Aus dem Norwegischen von Katharina Erben, Klett Kinderbuch 2021, 256 S., € 18,-, ab 10
(Stand Oktober 2021)
Norwegens Kinderliteratur hat es in sich, nimmt sich mit Lockerheit und Ideenreichtum brisanter Themen an, so auch Nora Dåsnes in ihrer Graphic Novel über die 12jährige Tuva. Am letzten Ferientag freut diese sich auf ihre Freundinnen Bao und Linnéa, beginnt ihr Tagebuch mit fünf Vorsätzen für die 7. Klasse: Tagebuchvollschreiben, einen coolen Style finden, eine tolle Bude bauen, einen Übernachtungs-geburtstag feiern und sich vielleicht verlieben. Am nächsten Tag der Schock, es ist alles anders geworden. Linnéa hat einen Freund und hängt nur am Handy, Bao ist stinksauer, Tuva hin- und hergerissen – und dann kommt ein cooles Mädchen neu ins Schulorchester.
Fein lotet Dåsnes die Gefühle und Spannungen zwischen den Mädchen aus. Es kommt zur Spaltung zwischen denen, die sich verlieben und denen, die es nicht tun. Fragen wie Cool-Sein, Reif-Sein sind plötzlich enorm wichtig, entscheiden über Ausgrenzung oder Drinsein. Gleichzeitig trauert Tuva ihrer unbeschwerten Dreierfreundschaft nach. Kommen sie wieder zueinander? Spielt es eine Rolle, vielleicht lesbisch zu sein? Getragen wird das Hin und Her der Gefühle mit Happyend von den variantenreichen Illustrationen und der Gestaltung, die mit den Regenbogenfarben spielt. Auch wunderbar inspirierend zur Nachahmung für ein eigenes Tagebuch. (Stefanie Hetze) Leseprobe

Der 1963 posthum veröffentlichte Roman Una questione privata wird heute als Fenoglios Meisterwerk und einer der besten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts angesehen. Italo Calvino hat ihn sogar mit dem Orlando furioso verglichen. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen, doch ist dieses Buch ein wahres literarisches Wunder.
Er kennt es schon, aber heute war es in der Schule besonders schlimm, als wieder einmal die Worte nicht aus seinem Mund kommen wollten und alle Kinder über ihn lachten. Sein Vater – was für eine beglückende Figur! – fährt mit ihm an seinen Lieblingsort, den Fluss und hilft ihm, zu verstehen und zu akzeptieren, dass seine Sprache und auch er selbst wie der Fluss sind: mal sprudelnd, wirbelnd, mal weich und sanft. Autor Jordan Scott – der selbst ein Leben lang mit seinem Stottern haderte – erzählt wunderbar verdichtet und poetisch, gleichzeitig mit viel Empathie für ein Kind in Not. Der kanadische Illustrator – und selbst ebenfalls Kinderbuchautor – Sydney Smith findet dafür berückend schöne, für ein Bilderbuch ungewöhnlich künstlerische und mutige Bilder. (Jana Kühn)
Osterferien 1978, ein Dorf in der Eifel, nahe der Grenze zu Luxemburg. Die beiden zehnjährigen Mädchen Sanne und ihre beste Freundin Ulrike zieht es immer wieder zu ihrem Versteck, dem Hochsitz im Wald. Hier werden sie nicht gesehen, bekommen aber so allerhand mit. Nicht nur die Autos mit den heimlichen Liebespaaren, sondern auch die beiden fremden Frauen, die hier immer wieder auftauchen. Als die Freundinnen in einer Nacht direkt vor Sannes Haus einen Mord beobachten, sind sie die einzigen, die die dunkle Gestalt sehen, die sich sofort danach entfernt. Da ihnen keiner glaubt, müssen sie eben auf eigene Faust ermitteln.
Shuggie ist ein zarter, höflicher und rücksichtsvoller Junge, der lieber mit seiner Puppe als mit anderen Jungs Fußball spielt. Vor allem aber liebt er seine schöne gepflegte Mutter Agnes, die ihr rasantes Äußeres wie eine Waffe gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ihrer Mitmenschen einsetzt. In der britischen Upperclass wäre Shuggie wahrscheinlich gut aufgehoben, im Glasgow der Achtziger, in den elenden Wohnungen der Arbeiterfamilien, die in der Thatcher Ära nach dem Aus von Stahl und Bergbau kein Land mehr gewinnen können und allein auf Stütze, Kindergeld und das illegale Anzapfen von Stromzählern angewiesen sind, ist er trotz älterer Halbgeschwister auf sich gestellt. Alkohol, Gewalt und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben der Familien. Shuggies Vater macht sich feige aus dem Staub, seine Mutter will nicht klein beigeben und kämpft trotz ihrer alles dominierenden Alkoholsucht mit unglaublicher Energie für ein besseres Leben. Diese faszinierende Vitalität, dem Leben trotz aller depressiven Umstände etwas Schillerndes, Schönes abzutrotzen, das Agnes mit Leib und Seele verkörpert, feiert der Autor trotz ihres letztlichen Scheiterns in seinem aufsehenerregenden, mit dem BOOKER-Preis 2020 prämierten Debüt mit einer opulenten berührenden Sprache, die einen nicht mehr loslässt. (Stefanie Hetze)
Leuchtend fröhlich strahlt dieses großformatige Wimmelbuch, dessen Geschichte direkt mit dem Cover beginnt. Viele Kinder und ihre Erwachsenen werden die Szene sofort wieder erkennen: Der Tag in der Kita beginnt und ihre Türen öffnen sich. Mit dem Aufblättern gelangt man in die Garderobe, dann zum Turnen, zum Mittagessen, Schlafen und auf den Spielplatz. Gerade junge Kinder werden es lieben, die unzähligen, liebevollen und eben alltäglichen Details zu entdecken, Vertrautes wieder zu finden und die neuen Geschichten weiter zu spinnen. Kitzing erzählt unmittelbar aus dem Erleben der Kinder und holt sie direkt in die Buchseiten ab. Und wie man es von der Illustratorin kennt, sind ihre Figuren nicht nur mitten aus dem Leben, sondern auch ganz beiläufig vielfältig: Ein Kind mit Brille und abgeklebtem Auge, eines im Rollstuhl, verschiedene Körperformen und Hauttöne – und damit es nicht nur pädagogisch daherkommt, sondern auch lustig und fantasievoll wird, gehören auch ein Kroko- und ein Nilpferdkind zur Kindergruppe. (Jana Kühn)
Gleich mit einer Urszene steigt die Künstlerin Sophie Calle in ihre Sammlung von Miniaturgeschichten ein, der Kindheitserinnerung, wie sie als Neunjährige einen Liebesbrief an ihre Mutter findet, von einem Mann, den sie für ihren wahren Vater hielt und den sie erfolglos zu enttarnen versuchte. Ähnlich aufgeladen geht es weiter: Ums Klauen, um eine nicht stattgefundene Schönheits-Nasen-OP, einen Kellner, der der Fünfzehnjährigen ein sexuell aufgeladenes Dessert serviert, frühe Erfahrungen als Stripperin und komplizierten ersten Sex. Ganz beiläufig trocken, dann wieder zugespitzt und aufgebauscht erzählt sie von vermeintlich abwegigen und peinlichen Situationen, vom Lieben, Trennen, Sterben, Leben. Die Leidenschaft und Hingabe, mit der die Künstlerin sich in ihre Selbstrecherchen und Erfahrungen stürzt und die sie mit Fotodokumenten als wirklich geschehen beweist, die aber nur als authentisch inszeniert sind – oder doch nicht? – steckt ungemein an. Es macht einen Riesenspaß, sich auf dieses raffinierte Spiel mit Wahrheit und Erfundenem einzulassen. (Stefanie Hetze)
Esther ist mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in den Ferien am Meer, die Eltern streiten viel, sie geht mit Flippa allein an den Strand. Als diese sich mit Aisha anfreundet, lernt sie deren Bruder Salomon kennen, und plötzlich sind da Schmetterlinge im Bauch, schleicht sie sich des Nachts heimlich raus, ist das Glück greifbar.
In Lena Hachs neuer Reihe Mission Hollercamp schickt die Autorin gleich drei Kinder Jahr für Jahr zum selben Ferienort. Emily, Jakub und Leon lieben ihren Campingplatz am Hollersee, den vertrauten Wald und die ausgelassene Zeit miteinander. Sie sind richtig dick befreundet! In diesem Jahr läuft jedoch einiges anders: Leons chaotische Cousine und ein seltsamer Barfuß-Typ bringen gehörige Unruhe ins Hollercamp. Lena Hach hat eine leichtfüßige Sommergeschichte mit einem Hauch Crime geschrieben, deren besonderer Reiz in den unaufdringlich und beiläufig eingesponnenen gesellschaftlichen Fragen und diversen Figuren liegt: Was ist ein Fremder? Warum ist es strafbar, weggeworfene Lebensmittel zu retten? Jakub benutzt ein Hörgerät und sein Vater stammt aus Polen. Und Emilys Oma lebte in Großbritannien und serviert Gurkensandwiches. Das ist zeitgemäß, relevant und vor allem bestens unterhaltsame Ferienlektüre! Und Band 2 gibt es auch schon … (Jana Kühn)