Moritz 2026, 72 Seiten, 18 Euro
ab 6
Der sechsjährige Vater Antje Damms wünscht sich sehnsüchtig ein Haustier – was er leider nicht bekommt. Also besorgt der schlaue Junge seiner Mutter ein schönes Geschenk: eine Schildkröte. Agathe, wie er sie nennt, begleitet ihn bis ins Erwachsenenalter und wandert schließlich mit in seine eigene Familie, wo sie wiederum Teil von Antje Damms Kindheit wird und im Anschluss die ihrer eigenen Kinder – Schildkröten können sehr alt werden. Agathe ist heute vermutlich um die 80 Jahre. Antje Damm erzählt in einzelnen anrührend wie witzigen Episoden, wie die Schildkröte zum jeweils von allen geliebten Familienmitglied wurde. Gleichzeitig liest sich zwischen den Zeilen ein flammendes Plädoyer für einen respektvollen Umgang mit Haustieren. Das Herausragende an den Geschichten ist in jedem Fall ihre ausgefallene Gestaltung. Im vergangenen Jahr wurde Antje Damm für ihr Gesamtwerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und mit Agathe erleben wir sie auf der Höhe ihrer Kunst. Der schmale Band vereint stilistisch alles, wofür die Künstlerin bekannt geworden ist. Fotocollagen wechseln sich mit Fließtextseiten, Comic Stripes und wimmelbuchartigen Doppelseiten ab. Die Übergänge sind fließend, das Buch in all seiner unterschiedlichen Aufmachung aus einem wunderschönen Guss. (Jana Kühn)

Birdie hat ihre Eltern nie kennengelernt und wächst in einem Kinderheim auf, wo sie Freundschaft und Zugehörigkeit erfährt – eine liebevolle Wahlfamilie. Umso überraschender kommt die Nachricht des Adoptionswunsches ihrer bis dato unbekannten Großtante. Tieftraurig, unsicher, aber auch neugierig bricht das Kind in ein kleines Dorf der englischen Provinz auf. Der Empfang der Großtante ist abweisend, in der Dorfgemeinschaft und Schule erfährt Birdie noch deutlich Schlimmeres. Einziger Halt wird Mr. Duke, ein Grubenpony, das jedoch selbst in großer Gefahr schwebt. Geschickt verortet. J.P. Rose die Geschichte über das Pony in der Transformation des Kohlebergbaus im Nachkriegsengland. Zudem stattet sie ihre Protagonistin mit viel Mut und Gerechtigkeitssinn aus und lässt sie aus der eigenen Not heraus zur Retterin des tierischen Freundes werden. Mit Birdie erfahren Kinder, dass das Erleben von Ungerechtigkeit, Wut und Kraft freisetzen kann, die wiederum zu einer Veränderung führen können. Wie es der Autorin dabei gelingt, kindgerecht das Thema Rassismus nicht nur schrittweise in ihre Erzählung einzubinden, sondern dies auch noch in einer diskriminierungssensiblen Sprache, die dennoch jede Verletzung erspüren lässt ist große Kunst – gesellschaftskritische Geschichtserzählung und spannender Schmöker in perfekter Balance! (jk)
Hexe Hazel ist eine Figur, die man sofort ins Herz schließt. Ihre Pausbacken leuchten rot wie ihre Zipfelmütze. Sie ist tatkräftig, geduldig, aber auch mal mürrisch. Sie reitet keinen Besen, sondern fliegt auf Eule Otis. Darüber hinaus steckt die Magie ihrer Welt vor allem im Zauber der Natur. Kinder begleiten Hazel in vier Geschichten durch ein Jahr. So erleben sie den Wald in all seinen jahreszeitlichen Veränderungen und lernen Hazels Nachbarschaft aus Tieren, Wichteln und Elfen kennen. Und so vielen ist Hazel eine fürsorgliche Freundin, wie sie im Bilderbuche steht. Phoebe Wahl erzählt in klarer, eingänglicher Sprache vom freundschaftlichen Zusammenleben und lässt ihren Märchenwald dafür in nostalgischen Vintage-Farben strahlen. (Jana Kühn)
Mit einem hinreißenden Blick schaut diese kleine Spitzmaus direkt vom Cover ins Herz ihrer Betrachter*innen. Die japanische Autorin und Illustratorin Akiko Miyakoshi erzählt uns in drei kurzen Geschichten aus ihrem Leben in einer großen Stadt mitten in einem menschlichen Umfeld. Hier gibt es Vintage ohne jeden Schick, dafür mit berückendem Charme: Telefonapparate mit Wählscheiben, Kofferradios, Röhrenfernsehgeräte und Ohrensessel, die Miyakoshi in warmem Licht geschickt in Szene setzt. Die Spitzmaus arbeitet, träumt und verbringt Zeit mit ihren besten Freunden. Alle Tagesabläufe, jede Handlung findet zu festen Zeiten statt. Es scheint kaum Besonderes zu geben, und doch strahlt sie eine in sich ruhende Zufriedenheit aus. Und ebenso unaufgeregt wirken die zahlreichen, mal farbigen, mal schwarz-weißen Illustrationen. Kinder, die es lieben, sich tagtäglich in vertrauten Bahnen und mit kleinen Ritualen durch die Welt zu bewegen, werden sich in diesem Buch bestens zuhause fühlen. In seiner einfachen Sprache, den kurzen Sätzen und dank der vielen Bilder funktionieren die Geschichten zum Vorlesen für Kinder im Kita-Alter, im Grundschulalter wiederum zum ersten Selbstlesen. Enjoy the simple things in life! Diese Spitzmaus zeigt, dass es weder Mut noch Ausnahmetalente zum Glück braucht. (Jana Kühn)
Dunkel und kalt waren die Winter im hohen Norden schon immer. Doch seit die große Winterschwester nach ihrer geliebten kleinen Winterschwester sucht, schickt sie in ihrer Verzweiflung erbarmungslos eisige Schneeschauer und klirrenden Frost in die Welt. Der kleine Alfred kennt es gar nicht mehr anders, ein ausgesprochen fröhliches Kind ist er dennoch. Als sein Onkel sich auf den Weg macht, die Winterschwestern wieder zu vereinen, erhält Alfred die Prophezeihung seinen Onkel auf dem gefährlichen Weg beschützen zu müssen. Und so stapft der Junge seinem Onkel mutig durch die tief verschneiten Wälder hinterher … eine Seherin, eine magische Füchsin und diebische Trolle begleiten ihn – doch wem kann er trauen? Skandinavische Mythologie in Eis & Schnee, modern und atemberaubend spannend erzählt, kunstvoll grafisch gestaltet – was für ein schaurig-schöner Winterschmöker!(jk)
Jakob und sein Vater Ed haben einen unkonventionellen Lebensstil. Sie wohnen in einem kleinen Haus auf Rädern, das sie am liebsten da aufstellen, wo es ihnen gut gefällt und Platz dafür ist. Leider passt das vielen Leuten nicht, weshalb sie oft umziehen müssen. Zuletzt parken sie ihr mobiles Häuschen neben dem großen Plunderberg. So manche*r würde ihn Müllberg nennen, aber für den fantasievollen Jakob ist es das Paradies! Der geschickte Junge findet hier jede Menge zwar ramponierte, auf jeden Fall aber noch gut brauchbare Dinge: ein Kanu, einen Kinderwagen, eine Kleiderpuppe. Vielleicht lässt sich der Motor einer Waschmaschine ausbauen? Doch dann führen viele verflixte Zufälle, vor allem aber die Vorurteile der Erwachsenen dazu, dass Jakobs Vater ins Gefängnis muss. Mirjam Oldenhave stellt ihrem Protagonisten eine nicht weniger smarte Freundin und zahlreiche, nicht nur charakterstarke Helfer zur Seite. Mit viel erzählerischem Geschick hat sie eine aufregende wie berührende, feinsinnige wie urkomische Geschichte erdacht, die in aller Beiläufigkeit große Themen wie Voreingenommenheiten oder das gängige Konsumverhalten in Frage stellt. Wie sich die cleveren Kids mutig durch die Welt der Erwachsenen tricksen ist ein spannender Vorlesespaß für die ganze Familie. (Jana Kühn)
Wolf Erlbruchs Bilder zum Thema Mut sind echte Klassiker und vielen bekannt. Neu sind die dazu verfassten Gedichte von Arne Rautenberg, und die sind – großartig! Sprachgewandt mit Witz und Rhythmusgefühl geht es durch die verschiedenen Weisen, Mut zu haben, ob beim Seiltanzen, beim Küssen oder dabei, ein Geheimnis zu Bewahren. Das macht sowohl Erwachsenen als auch Kindern großen Spaß, ob selbst- oder vorgelesen, das rast, schmettert und fetzt ganz wunderbar. (Syme Sigmund)
Im nun schon dritten Buch der Rübengäng – also Familie Rübe mit Papa Muti, Mama Basia Rübe, den Kindern Rosa, Alva, Bosco und diversen Haustieren – wird der letzte Tag des Jahres gefeiert. Und natürlich gibt es wie immer eine feste Reihenfolge der Dinge, die heute gemacht werden müssen. Erstmal Nicht-Aufstehen, später kommt Ballalala und schließlich ziehen alle Lieder grölend zur Königin der Holundersträucher, wo gemeinsam das neue Jahr begrüßt wird. Einmal mehr ein fantasie- und liebevolles Sprachfeuerwerk, begleitet von urkomisch trubeligen Bildern – ein Vorlesespaß für die ganze Familie! Und vielleicht finden sich sogar Anregungen für neue, ökelige und ganz herrliche Neujahrsrituale … (Jana Kühn)
Genervt fährt der einsame LKW-Fahrer Freddy mit einer kleinen Ladung italienischen Speiseeises quer durch Europa gen England. Ein Schneesturm droht, es ist Weihnachten, viel lieber wäre er zu Hause, auch wenn er da wie in seinem Laster ganz alleine ist. Gleichzeitig macht sich in Afrika eine Schwalbe, die vor langem von einem Jungen nach einem Unfall versorgt worden war, auf die weite Suche nach ihm. Und da ist noch eine dritte Figur in dieser hochaufgeladenen poetischen und politischen Geschichte, die ein ungewöhnliches Ende nimmt und menschlich sehr berührt. Nicht zuletzt durch die farbigen hyperrealistischen Bilder, die die Einsamkeit und das Elend, wie aber auch Kontakt und Austausch so intensiv nachempfinden lassen. Nicht nur für Weihnachten. (Stefanie Hetze) 