Steidl Verlag 2022, 128 S., € 20,- (diese Ausgabe ist vergriffen)
TB Steidl Pocket Dez 2022, € 12,-
Wie fühlt es sich an, im Norden einer Stadt im Ruhrgebiet in dem Stadtteil, in dem Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt zur Tagesordnung gehören, aufzuwachsen? Nene, die junge Protagonistin dieses fulminanten Debüts, weiß es aus eigener Erfahrung. Sie arbeitet als Bademeisterin in einer öffentlichen Badeanstalt und kämpft sich dort durchs Leben, indem sie Menschen beobachtet, ihre Bahnen zieht und dabei rational bleibt. Eines Tages begegnet sie Boris, einem jungen Mann aus derselben Gegend, der wegen seiner Kinderlähmung seine Beine trainieren will. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine romantische Beziehung, die zu intensiven Auseinandersetzungen mit Schwierigkeiten, Selbstzweifeln und Traumata führen wird.
Mit knappen, prägnanten Sätzen, trockenem Humor und einer überraschenden Sprache, die vielfach aus Neologismen besteht, erzählt Annika Büsing eine einzigartige Liebesgeschichte, die gleichzeitig zärtlich und rau ist. Die Gefühle, die Bemühungen, die Ängste der beiden Protagonisten werden so kristallklar geschildert, dass man sich denken könnte, ihnen im echten Leben begegnet zu sein – und das innerhalb von knapp 130 Seiten! So ein besonderes Buch findet man selten. (Giulia Silvestri) Leseprobe


Hier werden Körper gefeiert – und zwar alle! Selten (oder noch nie?) haben wir ein so breit aufgestelltes Spektrum menschlicher Geschlechter- und Körperformen in einem Bilderbuch für Kinder gesehen: Hauttöne samt Färbungen, Malen, Leberflecken, Schrammen und Narben, viele, viele Haarstrukturen und Frisuren sowie zahlreiche sichtbare körperliche Behinderungen jenseits eines Rollis sowie Veränderungen, die mit dem Älterwerden einhergehen. „Jeder Körper, meiner, deiner ist besonders, falsch ist keiner. […] Körper sind toll!“ Jawoll … und dieses Buch auch!
Nach dem tollen Kita-Buch begleiten wir nun eine Gruppe ausderselben Kita Kunterbunt bei einem Ausflug in den Wald. Constanze von Kitzing hat wieder viele liebevolle Details erdacht, erzählt viele kleine Geschichten im Großen. Das Wimmelbuch knüpft in seinem Personal wieder an die zahlreichen anderen Bilderbücher der Illustratorin an. Kinder werden diese wieder erkennen und entsprechend vielfältig sind die Kinder wiederum gezeichnet, so dass hier über das Thema Kita hinaus für viele Kinder Identikikationsmöglichkeiten bestehen.
Das Autor:innen-Team erzählt aus der Ich-Perspektive eines Kindes von der Transition seiner alleinerziehenden Mutter zu seinem Vater. Die Ängste und Sorgen des Kindes kommen dabei zur Sprache, vor allem aber das Vertrauen in das liebevolle Verhältnis zum Elternteil – egal welchen Geschlechts. An den Erzählteil schließt „Etwas Lesestoff für Erwachsene“ an, der dieselben dabei unterstützen kann, mit Kindern über die Themen Gender, biologisches Geschlecht, Transition etc. ins Gespräch zu kommen.
In der ganzen Stadt ist endlich Frühling – auch in der Gartenstraße 10. Alle Bewohner:innen treffen sich im Gemeinschaftsgarten und graben, säen, schneiden, werkeln zusammen. Aber nicht nur dort: Auch auf Terrassen, Balkonen und Dächern wächst und grünt es durch das Jahr. Im Bilderbuch beginnt es im April und startet mit einem Rezept für eine leckere Spargelquiche. So begleitet Felicita Sala Monat für Monat und beglückt mit 12 saisonalen Köstlichkeiten, deren Zubereitung anschaulich für Kinder erklärt ist. Abgerundet wird der Reigen mit praktischen Gartentipps sowie einem Bilder-Glossar für Werkzeuge, Samen, Obst und Gemüse.
Dunkelheit sorgt nicht nur bei vielen Kindern für ein mulmiges Gefühl. Und so ist sie seit dem Zeitalter der Industrialisierung immer mehr verschwunden – gerade in großen Städten, wo beleuchtete Fenster, Laternen, Ampeln, Autolichter, Werbebanner undundund, die Nacht zum Tag machen. Doch wo ist es eigentlich noch richtig dunkel? An gar nicht so vielen Ort, führt dieses Bilderbuch vor Augen, in dem sich ein Fuchs, ein Käfer, ein Vogel, ein Frosch und ein Bär auf die Suche machen. Magisch schöne Bilder der Nacht und eine poetische Sprache erklären Kindern und ihren Erwachsenen, warum es – Stichwort Lichtverschmutzung – öfter gut wäre, das Licht aus zu machen!
In warmen liebevollen Illustrationen werden Kinder in ihrem Sein und ihrer Vielfalt vorgestellt. Viel und Interessantes gibt es in dem großformatigen Pappbuch anzuschauen und, ganz wichtig, zu benennen: Körperteile, Kleidungsstücke, Spielzeug, Gefühle, die Familienmitglieder. Beim immer Wiederbetrachten lassen sich neue Details und Querverbindungen zwischen den Figuren entdecken, die zum Erzählen und Fabulieren anregen.
1995 spielt die Geschichte von Saoussan, die mit ihrer Familie im Libanon lebt, als dort Krieg ausbricht. Sie fliehen und müssen in einem neuen Land ein neues Leben beginnen. Für Saoussan heißt das, eine neue Sprache, eine neue Schule, neue Kinder undundund. Sie hat viel Angst und der Einstieg fällt ihr schwer. Eine zugewandte Lehrerin hilft ihr wirklich. Die nach wahren Begebenheiten erzählte Geschichte, hat leider nichts an Aktualität verloren und nahm ihren Anfang mit einem Brief, den die 7jährige Saoussan dem Autor schickte mit der Bitte, ihre Geschichte auch anderen Kindern zugänglich zu machen. Gemeinsam mit der Illustratorin haben sie dieses Bilderbuch entwickelt.
Wie sieht Rassismus aus? Ist es wichtig, wie wir aussehen? Sind wir nicht alle gleich? Warum haben manche eine dunklere Haut als andere? Kann ich rassistisch sein, ohne es zu wollen? Solche und viele andere Fragen stellt das Autor:innen-Team und beantwortet sie kindgerecht knapp wie einfach. Vor allem aus weißer Perspektive bietet es viele gute Ansätze und Fragen, um auch schon junge Kinder für das Thema zu sensibilisieren. Viele der auf den mehr als 45 Klappen gestellten Fragen sind weitaus komplexer zu beantworten, als dass die Antworten leisten können. Aber es kann ein guter Einstieg sein, um ins Gespräch zu kommen.