Ann Petry: The Street

Die Straße. Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Strätling. Mit einem Nachwort von Tayeri Jones, Nagel & Kimche 2020, 364 S., € 24,-

Petry_Ann_The_Street_Danteperle_Dante_ConnectionHarlem in den 1940er Jahren, in der windumtosten 116th Street schaut sich Lutie Johnson in einem heruntergekommenen Haus, in dem Schwarze wohnen dürfen, eine überteuerte Wohnung an. Wie in einem Noir lässt das nichts Gutes ahnen. Lutie ist eine junge Frau, die etwas ganz Durchschnittliches will, einfach ein anständiges zufriedenes Leben führen. Dafür ist sie bereit, große Kompromisse einzugehen. So hat sie lange weit entfernt von New York, ihrem Mann und ihrem Kind als Hausangestellte bei einer Weißen gelebt. Das hat ihre Ehe nicht verkraftet und nun ist sie bereit, für sich und ihren Sohn zu kämpfen, koste es, was es wolle – typisch amerikanisch eben. Doch ist sie nicht nur eine Frau, die alle Formen des Sexismus erfährt, die rassistische Gesellschaft torpediert all ihre Anstrengungen, die Situation für sich und ihren Sohn zu verbessern. Minutiös und ergreifend schildert die Autorin in ihrem Debüt, das 1946 riesiges Aufsehen in den USA erregte, wie sich die verschiedenen Formen der Ausgrenzungen miteinander verzahnen, wie letztendlich alle Bewohner*innen dieser Straße ihrem sozialen Status nicht entkommen können, so sehr man vor allem Lutie einen Ausweg wünschte. Das hat leider nicht an Aktualität verloren. Dieser berührende Roman brennt sich richtig in einem ein. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Stefanie Höfler: Helsin Apelsin und der Spinner

Roman für Kinder mit Bildern von Anke Kuhl, Beltz Verlag 2020, 208 S., € 12,95, ab 8

Höfler_Stefanie_Helsin_Apelsin_Danteperle_Dante_connectionEigentlich ist Helsin ein fröhliches, gut gelauntes Mädchen, aber manchmal oder eigentlich ziemlich oft überfällt es sie einfach so. Von einem Moment auf den anderen hat sie eine enorme Wut, die mit aller Macht aus ihr herausmuss. Alle aus ihrer Umgebung haben sich darauf eingestellt, ihre Eltern, ihr Freund Tom, ihre Lehrerin, die anderen in der Zwergen-Klasse. Und in genau diese kommt neu der Junge Louis, der auf Helsins ungewöhnlichen Namen Blödes reimt. Das reizt Helsin total, ihr „Spinner“ lässt sie toben und auf Rache sinnen. Was dann geschieht, soll hier nicht verraten werden, nur dass sie es bald selbst nicht mehr unter Kontrolle hat und in einen Taumel aus Schuld, Wut, Ablehnung, Reue und Sympathie gerät. Die Geschichte zwischen ihr, Louis und Tom nimmt dann so rasant und überraschend an Fahrt auf, dass die prägnant zusammenfassenden Kapitelüberschriften der Autorin mit den genial-witzigen Bildern der Illustratorin einen immer wieder Atemholen lassen und gleichzeitig zum sofortigen Weiterlesen animieren! (Stefanie Hetze)
Bei dtv gibt es das Buch ungekürzt gelesen von Eva Mattes!

Und hier liest die Autorin höchstpersönlich aus ihrem Buch!

Das bestelle ich!

Pier Paolo Pasolini: Der Zorn

Aus dem Italienischen von Anna Giannessi und Jo Frank, Illustrationen von Guglielmo Manenti, mit einem Nachwort von Ricardo Domeneck, Verlagshaus Berlin 2020, 132 S., € 24,90

Pasolini_Pier_Paolo_Der_Zorn_Danteperle_Dante_ConnectionDer Dokumentarfilm La Rabbia erschien 1963. In Form eines poetischen Essays kommentiert Pasolini mehrere Ereignisse der Zeit, die im Film mit Ausschnitten aus internationalen Wochenschauen gezeigt werden: den Kolonialismus, den Weg Algeriens zur Unabhängigkeit, die Krönung von Elizabeth II, die Wahlen verschiedener Päpste, den Tod von Marilyn Monroe, die Revolutionen in Ungarn und in Kuba, die Entwicklung der Konsumgesellschaft im westlichen Teil der Welt. Starke Gefühle wie Entfremdung, Unmut und Angst spiegeln sich in seinen kommentierenden Ausführungen.
Pasolinis poetischen Kommentare, die in dieser 2-sprachigen Ausgabe nachzulesen sind, haben immer noch eine unbestreitbare Kraft: Seine Wörter, die damals zu einem Skandal führten, bilden den Stoff für tiefgehendes Nachdenken über die Menschheit, Gesellschaft, Politik und Geschichte. Dieses elegante Büchlein, von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet als eines der schönsten deutschen Bücher, ist der perfekte Begleiter für alle Leser*innen, die Pasolini wieder- oder neu entdecken möchten. Überall kann man über die Bedeutung der Texte eines der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts nachdenken und ungemein viel daraus ziehen. (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

Das bestelle ich!

Juri Andruchowytsch: Die Lieblinge der Justiz

Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Suhrkamp Verlag 2020, 299 S., € 23,-

AndruchowytschDie Lieblinge der Justiz – das sind Mörder, Verbrecher und ihre Verbrechen. Das sind ein dichtender Räuber des 17. Jahrhunderts, ein verliebter stalinistischer Killer-Spion oder ein kommunistischer Revolutionär. Das sind aber auch ein Krämer, der einen Magier um ewige Jugend bittet, ein betrügerischer Mönch, der mit dem Teufel paktiert oder ein unglückseliger Bauer, der so abstoßende Züge trägt, dass ihm jede Untat zugetraut wird. Juri Andruchowytsch erzählt von ihnen, ihren Taten und wie ihnen der Prozess gemacht wird, berichtet von Liebe, Mord und Verrat, vermischt Fakten mit Fiktion und präsentiert ganz nebenbei ein sowohl haarsträubendes als auch (überraschenderweise) ironisch-amüsantes Panorama von 400 Jahren ukrainischer Geschichte. Die mal leicht-kuriosen, mal bitterernsten und schwer erträglichen Geschichten, in denen sowohl die Tragik der Delinquenz, die Frage nach Sinn und Unsinn von Strafe und die Verbrechen der jeweils herrschenden Justiz selbst in den Fokus rücken als auch die über die Jahrhunderte immer gleiche blutrünstige Sensationslust der Massen und ihre unausrottbaren Vorurteile bloßgestellt werden, halten auch der heutigen Gesellschaft den Spiegel vor und erinnern daran, nichts unhinterfragt zu lassen. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Nadia Budde: Letzte Runde Geisterstunde

Antje Kunstmann Verlag 2020, 32 S., mit einem Plakat voller Geister, € 15,-, ab 2

Budde_Nadia_Letze_Runde_Geisterstunde_Danteperle_Dante_ConnectionGleich beim Aufschlagen ihres neuen Bilderbuchs leuchten uns auf dem Vorsatzpapier knallgelbe Augen aus blauen baumartigen Geistern entgegen. Auf dem nächsten Titelblatt lächelt ein freundlicher dicker Erdgeist. Da muss einfach weitergeblättert werden und schon sind wir mitten drin in einem phantastischen Geisterkosmos. Sympathische karierte Hausgeister treffen auf eher putzige Tiergeister, aber es gibt auch gruselige Geister mit feuchten Händen, die schwere Eisenketten schleppen oder welche, die über morsche Knochen jammern und dabei Geistergulasch kochen… Woher kommen sie eigentlich, diese furchtbar vielen unterschiedlichen Geister? Wie verbreiten sie sich? Da kommen die Geistermeister ins Spiel. Sie helfen in all dem unheimlichen Wirrwarr, die Geister zu benennen, sie zu zählen und sie auch zu vertreiben oder aber sich vielleicht sogar mit ihnen anzufreunden! Auf ihre unnachahmliche Art, schräge Illustrationen mit Sprachwitz zu kombinieren, hat Nadia Budde sich wieder selbst übertroffen, ein Buch zum Immerwiederanschauen, ein Buch gegen Ängste, für die Phantasie! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Louise Penny: Das verlassene Haus

Der dritte Fall für Gamache. Aus dem kanadischen Englisch von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck, Kampa Verlag 2020, 480 S., € 16,90

PennyEs ist Ostern – auch in dem kleinen kanadischen Dorf Three Pines. Da sich im Gasthaus über die Feiertage ein „echtes“ Medium eingemietet hat, verabreden sich die Dorfbewohner zu einer Séance, und zwar – damit es noch gruseliger wird – in dem alten verlassenen Haus am Berg, in dem es spuken soll. Dass die allseits beliebte Madeleine Favreau sich wortwörtlich zu Tode erschrecken würde, war nicht geplant – oder doch? Irgendwer aus dem Dorf muss da ein Bisschen nachgeholfen haben. Inspector Armand Gamache kehrt für einen weiteren Fall nach Three Pines zurück und muss sich zudem vor Gespenstern aus seiner eigenen Vergangenheit in Acht nehmen.
Die Krimiserie um den sympathische Inspektor besticht durch skurrile, raffinierte Fälle sowie liebenswert-verschrobene und individuell gestaltete Charaktere sowohl unter den Dorfbewohnern als auch in der Mannschaft der Sûreté du Québec. Fans von Fred Vargas und Michael Dibdin werden auch Louise Penny nicht mehr aus der Hand legen wollen. (Syme Sigmund)

Das bestelle ich!

Sandra Petrignani: Die Freibeuterin

Das Leben der Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen von Stefanie Römer. btb Verlag 2020, 640 S., € 24,-(La corsara. Ritratto di Natalia Ginzburg. Neri Pozza 2018, € 26,50)

Petrignani FReibeuterin_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Schriftstellerin Natalia Ginzburg ist die bedeutendste Minimalistin der italienischen Literatur. In ihren Romanen, Erzählungen und Texten ist jedes Wort mit Bedacht gesetzt, erbarmungslos, aber gleichzeitig mit viel Ironie enthüllt sie menschliche Schwächen, die Verstrickungen in Familien, die Abgründe zwischen Frau und Mann. Ihre Bücher sind moderne Klassiker der Weltliteratur, Inspiration gerade für Autorinnen weltweit.
Doch was ist das Material, aus dem sie schöpfte? Wer war diese italienische Schriftstellerin, Übersetzerin, Lektorin, Journalistin, Politikerin, Mutter? Die gerade ins Deutsche übersetzte Biografie „Die Freibeuterin“ von Sandra Petrignani taucht tief in Ginzburgs wechselvolles Leben ein. Sie spannt den Bogen von ihrer Kindheit als ein bisschen übersehene Tochter in einer bürgerlichen jüdischen Familie über ihre Ehe mit Leone Ginzburg, dem charismatischen Intellektuellen und Mitbegründers des Einaudi Verlags, der von den Nazis zu Tode gefoltert wurde, ihren schmerzhaften schwierigen Neuanfang nach dem Krieg, die Bedeutung als weiblicher Schriftsteller bis zur Anerkennung als eine der ganz Großen des italienischen Geistes- und Kulturlebens.
Mit ihrem faszinierend breit angelegten Verfahren, eine Fülle von Beschreibungen, Zitaten, Quellen, literarischen Verweisen, von Gesprächen mit lebenden Zeitzeug*innen, von Ortsbesichtigungen, Assoziationen und Fragen zu verweben, ist Sandra Petrignani ein beeindruckendes Porträt Natalia Ginzburgs gelungen und regt noch einmal mehr an, Ginzburg selbst zu lesen! (Stefanie Hetze) Leseprobe

Das bestelle ich!

Valentina Brüning: Kakao und Fischbrötchen

Illustriert von Maja Bohn. Tulipan Verlag 2020, 160 S., € 13,-, ab 9

Kakao_Fischbrötchen_VLBRita lebt mit ihrer Mutter direkt am Pichelssee, einer Ausbuchtung der Havel im Westen Berlins. Gut haben sie es, findet Rita, mit ihrer eigenen Bootsschule so direkt am Wasser, und außerdem hat sie bald Geburtstag, wird zehn und kann ihre Feier mit Segelregatta und riesiger Marzipantorte kaum erwarten. Da passt es gar nicht, dass ihre Mutter plötzlich mit einem Mann auftaucht, in den sie augenscheinlich auch noch verliebt ist, und der seine drei unausstehlichen Söhne mitbringt. Denen gefällt es so gut am Pichelssee, dass sie die Sommerferien über gleich bei ihnen bleiben wollen. Das kann Rita alles gar nicht akzeptieren, und so schmiedet sie Pläne, wie sie die drei Nervbolzen wieder los wird, und den Mutter-Stefan gleich mit dazu. Wenn doch ihre beste Freundin Leonie endlich aus dem Urlaub zurück wäre, um ihr beizustehen.
Valentina Brüning geht das Thema Patchwork-Familie mit Witz und Leichtigkeit an, und nimmt dabei Ritas Probleme und Sorgen durchaus ernst. Eine gelungene Mischung und ein vielversprechendes Debut. (Syme Sigmund) Leseprobe

Das bestelle ich!

Bernardine Evaristo: Girl, Woman, Other

 

Bisher nur auf Englisch erhältlich. Paperback Penguin Books 2020, 464 S., € 12,50

Evaristo Girl Woman Other_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin Kreuzberg12 Frauen, 12 Geschichten. Eine davon ist Winstom, deren Lieblingsdichterin die in Guyana geborene Lyrikerin Grace Nichols ist. Die in dem Buch zitierte Gedichtzeile „We the women/whose praises go unsung/whose voices go unhead“, kann als Motto des Romans verstanden werden. Bernadine Evaristo, die für dieses Buch mit dem Booker Preis 2019 ausgezeichnet wurde, entwirft 12 Charaktere und gibt damit girl, woman and other unterschiedlicher Generationen eine Stimme. Die Protagonist*innen, alle POC sind Feministinnen, sind politisch engagiert, lieben lesbisch oder heterosexual oder entscheiden sich für nicht binäre geschlechtliche Identitäten. Manche sind verheiratet und haben Kinder, einige kämpfen mit ihrer Karriere, alle ringen mit der Frage, wie sie leben wollen. In einer Rede „The danger of a single story“ erklärte die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, wie wichtig es ist polyphone Geschichten zu erzählen, um Misrepräsentationen und Stereotype zu vermeiden. Bernadine Evaristo hat diesen Gedanken in einer reichen vielstimmigen Sprache fulminant umgesetzt, und dem Konzept der Intersektionalität eine literarische Stimme gegeben. Die Lebenswege dieser Personen sind unvorhersehbar und werden immer wieder unvermutet miteinander verflochten, so dass die Leser*in stets aufs Neue überrascht wird. Die oben genannte Winstom beispielsweise migrierte in den 50er Jahren nach England; Jahrzehnte später, zurück in Barbados, wird sie ihrer Enkeltochter wie schwer es für sie in und ihren Mann Clovis als POC in England war. Der Roman ist fantastisch zu lesen, er ist aber auch ein Beispiel dafür wie politische Informiertheit zusammengehen kann mit einer ausgetüftelten literarischen Sprache. Um es mit Megan, einer der Akteur*innen zusammenfassen: woke. (Veronika Springman)

Das bestelle ich!

Edward van de Vendel, Marije Tolman: Der kleine Fuchs

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf, Gerstenberg Verlag 2020, 88 S., € 14,-, ab 4

Vendel_van_de_Edward_Der_kleine_Fuchs_Danteperle_Dante_ConnectionIn einer Dünenlandschaft, in doppelseitigen bläulich gehaltenen Tableaus, vergnügt sich ein knallorange leuchtender Fuchs damit, die schönen Seevögel zu jagen, im angrenzenden Wald viele verschiedene Tiere zu erschnuppern und zwei lilafarbige Schmetterlinge so über die Dünen zu verfolgen, dass er ganz weit fliegt und mit einem großen Plumps auf dem Sand aufschlägt. Platt auf dem Rücken liegend fängt der kleine Fuchs an zu träumen. Kleine farbige Zeichnungen und zunehmend Worte erzählen von seiner glücklichen Kindheit, den Fuchseltern, Spielen mit den Geschwistern, Entdecken der Sinne und der Welt, aber auch, wie er lernt Mäuse zu fressen und ihm selbst Schlimmes passiert. In der zwischen phantastischem Traum und anschaulicher Realität changierenden Geschichte kommt auch ein kleiner Mensch ins Spiel. Aber das sollen sich Kinder und Erwachsene in diesem hinreißenden Bilder-& Vorlesebuch selber ansehen und weiterspinnen. (Stefanie Hetze)

Das bestelle ich!