Claude McKay: Banana Bottom

Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer, ebersbach & simon 2022, 320 S., € 24,-

Bita Plant ist im jamaikanischen Dorf Banana Bottom geboren und aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit wird ihr von den Pastoren Malcolm und Priscilla Craig geholfen, nach England auszuwandern, wo sie sieben Jahre lang im Internat ausgebildet wird. Bei ihrer Rückkehr nach Jamaika muss sie feststellen, dass ihr kulturelles Erbe mit der neu erworbenen Lebensweise in Konflikt steht. Dennoch fängt sie an, ihr Heimatland wiederzuentdecken und die Pläne, die ihre Pflegeeltern für sie haben, lösen sich in Luft auf … Humorvoll und scharfsinnig, wird diese charmante Coming-of-Age-Geschichte in einer schönen, sanften Prosa erzählt. Durch intensive Dialoge und empfindsame Beschreibungen der karibischen Landschaften und des Landlebens zeigt der Autor ein zweifelloses Talent, die inneren Mechanismen und die Sehnsüchte der menschlichen Seele zu zeigen. Claude McKays „Banana Bottom“ war ein Vorbild für Zora Neale Hurstons 1937 erschienenen Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“. Es wurden bisher keine Bücher des Autors ins Deutsche übersetzt. Eine großartige Entdeckung! (Giulia Silvestri)

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Ermanno Rea: Nostalgia

Aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski, Marix Verlag 2022, 288 S., € 22,-

(Nostalgia, Feltrinelli 2016, ca. € 14,50)

Felice wächst in der Sanità auf, dem berüchtigtsten Viertel Neapels, beherrscht von organisierter Kriminalität und Gewalt. Von klein auf ist er eng mit Oreste befreundet, der ihn jedoch gegen sein eigenes Bauchgefühl zu immer riskanteren Raubüberfällen überredet. Als der Einbruch bei einem weithin bekannten Wucherer in einer Tragödie endet, schafft Felice – erst 16 Jahre alt – den Absprung und geht mit einem Onkel zur Arbeit bei einer Baufirma nach Beirut. 45 Jahre lang wird er nicht nach Italien zurückkehren, doch die Vergangenheit und der Mord, für den er sich mitverantwortlich fühlt, lassen ihn nicht los. Als seine Mutter im Sterben liegt, kehrt er in das Viertel seiner Jugend zurück und muss sich den Dämonen in seinem Kopf sowie Oreste – mittlerweile ein Boss der Camorra – stellen.
Ermanno Rea verwebt diese fiktive, mitreißend erzählte Story mit Abrissen über die Geschichte der Sanità, einst Vorstadt der Gärten, Grotten und Katakomben, dann bevorzugte Villengegend adliger Neapolitaner, und nach städtebaulichen Veränderungen, die das Viertel ins Abseits geraten ließen, sowie dem Niedergang des Lederhandwerks – hier wurden die feinsten Handschuhe Europas gefertigt – immer mehr Ort der Armut und Gewalt. Vermittelt durch die Figur des streitbaren Priesters Don Rega, der einer reellen Person nachempfunden ist, erzählt er aber auch von den engagierten Menschen, die es in den letzten 20 Jahren mit viel Zivilcourage und gegen alle Widerstände geschafft haben, an den Verhältnissen etwas zu ändern und die Hoffnung zurückkehren zu lassen.
So setzt er den Helden und den Opfern in seinem erst postum veröffentlichen Werk ein gerade für Neapelkenner spannendes und sehr lesenswertes Denkmal.
(Syme Sigmund)

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Lea Ypi: Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp 2022, 332 S., € 28,-

Albanien 1989, ein Land, abgeschottet vom Rest der Welt, die letzte Hochburg des „wahren“ Kommunismus. Lea ist zehn Jahre alt und kennt nichts Anderes. Was die Lehrerin in der Schule vermittelt glaubt sie voller Inbrunst, „Onkel“ Enver Hoxha und Stalin liebt sie und die Eltern sowie die Großmutter halten den Überwachungsstaat und ihre eigenen Sorgen so weit als möglich von ihr fern, geben ihr Geborgenheit. Als die Grenzen fallen, bricht auch Leas Welt in sich zusammen. Ehemals absolute Wahrheiten erweisen sich als Lügen, der Kapitalismus zeigt seine hässlichste Fratze, die Mutter, eine Lehrerin, engagiert sich in der demokratischen Partei und geht schließlich im Zuge der Unruhen nach dem sogenannten Lotterieaufstand als Putzfrau nach Italien, der Vater fühlt sich den neuen Verhältnissen nicht gewachsen und Lea muss neben dem gesellschaftlichen Wandel auch die eigene Pubertät verarbeiten.
Unsentimental, anschaulich und mit großer Selbstironie erzählt Ypi, die heute als Professorin für Politische Theorie in London lebt, von ihrer Kindheit in Albanien und ihrer Enttäuschung über den Westen. Eine äußerst interessante Lektüre, die uns ein Land nahebringt, von dessen Geschichte, dessen Verhältnissen wir doch erstaunlich wenig wissen. (Syme Sigmund) Leseprobe

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Emmanuele Courrèges: Atemberaubende Mode aus Afrika

Aus dem Englischen von Kai Kilian, Gerstenberg 2022, 240 S., € 45,-

Die eine afrikanische Mode gibt es nicht, wie die Autorin betont, sie schreibe auch keine Geschichte der afrikanischen Mode. Stattdessen präsentiert sie den Kosmos der fulminanten vitalen Modeszenen auf dem afrikanischen Kontinent und in der Diaspora. Die jungen Designer:innen, Fotograf:innen und Kreativen besinnen sich auf ihre traditionellen Kulturen und Mythen, zitieren, brechen und dekonstruieren sie, indem sie sie mit modernen Designs und Materialien kombinieren und ursprüngliche Zuschreibungen neu interpretieren. So überschreiten sie die Grenzen der Vorstellung von Geschlecht und Rollen. Das geschieht mit viel Witz, Nonkonformismus und enormem Einfallsreichtum. Egal wie extravagant die Entwürfe, fast immer kommen die reichen handwerklichen Traditionen der Kleiderfertigung zum Einsatz und werden von den Designer:innen bewusst gefördert. Neben den wirklich informativen Texten sind die Fotos unterschiedlichster Fotograf:innen das Herzstück dieses Prachtbandes. Ganz klassische Modefotos in Studios oder auf Laufstegen wechseln mit kunstvoll an Originalschauplätzen in Szene gesetzten Aufnahmen ab und erzählen damit nebenbei von einem sehr diversen heutigen Afrika voll des Selbstbewusstseins. Grandios! (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Paulina Stulin: Freibad

Nach dem gleichnamigen Film von Doris Dörrie, Drehbuch von Doris Dörrie, Karin Kaçi und Madeleine Fricke, Jaja 2022, 296 S., € 29,-

Im Frauenfreibad ist immer etwas los: Neue Gesichter tauchen auf, der Eintritt verteuert sich, der Imbiss fängt an, nur noch vegane Speisen zu verkaufen, die Polizei kommt vorbei… Langweilig wird es den regelmäßigen Besucherinnen nie. Während die alten Freundinnen Gabi und Eva sich um das Konzept von weiblicher Freiheit zanken und Yasemin von ihren Familienangehörigen kritisiert wird, weil sie einen Burkini trägt, besucht eine Gruppe komplett verschleierter Frauen das Freibad. Die Atmosphäre eskaliert immer weiter, bis die Bademeisterin ihren Job kündigt.
In dieser bunt illustrierten, total erfrischenden Graphic Novel werden ernste Themen wie Sexismus, Islamophobie, Body-Shaming, Transphobie und kulturelle Aneignung mit Humor dargestellt. Mal darüber lachen, mal nachdenken: Das kann man gut auf dem Liegestuhl am Wasser tun, dann mal gleich ins Wasser springen. Ein Buch über das Freibad für das Freibad! (Giulia Silvestri) Blick ins Buch

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Fabio Stassi: Ich töte wen ich will

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Edition Converso 2022, 304 S., € 22,-

(Uccido chi voglio, Sellerio 2020, ca € 18,-)

Was für ein Noir! Genretypisch ist Vince Corso, der Protagonist, ein mittelloser Einzelgänger mit einem reichen Innenleben. Das Setting ist hochaufgeladen und changiert zwischen einer banal einsamen Existenz und einer Vielzahl literarischer und psychologischer Anspielungen, möglicher Fährten und Irrwege.
Der Held verdient seinen Lebensunterhalt mit einer eigentlich harmlosen Tätigkeit, als Bibliotherapeut empfiehlt er Bücher als Ausweg aus Krisen. Als er einmal in seine kleine römische Dachwohnung zurückkommt, findet er seinen Hund vergiftet vor, das Zimmer verwüstet, Bücher und Schallplatten vernichtet. Dieser ihm unerklärliche Anschlag ist nur das erste ihn bedrohende Ereignis. Während seiner Gänge zwischen Tierklinik und Wohnung geschehen brutale Morde, die ihm angelastet werden. Ein Blinder spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle… Ein rasanter Strudel seltsamer Begegnungen und Zufälle aus Realität und Literatur sorgt für Verwirrung und enorme Spannung und dies in der Stadt Rom, die ich so dicht und atmosphärisch beschrieben noch nie gelesen habe. Das meisterliche Zusammenspiel von Autorschaft, Stassi ist im Brotberuf Bibliotheksdirektor, Kopetzkis schnörkelloser Übersetzung und Ausstattung mit literarischen und geographischen Verweisen macht den Roman zu einem großen Lesevergnügen und bietet jede Menge Raum für die ureigene Lektüre. (Stefanie Hetze) Blick ins Buch

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Annika Büsing: Nordstadt

Steidl Verlag 2022, 128 S., € 20,-

Wie fühlt es sich an, im Norden einer Stadt im Ruhrgebiet in dem Stadtteil, in dem Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt zur Tagesordnung gehören, aufzuwachsen? Nene, die junge Protagonistin dieses fulminanten Debüts, weiß es aus eigener Erfahrung. Sie arbeitet als Bademeisterin in einer öffentlichen Badeanstalt und kämpft sich dort durchs Leben, indem sie Menschen beobachtet, ihre Bahnen zieht und dabei rational bleibt. Eines Tages begegnet sie Boris, einem jungen Mann aus derselben Gegend, der wegen seiner Kinderlähmung seine Beine trainieren will. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine romantische Beziehung, die zu intensiven Auseinandersetzungen mit Schwierigkeiten, Selbstzweifeln und Traumata führen wird.
Mit knappen, prägnanten Sätzen, trockenem Humor und einer überraschenden Sprache, die vielfach aus Neologismen besteht, erzählt Annika Büsing eine einzigartige Liebesgeschichte, die gleichzeitig zärtlich und rau ist.  Die Gefühle, die Bemühungen, die Ängste der beiden Protagonisten werden so kristallklar geschildert, dass man sich denken könnte, ihnen im echten Leben begegnet zu sein – und das innerhalb von knapp 130 Seiten! So ein besonderes Buch findet man selten. (Giulia Silvestri) Leseprobe

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Sofie Oksanen: Hundepark

Aus dem Finnischen von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch 2022, 420 S., € 23,-

Aus vermeintlich sicherer Entfernung beobachtet die aus der Ukraine stammende Olenka eine Familie in einem Helsinkier Park, als sich plötzlich eine Frau zu ihr setzt.  Mit dieser Begegnung gerät Olenkas ohnehin prekäre Lebenssituation ins existenzielle Wanken. Schnell wird beim Lesen klar, dass ihr Alltag als Putzkraft nicht unbedingt Olenkas übliche Lebensumstände sind, sondern das Ergebnis einer gefährlichen Flucht, und dass sie ab sofort erneut um Leib und Leben fürchten muss.
Wie es dazu gekommen ist, erzählt Oksanen auf verschiedenen Zeitebenen. Einen großen Spannungsbogen haltend, deckt sie Schicht für Schicht Olenkas Vergangenheit und Familiengeschichte auf. Mit erzählerischem Geschick flicht sie dabei Einblicke in die wahrlich wirren und von Korruption wie Gewalt geprägten Zeiten während und nach dem Zusammenbruch der UdSSR ein. Große Aktualität erfährt der Roman durch seine zahlreichen Schauplätze in der Ukraine. Speziell dem brutalen Geschäft mit privatisierten Kohlengruben, dem Mohnanbau und der Vermittlung von künstlichen Befruchtungen widmet Oksanen ihre Aufmerksamkeit. Schnell wird klar, dass auch Olenka selbst unerbittlich und skrupellos ihren eigenen Aufstieg voranbrachte – nun aber muss sie mit einer ebensolchen Rache rechnen. (Jana Kühn) Leseprobe

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Elin Wägner: Die Sekretärinnen

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Ecco Verlag 2022, 176 S., € 20,-

Stockholm, Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum des Romans steht die Icherzählerin Pegg. Ohne jede familiäre Unterstützung und stattdessen mit Verantwortung für ihren jüngeren Bruder muss sie zusehen, wie sie überhaupt im Leben klarkommt, finanziell und in der Liebe. Mehr als einen leider schlecht bezahlten Bürojob findet sie nicht. Ihre Rettung ist ein Sofaplatz in einer Frauen-WG, in der sie zusammen mit ihren drei Mitbewohnerinnen das Unerhörte wagt, trotz Armut als Frau selbstbestimmt und genussvoll zu leben. Es macht riesigen Spaß, diesen Debütroman zu lesen. Er ist flott und spritzig geschrieben. Mit Nonchalance, aber mit umso mehr Nachdruck flicht die Autorin wichtige Themen wie sexuelle Belästigung oder ungleiche Arbeitsbedingungen in Peggs, Babys, Evas und Emmys Erlebnisse und Gespräche ein. Ein Roman, heute immer noch aktuell, obwohl er 1908 erstmals in Schweden erschien. Wunderbar, dass dieser moderne Klassiker feministischer Literatur nach weit über 100 Jahren hier wieder zugänglich ist. Und das Cover von Hilma af Klint passt besonders schön! (Stefanie Hetze)

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Karin Harrasser: Surazo

Matthes & Seitz 2022, 270 S., € 26,-

„Surazo“ hätte Hans Ertls letztes Filmprojekt heißen sollen, bevor er sich entschied, keine Filme mehr zu drehen und sich in einem Bauernhof zurückzuziehen. Es waren die sechziger Jahre, ungefähr zehn Jahre, nachdem Leni Riefenstahls ehemaliger Kameramann zusammen mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nach Bolivien gezogen war. Seine Lieblingstochter hieß Monika. Mit Anfang Zwanzig begann sie sich für Politik zu interessieren und schnell schloss sie sich den Guerrillakämpfern der Gruppe ELN, von Ernesto Che Guevara gegründet, an. Vermutlich brachte sie 1971 in Hamburg Roberto Quintanilla um, der eine wichtige Rolle bei Che Guevaras Ermordung spielte. Zwei Jahre später wurde sie in einem Feuergefecht mit den bolivianischen Sicherheitskräften getötet.
Es klingt ja wie ein heftiger Roman, ist aber eine wahre Geschichte, die meisterhaft von Karin Harrasser erzählt wird. Auf unkonventionelle Art und Weise geschrieben, bietet dieses Buch einen intensiven, vielschichtigen Blick auf vergangene und zeitgenössische historische Ereignisse. (Giulia Silvestri)

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