S. Fischer 2021, 240 S., € 21,-, TB 2023, € 15,-
(Stand Februar 2024)
Feierlich und mit großem medialen Getöse wurde am 28. Mai 2018 das Herzstück der ethnologischen Sammlungen Berlins in das baulich noch zu vollendende Humboldt Forum manövriert und buchstäblich eingemauert: Das weltweit einmalige Luf-Boot – ein hochseetaugliches, mit Rudern, Segeln und kostbaren Schnitzereien versehenes Holzboot, das von einer dem heutigen Papua-Neuginea vorgelagerten Inselgruppe stammt, ehemalige Kolonie Deutsch Neuginea. Von dort „gelangte“ es als das letzte seiner Art und aus den Händen nur noch weniger Inselbewoher:innen 1903/04 in den Besitz der Berliner Museen. Dass diesem Transport zum Jahreswechsel 1882/83 eine verheerende Strafexpedition der kaiserlichen Marine vorausgegangen war, wird der Öffentlichkeit jedoch verschwiegen. Diese so, so ähnlich, in jedem Fall brutale und tausendfach verübte Praxis beschreibt und belegt Götz Aly anschaulich anhand zahlreicher Verzeichnisse, Biografien und Briefe so genannter Abenteurer und Forscher. Mit seinen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus und der Shoah wurde Aly zu einem der bekanntesten deutschen Historiker. Das Thema mag also erst einmal ungewöhnlich für ihn wirken, doch zum einen gibt es für Aly in diesem Fall sogar familiären Bezug, zum anderen ist das Thema der Beutekunst hochaktuell und erneut eines, von dem man zu lange so genau gar nichts wissen wollte – aber hätte können. Denn die von ihm benutzten Quellen sind öffentlich zugänglich. Ein absolut lesenswertes Buch, das zornig macht und hoffentlich ein weiterer Stein des Anstoßes ist, endlich ehrliche Provenienzforschung zu betreiben, diese offen zu legen und bestenfalls Kunstwerke eben auch zurück zu erstatten. (Jana Kühn)

Maybelle, 11 Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter in einem Wohnmobil auf einem Campingplatz in Mississippi, das Geld ist knapp. Die beiden machen aber das Beste daraus. Maybelle hat zudem ein ungewöhnliches Hobby: sie sammelt Geräusche und Stimmen. Ihr wertvollster Schatz ist eine Aufnahme vom Lachen ihres Vaters, den sie nicht kennt. Immer wieder hört sie es sich an, sie hat es verinnerlicht. Und dann hört sie eines Tages genau dieses Lachen im Radio! Ihr Vater entpuppt sich als Moderator einer Musiksendung, die einen Gesangswettbewerb veranstaltet. Da muss sie hin und mitmachen, auch wenn Nashville fast 1000 km entfernt ist und ihre Mutter endlich als Musikerin einen Job gefunden hat, aber auf einem Schiff. Maybelle kann ihre Nachbarin Mrs Broggs, eine strenge Lehrerin, überzeugen. In ihrem riesigen Wohnmobil voller Möbel und Bücher, überdies mit Tommy, einem Blinden Passagier, fahren sie los. Ob sie es wohl rechtzeitig schaffen. Eine richtige Roadnovel, eine rasante Reise im Schneckentempo beginnt, die alle drei verändern wird und die für die atemlos beglückt Lesenden jede Menge umwerfender dramatischer Wendungen bereithält. Ob das Glück am Ende wohl wie erwartet sein wird? (Stefanie Hetze)
Im Zug tragen sie ihre besten Kleider, graue englische Schuluniformen, aber die Mutter will ihnen trotz geringer finanzieller Ressourcen unbedingt die Schlachtfelder an der Marne in Frankreich zeigen. Doch unterwegs erkrankt sie, so dass die Kinder allein in einem Hotel in der Champagne landen. Eine verwirrend neue Welt tut sich in diesem heißen Sommer für die fünf auf, ist alles fremd: Sprache, Essen, Tagesabläufe. Während sich die Jüngeren in Routinen einrichten und die 16jährige Joss sich leidend verkriecht, entwickelt sich die 13jährige Cecil vom Mirabellen in sich hineinstopfenden Kind zur leidenschaftlichen Beobachterin und Chronistin des mannigfaltigen Geschehens im Hotel. Da sind die frivole Besitzerin, die sie umschwärmende Geschäftsführerin, diverse Gäste und Angestellte, doch vor allem Eliot, der mit seinem Charme einfach alle in den Bann zieht, dessen abstoßend andere Seite Cecil bald entdeckt. Als Joss, urplötzlich Frau, die Hotelhalle betritt, setzt sie eine Lawine in Gang. Mit leichter Hand, in einem
Ein Neuanfang. Von ihrem Mann getrennt, die flügge gewordene Tochter irgendwo in der Welt unterwegs, hat sie die Großstadt verlassen und ist an die Küste gezogen. Weite Felder, flaches Land, Deiche und Schafe. Das Meer grau und kalt selbst im Sommer. Ihr Bruder betreibt eine Kneipe, hier arbeitet sie – und begegnet ihrer neuen Umgebung mit offenen Augen. Mit Mimi, ihrer Nachbarin, freundet sie sich an, und von Arild, dem verschlossenen Schweinebauern, fühlt sie sich angezogen. Es ist eine begrenzte Welt, unaufgeregt, bodenständig, rau-herzlich der Ton, es wird viel geschwiegen, und doch viel gesagt. Judith Herrmann beschreibt ihre Figuren mit liebevollem Blick und großer Empathie, abwartend, ohne zu werten, in unverwechselbarem, schwebend-leichtem und doch präzisem Ton, ohne ein Wort zu viel. Ein kleiner Kosmos fernab des Weltgeschehens und doch allumfassend, menschlich. Eine Wohltat in Zeiten vorschnellen Schubladendenkens und ein beglückendes Leseerlebnis. (Syme Sigmund)
Zwei fröhlich gereimte Geschichten kombiniert mit farbenfrohen wie künstlerischen Illustrationen erzählen schon für die Jüngsten aus dem Leben und Alltag von Regenbogenfamilien. Entstanden ist dieses Buch in einer
In die Kita kommt ein Hersteller von Puppen zu Besuch und jedes Kind darf sich eine Puppe aussuchen. Allerdings haben alle Puppen wie auch alle Kinder außer Ashé einen hellen Hautton. Ashé ist sehr traurig, findet vorerst (!) auch keinen Rückhalt bei seiner Erzieherin. Erst die Eltern können Ashé trösten – das Kind bekommt eine mit viel Liebe selbstgeschneiderte Puppe, in der das Kind sich wiederfindet. Eine Geschichte, die das große Verletzungspotential von Mikroagressionen durch unachtsame Äußerungen veranschaulicht und für das große Bedürfnis nach Selbstidentifikation von Children of Color sensibilisiert.
Die Pandemie mit Quarantänen und Lockdownzeiten hat das Leben der Menschen auf der ganzen Welt gravierend verändert. Besonders für die Jüngsten waren diese langen Monate schwer zu ertragen und vor allem auch kaum zu verstehen. LeUyen Pham erzählt vom Leben, das nach drinnen wandert, dennoch draußen, wenn auch anders, weiter geht. Große Bildtafeln und kleine Detailbilder wechseln einander ab. Es gibt viel zu entdecken und Bilder wie auch der knapp gehaltene Text lassen viele Leerstellen für eigene Gedanken und Fragen. Auf jeden Fall ein Buch, um miteinander ins Gespräch zu kommen!
Gerade für die Jüngsten ist der pandemische Alltag mit Masken, versteckten Gesichtern und fehlender Mimik ein harter Start in das Leben. Dieses Pappbilderbuch mit vielen Masken-Klappen, hinter denen sich stets ein freundliches Gesicht verbirgt, kann da helfen, die vielen seltsam starren Gesichter zu verstehen. Auch wird lustig gereimt erklärt, dass sich so ein lächelndes Gesicht schon an den Augen erkennen lässt. Und am Ende lädt ein Spiegelfolienelement zum eigenen Ausprobieren ein.
In Lias Kita kommt es immer wieder einmal zu Missverständnissen, weil nicht immer alle gleich verstanden werden. Gerade bei den jüngeren Kindern dauert es oft lange, bis die Erzieher:innen wissen, was gemeint ist. Das ärgert Lia und sie entwickelt eine fantastische Übersetzungsmaschine. Nicht nur in der Kita funktioniert sie bestens. Auch mit dem Gemüsehändler Hasan kann Lia nun türkisch sprechen, und sogar ihre Eltern verstehen einander im Streit besser. In neun verschiedenen Sprachen wird diese Geschichte erzählt, in der sich schöner Weise auch die Erwachsenen sich auf ein fantasievolles Sprachspiel einlassen.
Sophia, bereits aus Vorgänger-Büchern des Autor:innen-Teams bekannt, möchte mal wieder etwas ganz genau wissen. Die Frage, wer vor ihr da war, führt dabei weit über ihre Familie hinaus. Die Eltern, die Großeltern, eine Ur…Oma, die als Sklavin aus Afrika verschleppt wurde, Urur…Opas, die vielleicht waschechte Ritter waren und noch weiter zurück bis zu einem enormen schwarzen Loch, für das Sophia selbst schließlich eine ganz überraschende Erklärung hat. Erneut eine wunderbar beiläufig und dennoch mit klaren Ansagen erzählte Bilderbuch-Geschichte aus dem Leben einer Mixed Race Familie.