Übersetzt von Stephanie Singh, Doerlemann 2026, 272 Seiten, 23 Euro
Eine Stadt am südafrikanischen Kap, Anfang der 1920er: Soraya scheint sich glücklich schätzen zu können. Bei einer alleinstehenden britischen Witwe kann sie als Dienstmädchen arbeiten, weder sind übergriffige Männer im Haus noch anstrengende Kinder. Trotzdem wappnet sie sich mit einer äußerlich devoten Fassade und verheimlicht Mrs Hattingh, dass ihr Vater, ein religiöser muslimischer Kalligraph, ihr Lesen und Schreiben beigebracht hat. Ihre Arbeitgeberin geriert sich als sozial engagierte Wohltäterin, schreibt für ihre junge Angestellte Briefe an deren Verlobten, verlangt von Soraya aber unablässig Verfügbarkeit und ständige Dankbarkeit. Sorayas Familie braucht dringend ihren Lohn, weshalb sie nicht gegen Mrs Hattinghs immer unverschämtere Ansprüche rebelliert. Aber sie erkennt die Schwächen der Witwe, die den äußeren Schein wahrt, aber kaum ihre Rechnungen bezahlen kann und sich nach ihrem weit entfernt in England lebenden Sohn sehnt. Das muss wiederum Soraya mit Besuchsverbot bei ihrer Familie und ihrem Liebsten büßen. Grandios, wie die Autorin den Kreis um die beiden so ungleichen und einander trotz allem so ebenbürtigen Frauen in dem Haus voller leerer, dauernd geputzter Zimmer immer enger zieht. Aus einem Kammerspiel entwickelt sich ein explosives spannungsreiches Drama um Privilegien, Macht und Ohnmacht, um Ausdauer und Widerstand – mit einem hoffnungsvollen Ende. (Stefanie Hetze)

„Wie stiehlt man ein Land?“, fragt – rhetorisch – die Journalistin Emma Nãwahĩ in einer ihrer Kolumnen, um die sarkastische Antwort gleich mitzuliefern: durch Manipulation, Unterwanderung, Schamlosigkeit und Vetternwirtschaft. Bereits hier, auf Seite 28 des opulent erzählten Romans „Territorium“, kommt man kaum umhin, Bezüge zu aktuellen politischen Machtspielen zu ziehen.
Polly ist eine Bilderbuchschönheit, aus bestem steinreichem Adel und in einem Alter, in dem selbstverständlich eine Eheschließung ansteht. Das findet zumindest ihre Mutter, die despotische Lady Montdore, eine Dame, mit der nicht zu scherzen ist. Ihre ihr ebenbürtige Tochter entzieht sich durch die Heirat mit einem angeheirateten und überdies übergriffigen Onkel den elterlichen und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie wird enterbt, und da taucht ein Cedric auf, der schön wie Polly ist, überhaupt nicht dem englischen Männlichkeitsideal entspricht und nicht nur Lady Montdore verzaubert und verwandelt.
Als der 18jährige Robert mit dem Transitzug nach West-Berlin fährt, steht die Mauer noch, WG-Zimmer kann man im Tip für 180 Mark finden und die Garage am Nollendorfplatz verkauft Second Hand Klamotten zu Kilopreisen. Es ist 1987 und Robert sucht nach etwas, von dem er selbst noch nicht weiß, was das sein könnte, so lange es nur weit genug weg von seinem süddeutschen Vorortelternhaus geschieht. Dass ihm „das mit der Liebe“ bereits im Zug passiert, bemerkt er erst viel später, als er über eine arglose Jobsuche zufällig in die Ausbildung zum Tischler gestolpert ist. Irgendwo in der Nachbarschaft brennt Bolle, während in der Tischlerwerkstatt ein Chef sein Nachkriegstrauma mit Alkohol betäubt. Martin Muser führt uns mit seinem Antihelden Robert in ein Berlin, das parallel zu dem glorifizierten Punk der 80er Jahre passiert. Wieder einmal gelingt es diesem begnadeten Erzähler all das Glück, das Elend und den Witz eines nicht perfekten Alltags in Figuren zu gießen, die gleichermaßen berühren wie in Erinnerung bleiben. Ein Berlin-Roman, ein Bartleby der 1980er, für alle, die es erlebt haben und jene, für die es Geschichte ist. (Kerstin Follenius)
Eine unspektakuläre Geschichte, die es in sich hat. Anne Berests wortkarger Vater lebte für die höhere Mathematik und theoretische Problemstellungen. Häusliche Nähe und Familiengespräche interessierten ihn nicht. Seine Frau, selbst Wissenschaftlerin, managte alles und sicherte ihm „dolmetschend“ seine Privatsphäre. Doch etwas teilte er mit seinen Töchtern: seine Liebe zum Finistère (so der Titel im französischen Original), seiner rauen bretonischen Heimat. Die Bretagne bildet das Fundament für Berests literarisch-historische Spurensuche der väterlichen Familienlinie. Über ein Jahrhundert französische Geschichte von unten, aus der Perspektive ihrer bretonischen Vorfahren, erzählt sie. In kurzen Kapiteln schreibt sie vom Leben in der Provinz, dem Aufbegehren gegen die Pariser Vorherrschaft, gegen die Nationalsozialisten, vom Aktivismus in den 68ern, der Frauen- und Schwulenbewegung. Aber auch vom Aufstieg durch Bildung, von den persönlichen Liebes- und Lebensgeschichten ihrer Angehörigen. Ein Schatz, vier Tagebücher ihres Großvaters, lässt sie tief in deren Vergangenheit eintauchen, manch im familiären Schweigen Verborgenes tritt so zutage. Auch wenn Sprachlosigkeit das reale Vater-Tochter-Verhältnis dominierte, verwandelt Anne Berests Sprachkunst das Porträt ihres Vaters in eine facettenreiche kritische Liebeserklärung an ihn und schreibt gleichzeitig ihre spannende, berührende Mikrogeschichte nach der Postkarte fort. (Stefanie Hetze)
In einem Krankenhaus in Amsterdam des Jahres 2011 erfährt die 71jährige Johanna, dass sie mit ihren Geschwistern nicht leiblich verwandt ist. Mit ihrer Biographie bricht für sie eine Welt zusammen, Kriegstraumata kehren zurück. Ihre Enkelin Annick macht sich auf die Suche und dringt immer tiefer, nicht nur in die eigene Familien-, sondern auch in die Widerstandsgeschichte der besetzten Niederlande vor. Entlang einer Reihe von Kunstdrucken, die die Großmutter ihr Leben lang begleiteten, macht sich die Enkelin auf den Weg in den Amsterdamer Untergrund der Jahre 1943 und 1944. Orte der Verfolgung und des Widerstands verbinden sich in Rückblicken zu einer historisch dichten, detailreichen und vor allem bildgewaltigen Erzählung von Mut, Scheitern und großer Menschlichkeit. Besonders eindrücklich: Das historische Bildmaterial, mit dem diese Graphic Novel arbeitet und eine ganz eigene, sehr überzeugende Bildsprache entwickelt. Originalaufnahmen, oft heimlich aufgenommen und deshalb in ungewöhnlicher Perspektivierung, treten in einen direkten Dialog mit den graphischen Elementen der Erzählung. Ein feines, historisches Museumsstück für alle ab 12. (Kerstin Follenius)
Was haben die Überfischung des Bodensees im Mittelalter, das langsame Aussterben der Sumpfschildkröte in den Rheinauen und ginsterbepflanzte Böschungen an NS-Autobahnen miteinander zu tun? Diese und viele weitere Fragen nach einem von Geschichte geformten und immer wieder überformten Naturbegriff wirft aktuell (noch bis zum 7.6.26) eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin auf. Begleitend erscheint in der Reihe Naturkunden des Matthes und Seitz Verlags eine Beitragssammlung, die historische Objekte mit neuen kulturhistorischen Selbstbestimmungsversuchen verschränkt. Von der „Grünkraft“ Hildegard von Bingens zur grünen Bürgerbewegung Ende der 1970er Jahre, spannt dieses Buch einen Bogen, der über 800 Jahre hinweg reicht und der Frage nachgeht, was genau wann gemeint und gewollt war, wenn in der Deutschen Geschichte von Natur die Rede war. Dieser weite Betrachtungswinkel führt notwendigerweise zu harten Kontrasten und einigen Unschärfen. Was hier jedoch außerordentlich gut gelingt, ist der enge Schulterschluss von Objekten, Geschichte und ihren Geschichten im Hinblick auf die Deutungshoheit über einen bis heute noch wenig angefassten Begriffes wie Natur. Die etablierten literarischen Verlage scheinen das museale Feld zu betreten. Herausgekommen ist ein Buch für alle, die Ausstellungen auch als literarische Form erkunden wollen. (Kerstin Follenius)
Rom in den dreißiger Jahren: in einem von Nonnen geführten Internat leben junge Frauen, die fern ihrer Familien und Heimatorte an den römischen Universitäten studieren – ungewöhnlich für die Zeit, der Faschismus propagierte „die Frau am Herd“. Während die Studentinnen tagsüber im Rahmen ihrer Studien und finanziellen Möglichkeiten ein relativ selbstbestimmtes Leben führen können, allerdings immer dominiert von den patriarchalen Gegebenheiten, herrscht ab dem Abend ein strenges Klosterregiment mit Einschluss und Dunkelheit ab 22 Uhr. Das lässt sie zu abhängig-aufsässigen Mädchen werden, die ihren Phantasien freien Lauf lassen. Vom Wechsel von Drinnen und Draußen lebt dieser aufregende Generationenroman, der eine Gruppe sehr unterschiedlicher junger Frauen mit ihren individuellen Schicksalen und Lebensentwürfen porträtiert. Ihre Wünsche und Vorstellungen entsprachen so gar nicht der herrschenden Doktrin, was Alba de Céspedes auch zu spüren bekam: der Premio Viareggio wurde ihr aberkannt. Das tat dem Erfolg des Romans jedoch keinen Abbruch. Dank der Neuübersetzung Esther Hansens, die eine zeitlose lebendige Sprache für die Seelenlage dieser jungen Rebellinnen gewählt hat, bereitet die Lektüre auch heute enormes Vergnügen. (Stefanie Hetze)
Dieses Buch ist eine Einladung und ein Geschenk! Anhand alter Stadt- und Baupläne, Zeichnungen, Plakate, Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte und einer Fülle von Fotografien (um nur ein paar der hier versammelten Dokumente zu nennen), entfaltet sich ein noch unvollendetes Bild der Berliner Zirkuswelt um 1900. För Künkel und Mirjam Hildbrand agieren dabei weniger als Autorinnen im klassischen Sinn, eher als präzise Spurenleserinnen: mit detektivischem Gespür rekonstruieren sie Zirkuskunst als technisch avancierte, internationale Multimediashows – lange bevor dieser Begriff existierte. Das sehr schön gestaltete Buch ist in vier große Kapitel mit jeweils diversen Unterkapiteln aufgebaut. Dabei verzichtet es weitgehend auf erklärende Kommentare und vertraut stattdessen der erzählerischen Kraft des Archivmaterials selbst. Man staunt, schaut, gräbt sich durch Dokumente, entdeckt Unerwartetes und schmunzelt über historische Details. Große Freude! Große Empfehlung! (Katharina Bischoff)
Dacia Maraini, die Grand Dame der italienischen Literatur, musste sehr alt werden, bis sie sich dem schmerzhaftesten Abschnitt ihres Lebens stellen konnte, ihrer grausamen Kindheit in einem japanischen Internierungslager. Zum Glück überwand sie ihre Abwehr und hat ein Buch geschrieben, dem das Kunststück gelingt, ein eher unbekanntes Kapitel faschistischer Gewalt offen zu legen und gleichzeitig von ihrer tief empfundenen Liebe für das Land, in dem ihr großes Unrecht widerfuhr, zu erzählen. Dabei konnte sie auf Aufzeichnungen und Bücher ihrer Angehörigen zurückgreifen. Bevor sie mit ihren Eltern, den vermeintlichen „Verrätern“ und den noch jüngeren Schwestern deportiert wurde, fühlte die knapp 7Jährige sich selbstverständlich als Japanerin, war sie eng verbunden mit ihrem japanischen Kindermädchen. Im Lager ist die Familie extremem Hunger, Eiseskälte und sadistischen Wachen ausgesetzt, Spielen war sowieso Tabu. Lebensrettend sind die mutigen, besonnenen Überlebensstrategien der Eltern, denen Maraini mit ihrem Buch ein unvergleichliches Denkmal setzt. Gleichzeitig rückt sie die Geschichte in einen großen historischen Kontext und appelliert an beherzten menschlichen Widerstand. Ein harter, zarter, beeindruckender Text. (sh)