Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind Verlag 2018, 448 S., € 24,-

McInnerey_KetzereienDass Maureen Phelan ihren Sohn um Hilfe bittet, scheint erst einmal eine Selbstverständlichkeit. Bei der Tatsache, dass ihr Problem eine Leiche auf dem Küchenfußboden ist, sieht das schon anders aus. Sohn Jimmy – aka J.P. DER Gangsterboss der Stadt Cork – reagiert zwar verärgert, weiß aber dennoch sofort Rat. Was keiner von beiden auch nur ahnen kann ist, wie folgenreich sich die Entsorgungsaktion nicht nur auf ihrer beider Leben auswirken wird. Eine fatale Kettenreaktion! Geschickt entwickelt McInerney eine ganze Parade vom Leben hart erprobter Protagonisten und verknüpft diese zu einer Millieustudie des heutigen, krisengebeutelten Irlands: jugendliche Dealer, berauschte Liebespaare und Alkoholiker-Eltern, Prostituierte, Priester und Frömmler. Dabei liest sich der Debütroman keinesfalls bedrückend, denn McInerney erzählt ungemein abwechslungs- und temporeich, brutal wie einfühlsam, schwarzhumorig und bitterböse. Ein Sozialstudien-Lovestory-Krimi-Knaller, den man kaum aus der Hand legen kann! (Jana Kühn) Leseprobe

Alessio Torino: Über mir die Sonne

Aus dem Italienischen von Johannes von Vacano, Verlag Hoffmann und Campe 2018, 160 S., € 18,- (Tina, minimumfax 2016, ca. € 20,50)

Alessio TorinoTina ist mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bea zum ersten Mal allein in Urlaub, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Träge und heiß sind die Tage im Sommer auf Pantelleria, der Insel vulkanischen Ursprungs zwischen Sizilien und Afrika. Das Mädchen – zwischen Kindheit und Jugend schwebend, noch nach Quallen fischend und kurzhaarig auf Fremde wie ein Junge wirkend – beobachtet die Zufallsgemeinschaft, die sich um das kleine Lokal in der Bucht versammelt hat: der attraktive Wirt Andrè, der Korse Stefano mit seiner französischen Freundin Parì, der alkoholsüchtige Kanadier Charles. Doch die Fröhlichkeit der Erwachsenen täuscht, ihre jeweilige Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, die Spannungen wachsen parallel zur Nervosität wegen der Quallenplage, die ein erfrischendes Bad, und der Intensität des Mistrals, der ein Anlegen der Fähre verhindert. Allen entgeht, dass Tina sich immer mehr verliert zwischen der Sehnsucht nach dem Vater und dem Wunsch, als sie selbst wahrgenommen zu werden. Alessio Torino hat ein veritables Kammerspiel vorgelegt, voller Leerstellen und Andeutungen, ohne ein Wort zu viel, ist es dem Leser überlassen, die Hintergründe zu interpretieren. Eine empfehlenswerte Sommerlektüre voller Abgründe. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit, dtv Verlag 2018, 384 S., € 22,-

Ng_Kleine_Feuer_Danteperle_DanteConnectionSchräg war sie schon immer. Aber jetzt soll Izzy, die jüngste Tochter der Richardsons, regelrecht durchgedreht sein. Das Haus der eigenen Familie soll sie angezündet haben. So erzählt man es sich in Shaker Heights, um nicht zu sagen, der ganze Vorort redet über nichts anderes. Darüber hinaus passierte auch lange nichts in der wohlhabenden und höchst anständigen Siedlung. Bis  die unkonventionell lebende, alleinerziehende Mutter und Künstlerin Mia erst zur Mieterin, dann zur Putzfrau der Richardsons wird und ungewollt die Ruhe und Ordnung nicht nur im Haus der Familie stört. Für ihre pubertierende Tochter Pearl werden die vier, sehr unterschiedlichen Kinder der Richardsons nach jahrelangem Unterwegssein zu ersten echten Freunden. Die Sehnsucht nach einem festen Zuhause ist groß – die Widersprüche und Gegensätze sind es auch, vor allem in den Mütterbildern von denen die Autorin erzählt. Gekonnt und facettenreich lässt Celeste Ng grundverschiedene Lebensmodelle aufeinander stoßen. All diesen Konflikten nähert sich der Familienroman in sanftem Erzählton mit großen Schmökerqualitäten bis zu einem fast schon leisen Knall, infolgedessen besagtes Feuer ausbricht. (Jana Kühn)

Leseprobe

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Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Hanser 2018, 352 S., € 23,-

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Eine Ölplattform im Atlantik, ein Sturm tobt. Als Wenzels Freund Mátyás spurlos verschwindet, wahrscheinlich ins Meer gespült, reist er nach Ungarn, um der Familie dessen Habseligkeiten zu überbringen. Doch es treibt ihn weiter, die Anrufe seines Arbeitgebers ignoriert er, seine Arbeitskleidung lässt er in der Wüste zurück, fährt nach Malta und dann durch Italien Richtung Norden. Je weiter er kommt, desto weniger weiß er wohin, wird die innere Leere fast unerträglich groß. Er sucht Halt in Erinnerungen an seine Kindheit in einer Zechensiedlung im Ruhrgebiet, an die mit Mátyás verbrachten Jahre und an seine große Liebe Milena, die seine ständigen Abwesenheiten nicht ertrug und ihn verließ. Kampmann erzählt von der Einsamkeit des modernen Menschen, vom Versuch, aus einem Leben für die Arbeit zurückzufinden ins eigene Leben. Ihre von Sinneseindrücken pralle und doch fließende Sprache nimmt gefangen, ist voller Bilder bei denen man innehält, die man auf sich wirken lassen muss, poetisch, mit großem Sog. Ein Buch, das einen nicht loslässt und welches man doch oft sinken lässt, um einzelnen Stimmungen nachzuspüren. Ein beeindruckendes Erstlingswerk. (Syme Sigmund)

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Leseprobe

Judith Burger: Gertrude Grenzenlos

Mit Illustrationen von Ulrike Möltgen, Gerstenberg 2018, 240 S., € 12,95, ab 10

U_5957 GERTRUDE GRENZENLOS.IND12Vom ersten Augenblick an ist Ina fasziniert von ihrer neuen Mitschülerin. Allein ihr Name Gertrude – noch nie gehört … sie scheint so offensichtlich anders zu sein! Und das ist sie auch in der DDR der 1970er vor allem durch den von ihrer Familie gestellten Ausreiseantrag, der sie nicht nur im Pionieralltag zur Außenseiterin abstempelt. Auch Ina wird weder von den anderen Kindern noch von ihrer Lehrerin besonders gemocht. Und so stürzen sich beide Mädchen voller Euphorie in das Gefühl der ersten großen Freundschaft. Allerdings beruht die Anweisung, Gertrude zu meiden,  auf höchst offizieller Entscheidung und die Freundschaft der Mädchen wird nicht gern gesehen – weder von Inas Mutter noch vom Schulpersonal. Doch Ina bleibt standhaft und kämpft einfallsreich und mutig für ihre Freundin. Ganz genau gelingt es Judith Burger in die Gefühlswelt der Mädchen einzutauchen. Dazu vermittelt sie alltagsnahe Einblicke in die vielen Kindern heute unbekannte Zeit der DDR und bricht eine Lanze für die poetische Zeitlosigkeit von Gertrude Stein. Ein tolles literarisches Debüt über die Kraft grenzenloser Freundschaft und den Mut aus der Reihe zu tanzen bis hin zum zivilen Ungehorsam! (Jana Kühn)

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Manal al-Sharif: Losfahren

Aus dem Englischen von Gesine Strempel unter Mitarbeit von Joachim von Zepelin, Secession 2017, 379 Seiten, € 25,-

Sharif_Losfahren_Danteperle_DanteConnectionViele für uns selbstverständliche Dinge werden Frauen in Saudi-Arabien ohne männlichen Vormund nicht zugestanden, u.a. das Autofahren. Manal al-Sharif, eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen der arabischen Welt, hat sich ins Auto gesetzt und ist einfach losgefahren – dafür kam sie ins Gefängnis. Dass es keinesfalls einfach war, wie sie sich vorbereitete und was es für Folgen hatte, das erzählt sie in ihrem eindringlichen autobiografischen Bericht, der gleichzeitig ein breit angelegtes gesellschaftliches Panorama sowie einen historischen Abriss der islamischen Radikalisierung Saudi-Arabiens bildet. Und selbstredend ist das Recht am eigenen Steuer zu sitzen pars pro toto gedacht: »Ich glaube, dass Kinder nicht frei sein können, wenn ihre Mütter nicht frei sind, Eltern können nicht frei sein, wenn ihre Töchter es nicht sind, Ehemänner können nicht frei sein, wenn ihre Ehefrauen es nicht sind, die Gesellschaft ist nichts wert, wenn Frauen nichts wert sind. Wir kämpfen nicht darum, Auto zu fahren, wir kämpfen darum, unser Schicksal in die Hand nehmen zu können.« Das beeindruckende Zeugnis einer unglaublich mutigen Frau, die mit ihrem tiefen Glauben gegen ein schlicht erzkonservatives, patriarchales Vormundssystem ins Feld zieht! (Jana Kühn)

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Maggie Nelson: Die Argonauten

Aus dem Englischen von Jan Wilm, Hanser Berlin 2017, 190 S., € 20,-

Nelson_Argonauten_Danteperle_DanteConnectionAls Maggie Nelson sich in eine genderfluide Person verliebt, bricht nicht nur eine bis dato unbekannte Leidenschaft in ihr Leben, sondern sie beginnt als erkenntnistheoretisch wie feministisch geschulte Denkerin Identität neu zu hinterfragen – als Frau, Akademikerin, Dichterin, Geliebte, Liebende, Schwangere, Stiefmutter, Mutter, Tochter. Um all diese Facetten ihres eignen Lebens kreist sie in aller, oft überraschenden Offenheit. Nelson spannt dabei den Bogen von ihrer persönlichen Erlebnis- und Erfahrungswelt bis weit in gesellschaftliche Debatten, philosophische Diskurse und genderwissenschaftliche Fragen. Springender Punkt bleibt: Inwieweit lässt sich eine Identität überhaupt sprachlich fassen, die sich eben nicht festlegen will? Ein Buch, das mehr Fragen stellt, als eindeutige Antworten parat zu haben – que(e)r gedacht und unglaublich mitreißend aufgeschrieben, und das vor allem eine Botschaft teilt: die Menschen doch bitte in allem Respekt leben & lieben zu lassen, wie sie es möchten, auch wenn es die eigene Vorstellungswelt vielleicht sprengt. Leseprobe (Jana Kühn)

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Hendrik Otremba: Über uns der Schaum

Verbrecher Verlag 2017, 277 S., € 22,-

Otremba_Über_uns_der_Schaum_Danteperle_DanteConnectionEs steht nicht gut um Privatdetektiv Joseph Weynberg, schwermütig und einsam ist er Alkohol und Drogen verfallen – seit kurzem dazu nicht nur diesen. Denn da gibt es die umwerfend schöne und geheimnisvolle Maude Anandin, die ein offensichtlich stinkreicher Senior von Weynberg beschatten lässt. Perfekte Zutaten für einen klassischen Noir? Weit gefehlt, denn Hendrik Otremba entwirft in seinem Debüt eine dystopische, irgendwie aus der Zeit gefallene Welt, die es in sich hat: die Menschen verroht, der Alltag kriminalisiert, Orte und Landschaften sind von Kriegen und Umweltkatastrophen verwüstet, es regnet sogar gefährlich giftig. Otremba schickt sein düsteres Paar vor gleich mehreren Verfolgern auf die Flucht quer durch verlassene Territorien. Dank überraschender Wendungen in einer literarischen Sprache, die wirklich das Genre knackt, folgt man den beiden atemlos auf ihrem gefährlichen Roadtrip … So mancher Musiker hat schon das Schreiben für sich entdeckt – aber bei Hendrik Otremba, dem Sänger der Post-Punkband Messer, kann man von einem echten Glücksfall sprechen. (Jana Kühn)

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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Aus dem Amerikanischen von Pociao, Diogenes 2017, € 20,-

Haruf_unsere-seelen-bei-nacht-Danteperle_DanteConnectionIn einer US-amerikanischen Kleinstadt leben zwei verwitwete Nachbarn in den großen Häusern, die vor vielen Jahren einmal das Zuhause für ihre Familien waren – doch nun sind sie dort allein, oft genug einsam. Eines Tages geht die 70jährige Addie ausgesprochen mutig auf ihren Nachbarn Louis zu: Sie bittet ihn, die Nächte mit ihr zu verbringen, heißt, wenn die Einsamkeit am größten ist, die Lücke mit Gesprächen zu befüllen. Nur das. Louis akzeptiert und so liegen die beiden nun Nacht für Nacht beieinander und kommen einander zögerlich näher. Trotz der jahrzehntelangen nachbarschaftlichen Nähe wissen sie nur wenig voneinander und erzählen sich in aller Offenheit aus ihrem mit allen Höhen und Tiefen gelebten Leben mit Schicksalsschlägen, mit Fehlern, mit glücklichen Momenten auch. Dieses vorsichtige Kennenlernen beschreibt Kent Haruf  unaufgeregt und sparsam fast, dennoch warmherzig, aber ohne zu verkitschen. Er erzählt von einer Chance auf reifes, selbstbestimmtes Glück, das aber an verbohrten Konventionen zu scheitern droht. Denn der Kleingeist der sowohl nahen Nachbarn als auch der fernen Verwandten stört sich an der „schamlosen“ Zweisamkeit. (Jana Kühn) Leseprobe
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Paolo Cognetti: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge

Edition Blau. Belletristik im Rotpunktverlag 2017. Aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 144 S., € 18,00

Cognetti_Paolo_Fontane_°_1_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleUm eine Schaffens- und Lebenskrise in Mailand hinter sich zu lassen,  mietet sich der dreißigjährige Autor Paolo Cognetti Ende April in einer einsamen Berghütte in 2000 Metern Höhe ein, in der er fernab der Zivilisation einen ganzen langen Sommer allein verbringen will. Im Gepäck hat er Bücher anderer weltverdrossener Autoren und die Hoffnung, selbst wieder schreiben zu können. Als Stadtmensch, zu dessen glücklichster Erinnerung Kindheits- und Jugendsommer im Gebirge gehören, möchte er das Freiheitsgefühl von früher wiederfinden. Doch steht er sich erst einmal selbst im Weg, tun Schnee, Kälte, Nebel, die Höhe ihr übriges. Ganz langsam akklimatisiert er sich, erkundet er die Umgebung und lernt er Hirten kennen, mit denen er sich auf eine vorsichtige schöne Weise anfreundet. Und zum Glück kehrt auch Cognettis verlorengeglaubte feine Sprache zurück.  (Stefanie Hetze) Leseprobe

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