Hari Kunzru: White Tears

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner, Liebeskind 2017, 352 Seiten, € 22,-

Kunzru_White_Tears_Danteperle_DanteConnectionZwei ungleiche Freunde – Seth ein stiller Soundtüftler und Carter, ein auffallender Lebemann und Musiksammler – mischen mit ihren ungewöhnlichen Retrosounds die New Yorker Musikszene auf. Doch mitten im erfolgreichen Aufstieg wird ein unbedachter Scherz zum Auslöser ihres unaufhaltsamen Falls. Alles beginnt mit einem Soundschnipsel, den der nerdige Seth zufällig in einem New Yorker Park aufnimmt. Ein kratziger Bluessound, der von Carter so lange digital bearbeitet wird, bis er wie ein Original aus den 1920ern klingt. Schnell wird sich noch der Künstlername Charlie Shaw dafür ausgedacht und schon ist ein Coup in der Sammlerszene gelandet, denn einen solchen Sänger hat es scheinbar wirklich gegeben. Wenig später wird Carter nachts fast zu Tode geprügelt. Ein gefährliches Spiel hat begonnen, das für den Leser ähnlich schwer zu durchschauen ist wie für Seth, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Das ist kurzfristig verwirrend, denn Hari Kunzru wechselt nun vom konzisen Erzählton, der die New Yorker Künstler-Boheme seziert in einen fast mystischen Sound, der schwindelerregend zwischen Erzählern und Zeiten wandelt. Der fast unerträgliche Erzählsog endet furios in Jackson Mississippi und spannt damit nicht nur meisterhaft einen Bogen von Nord nach Süd, sondern verhandelt vor allem ein tragisches Kapitel der Musikgeschichte eingebettet in Rassismus und kulturelle Aneignung.  (Jana Kühn)

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Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Hanser Verlag 2018, 480 S., € 26,-

Geiger Drachenwand_Danteperle_DanteConnectionSchützend und gleichzeitig bedrohlich überragt die Drachenwand – eine hohe Felsflanke – den kleinen Ort Mondsee in den österreichischen Alpen. Hierher kommt Veit – ein junger Mann Anfang zwanzig – nachdem er 1944 in Russland  verwundet wurde. Und hier – in der Abgeschiedenheit, unter alten Nazis, die ihm übelnehmen, dass er nicht an der Front ist, in der Freundschaft mit dem „Brasilianer“, den seine Aufrichtigkeit immer wieder in Schwierigkeiten bringt, und vor allem in der Liebe zu Margot – wird ihm klar, dass er es schaffen muss zu überleben und dass der Krieg, in den er als Schüler hineingestolpert ist, nur Unheil bringt.  Arno Geiger hat einen beeindruckenden Antikriegsroman geschrieben, in dem die Atmosphäre im Land kurz vor Kriegsende lebendig wird und in dem das Grauen – neben Veit kommen über Briefe auch Margots Mutter aus dem bombenzerstörten Darmstadt und der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer zu Wort – aber auch die Hoffnung in all ihren Facetten greifbar sind. (Syme Sigmund)

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Thomas de Padova: Nonna

Hanser Berlin 2018, 176 S., € 18,-

Padova_Thomas_de_Nonna_Danteperle_Buchhandlung_Dante_ConnectionDie Sommerferien verbrachte Thomas de Padova immer in Mattinata, Apulien,  dem Herkunftsort seines Vaters bei seiner Nonna, mit der er sich kaum verständigen konnte. Erst als Student lernte er Italienisch, nur um festzustellen, dass auch das bei seiner dialektsprechenden Nonna nicht weiterhalf. Mit einem kleinen lokalen Wörterbuch klappte es. Jahrelang setzte er sich auf ein Ministühlchen in ihrem dunklen Haus  und hörte ihr zu, der kleinen schwarz gekleideten Frau, die anders als  die Männer der Familie das Dorf und seine Umgebung nie verlassen hatte. Die Gespräche und Beobachtungen dieser „Sitzungen“ zwischen Großmutter und Enkel, zwischen Analphabetin und Wissenschaftspublizist umspannen ein großes Panorama an Themen wie Familie, Arbeit, Armut, Geld, Körper, Glauben, Migration, Weltall. Dank der lebendigen Sprache und vieler kleiner Gesprächssituationen schafft der Autor eine ungeheure Präsenz dieser Frau des Südens, die er mit seinem Buch liebevoll-kritisch würdigt.  (Stefanie Hetze)

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Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind Verlag 2017, 267 S. mit 20 SW-Fotografien,  € 20,-

Mabonckou_Alain_Die_Lichter_von_Pointe-Noire_Dante_Connection_Buchhandlung_DanteperleErstmals nach über 20 Jahren und dem beinahe ebenso lang verdrängten Tod seiner Mutter kehrt Alain Mabanckou in sein Heimatland zurück. Gleich auf den ersten Seiten seiner Memoiren schreibt er sich das schwierige komplexe Verhältnis zu seiner Mutter von der Seele, einer erst alleinerziehenden und später verheirateten Marktfrau, der eine Cousine Schlimmstes prophezeit hatte.
Nun kehrt er als berühmter Autor und Gast des Institut Français in seine Heimatstadt Ponte-Noire zurück und begegnet seiner überaus weit verzweigten Verwandtschaft. Sie feiern ihn, haben aber auch beträchtliche Ansprüche an ihn. Er trifft jede Menge Leute, kommt quer durch die Stadt, hört und registriert die unterschiedlichsten Geschichten, Meinungen und Glaubensvorstellungen.  Vieles, auf was er heute stößt, stimmt überhaupt nicht mehr mit seinen Erinnerungen überein, anderes dann wieder ganz unverhofft. In die Textpassagen streut er alte Fotos von früher und aktuelle Aufnahmen ein, was die Wechselseitigkeit vom Erinnerten und dem Heutigen aufs Lebendigste verstärkt. Berührendes, Persönliches kontrastiert er in seinem Buch kunstvoll mit zufälligen Begebenheiten und würzt es mit viel Humor. (Stefanie Hetze)

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Jhumpa Lahiri: Mit anderen Worten. Wie ich mich ins Italienische verliebte

Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Rowohlt Berlin 2017, 141 S., € 14,95 (In altre parole, Guanda 2015, € 15,-)

Lahiri_Jumpha_Mit_anderen_Worten_Dante_Connection_DanteperleEin besonderer Fall: Eine Autorin, die eine familiäre Herkunftssprache hat, aber in ihrer zweiten Sprache überaus erfolgreich schreibt, verliebt sich wie in einem Blitzschlag in eine dritte. Dies war der bengalisch-amerikanischen Schriftstellerin Jhumpa Lahiri während einer Italienreise geschehen. Zurück in den USA lernte sie Italienisch, versuchte, immer tiefer darin einzutauchen, was in der amerikanischen Umgebung natürlichen Grenzen gesetzt war. Ihre Leidenschaft treibt sie und ihre Familie nach Italien, wo sie begeistert weiterlernt und liest und spricht und anfängt, auf Italienisch über ihre Passion für die neue Sprache zu schreiben. Immer wieder stößt sie an ihre Grenzen, wird zudem von Italienern auf Englisch angesprochen, während ihr Mann, der nur radebricht wegen seines Aussehens für einen Italiener gehalten wird!
Die Unvollkommenheit, die sie in Italien erfährt, ist ein Widerhall ihrer Erfahrungen als bengalisch-amerikanische Schriftstellerin, die sich hin- und hergerissen fühlt zwischen den beiden Sprachen und Kulturen.  In ihrem persönlichen Bericht erkundet sie das sehr spannende  Verhältnis von Herkunft, Sprache, Umgebung und Identität und lädt ganz nebenbei ein, sich dem Italienischen zu widmen. (Stefanie Hetze)

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Manal al-Sharif: Losfahren

Aus dem Englischen von Gesine Strempel unter Mitarbeit von Joachim von Zepelin, Secession 2017, 379 Seiten, € 25,-

Sharif_Losfahren_Danteperle_DanteConnectionViele für uns selbstverständliche Dinge werden Frauen in Saudi-Arabien ohne männlichen Vormund nicht zugestanden, u.a. das Autofahren. Manal al-Sharif, eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen der arabischen Welt, hat sich ins Auto gesetzt und ist einfach losgefahren – dafür kam sie ins Gefängnis. Dass es keinesfalls einfach war, wie sie sich vorbereitete und was es für Folgen hatte, das erzählt sie in ihrem eindringlichen autobiografischen Bericht, der gleichzeitig ein breit angelegtes gesellschaftliches Panorama sowie einen historischen Abriss der islamischen Radikalisierung Saudi-Arabiens bildet. Und selbstredend ist das Recht am eigenen Steuer zu sitzen pars pro toto gedacht: »Ich glaube, dass Kinder nicht frei sein können, wenn ihre Mütter nicht frei sind, Eltern können nicht frei sein, wenn ihre Töchter es nicht sind, Ehemänner können nicht frei sein, wenn ihre Ehefrauen es nicht sind, die Gesellschaft ist nichts wert, wenn Frauen nichts wert sind. Wir kämpfen nicht darum, Auto zu fahren, wir kämpfen darum, unser Schicksal in die Hand nehmen zu können.« Das beeindruckende Zeugnis einer unglaublich mutigen Frau, die mit ihrem tiefen Glauben gegen ein schlicht erzkonservatives, patriarchales Vormundssystem ins Feld zieht! (Jana Kühn)

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Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, dtv 2017, 272 S., € 20,-

Baker Ich mag mich irren_Danteperle_Dante_ConnectionLassen Sie sich von dem (mir unerklärlichen) Titel dieses Buches – das im Original einfach „Young Man with a Horn“ heißt – nicht abschrecken. Es ist eine geniale Jazz-Balade und wie eine solche von „unangestrengtem Lyrismus und untrüglichem Rhythmusgefühl“ geprägt. Rick Martin -ein weißer Junge aus den Slums Los Angeles -lebt schon früh nur für die Musik. Er schwänzt die Schule und bringt sich in einem offenen Gemeinderaum selbst das Klavierspielen bei. Als er den Jazz entdeckt ist für ihn klar, dass er Trompete spielen muss. Er wird zu einem begnadeten Jazz-Trompeter, der für die Musik lebt, aber das Leben trotz seiner Erfolge nicht in den Griff bekommt und am Alkohol zugrunde geht.  Dorothy Baker beschreibt den Werdegang eines Besessenen, inspiriert an der musikalischen Begabung und dem frühen Tod des Swing-Trompeters Bix Beiderbecke. Doch vor allem ist ihr 1938 erschienener Roman ein Song, der die Musik und die Atmosphäre jener Jahre wieder zum Klingen bringen vermag. (Syme Sigmund)
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Maggie Nelson: Die Argonauten

Aus dem Englischen von Jan Wilm, Hanser Berlin 2017, 190 S., € 20,-

Nelson_Argonauten_Danteperle_DanteConnectionAls Maggie Nelson sich in eine genderfluide Person verliebt, bricht nicht nur eine bis dato unbekannte Leidenschaft in ihr Leben, sondern sie beginnt als erkenntnistheoretisch wie feministisch geschulte Denkerin Identität neu zu hinterfragen – als Frau, Akademikerin, Dichterin, Geliebte, Liebende, Schwangere, Stiefmutter, Mutter, Tochter. Um all diese Facetten ihres eignen Lebens kreist sie in aller, oft überraschenden Offenheit. Nelson spannt dabei den Bogen von ihrer persönlichen Erlebnis- und Erfahrungswelt bis weit in gesellschaftliche Debatten, philosophische Diskurse und genderwissenschaftliche Fragen. Springender Punkt bleibt: Inwieweit lässt sich eine Identität überhaupt sprachlich fassen, die sich eben nicht festlegen will? Ein Buch, das mehr Fragen stellt, als eindeutige Antworten parat zu haben – que(e)r gedacht und unglaublich mitreißend aufgeschrieben, und das vor allem eine Botschaft teilt: die Menschen doch bitte in allem Respekt leben & lieben zu lassen, wie sie es möchten, auch wenn es die eigene Vorstellungswelt vielleicht sprengt. Leseprobe (Jana Kühn)

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Shirley Hazzard: Transit der Venus

Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Ullstein Verlag 2017, 560 S., € 26,-

Hazzard_Shirley_Transit_der_Venus_Dante_Conection_Buchhandlung_DanteperleEin Buch, das es in sich hat. Auf den ersten Blick ist der Plot, die Geschichte zweier Schwestern und Waisen, die nach dem 2. Weltkrieg aus Australien kommend in England ihr Glück machen wollen und auf verschiedene Männer treffen, alles andere als außergewöhnlich. Auch das Coverfoto der deutschen Erstübersetzung (!!) führt wie vieles an diesem Roman scheinbar auf die falsche Fährte. Natürlich werden die Liebes- und Ehegeschichten von Caro und Grace und die ihrer depressiv-aggressiven älteren Halbschwester Dora in einem großen Panorama über Jahrzehnte erzählt. Doch interessiert die Autorin eher das, was nicht gelebt werden kann, was sich hinter der Oberfläche verbirgt: „Bei Einbruch der Nacht würden die Schlagzeilen Verwüstung vermelden.“ Mit ihrem ersten Satz fasst Shirley Hazzard ihren atemberaubenden Roman im Grunde zusammen. Inspiriert von der titelgebenden, seltenen planetaren Konstellation erzeugt sie mit großer Kunst immer wieder neue Spannungsfelder zwischen ihren Figuren Sie rücken uns in ihren Widersprüchen und Gegensätzen sehr nah. Dazu kommt die glasklare Sprache mit ihren klugen Bildern und Anspielungen, die aus „Transit der Venus“ ein Meisterinnenwerk macht. In vielen Ländern längst ein moderner Klassiker, läßt er sich nun auch endlich hier entdecken und genießen. (Stefanie Hetze)

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… für alle, die Besonderes lieben

Alice Piciocchi und Andrea Angeli: Kiribati. Aus dem Italienischen von Barbara Holle. Sieveking 2017, 144 S., € 29

Piciocchi_Alice_Kiribati_Dante_Connection_BuchhandlungMitten im pazifischen Ozean liegt ein Land, das nur aus Inseln besteht. Dort sind die Menschen trotz Einzug der Technologie tief mit ihren Traditionen verbunden, werden Krankheiten noch von Zauberern geheilt und Walfische mit einem Lied gerufen. Durch den Klimawandel riskiert Kiribati bald im Meer zu versinken. Die  Bewohner leben dennoch wie seit jeher nach dem Rhythmus von Ebbe und Flut. Alice Piciocchi und Andrea Angeli sind nach Kiribati gereist und haben eine einzigartige Mischung aus Graphic Novel und anthropologischem Bericht in Form eines anspruchsvollen visuellen Tagebuchs geschaffen und die Geschichte eines verlorenen Paradieses erzählt. (gs)