Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Hanser Verlag 2019, 224 S., € 23,-

Whitehead_Coulson_Die_Nickel_Boys_Dante_Connection_DanteperleFlorida in den frühen Sechzigern. Elwood, der in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Großmutter aufwächst, ist ein guter strebsamer Schüler. Sein größter Schatz ist eine Schallplatte mit Reden Martin Luther Kings, dessen Worte er verinnerlicht hat. In der messerscharf getrennten Welt der Südstaaten hat er als schwarzer Schüler Glück angesichts der Aussicht, bald auf ein College für Afroamerikaner gehen zu dürfen. Dann gerät er zufällig in ein gestohlenes Auto, wird festgesetzt und landet in einer Besserungsanstalt. Dort sind die Regeln unberechenbar, es herrschen willkürliche Repression, Folter und Missbrauch über die ausgelieferten jugendlichen Insassen. Viele von ihnen überleben diese „Schule“, die sich nach außen regelkonform gibt, nicht. Elwood versucht, auch dank Martin Luther King, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Coulson Whitehead bezieht sich in „Die Nickel Boys“ auf eine real existierende Anstalt, wo schwarze Jugendliche zu Tode gefoltert worden waren. Es ist harter Tobak, zumal er die vielen Formen der Gewaltausübung an den Opfern sehr zurückhaltend und nüchtern beschreibt, dass beim Lesen viel im Kopf passiert. Kunstvoll gelingt es Whitehead, dass wir dabeibleiben. So gönnt er uns eine Rahmenhandlung in einer Gegenwart, in der angefangen wird, diese Verbrechen aufzuklären. Elwood hat einen starken Mitstreiter, der auch überleben will. Ein Twist am Ende rückt die Dinge jedoch in ein ganz anderes Licht. Hart, aber umwerfend. (Stefanie Hetze)

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Judith Barrington: Wiederbelebung

Erinnerungen. Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen, edition fünf 2014, € 19,90

21_barrington_wiederbelebungJudith Barrington ist 19, als ihre Eltern 1965 bei einem Schiffsunglück ums Leben kommen. Zu jung, um mit dem Verlust bewusst umzugehen, verfällt sie in eine Starre der Trauer und flüchtet kurze Zeit später in einen Sommerjob  nach Spanien. Hier ist sie mit 1,80 m Körpergröße und ihren weißblonden Haaren so fremd, dass sie ihre innere Fremdheit äußerlich leben kann. Sie hat Affären mit zahllosen Männern, rast im Cabrio über kurvige Landstraßen und trinkt bis spät in die Nacht mit einer ansonsten ausschließlich männlichen Clique. Sie inszeniert sich als unabhängige Frau und tut alles, um nicht über sich selbst nachzudenken. Wie sie es schließlich schafft, sich ihrer eingenen Verzweiflung und Hilflosigkeit zu stellen und auch ihre Liebe zu Frauen für sich selbst zu akzeptieren, beschreibt Barrington in frischer, humorvoller und durchaus selbstironischer Weise. Dass gleichzeitig das Katalonien der sechziger Jahre ganz lebendig vor unseren Augen wiederersteht ist ein weiteres Plus dieses sehr lesenswerten Buches. (Syme Sigmund)
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