Rose Lagercrantz und Eva Eriksson: So glücklich wie noch nie?

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch, Moritz Verlag 2020, 224 S., € 12,95, ab 7

Lagercrantz_Rose_So_glücklich_wie_noch_nie_Danteperle_Dante_ConnectionDunne ist sehr aufgeregt. Ihr Papa und seine Freundin Wanda wollen tatsächlich heiraten. Dunne sieht sich schon zusammen mit ihrer besten Freundin Ella Frida in wunderschönen Kleidern die Blumen streuen! Das wird ein Fest! Doch Papa und Wanda haben ganz andere Pläne, die Hochzeit soll in Rom bei der italienischen Familie stattfinden. Für Ella Frida ist da kein Platz. Wie in allen Geschichten dieser einmaligen Kinderbuchreihe passieren Dinge, die Dunne nicht mag und die sie leiden lassen. Aber sie lässt sich immer etwas einfallen. Und dann geschieht so manch Unverhofftes, dass am Ende ein unerwartet anderes Glück da ist. Wieder hat die wunderbare Geschichtenerzählerin Rose Lagercrantz gezaubert und hat Eva Eriksson ihre hinreißenden Zeichnungen beigesteuert, die Dunnes Gefühle auf den Punkt bringen. Ein unnachahmliches Vergnügen, zum Vorlesen und Selberlesen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

S. Fischer Verlag 2020, 352 S., € 21,-

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Die Icherzählerin ist Mitte dreißig und hat oft viel Angst. Als Schwarze in Deutschland hat sie Schlimmes erlebt. Ihre Mutter war zu DDR-Zeiten Punk und tut sich schwer mit dem Leben. Ihr Vater verließ die Familie sehr früh und ging zurück nach Angola. Ihr Zwillingsbruder hat sein Leben beendet. Die Großmutter, zu der sie als einzige Angehörige den Kontakt hält, steht weit rechts. Glück erlebt die namenlose Protagonistin in Städten wie Berlin und New York oder in Ländern wie Marokko und Vietnam, vor allem aber durch die Menschen, für die sie sich selbst entscheidet.
In einem der originellsten Debuts der letzten Zeit schreibt Olivia Wenzel über Herkunft, Diskriminierung, Privilegien, die Suche nach Stabilität, Identität und Beziehungen. Dafür hat sie ein außergewöhnliches Format gewählt. Der erste und der dritte Teil des Romans besteht aus Dialogen zwischen einer fragenden Stimme und der Protagonistin, während im mittleren Teil Assoziationen, Bilder und Erinnerungen fein miteinander verwebt werden. So entsteht ein vielstimmiger Raum, in dem die Autorin uns auf eine rasante und überraschende Serpentinenfahrt einlädt. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Elisenda Roca & Rocio Bonilla: Meine Freunde, das Glück und ich

Aus dem Spanischen von Ursula Bachhausen, Ellermann Verlag 2020, 48 S., € 15,-, ab 3

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Violetta und ihre Freund*innen dürfen bei den Vorbereitungen für ein Stadtteilfest helfen. Freudig machen sie sich auf, besorgen Girlanden, Blumen und was es sonst noch alles zur Verschönerung braucht. Dabei begegnen sie vielen ganz unterschiedlichen Nachbarn und ihren Kindern. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Violettas, die als Kind mit Down-Syndrom gelesen werden kann – aber nicht muss. Ein Fest der Freundschaft und Vielfalt, so bunt wie das Leben, und ein Bilderbuch, wie es gern mehr geben darf. (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Juri Andruchowytsch: Die Lieblinge der Justiz

Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Suhrkamp Verlag 2020, 299 S., € 23,-

AndruchowytschDie Lieblinge der Justiz – das sind Mörder, Verbrecher und ihre Verbrechen. Das sind ein dichtender Räuber des 17. Jahrhunderts, ein verliebter stalinistischer Killer-Spion oder ein kommunistischer Revolutionär. Das sind aber auch ein Krämer, der einen Magier um ewige Jugend bittet, ein betrügerischer Mönch, der mit dem Teufel paktiert oder ein unglückseliger Bauer, der so abstoßende Züge trägt, dass ihm jede Untat zugetraut wird. Juri Andruchowytsch erzählt von ihnen, ihren Taten und wie ihnen der Prozess gemacht wird, berichtet von Liebe, Mord und Verrat, vermischt Fakten mit Fiktion und präsentiert ganz nebenbei ein sowohl haarsträubendes als auch (überraschenderweise) ironisch-amüsantes Panorama von 400 Jahren ukrainischer Geschichte. Die mal leicht-kuriosen, mal bitterernsten und schwer erträglichen Geschichten, in denen sowohl die Tragik der Delinquenz, die Frage nach Sinn und Unsinn von Strafe und die Verbrechen der jeweils herrschenden Justiz selbst in den Fokus rücken als auch die über die Jahrhunderte immer gleiche blutrünstige Sensationslust der Massen und ihre unausrottbaren Vorurteile bloßgestellt werden, halten auch der heutigen Gesellschaft den Spiegel vor und erinnern daran, nichts unhinterfragt zu lassen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Nadia Budde: Letzte Runde Geisterstunde

Antje Kunstmann Verlag 2020, 32 S., mit einem Plakat voller Geister, € 15,-, ab 2

Budde_Nadia_Letze_Runde_Geisterstunde_Danteperle_Dante_ConnectionGleich beim Aufschlagen ihres neuen Bilderbuchs leuchten uns auf dem Vorsatzpapier knallgelbe Augen aus blauen baumartigen Geistern entgegen. Auf dem nächsten Titelblatt lächelt ein freundlicher dicker Erdgeist. Da muss einfach weitergeblättert werden und schon sind wir mitten drin in einem phantastischen Geisterkosmos. Sympathische karierte Hausgeister treffen auf eher putzige Tiergeister, aber es gibt auch gruselige Geister mit feuchten Händen, die schwere Eisenketten schleppen oder welche, die über morsche Knochen jammern und dabei Geistergulasch kochen… Woher kommen sie eigentlich, diese furchtbar vielen unterschiedlichen Geister? Wie verbreiten sie sich? Da kommen die Geistermeister ins Spiel. Sie helfen in all dem unheimlichen Wirrwarr, die Geister zu benennen, sie zu zählen und sie auch zu vertreiben oder aber sich vielleicht sogar mit ihnen anzufreunden! Auf ihre unnachahmliche Art, schräge Illustrationen mit Sprachwitz zu kombinieren, hat Nadia Budde sich wieder selbst übertroffen, ein Buch zum Immerwiederanschauen, ein Buch gegen Ängste, für die Phantasie! (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Monique Truong: Sweetest Fruits

Aus dem Englischen von Claudia Wenner, C.H. Beck Verlag 2020, 347 S., € 23,-

truongDer Journalist und Reiseschriftsteller Lafcadio Hearn wurde 1850 auf der griechischen Insel Lefkas geboren. Sein irischer Vater war dort als britischer Militärarzt stationiert, seine Mutter war Griechin. In Irland und England in Internaten aufgewachsen ging er als junger Mann nach Amerika und später – nach verschiedenen Reisen unter anderem in die Karibik – nach Japan, wo er sein Sehnsuchtsland fand, die Tochter eines Samurai ehelichte und 1904 verstarb. Hugo von Hofmannsthal trauerte bei der Nachricht seines Todes um die „unvergleichliche Stimme“, Stefan Zweig rühmte den „überschwebenden Glanz“ seiner Beschreibungen. Monique Truong zeichnet sein Leben durch die intensiven Stimmen dreier Frauen nach – seiner Mutter, seiner afroamerikanischen Ehefrau, von der er nach wenigen Jahren wieder geschieden wurde, sowie seiner japanischen Gattin, mit der er drei Kinder hatte. So entfaltet sich nach und nach ein vielschichtiges Bild dieses außergewöhnlich sensiblen und poetischen Mannes und seiner Suche nach Zugehörigkeit. Zur erweiternden Lektüre sei der gleichfalls bei C.H. Beck erschienene Band mit Reportagen „Vom Lasterleben am Kai“ empfohlen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Sabine Lemire & Rasmus Bregnhøi: Mira #kuss #kunst #familie

Aus dem Dänischen von Franziska Gehm. Klett Kinderbuch 2020, 99 S., € 15,-, ab 10

Lemire_Sabine_Mira_kuss-kunst-familie_Danteperle_Dante_ConnectionMira, für alle, die sie noch nicht kennen, ist im Zwischendrinalter. Sie bastelt gerne und lebt mit ihrer Mama und deren Freund Joakim zusammen. Ihr Papa hat eine eigene Familie und Mira somit einen kleinen Bruder. Das ist manchmal alles ziemlich kompliziert für Mira und manchmal auch super, weil sie hin- und herpendeln kann. Ihr Zuhause ist aber mit Mama und Joakim, es ist ein besonderes cooles, nämlich ein Hausboot. Noch cooler ist ihre Nachbarin Liva, die ihre Freundin ist, immer geniale Ideen hat und beim Sammeln Tolles findet. Im dritten Band, der auch ganz unabhängig zu lesen ist, gründen Mira, Liva und ihre Freunde Karla und Louis einen Kunstclub, der sie ganz schön auf Trab bringt. Und dann fangen Miras Brüste an zu wachsen und ihre peinliche Mutter will sie und ihre Freundin unbedingt über die Menstruation aufklären. Dabei passiert so viel Wichtigeres, sie lernt Jonas kennen, Livas süßen Cousin.
Ganz nah kommen die Leser*innen dieser charmant-tiefgründigen Graphic Novel den Gefühlen, Nöten und Freuden eines Mädchens, das gerade den relativ sicheren, da vertrauten Hafen der Kindheit verlässt und sich in viele neue Abenteuer stürzt! Super für Kids in dem Alter und sozusagen Fortbildung für Erwachsene. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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James Baldwin: Giovannis Zimmer

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Sasha  Salzmann. dtv 2020, 208 S., € 20,-

9783423282178„Giovannis Zimmer“ ist das vierte Buch von James Baldwins das in einer Neuübersetzung erscheint. Und wieder ein Buch wie ein Schlag in die Seele, der tief in die Unzulänglichkeiten und Begrenzungen menschlichen Daseins blicken lässt. David, ein junger homosexueller weißer Amerikaner auf Europareise in Paris, beginnt eine heftige Liebesaffäre mit dem jungen, lebensgierigen Giovanni. In kurzen Wochen genießen sie ihre Liebe, ihre Körper und nähern sich auch intellektuell an. Vor den Anfeindungen ihrer Umwelt schützen sie sich, soweit dies in einer offen homophoben Gesellschaft möglich ist. Als Davids Verlobte Hella aus Spanien zurückkehrt, wendet sich dieser von Giovanni ab und stürzt ihn in tiefe Verzweiflung.
Baldwin beschreibt die berührende Liebesgeschichte zwischen den beiden jungen Männern schnörkellos und ohne rührseligen Kitsch. Fast zwangsläufig führt Davids Trennung von Giovanni direkt in eine Katastrophe. Wie in seinen anderen Büchern greift Baldwin wieder ein Thema auf, das den Blick auf Unterdrückung und Gewalt lenkt. Die Geschichte weist aber weit über die Ursachen der gesellschaftlichen Gewalt hinaus. Sie legt offen, welche Verheerungen die Homophobie in den Opfern selbst anrichtet und diese zu Tätern werden lässt. David kann zu seiner wahren Natur nicht stehen, zu groß ist die Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung. Damit stürzt er alle Menschen, die ihm etwas bedeuten, in Verzweiflung. Stehst du nicht zu dir, deiner Natur, deiner Liebe, stehen am Ende Unglück und Vernichtung. Ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich zu erkennen und zu akzeptieren, egal wie feindlich deine Umwelt ist. Ein Meisterwerk – freuen wir uns auf weitere Neuauflagen! (Torsten Sigmund) Leseprobe

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Alex Rühle & Barbara Yelin: Gigaguhl und das Riesen-Glück

dtv junior 2020, 40 S., € 14,95, ab 4

GigaguhlDer Riese Gigaguhl ist – eben riesengroß. Er kann (fast) den Himmel berühren und wenn er niest gibt es Sturm. Als er in einen tiefen, sehr sehr langen Schlaf fällt, kommen erst die Tiere, um auf ihm zu wohnen, dann folgen die Menschen, und ganze Städte wachsen auf den Hügeln seines Körpers. Als sich eines Tages zwei Kinder trotz strengster Verbote in die dunklen Berge aufmachen, beginnt ein großartiges Abenteuer.
Alex Rühe erzählt die Geschichte in lustigen Reimen und die bekannte Graphic Novel Künstlerin Barbara Yelin beweist mit schwungvollem Strich ihr großes Geschick für Kinder-Bilder-Welten. Ein riesiger Vorlesespaß! (Jana Kühn) Blick ins Buch

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Paul Scraton: Am Rand. Um ganz Berlin

Aus dem Englischen von  Ulrike Kretschmer. Matthes & Seitz 2020, 220 S., 10 Farbfotos, € 22,-

Scraton_Paul_Am_Rand_um_ganz_Berlin_Danteperle_Dante_ConnectionFlaneure wie Franz Hessel oder Walter Benjamin haben der Stadt Berlin immer wieder literarische Denkmäler gesetzt, sich jedoch auf das pulsierende Zentrum fokussiert. Der britische Wahlberliner Paul Scraton widmet sich dem ganz Anderen, dem Entlegenen, für das sich eigentlich niemand interessiert. 10 Wanderungen rund um Berlins Stadtgrenze in den unwirtlichen grauen Monaten Januar bis März hat der Landschaftshistoriker unternommen, ist immer am Rand der ehemaligen Grenze durch Gewerbegebiete, Wohnsiedlungen, Wälder und Brachen gelaufen, vorbei an Baustellen, Gleisen, Zäunen, Gedenktafeln. Er trifft auf Menschen und Geschäftigkeit, aber auch auf völlig verlassene Gelände, Leere und Stillstand. Faszinierend ist es zu lesen, wie sich große entscheidende Ereignisse der Geschichte und Rolle Berlins auch an den sich zerfasernden Rändern der Stadt niederschlagen und widerspiegeln. Der äußerst belesene Autor (was für ein Literaturverzeichnis!) verschmilzt sein erstaunliches Wissen, seine Offenheit und seinen geschärften Blick fürs Wesentliche in scheinbar nebensächlichen Details zu einer spannenden Erkundung dessen, was uns umgibt. Sein Buch ist eine wunderbare Einladung, es ihm nachzutun. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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