Usborne Verlag 2022, 12 S., € 12,-, ab 4
Wie sieht Rassismus aus? Ist es wichtig, wie wir aussehen? Sind wir nicht alle gleich? Warum haben manche eine dunklere Haut als andere? Kann ich rassistisch sein, ohne es zu wollen? Solche und viele andere Fragen stellt das Autor:innen-Team und beantwortet sie kindgerecht knapp wie einfach. Vor allem aus weißer Perspektive bietet es viele gute Ansätze und Fragen, um auch schon junge Kinder für das Thema zu sensibilisieren. Viele der auf den mehr als 45 Klappen gestellten Fragen sind weitaus komplexer zu beantworten, als dass die Antworten leisten können. Aber es kann ein guter Einstieg sein, um ins Gespräch zu kommen.

Eine junge Frau, müde und nachdenklich, bereitet sich auf ein Familienfest vor. Sie trägt ihre Sachen zusammen, pflegt ihr Gesicht und denkt derweil darüber nach, wie Menschen werden, was sie sind, wie sie es wohl schaffen, konsequent zu bleiben, in einer Welt, in einem Land, in einer Gesellschaft, die auf verschiedenste Arten und Weisen die Menschen dazu zwingt, sich zu verbiegen. Wie kann die eigene Persönlichkeit wahrhaftig bleiben in einem Umfeld, das immer wieder danach verlangt, dass diskriminierte Frauen Teile ihres Selbst aufgeben, um sich besser anzupassen?
Eishas Mama ist Töpferin und gestaltet außergewöhnliche und besondere Gegenstände aus Ton, die zu zerbrechlich sind, als dass die Tochter damit spielen darf. Aber sie bekommt ein eigenes Stück Ton, um sich selbst auszuprobieren. Sie formt eine Zitrone, denn die erinnern sie immer an ihren Vater. Ein unachtsamer Moment – und die zitronengelbe Form zerspringt am Boden in viele Stücke. „Was zerbrochen ist, kannst du nicht immer heile machen. Aber du kannst es versuchen.“, sagt Eishas Mutter und hilft ihr, die Zitronenstücke zu etwas neuem Schönen zu gestalten. Die Erinnerung an den Vater bleibt so erhalten. Warme, flächige Farben und eine ebenso warmherzige wie einfache Sprache vermitteln auch schon jungen Kindern viel Trost, wenn etwas oder jemand verloren gegangen ist.
Sulwe hat als einzige in ihrer Schwarzen Familie einen sehr dunklen Hautton. Als „mitternachtsfarben“ beschreibt ihn die bekannte Schauspielerin und hier Autorin Lupita Nyong’o, die mit diesem Bilderbuch und in ihrem Nachwort dazu persönliche Erfahrungen erzählt. Sulwe leidet unter der fehlenden Ähnlichkeit zu ihrer Familie, aber auch unter den Hänseleien ihrer Mitschüler:innen. Nichts wünscht sie sich so sehr wie eine hellere Haut. Ihre Mutter findet zwar tröstlich empowernde Worte, doch erst ein Traum bzw. die Erzählung des märchenhaften Mythos der Schwestern Tag und Nacht führen ihr überzeugend vor Augen, dass sie wunderschön und ein leuchtender Teil dieser Welt ist. Zum Thema Colorism, also der strukturellen Diskriminierung von BIPoC mit einem dunkleren Hautton, dürfte dies das erste in deutscher Sprache lieferbare Kinderbuch sein.
Ach, wäre es nicht toll, könnte Peter pfeifen? Es spielte sich noch so viel lustiger mit seinem Hund Willy! Doch es will einfach nicht das kleinste Tönchen aus seinem Mund kommen. Dann macht Peter eben etwas anderes, er hüpft und zeichnet – und hoppla! Plötzlich entwischt seinen Lippen ein erster Pfiff. Schon das zweite Bilderbuch erzählt aus Peters Alltag, von seinen kindlichen Entdeckungen und neugierigen Erkundungen. Bereits 1964 in den USA erschienen, trifft Ezra Jack Keats mit seinen echten Vintage-Illustrationen nicht nur ästhetisch, sondern in der Selbstverständlichkeit des Schwarzen Kindes auch thematisch den Nerv unserer Zeit.
Zuri wünscht sich für einen besonderen Tag eine besondere Frisur. Ihr Papa soll ihr dabei helfen. Und er tut das voller Geduld und Sorgsamkeit. So einige Frisuren werden ausprobiert und Papa kommt ordentlich ins Schwitzen bis am Ende beide sehr zufrieden sind. Dabei feiert das Buch sowohl die liebevolle Vater-Tochter-Beziehung als auch die Schönheit von Afro-Haar. Ein Anhang versammelt zahlreiche Tipps rund um Afro-Haar.
Kein Kinderbuch ist dieses, sondern der Untertitel beschreibt es klar: Eine Anleitung für Eltern und Erwachsene! Dennoch möchten wir es hier gerne vorstellen – denn die meisten hier Lesenden haben ja mit Kindern zu tun. Auf wenigen Seiten und in einfacher Sprache wird zunächst das System struktureller Rassismus erklärt. Weiterführend wird anhand von konkreten Vorschlägen gezeigt, wie man dies Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Altersgruppen verständlich machen kann. Es richtet sich dabei sowohl sensibilisierend an weiße Personen als auch empowernd an BIPoCs.
Irene und Clare sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Sie haben afroamerikanische Wurzeln, die nicht auffällig sind. Beide Frauen sind hellhäutig, womit sie sich als Schwarze in den Vereinigten Staaten der 1920er Jahre gewisse Privilegien erlauben können, zum Beispiel die Seite wechseln und sich als Weiße präsentieren. Genau das tut Clare, indem sie einen reichen weißen Rassisten heiratet, der nichts über ihre Herkunft weiß. Irene dagegen lebt mit ihrem Mann in Harlem und befasst sich intensiv mit der politischen Lage der Gemeinde.
1984 kam die US-amerikanische Dichterin, Theoretikerin, und Aktivistin Audre Lorde für einen ersten Lehraufenthalt an der Freien Universität nach Berlin. Bis sie 1992 ihrer Krebserkrankung erlag, verbrachte sie viele Aufenthalte in der Stadt und prägte die feministische wie Schwarze Szene im damaligen West-Berlin maßgeblich. Sie gilt als Vorreiterin eines intersektionalen Denkens, das Geschlecht, Sexualität, Race und Klasse nie getrennt voneinander betrachtet, und das erst heute und langsam in den Köpfen der Allgemeinheit ankommt. Als Schwarze, lesbische Dichterin, Mutter eines Sohnes und Partnerin einer weißen Frau wusste Lorde aus persönlicher Erfahrung von vielfacher Diskriminierung zu berichten, war sich aber gleichzeitig ihrer Privilegien gegenüber anderen Schwarzen Schwestern nur zu genau bewusst. In ihren Reden, Essays und Briefen kämpft sie gegen Rassismus und Sexismus. Sie engagiert sich darin für ein Miteinander in allen Unterschieden, darum einander respektvoll Zuzuhören, auch wenn es schwerfällt. Darum die Wut der Marginalisierten anzunehmen, sie nicht nur auszuhalten, sondern kreativ damit umzugehen – und zwar gemeinsam. Vehement wirbt sie um Solidarität. Das hat heute, da die identitätpolitischen Diskurse in einer breiten Gesellschaft angekommen sind, nichts an Aktualität verloren und lohnt fast 40 Jahre nach der ersten Veröffentlichung endlich in deutscher Übersetzung entdeckt zu werden. (Jana Kühn)
Scheinbar unverfänglich kommt dieses bunte, im Flattersatz gedruckte Buch daher: Die sechzehnjährige Melody wird mit einem Hausball in die Gesellschaft eingeführt. Sie trägt, wie in ihrer Upper Middle Class-Familie seit Generationen üblich, Korsett, Strumpfhalter und Seidenstrümpfe, darüber ein unbenutztes Kleid, das ihre Mutter Iris eigentlich vor gut 16 Jahren bei ihrem Fest hätte tragen sollen, aber sie war schwanger mit Melody …