Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt.

Storys. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Liebeskind 2020, 336 S., € 22,-

Moshfeg Heimweh_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDiese Sammlung enthält vierzehn Kurzgeschichten, die in Zeitschriften wie der »Paris Review« und dem »New Yorker« veröffentlichen wurden. Ein roter Faden verbindet sie: Alle Figuren möchten besser sein – symbolisch ist der Titel der ersten Geschichte, Ich bessere mich, in der ein Lehrer Beweise fälscht, sich in den Schultoiletten übergibt und Drogen nimmt. Die nächste handelt von dem distinguierten, mysteriösen Mr. Wu, der von dem pervertierten Besitzer einer Spielhalle besessen ist. Es folgen die Frau, die in Ferienhäusern wohnt, um sich mit billigen Drogen zu betäuben, der faule Junge, der nach Los Angeles zieht, um seinen Traum, Schauspieler zu werden, zu verwirklichen, das Mädchen, das sich für die Lippen seiner Vulva schämt, weil sie sie für zu groß hält.
Die Autorin erzählt schnell und konsequent. Ihr Schreiben ist geradeheraus, provokativ, packend, aber nicht übertrieben – leichterhand entwirrt sie diesen höchst originellen Wirbel aus Nihilismus, Mitgefühl, Betrügereien, Selbsttäuschungen, Tod und subtilem Humor. Ihr beinahe amüsierter Blick zeigt die Zerbrechlichkeit, die sich in den groteskesten und unwahrscheinlichsten Situationen des Lebens versteckt: Eine der interessantesten Anthologien von Kurzgeschichten der letzten Zeit. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

Mit einem Essay von Marion Detjen, Weidle Verlag 2020, 216 S., € 20,-

Wolff_Helen_Hintergrund_für_Liebe_Danteperle_Dante_ConnectionScheinbar jagt ein Klischee das nächste: Eine junge mittellose attraktive Frau fährt mit einem älteren erfolgreichen wohlhabenden Mann in seinem Schlitten für ein paar Wochen nach Südfrankreich. Er lädt sie in Luxushotels ein, geht in Nizza mit ihr ins Casino, trifft als „Mann von Welt“ seine Entourage und schöne Frauen. Sie hatte sich diese Auszeit auch aus dem immer finsterer werdenden Deutschland, es sind die beginnenden Dreißigerjahre, ganz anders vorgestellt, von einem einfachen Häuschen zu zweit geträumt. Sie leidet, sein Egoismus kann ihre Liebe zu ihm jedoch nicht erschüttern und so macht sie einen entscheidenden Schritt, der diesen Roman auch für heutige Leser*innen sehr anziehend macht. Obwohl es ihr schwerfällt, verlässt sie ihn, sucht sich neue Menschen und ihr eigenes Traumhäuschen im Weinberg nah am Meer. Das alles entfaltet natürlich auch bei ihm eine starke Zugkraft . . .
Ihren um 1932 geschriebenen Roman hat Helen Wolff, die berühmte spätere Verlegerin, nie veröffentlicht, aber ihrem Sohn mit dem Kommentar „At my death, burn or throw away unread!“in einem Umschlag hinterlassen. Nun hat der Weidle Verlag ihn zu unserem Glück erstmals publiziert, angereichert mit einem Essay von Marion Detjen, die Zugang zu familieninternen Dokumenten hatte, und die die Hintergründe zu diesem Sommerliebesroman aufschlussreich und plastisch erzählt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Hanser 2020, 256 S., € 22,-

AaleDer Aal. Dabei denken die meisten an glipschig-schlangenartige Wesen, im Schlamm versteckt. Dass dieses Tier zum Objekt größter Faszination werden kann, ist mit diesem Buch garantiert. Svensson erzählt so lebendig von den lange Zeit vergeblichen Versuchen, das Geheimnis um seine Herkunft und Fortpflanzung zu lüften (die bei Aristoteles begannen und über Freud bis weit ins 20. Jahrhundert andauerten), von den vier Lebensphasen dieses Fisches, der in der fernen Sargassosee schlüpft, seinen Weg in unsere Gewässer findet und irgendwann an seinen Ursprungsort zurückkehrt, um zu laichen und zu sterben, von den Legenden und Mythen, die sich um ihn ranken sowie von den Erinnerungen an seinen Vater, der leidenschaftlicher Aalangler war, und der ihn als Kind zum Aalfischen an den nahegelegenen Fluss mitnahm, dass man aus dem Staunen nicht heraus kommt. Eine gelungene, sowohl unterhaltsame als auch interessante Mischung aus Memoir- und Sachbuch. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag 2020, 352 S., € 22,- (La ragazza con la Leica, Guanda 2019, € 17,50)

Janeczek_Helena_Das_Mädchen_mit_der_Leica_Dante_Connection_DanteperleDas „Mädchen mit der Leica“ ist die Antifaschistin und Reporterin Gerda Taro, eine intelligente mutige Frau, deren Geschichte bis vor wenigen Jahren unbekannt war. Als Lebensgefährtin des berühmten Fotografen und Kriegsreporters Robert Capa stand Gerda Taro lange in seinem Schatten. In Stuttgart geboren, nach Leipzig und Berlin gezogen, aus dem Nazi-Regime nach Paris geflüchtet, wurde die erste Kriegsfotografin der Welt im Spanischen Bürgerkrieg mit nur 26 Jahren von einem Panzer zu Tode gequetscht.
Auf den Seiten dieses biografischen Romans wird ihr Leben aus drei Perspektiven beleuchtet. Aus den Aussagen dreier Menschen, die ihr in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens nahe standen, entsteht das kraftvolle Bild einer Frau, die ihre ganze Existenz der Freiheit widmete. Aus Helena Janeczeks Sinn für Details und ihrer Leidenschaft für besondere biografische Momente ist ein starker, kaleidoskopischer Roman entstanden, ihr bester bisher. Ein Roman voller Gefühle, der von der Nähe zwischen Menschen, von Träumern, Verrückten und Verzweifelten erzählt, von Lebensfreude und Mut, Erinnerung, Leichtigkeit und Werten. (Giulia Silvestri)

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Jonathan Coe: Middle England

Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs, Folio Verlag 2020, 480 S., € 25,-

Middle England_Coe_Cover.inddEngland zwischen 2010 und 2018. Eine Gruppe alter Freunde zwischen London und Birmingham, eher links orientierte Intellektuelle und ihre Familien, erleben und registrieren den schleichenden Wandel der Gesellschaft bis hin zum Brexit, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Verbittertheit der Middleclass, die „Old England“ verklärt, der „Political Correctness“ den Kampf ansagt und die Grenzen des „öffentlich sagbaren“ nach und nach immer weiter verschiebt. Verschiedenste Episoden, dem Leben der Protagonisten über die Jahre folgend und spannungsreich miteinander verwoben, lassen einen intensiven Eindruck von der Stimmung im Land entstehen. Dabei ist Coes durchaus unterhaltsam-ironischer Roman kein ausschließlich auf England zu beziehendes Buch, sondern zum Verständnis der in ganz Europa erfolgten und noch erfolgenden sozial-politischen Entwicklung unbedingt lesenswert. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Sigrid Nunez: Der Freund

Aus dem Amerikanischen von Annette Grube, Aufbau Verlag 2020, 233 S., € 20,-

Nunez Freund_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergDie Ich-Erzählerin dieses Romans verliert unvermittelt ihren engsten Freund und bekommt dessen achtzig Kilo schwere Dogge vermacht. Nun teilt die zurückgezogen lebende Autorin das kleine New Yorker Apartment und die Trauer mit diesem riesigen Tier. Während sich aus den zaghaften Annäherungsversuchen eine neue Freundschaft anbahnt, die beiden Trost spendet, versucht sie auch schreibend der Trauer etwas entgegenzusetzen. Auf ihre 30 jährige Freundschaft zurückblickend, reflektiert sie über komplexe menschlichen Erfahrungen wie Selbstmord, Trauer, die Beziehung Mensch-Tier und Autorschaft (auch angesichts der Absurditäten des heutigen Literaturbetriebs).Nicht zuletzt geht sie dabei der Frage nach, für wen ein Autor seine Bücher schreibt und welche Verantwortung er den wahren Personen gegenüber hat, die so oft die Quellen für Fiktion sind.
Überaus berührend und lesenswert ist, was die Autorin tagebuchartig und assoziativ an Ereignissen, Ideen, Zitaten und Gedanken zusammengetragen hat. Nichts davon ist ornamental. Bereichert durch eine starke New York Atmosphäre, gibt es hier viel zu entdec
ken. (Franziska Kramer) Leseprobe

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Anna Maria Ortese: Neapel liegt nicht am Meer

Erzählungen. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider, mit einem Nachwort von Franz Haas, Friedenauer Presse 2019, 232 S., € 22,- (Il mare non bagna Napoli, Adelphi 2008, € 16,-)

Ortese_Anna_Maria_Neapel_liegt_nicht_am_Meer_Danteperle_Dante_ConnectionAllein der Titel war 1953, als der Band in Italien erschien, eine Provokation, der Stadt Neapel, ihren Stolz abzuerkennen, lichtdurchflutet am schönen Meeresgolf zu liegen! Anna Maria Ortese wandte sich in ihren erzählerischen Reportagen den dunklen meerabgewandten Gassen zu, die stickig und drückend sind, und in denen die Menschen elendig am Rande des Existenzminimums hausen. Es sind bittere harte Geschichten von verlorenen Menschen und ihren unrealistischen Träumen, aus einer Stadt voll der Nervosität und Anspannung, in der sich die wundersamsten Begebenheiten und Obsessionen ereignen. Diesen spürt die Rückkehrerin Ortese in ihren Streifzügen durch Schatten und Licht nach. In einer hochkonzentrierten brillanten Sprache verdichtet sie das neapolitanische Nebeneinander von Armut und Leid, von Schönheit und Hoffnung zu einem literarischen Ereignis. Nicht umsonst inspirierte sie Fabrizia Ramondino und Elena Ferrante zu ihren Neapelromanen. Endlich ist sie in Deutschland zu entdecken! (Stefanie Hetze)

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Marion Messina: Fehlstart

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hanser Verlag 2020, 166 S., € 18,-

Messina_Marion_Fehlstart_Danteperle_Dante_ConnectionAurélie und Alejandro begegnen sich in Grenoble. Sie ist Französin, er Kolumbianer, beide sind jung und auf der Suche nach Emanzipation von einer bedrückenden Gegenwart. Sie wünschen sich eine Zukunft voller Freiheit und Erfüllung, stattdessen werden sie sich mit einer harten, trennenden Realität auseinandersetzen müssen. In der Hauptstadt Paris wird schnell klar, dass es fast unmöglich ist, sich solche Träume zu erfüllen, in einer Gesellschaft, in der mehrere Studienabschlüsse einen dazu qualifizieren, lange bei niedriger Entlohnung zu arbeiten und in schrecklichen  Zimmern zu hausen.
In diesem schmalen, wütenden Buch ist der Frust einer ganzen Generation enthalten. Bitter und zügig erzählt Marion Messina von Liebe und Zusammenbruch, Illusionen und Niederlagen, Fortschritten und Ausnutzung. Es ist ein hartes, düsteres, unerbittliches Buch, das kein Entkommen zulässt. Die Figuren sind alle gedrückt und gedemütigt durch einen sozialen Kontext, in dem keine Lebensfülle möglich scheint. Ein „Fehlstart“ ist immerhin ein Anfang, der sich zu besseren Zuständen entwickeln kann. Der Kampf geht weiter. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Regina Porter: Die Reisenden

Aus dem amerikanischen Englisch von Tanja Handels, Fischer Verlag 2020, 384 S., € 22,-

porterJames Vincent und Agnes Miller wachsen unter völlig unterschiedlichen Bedingungen auf, er das Kind einer zerrütteten weißen Arbeiterfamilie aus Long Island, sie die behütete schwarze Tochter eines Dekans in Georgia. Die beiden werden sich nie begegnen, und doch sind ihre Geschichten miteinander verwoben, wird James Sohn die Tochter von Agnes heiraten. Virtuos wechselt Regina Porter zwischen unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen und entwickelt nach und nach die Schicksale von drei Generationen der beiden weit verzweigten und sich doch vielfach kreuzenden Familien, erzählt von Liebe und Freundschaft, Verwandtschaft, Hoffnungen und Rassismus, spannt den Bogen von der Zeit der Bürgerrechtsbewegung über den Vietnamkrieg bis zur Regierungszeit Obamas, führt die Leser nach Los Angeles, New Hampshire, New York und Berlin und schafft es trotz dieses weiten Panoramas jede Figur lebendig werden zu lassen, so dass man bis zur letzten Seite nicht loslassen möchte, gefesselt von diesem  Kosmos voller Menschlichkeit. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Stewart O’Nan: Henry persönlich

Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel, Rowohlt 2019, 480 S., € 24,-

O`Nan Henry persönlich_Danteperle_Dante_Connection Buchhandlung Berlin KreuzbergHenry und Emily (schon bekannt aus anderen Büchern des Autors) sind ein älteres pensioniertes Ehepaar aus Pittsburgh der amerikanischen Mittelklasse. Erzählt wird ein Jahr ihres Lebens aus der Sicht von Henry, die alltäglichen Verrichtungen, die Besuche der Kinder und Enkel, die Zeit im Sommerhaus am See. Das alles ist weder besonders außergewöhnlich noch besonders interessant. Was besonders ist, an diesem Buch, ist die Kunst des Autors, dieses Leben so packend zu beschreiben, dass keine Langeweile aufkommt, man folgt gespannt der Gleichförmigkeit ereignisloser Tage, möchte immer weiter lesen, bei Henry sein, mit ihm in seiner Werkstatt hantieren, mit ihm Einkaufen fahren, mit ihm vor dem Kamin einschlafen während die Enkel um ihn herum wuseln und die tiefe Verbundenheit, die ihn nach 48 Jahren Ehe mit Emily verbindet, spüren. Ein filigran feines Portrait eines alten Mannes, ein Buch, das entschleunigt und glücklich macht. (Syme Sigmund)
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