen Häusern, die vor vielen Jahren einmal das Zuhause für ihre Familien waren – doch nun sind sie dort allein, oft genug einsam. Eines Tages geht die 70jährige Addie ausgesprochen mutig auf ihren Nachbarn Louis zu: Sie bittet ihn, die Nächte mit ihr zu verbringen, heißt, wenn die Einsamkeit am größten ist, die Lücke mit Gesprächen zu befüllen. Nur das. Louis akzeptiert und so liegen die beiden nun Nacht für Nacht beieinander und kommen einander zögerlich näher. Trotz der jahrzehntelangen nachbarschaftlichen Nähe wissen sie nur wenig voneinander und erzählen sich in aller Offenheit aus ihrem mit allen Höhen und Tiefen gelebten Leben mit Schicksalsschlägen, mit Fehlern, mit glücklichen Momenten auch. Dieses vorsichtige Kennenlernen beschreibt Kent Haruf  unaufgeregt und sparsam fast, dennoch warmherzig, aber ohne zu verkitschen. Er erzählt von einer Chance auf reifes, selbstbestimmtes Glück, das aber an verbohrten Konventionen zu scheitern droht. Denn der Kleingeist der sowohl nahen Nachbarn als auch der fernen Verwandten stört sich an der „schamlosen“ Zweisamkeit. (Jana Kühn) Leseprobe
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Paolo Cognetti: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge

Edition Blau. Belletristik im Rotpunktverlag 2017. Aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 144 S., € 18,00

Cognetti_Paolo_Fontane_°_1_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleUm eine Schaffens- und Lebenskrise in Mailand hinter sich zu lassen,  mietet sich der dreißigjährige Autor Paolo Cognetti Ende April in einer einsamen Berghütte in 2000 Metern Höhe ein, in der er fernab der Zivilisation einen ganzen langen Sommer allein verbringen will. Im Gepäck hat er Bücher anderer weltverdrossener Autoren und die Hoffnung, selbst wieder schreiben zu können. Als Stadtmensch, zu dessen glücklichster Erinnerung Kindheits- und Jugendsommer im Gebirge gehören, möchte er das Freiheitsgefühl von früher wiederfinden. Doch steht er sich erst einmal selbst im Weg, tun Schnee, Kälte, Nebel, die Höhe ihr übriges. Ganz langsam akklimatisiert er sich, erkundet er die Umgebung und lernt er Hirten kennen, mit denen er sich auf eine vorsichtige schöne Weise anfreundet. Und zum Glück kehrt auch Cognettis verlorengeglaubte feine Sprache zurück.  (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Aufbau Verlag 2017, 309 S., € 22,-

Grjasnowa Gott ist nicht schüchtern_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergAmal ist jung, aus reichem Hause und steht am Beginn einer vielversprechenden Schauspielerkarriere. Hammoudi hat sein Medizinstudium in Paris mit Auszeichnung abgeschlossen und ist nur nach Syrien zurückgekehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Beide werden durch den Beginn des Krieges aus ihrem Leben gerissen. Amal sympathisiert mit den Protesten gegen das Regime und nimmt in Damaskus an Demonstrationen teil. Dadurch gerät sie ins Visier des Geheimdienstes. Nach Verhaftung und Folter entkommt sie nach Beirut. Hammoudi überraschen die beginnenden Kämpfe in seiner Heimatstadt im Osten Syriens. Er versucht unter improvisierten Bedingungen so vielen Verletzten wie möglich als Chirurg das Leben zu retten und sieht tausende sterben. Die Machtübernahme des IS zwingt auch ihn zur Flucht. Olga Grjasnowa verschont den Leser nicht, erzählt in nüchtern klarer Weise von Folter, Flucht und Krieg und führt uns vor Augen, was wir zu gern verdrängen. Ein wichtiges Buch, das unter die Haut geht. (Syme Sigmund)
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Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Rowohlt 2017, 368 S., € 19,95

Wodin_Natascha_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleNatascha Wodin ist mit dem Schweigen aufgewachsen. 1956, als sich ihre Mutter wortlos ertränkt, ist sie noch ein Kind. Ein Kind, das sich völlig ausgegrenzt fühlt und fast nichts weiß von der Lebensgeschichte der Mutter, einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin. Weshalb sie in einer Barackensiedlung und am Rande der deutschen Gesellschaft lebten, hatte dem Mädchen niemand erklärt. Natürlich hat sie als Erwachsene immer wieder nach Spuren der Mutter gesucht, doch vergeblich. Als sie vor wenigen Jahren deren Daten in eine russische Suchmaschine eingibt, ahnt sie nicht, welch Schneeballeffekt ihr Eintrag nach sich ziehen wird und dass sich ihre Kindheitsträume von einer aristokratisch-künstlerischen Familie in Realität verwandeln werden. Schritt für Schritt zeichnet Wodin die Geschichte ihrer Familie und die ihrer Mutter nach. Sie musste die brutalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts (Sowjetherrschaft, Stalinismus, Nationalsozialismus, Zwangsarbeit, Heimatlosigkeit) drastisch am eigenen Leib erleben und konnte nichts anderes als schweigen. Ihre Tochter gibt ihr und stellvertretend den vielen anderen Leidtragenden Sprache, eine Biografie und Würde zurück. Ein berührendes Buch, das nachwirkt. (Stefanie Hetze)

Leseprobe

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Mohamed Amjahid: Allein unter Weißen

Hanser Berlin 2017, 192 S., € 16,00

HB Amjahid Unter Weissen_MR.inddMohamed Amjahid erzählt von der auch persönlichen Erfahrung als Nicht-Weißer in einer Gesellschaft dazu zu gehören und dennoch außen vor zu bleiben. In Deutschland geboren und aufgewachsen, geht er im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Marokko. Für seine Eltern eine Rückkehr nach enttäuschenden, zähen Gastarbeiter-Jahren, für ihn ein Start in einem fremden Land. Zum Studium kehrt er nach Deutschland zurück und arbeitet alsbald als ausgezeichneter Journalist für renommierte Zeitungen. Mohamed Amjahid kennt so extreme Situationen der Wertschätzung wie der Diskriminierung – beides oft nah beieinander. In klaren Ansagen thematisiert er versteckten, aber alltäglichen Rassismus und führt der weißen Mehrheitsbevölkerung vor Augen, was es heißt privilegiert zu sein. Das gelingt ihm bei aller hartnäckigen Analyse gänzlich ohne Verbitterung, dafür mit einem offenen Blick nach vorn. „Unter Weißen“ ist ein höchst aktuelles, überaus wichtiges Buch. Es liest sich sowohl als Aufforderung zum kritischen Blick in den Spiegel als auch zum zugewandten Gespräch. (Jana Kühn) Leseprobe Das bestelle ich!

Mohamed Amjahid liest im Rahmen der 19. Langen Buchnacht am 20. Mai um 21 Uhr in unserer Buchhandlung.

Naira Gelaschwili: Ich bin sie

Aus dem Georgischen von Lia Wittek, Verbrecher Verlag 2017, 169 S., € 22,00

CoverDie erste große Liebe ist immer ein Füllhorn neuer Gefühle, Gedanken und Erfahrungen. Aber das, was der 12jährigen Nia widerfährt, sprengt diesen geradezu abscheulich faden Gemeinplatz und in derart intensiv verdichteter Prosa hat man selten nur über dieses erste große Staunen des Herzens gelesen. Und Naira Gelaschwili lässt Nias Herz bei weitem nicht nur staunen: es windet sich, wimmert und vibriert, weiß nicht wohin und wie. Der junge Mann im Haus gegenüber bleibt dennoch unerreichbar fern. Man möchte dieses Mädchen in die Arme schließen … Ach Kind, es wird nicht einfacher, aber doch irgendwie leichter, mit der Zeit! In Zeiten der mächtig dicken Bücher ein beglückendes Kleinod und eine sehr lesenswerte Entdeckung aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. (Jana Kühn) Leseprobe

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Mathias Énard: Der Alkohol und die Wehmut

Aus dem Französischen von Claudia Hamm, Matthes & Seitz 2016, 106 S., € 16,-

enardMathias Énard kann alle Formate, den großen komplexen Roman wie die kleine verdichtete Literatur. In „Der Alkohol und die Wehmut“ erzählt er auf kaum 100 Seiten vom sehr jungen Mathias, der versucht,  mit Hilfe von Alkohol und Drogen Schriftsteller zu werden. Er folgt seiner Liebe Jeanne nach Moskau und gerät dort in einen heftigen Beziehungs- und Liebestaumel mit ihr und ihrem Geliebten Wladimir. Rauschhaft erinnert sich der Erzähler während der ereignislosen Bahnfahrt gen Sibirien, in der er die Leiche seines Freundes und Rivalen nach Hause begleitet, an ihre Liebesexzesse, seine Eindrücke von Reisen durch Russland, die Gespräche über die Literatur, seine Verzweiflung und seine Faszination. Meisterlich verwebt er all diese Erinnerungsspuren zur Bewusstseinsbildung eines werdenden Schriftstellers. (Stefanie Hetze)

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… für West-Berlin-Nostalgiker

Christian Schulz: Die wilden Achtziger. Fotografien aus Westberlin. Lehmstedt 2016, 160 S., € 24,90

schulz_achtziger_danteperle_danteconnectionDie Achtziger in Westberlin sind ein vielbesungener Mythos und zugleich waren sie die letzten als Ausnahme- und Inselstadt. Diese unwiederbringliche Atmosphäre, die eigenartige Schönheit des Maroden und der Leere und daneben die experimentierfreudige Ausgelassenheit der Lebensentwürfe sind in den Fotos von Christian Schulz aufs Wundervollste eingefangen. Sowohl für die, die es erlebt haben als auch für die, die es nicht erlebt haben. Wir haben vom Fotografen signierte Exemplare im Laden!

… für bibliophile Seebären

Stephen Crane: Das offene Boot und andere Erzählungen. Aus dem amerikanischen Englisch von Lucien Deprijck, Mare Verlag 2016, € 26,-

stephen-crane-das-offene-bootStephen Crane war Journalist, Abenteurer, exzellenter Stilist – und wurde nur 28 Jahre alt. Ende des 19. Jahrhunderts machte er als einer der ersten  Matrosen und Kapitäne, Jahrmarktsangestellte und Arbeitslose, Fischer, Schmuggler oder Kriegswaisen zu seinen Protagonisten. Ihnen gab er Gesichter, Gefühle und Würde. Seiner Zeit voraus errang er nicht die verdiente Anerkennung, blieb aber Geheimtipp und war großes Vorbild für Ernest Hemingway und Joseph Conrad. Wiederzuentdecken sind seine Erzählungen – zum Teil erstmals ins Deutsche übertragen – in einem Band der wunderschönen Mare-Klassiker-Bibiliothek: Im Schuber und leinengebunden. Ein optischer, haptischer und literarischer Genuss.