Beppe Fenoglio: Eine Privatsache

Aus dem Italienischen von Heinz Riedt, Wagenbach Verlag 2021, 192 S., € 20,-
(Una questione privata, Einaudi, ca. € 16,50)

Der 1963 posthum veröffentlichte Roman Una questione privata wird heute als Fenoglios Meisterwerk und einer der besten italienischen Romane des 20. Jahrhunderts angesehen. Italo Calvino hat ihn sogar mit dem Orlando furioso verglichen. Der Vergleich mag weit hergeholt klingen, doch ist dieses Buch ein wahres literarisches Wunder.
In den Langhe des Piemont, kämpft Milton, ein junger Universitätsstudent, während des Partisanenkriegs in den autonomen Formationen. Im Zuge einer Militäraktion sieht der einsame Held die Villa, in der Fulvia, ein Mädchen, das er geliebt hat und immer noch liebt, einst lebte. Kurz danach erfährt er, dass seine Geliebte auch mit seinem Freund Giorgio ein Verhältnis hatte. Von Eifersucht geplagt versucht Milton seinen Rivalen zu finden und erfährt, dass dieser von den Faschisten gefangen genommen wurde.
Erst 1968 ins Deutsche übersetzt und schon lange vergriffen, ist dieses wunderbares Buch endlich wieder erhältlich, hier zudem mit einem sehr lesenswerten Nachwort von Francesca Melandri. (Giulia Silvestri)

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Max Annas: Der Hochsitz

Rowohlt 2021, 272 S., € 22,-

Osterferien 1978, ein Dorf in der Eifel, nahe der Grenze zu Luxemburg. Die beiden zehnjährigen Mädchen Sanne und ihre beste Freundin Ulrike zieht es immer wieder zu ihrem Versteck, dem Hochsitz im Wald. Hier werden sie nicht gesehen, bekommen aber so allerhand mit. Nicht nur die Autos mit den heimlichen Liebespaaren, sondern auch die beiden fremden Frauen, die hier immer wieder auftauchen. Als die Freundinnen in einer Nacht direkt vor Sannes Haus einen Mord beobachten, sind sie die einzigen, die die dunkle Gestalt sehen, die sich sofort danach entfernt. Da ihnen keiner glaubt, müssen sie eben auf eigene Faust ermitteln.
Max Annas hat hier einen echten Krimi mit überraschender Auflösung geschrieben. Doch Der Hochsitz ist mehr als das. Tief taucht man ein in die Atmosphäre der westdeutschen Provinz der siebziger Jahre einschließlich der RAF-Suchplakate im Postamt, Fußball-WM-Sammelalben mit Hanuta-Klebebildern und Bonanza-Rad.
Ein spannendes und – dank der Gewitztheit der Hobbydetektivinnen und dem Erzähltalent von Annas – äußerst kurzweiliges Lesevergnügen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Douglas Stuart: Shuggie Bain

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Verlag 2021, 494 S., € 26,-

Shuggie ist ein zarter, höflicher und rücksichtsvoller Junge, der lieber mit seiner Puppe als mit anderen Jungs Fußball spielt. Vor allem aber liebt er seine schöne gepflegte Mutter Agnes, die ihr rasantes Äußeres wie eine Waffe gegen alle Widrigkeiten des Lebens und ihrer Mitmenschen einsetzt. In der britischen Upperclass wäre Shuggie wahrscheinlich gut aufgehoben, im Glasgow der Achtziger, in den elenden Wohnungen der Arbeiterfamilien, die in der Thatcher Ära nach dem Aus von Stahl und Bergbau kein Land mehr gewinnen können und allein auf Stütze, Kindergeld und das illegale Anzapfen von Stromzählern angewiesen sind, ist er trotz älterer Halbgeschwister auf sich gestellt. Alkohol, Gewalt und Perspektivlosigkeit bestimmen das Leben der Familien. Shuggies Vater macht sich feige aus dem Staub, seine Mutter will nicht klein beigeben und kämpft trotz ihrer alles dominierenden Alkoholsucht mit unglaublicher Energie für ein besseres Leben. Diese faszinierende Vitalität, dem Leben trotz aller depressiven Umstände etwas Schillerndes, Schönes abzutrotzen, das Agnes mit Leib und Seele verkörpert, feiert der Autor trotz ihres letztlichen Scheiterns in seinem aufsehenerregenden, mit dem BOOKER-Preis 2020 prämierten Debüt mit einer opulenten berührenden Sprache, die einen nicht mehr loslässt. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Sophie Calle: Wahre Geschichten

65 Erzählungen und Fotografien. Aus dem Französischen von Sabine Erbrich, Suhrkamp Verlag 2021, 141 S., € 22,-

(Stand August 2021)

Gleich mit einer Urszene steigt die Künstlerin Sophie Calle in ihre Sammlung von Miniaturgeschichten ein, der Kindheitserinnerung, wie sie als Neunjährige einen Liebesbrief an ihre Mutter findet, von einem Mann, den sie für ihren wahren Vater hielt und den sie erfolglos zu enttarnen versuchte.  Ähnlich aufgeladen geht es weiter: Ums Klauen, um eine nicht stattgefundene Schönheits-Nasen-OP, einen Kellner, der der Fünfzehnjährigen ein sexuell aufgeladenes Dessert serviert, frühe Erfahrungen als Stripperin und komplizierten ersten Sex. Ganz beiläufig trocken, dann wieder zugespitzt und aufgebauscht erzählt sie von vermeintlich abwegigen und peinlichen Situationen, vom Lieben, Trennen, Sterben, Leben.  Die Leidenschaft und Hingabe, mit der die Künstlerin sich in ihre Selbstrecherchen und Erfahrungen stürzt und die sie mit Fotodokumenten als wirklich geschehen beweist, die aber nur als authentisch inszeniert sind – oder doch nicht? – steckt ungemein an. Es macht einen Riesenspaß, sich auf dieses raffinierte Spiel mit Wahrheit und Erfundenem einzulassen. (Stefanie Hetze)

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Massimo Bertonasco: Gelato! Gelato! Die besten italienischen Eisrezepte

Mit Illustrationen von Larissa Bertonasco. Aus dem Italienischen und dem Englischen von Nicola T Stuart, Jacoby & Stuart 2021, 160 S., € 20,-

(Stand August 2021)

Wer mag Eis? Alle mögen Eis! Nicht nur Kinder (und Hunde und sogar manche Katzen!) würden gerne jeden Tag ein süßes, frisches Eis essen, sondern auch… ich. Als Tochter eines gelernten Gelatiere ist diese Köstlichkeit mein täglich Brot – und natürlich fand ich dieses Buch erst einmal suspekt.
Dann habe ich es aufgeschlagen und begonnen, darin zu lesen: Ein Juwel! Mit Leidenschaft, Stolz und Gutmütigkeit erzählt Massimo Bertonasco die Geschichte seines Berufes und wie sein Traum (Eismann zu werden) Wirklichkeit geworden ist. Es geht um die Tradition der Gelaterie in Italien wie auch um seine Familie. Dazu kommen noch bunte, wunderbare Illustrationen in den Farben des italienischen Sommers. Und am Schluss finden sich viele kluge Rezepte für hausgemachtes Eis… Ein kleines herzerfreuendes Wunder für den Rest dieses Sommers und die kommenden! (Giulia Silvestri)

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Fatima Daas: Die jüngste Tochter

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Claassen Verlag 2021, 192 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

»Ich heiße Fatima«: So beginnt jedes kurze Kapitel dieses autobiografischen Romans, der wie ein hypnotischer Singsang klingt. Wir lernen ein junges Mädchen kennen und begleiten sie auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Fatima Daas, die jüngste Tochter algerischer Migranten in Frankreich, wächst in einem Elternhaus auf, in dem Liebe und Sexualität als Tabu gelten und Zärtlichkeiten vermieden werden. Sie lebt in dem größtenteils muslimischen Außenbezirk Clichy-sous-Bois und verbringt mehrere Stunden pro Tag in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sie sich wie eine Touristin fühlt, die die Pariser Gebräuche beobachtet. Schon instabil in der Schulzeit, wird sie zur verhaltensgestörten Erwachsenen und macht vier Jahre lang eine Psychotherapie – ihre längste Beziehung. Aber als sie Abstand von ihrer Familie gewinnt und ihr eigenes Selbstbewusstsein entwickelt, setzt sie sich direkter mit ihrer Anziehungskraft auf Frauen auseinander und damit, wie diese mit ihrer Religion, die sie weiterhin praktiziert, zusammenpassen kann. Als Nina in ihr Leben tritt, weiß sie nicht genau, was sie braucht, hat aber das Gefühl, dass ihr etwas Wesentliches gefehlt hat. Brutal, ernst, berührend, klug: Dieses Buch ist eine Granate! Es wurde mit dem Internationalen Literaturpreis 2021 ausgezeichnet! (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Ann Petry: Country Place

Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, Nagel & Kimche 2021, 320 S., € 24,-

(Stand Juli 2021)

Als Johnnie aus dem Krieg heimkehrt sehnt er sich vor allem nach seiner vier Jahre zuvor zurückgelassenen jungen Frau. Doch das Wiedersehen verläuft nicht wie erträumt, Glory erträgt seine Anwesenheit kaum. Nach und nach kommen in diesem Sittenbild einer amerikanischen Kleinstadt weitere Personen zu Wort – Glory, die glaubt ihr Glück bei dem Verführer des Ortes finden zu können, der alles beobachtende Apotheker, der tückische Schnüffler und Taxifahrer „Wiesel“ oder Glorys Mutter, die nur auf das Ableben ihrer Schwiegermutter lauert, um an das Erbe zu gelangen. Es entfaltet sich ein Bild voller Missgunst, Neid, Boshaftigkeit und Rassismus. Eine Sturmnacht mit sturzbachartigem Regen und entwurzelten Bäumen bildet die Kulisse für all die menschliche Niedertracht und Verlorenheit.
Ann Petry, die selbst in den dreißiger Jahren in einer solchen Kleinstadt gelebt hat, entlarvt mit scharfer Zunge und einer von Pieke Biermann hervorragend übersetzten Sprache die Bewohner des Ortes als engstirnige Verteidiger ihrer Privilegien, die auch vor Mord nicht zurückschrecken.
Einzig vom Lektorat hätte man sich bessere Arbeit gewünscht, der Text enthält leider zu viele Fehler – da sollte nachgebessert werden. Das Lesevergnügen wird dadurch aber nicht nachhaltig geschmälert. (Syme Sigmund)

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Ulrike Edschmid: Levys Testament

Suhrkamp Verlag 2021, 144 S., € 20,-

(Stand Juli 2021)

Ulrike Edschmid schreibt von dem, was sie selbst kennt, ohne sich um sich selbst zu drehen. Im linkspolitisch bewegten London der frühen Siebzigerjahre, die geprägt waren von Hausbesetzungen, IRA-Anschlägen und Kämpfen gegen rabiate Gerichtsurteile, in das sie, die Erzählerin, „wie vom Regen in die Traufe“ aus Berlin gekommen war, legt sich im Abbruchhaus voller Aktivist:innen ein Mann in ihr Bett. Schnell wird dieser ihr Geliebter, doch umso weniger beginnt jetzt ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman.
Edschmid, die Virtuosin des Verdichtens, legt mit der Geschichte dieses Mannes, den sie namenlos als „den Engländer“ bezeichnet und der nach gemeinsamer Zeit in Deutschland ein lebenslanger Freund wird, stattdessen Spuren, die weit in historische und soziale Zusammenhänge führen.  Er identifiziert sich als Arbeitersohn, ist aber auch Jude, was viele Leerstellen für ihn enthält, bis sich die Ereignisse in seiner ihm unbekannten Familie überschlagen und sich tiefe Abgründe offenbaren, die sein weiteres Schicksal prägen werden.  Angenehm nüchtern, in prägnant kurzen Sätzen wird das Drama eines Lebens erzählt, tun sich weitreichende Fragen zur Bedeutung von Herkunft, Familie, Klasse und Brüchen im Leben auf, die sehr berühren und lange nachhallen. (Stefanie Hetze) Leseprobe

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Götz Aly: Das Prachtboot

S. Fischer 2021, 240 S., € 21,-

(Stand Juni 2021)

Feierlich und mit großem medialen Getöse wurde am 28. Mai 2018 das Herzstück der ethnologischen Sammlungen Berlins in das baulich noch zu vollendende Humboldt Forum manövriert und buchstäblich eingemauert: Das weltweit einmalige Luf-Boot – ein hochseetaugliches, mit Rudern, Segeln und kostbaren Schnitzereien versehenes Holzboot, das von einer dem heutigen Papua-Neuginea vorgelagerten Inselgruppe stammt, ehemalige Kolonie Deutsch Neuginea. Von dort „gelangte“ es als das letzte seiner Art und aus den Händen nur noch weniger Inselbewoher:innen 1903/04 in den Besitz der Berliner Museen. Dass diesem Transport zum Jahreswechsel 1882/83 eine verheerende Strafexpedition der kaiserlichen Marine vorausgegangen war, wird der Öffentlichkeit jedoch verschwiegen. Diese so, so ähnlich, in jedem Fall brutale und tausendfach verübte Praxis beschreibt und belegt Götz Aly anschaulich anhand zahlreicher Verzeichnisse, Biografien und Briefe so genannter Abenteurer und Forscher. Mit seinen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus und der Shoah wurde Aly zu einem der bekanntesten deutschen Historiker. Das Thema mag also erst einmal ungewöhnlich für ihn wirken, doch zum einen gibt es für Aly in diesem Fall sogar familiären Bezug, zum anderen ist das Thema der Beutekunst hochaktuell und erneut eines, von dem man zu lange so genau gar nichts wissen wollte – aber hätte können. Denn die von ihm benutzten Quellen sind öffentlich zugänglich.  Ein absolut lesenswertes Buch, das zornig macht und hoffentlich ein weiterer Stein des Anstoßes ist, endlich ehrliche Provenienzforschung zu betreiben, diese offen zu legen und bestenfalls Kunstwerke eben auch zurück zu erstatten. (Jana Kühn) Leseprobe

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Rumer Godden: Unser Sommer im Mirabellengarten

Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr, Kampa Verlag 2021, 320 S., € 22,-

(Stand Juni 2021)

Im Zug tragen sie ihre besten Kleider, graue englische Schuluniformen, aber die Mutter will ihnen trotz geringer finanzieller Ressourcen unbedingt die Schlachtfelder an der Marne in Frankreich zeigen. Doch unterwegs erkrankt sie, so dass die Kinder allein in einem Hotel in der Champagne landen. Eine verwirrend neue Welt tut sich in diesem heißen Sommer für die fünf auf, ist alles fremd: Sprache, Essen, Tagesabläufe. Während sich die Jüngeren in Routinen einrichten und die 16jährige Joss sich leidend verkriecht, entwickelt sich die 13jährige Cecil vom Mirabellen in sich hineinstopfenden Kind zur leidenschaftlichen Beobachterin und Chronistin des mannigfaltigen Geschehens im Hotel. Da sind die frivole Besitzerin, die sie umschwärmende Geschäftsführerin, diverse Gäste und Angestellte, doch vor allem Eliot, der mit seinem Charme einfach alle in den Bann zieht, dessen abstoßend andere Seite Cecil bald entdeckt. Als Joss, urplötzlich Frau, die Hotelhalle betritt, setzt sie eine Lawine in Gang. Mit leichter Hand, in einem stimmungsvoll-melancholischen Ton erzählt Rumer Godden diese hinreißende Coming of Age-Geschichte. Wie schön, dass der Kampa Verlag diesen flirrenden ein bißchen nostalgischen Sommerroman wieder entdeckt hat! (Stefanie Hetze)

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